19.02.2026

2 Gedanken zu „Nachruf auf die Schachlegende Jan Timman

  1. Het ga je goed, Jan, en doe Robert de groeten van ons!
    (Machs gut Jan und grüße Robert von uns!)

    Mit dem Tod von Jan Timman verliert das Schach einen seiner vornehmsten Interpreten – einen Meister, dessen Wirken weit über die bloße Akkumulation von Turniererfolgen hinausreichte. In ihm vereinigten sich analytische Strenge und künstlerische Imagination, Wettkampfgeist und literarische Sensibilität, Ernst und leise Ironie. Er war nicht nur Großmeister auf dem Brett, sondern auch Großmeister des Gedankens.

    In einer Epoche, die von den monumentalen Gestalten eines Anatoly Karpov und eines Garry Kasparov dominiert wurde, behauptete Timman seine Eigenständigkeit mit einer Mischung aus intellektueller Redlichkeit und schöpferischer Kühnheit. Er war kein Epigone, kein bloßer Herausforderer im Schatten der Titanen, sondern eine Stimme von unverwechselbarem Timbre. Seine Partien zeichneten sich durch eine feine Balance von Konstruktion und Intuition aus: strategische Architektur von klassischer Klarheit, durchzogen von überraschenden, bisweilen fast poetischen Einfällen.

    Man hat ihn „The Best of the West“ genannt – ein Titel, der Ehre meint, aber doch zu kurz greift. Denn Timman war weniger Repräsentant einer geografischen Kategorie als vielmehr einer geistigen Haltung. Er verkörperte jene seltene Form des Wettkämpfers, der im Ringen um den Punkt nicht den Sinn für das Schöne verliert. Seine Kombinationen waren nie Selbstzweck; sie entsprangen einer tieferen Logik, einer organischen Entwicklung der Stellung. Wer seine Partien studierte, begegnete keinem Hasardeur, sondern einem Denker, der dem Brett Fragen stellte – und geduldig auf die Antwort wartete.

    Besonders eindrucksvoll war seine Doppelbegabung als Spieler und Autor. In seinen Schriften offenbarte sich ein feinsinniger Beobachter des Spiels und seiner Protagonisten. Er schrieb, wie er spielte: präzise, unprätentiös, von einer Klarheit, die nicht laut werden musste, um zu überzeugen. Seine Analysen waren keine trockenen Sezierübungen, sondern geistige Essays über Struktur, Zeit und Verantwortung. Er verstand das Schach als kulturelles Phänomen – als Ausdruck menschlicher Kreativität unter den Bedingungen strengster Regeln. Viele seiner Bücher durfte ich rezensieren und war immer wieder aufs Neue überrascht von der Klarheit seiner Gedanken.

    Auch im Persönlichen bewahrte er jene diskrete Würde, die den wahrhaft Großen eigen ist. Siege trug er ohne Triumphgeheul, Niederlagen ohne Bitterkeit. Es lag in seinem Wesen, das Spiel über das Ego zu stellen. Vielleicht war es gerade diese Haltung, die ihm jene nachhaltige Autorität verlieh, die nicht auf Lautstärke, sondern auf Substanz gründet.

    Mit Jan Timman verabschiedet sich eine Generation, für die das Schachbrett noch primär Denkraum und nicht Datenbank war, ein Ort der Imagination, nicht der algorithmischen Vorwegnahme. Er war ein Humanist des königlichen Spiels – einer, der in 64 Feldern das Drama menschlicher Entscheidung, den Mut zum Risiko und die stille Größe der Geduld erkannte.

    Sein Werk bleibt: in Partien von zeitloser Eleganz, in Büchern von bleibender geistiger Schärfe, in der Erinnerung einer Schachwelt, die sich vor ihm verneigt – nicht nur aus Respekt vor seinen Erfolgen, sondern aus Dankbarkeit für die Haltung, mit der er sie errang.

    Eine persönliche Erinnerung verbindet mich auf besondere Weise mit Timman: Jahre nach dem Erscheinen des Turnierbuchs zu Tilburg 1982 hatte ich das Privileg, von Jan Timman ein Exemplar signiert zu bekommen. Es war kein flüchtiger Autogrammmoment, sondern eine jener stillen Begegnungen, in denen sich wahre Größe gerade durch Unaufgeregtheit offenbart. Mit verbindlicher Höflichkeit und wacher Präsenz setzte er seine Signatur unter ein Werk, das nicht nur Partien dokumentiert, sondern den geistigen Atem eines Turniers bewahrt – präzise, reflektiert und von jener analytischen Noblesse getragen, die auch sein eigenes Spiel auszeichnete. Seither ist dieses Buch für mich weit mehr als eine Sammlung kommentierter Begegnungen: Es ist ein bleibendes Erinnerungsstück an einen Meister, dessen kultivierte Selbstverständlichkeit nachhaltiger wirkt als jede laute Geste.

    1. Leider darf man auch nicht unterschlagen, dass Timman mindestens in den letzten 20 Jahren seines Lebens ein Lebemann war, der dem Alkohol (Rotwein) stark zusprach, und Raubbau an seiner Gesundheit betrieb. Was war da aus dem Feingeist der früheren Jahre geworden? Irgendwie hatte man das Gefühl, dass nach dem Überschreiten des schachlichen Zeniths in ein tiefes Loch fiel und sich mehr und mehr berauschte. Für mich bleibt er jedoch ein schachliches Vorbild.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert