05.04.2026

9 Gedanken zu „Nachruf auf die Schachlegende Jan Timman

  1. Het ga je goed, Jan, en doe Robert de groeten van ons!
    (Machs gut Jan und grüße Robert von uns!)

    Mit dem Tod von Jan Timman verliert das Schach einen seiner vornehmsten Interpreten – einen Meister, dessen Wirken weit über die bloße Akkumulation von Turniererfolgen hinausreichte. In ihm vereinigten sich analytische Strenge und künstlerische Imagination, Wettkampfgeist und literarische Sensibilität, Ernst und leise Ironie. Er war nicht nur Großmeister auf dem Brett, sondern auch Großmeister des Gedankens.

    In einer Epoche, die von den monumentalen Gestalten eines Anatoly Karpov und eines Garry Kasparov dominiert wurde, behauptete Timman seine Eigenständigkeit mit einer Mischung aus intellektueller Redlichkeit und schöpferischer Kühnheit. Er war kein Epigone, kein bloßer Herausforderer im Schatten der Titanen, sondern eine Stimme von unverwechselbarem Timbre. Seine Partien zeichneten sich durch eine feine Balance von Konstruktion und Intuition aus: strategische Architektur von klassischer Klarheit, durchzogen von überraschenden, bisweilen fast poetischen Einfällen.

    Man hat ihn „The Best of the West“ genannt – ein Titel, der Ehre meint, aber doch zu kurz greift. Denn Timman war weniger Repräsentant einer geografischen Kategorie als vielmehr einer geistigen Haltung. Er verkörperte jene seltene Form des Wettkämpfers, der im Ringen um den Punkt nicht den Sinn für das Schöne verliert. Seine Kombinationen waren nie Selbstzweck; sie entsprangen einer tieferen Logik, einer organischen Entwicklung der Stellung. Wer seine Partien studierte, begegnete keinem Hasardeur, sondern einem Denker, der dem Brett Fragen stellte – und geduldig auf die Antwort wartete.

    Besonders eindrucksvoll war seine Doppelbegabung als Spieler und Autor. In seinen Schriften offenbarte sich ein feinsinniger Beobachter des Spiels und seiner Protagonisten. Er schrieb, wie er spielte: präzise, unprätentiös, von einer Klarheit, die nicht laut werden musste, um zu überzeugen. Seine Analysen waren keine trockenen Sezierübungen, sondern geistige Essays über Struktur, Zeit und Verantwortung. Er verstand das Schach als kulturelles Phänomen – als Ausdruck menschlicher Kreativität unter den Bedingungen strengster Regeln. Viele seiner Bücher durfte ich rezensieren und war immer wieder aufs Neue überrascht von der Klarheit seiner Gedanken.

    Auch im Persönlichen bewahrte er jene diskrete Würde, die den wahrhaft Großen eigen ist. Siege trug er ohne Triumphgeheul, Niederlagen ohne Bitterkeit. Es lag in seinem Wesen, das Spiel über das Ego zu stellen. Vielleicht war es gerade diese Haltung, die ihm jene nachhaltige Autorität verlieh, die nicht auf Lautstärke, sondern auf Substanz gründet.

    Mit Jan Timman verabschiedet sich eine Generation, für die das Schachbrett noch primär Denkraum und nicht Datenbank war, ein Ort der Imagination, nicht der algorithmischen Vorwegnahme. Er war ein Humanist des königlichen Spiels – einer, der in 64 Feldern das Drama menschlicher Entscheidung, den Mut zum Risiko und die stille Größe der Geduld erkannte.

    Sein Werk bleibt: in Partien von zeitloser Eleganz, in Büchern von bleibender geistiger Schärfe, in der Erinnerung einer Schachwelt, die sich vor ihm verneigt – nicht nur aus Respekt vor seinen Erfolgen, sondern aus Dankbarkeit für die Haltung, mit der er sie errang.

    Eine persönliche Erinnerung verbindet mich auf besondere Weise mit Timman: Jahre nach dem Erscheinen des Turnierbuchs zu Tilburg 1982 hatte ich das Privileg, von Jan Timman ein Exemplar signiert zu bekommen. Es war kein flüchtiger Autogrammmoment, sondern eine jener stillen Begegnungen, in denen sich wahre Größe gerade durch Unaufgeregtheit offenbart. Mit verbindlicher Höflichkeit und wacher Präsenz setzte er seine Signatur unter ein Werk, das nicht nur Partien dokumentiert, sondern den geistigen Atem eines Turniers bewahrt – präzise, reflektiert und von jener analytischen Noblesse getragen, die auch sein eigenes Spiel auszeichnete. Seither ist dieses Buch für mich weit mehr als eine Sammlung kommentierter Begegnungen: Es ist ein bleibendes Erinnerungsstück an einen Meister, dessen kultivierte Selbstverständlichkeit nachhaltiger wirkt als jede laute Geste.

    1. Leider darf man auch nicht unterschlagen, dass Timman mindestens in den letzten 20 Jahren seines Lebens ein Lebemann war, der dem Alkohol (Rotwein) stark zusprach, und Raubbau an seiner Gesundheit betrieb. Was war da aus dem Feingeist der früheren Jahre geworden? Irgendwie hatte man das Gefühl, dass nach dem Überschreiten des schachlichen Zeniths in ein tiefes Loch fiel und sich mehr und mehr berauschte. Für mich bleibt er jedoch ein schachliches Vorbild.

  2. Herr Hertneck, nein, nicht „man“, sondern Sie „unterschlagen nicht“, Taktlosigkeit in die vielen ehrenvollen Nachrufe Anderer in Ihrem Text unterzubringen

    1. Hallo Herr Leppert, ich weiß schon, „de mortuis nihil nisi bene“, aber in dem Fall habe ich die kritische Ergänzung ja nur im Kommentar und nicht im Text untergebracht, und zweitens erschiene es mir nicht ganz redlich, diesen Aspekt seines Lebens völlig auszublenden, wobei ich mich übrigens noch sehr vorsichtig ausgedrückt habe.

      1. Gut bemerkt, Herr Hertneck!!
        Dieser Aspekt gehört schließlich auch zu seinem Leben. Aljechin machte auch kein Geheimnis aus seiner Alko-Sucht.

        1. Ich trinke zum Beispiel auch gerne Bier, und das nicht zu knapp. Es ist einfach Bestandteil meines Lebens.

  3. Ich hatte selbst mitbekommen, dass Timman bei einem Blitzturnier in den Niederlanden mal Wein getrunken hat (wenn ich es richtig in Erinnerung habe, Weißwein) während einige andere Bier tranken. Die Kombination Schach-Alkohol war früher durchaus üblich, etwas ältere Norddeutsche erinnern sich vielleicht auch noch an Blitzturniere in Travemünde. Es waren eben andere Zeiten, die Gerald sicher auch mitbekommen hat. In der Weltspitze gab es auch jedenfalls Mikhail Tal mit seinen mindestens teilweise selbst verschuldeten gesundheitlichen Problemen, dann Tod mit 55. In Wijk aan Zee haben auch Weltklassespieler offenbar früher abends mit Amateuren in der Bar geblitzt, oder die örtliche Kneipenszene erkundet. Das machen nun allenfalls wenige (Namen verrate ich nicht), generell: Abendessen, dann zurück ins Hotel und Vorbereitung auf die nächste Partie.
    Bei Timman kann ich mir jedenfalls vorstellen, dass er auch in jungen Jahren ein „Lebemann“ war – auch oder gerade unter „Feingeistern“ gehörte Alkohol (in den Niederlanden vielleicht auch andere Drogen) dazu?
    Man kann das schon erwähnen, vielleicht ohne es zu kritisieren oder zu verurteilen?

  4. The Last Romantic of the 64 Squares!
    Da jeder Sportler immer in eine Schublade gesteckt wird und nur die Leistungen offenbar zählen, interessiert mich der GANZE Mensch. Denn jeder Mensch ist ein komplexes Wesen und kann niemals einseitig in einer Funktion, wie auch immer diese ist beschrieben werden.
    Ich kannte ihn, da ich meine Schachstudien an seinen Turnieren schickte. Außerdem habe ich damals viele seiner Schachstudien (davon er über 500 in der Harold v. d. Heijden Datenbank hat) studiert und weiß um seinen Stil, also wie er Schachstudien baut. Welche Ideen er hatte, oder widerverwertete.
    Er war also nicht nur als Schachspieler bekannt, sondern darüber hinaus vorallem als Schachstudienkomponist.

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