
Cyberschach
Schach in der vierten Dimension mit Käpt’n Blaubär
von GM Hertneck, Cyberspace 1998
Der folgende Text stammt aus den Anfangszeiten des Internets. Beschrieben sind die ersten Gehversuche auf einem Internetschachserver, und zwar dem Internet Chess Club, kurz ICC. Heutzutage ist Internetschach nichts Besonderes mehr, und es gibt viele Angebote am Markt. Damals jedoch war das ganz neu, und total faszinierend! Wer hätte sich in meiner Jugend vor 40 Jahren jemals vorstellen können, dass man über das Internet weltweit mit starken Gegnern blitzen kann? Ich jedenfalls nicht, und so saß ich vor über 25 Jahren staunend vor dem Rechner!
Den Text schrieb ich seinerzeit wie im Rausch, beinahe wäre er völlig in Vergessenheit geraten, wenn ich ihn nicht auf einer alten Sicherungskopie noch entdeckt hätte. Als Dokument der Zeitgeschichte wird er hier der Öffentlichkeit über den Schachkicker zugänglich gemacht.
München, den 04. April 2025, GM Gerald Hertneck
Hallo ihr da draußen, die ihr noch nicht vernetzt seid, könnt ihr mich hööören? Wirklich? Dann erzähl ich euch mal ein paar Takte, was bei mir neuerdings so los ist. Weshalb ich so heiß auf Schach bin, wie seit Jahren nicht mehr. Wieso ich auf einmal bis drei Uhr nachts vor der Kiste sitze und am nächsten Tag nach der Arbeit den ausgefallenen Schlaf nachhole. Wieso meine Freunde ab neun Uhr abends am Telefon nur noch ‚piep-piep‘ hören und die Telekom mir Monat für Monat beunruhigende Zahlenreihen ins Haus schickt. Also, um es kurz zu machen, ich hab ein neues Hobby – ich spiel jetzt Schach im Internet.
Noch nie gehört? Ihr spielt zwar schon gern Schach, aber nur im Verein oder mit dem Schachcomputer oder gar noch das archaische Fernschach? Das darf doch nicht wahr sein! Habt ihr schon mal gehört, dass man elektronische Post innerhalb von Minuten ans andere Ende der Welt oder an tausende Empfänger gleichzeitig schicken kann? Dass Leute online in Bücher- und Musikkatalogen recherchieren und gleich bestellen? Oder dass man sich in einer Newsgroup über das Liebesleben der Wanderameisen und andere ausgefallene Themen austauschen kann? Noch nicht überzeugt? Nur Geduld, ich bin ja noch nicht fertig! Ist es nicht eine aberwitzige Vorstellung, wenn man mit Schachspielern auf der ganzen Welt vom Schreibtisch aus Blitz- und Schnellpartien spielen könnte? Es ist zwar kaum zu glauben, aber die Technik macht es möglich: jeden Abend lauern um die 1000 Schachspieler (vom Hobbyspieler bis zum Großmeister) im größten Schachclub der Welt auf einen Gegner. Einfach ’seek 5 0′ eingeben und ab geht die Post. Noch einmal für alle, die es mir nicht glauben: ich sitz zu Hause in München, mein Gegner ’nutcracker‘ in Montreal oder ‚anat‘ in Tel Aviv und wir spielen 5-Minuten-Blitz. Die Züge führ ich am Bildschirm statt auf dem Brett aus, nur die Uhr muss ich nicht mehr bedienen, weil die automatisch mitläuft.
Wen das kalt lässt, der braucht jetzt nicht mehr weiter zu lesen. Allen anderen erklär ich, wie das geht. Also ohne das graue Compi-Teil läuft natürlich nix, aber die werden einem ja heutzutage an jeder Straßenecke nachgeworfen. Wichtigstes Tierchen fürs Pläsirchen ist sodann die Maus, aber bitte keine aus dem Zoo. Eine graue mit zwei Tasten genügt völlig. Delikater ist die Frage nach dem Netzanschluss. Ohne Modem oder Netzkarte keine exotischen bits und bytes (nee, das ist nix zum Essen). ISDN ist etwas teurer (48 Märker monatliche Grundgebühr), dafür flexibler und schneller als analoge Verbindung. Ein Modem hat den alleinigen Vorteil, die Telefonleitung stundenlang zu blockieren – wenn also die Schwiegermutter abends mit schöner Regelmäßigkeit anruft, dann wärs das doch. Alle anderen nehmen ISDN, ok? Ist die ganze Hardware (alles, was man am PC anfassen kann) aufgebaut, liegt man erst mal mit der Software (alles, was man nicht … erraten!) im Clinch. Doch auch für einen „DAU“ (=Dümmster anzunehmender User) ist in den Zeiten von Bill Gates bunter Fenstertechnik der Bit-Strom kein reißendes Wildwasser mehr. Und wenn wirklich mal guter Rat teuer ist, findet sich bestimmt jemand, der mal für einen Abend auf ein Bier vorbeikommt.
So, das wär also erledigt, der PC ist fertig installiert, Netzanschluss ist vorhanden, aber der Internet Explorer oder Netscape Navigator bekommt noch keine Verbindung zum Netz. Ihr könnt zwar mittlerweile einen Netzstecker von einem Telefonstecker unterscheiden und seid echt gut eingeplugged, aber irgendwas fehlt noch. Richtig – der Provider, der über seinen Server die Tür zum Internet bzw. world wide web öffnet. Hier ist den drei großen Online-Diensten AOL, T-Online und Compuserve gemein, dass sie zwar ganz nettes (Spiel)Zeugs im Angebot haben, aber auf Dauer etwas teuer in der Nutzung sind, weil Sie auf Stundenbasis abrechnen. Deshalb schließt man am besten bei einem No-Name-Provider ab, der ebenfalls den Zugang zum Ortstarif bietet (außer man möchte partout seine Telefonrechnung etwas aufpolieren), aber einen monatlichen Festpreis (unter 40 Märker) abrechnet. Wichtig: der Internet-Dienst „Telnet“ muss im Angebot enthalten sein, sonst ist es Essig mit dem Internet-Schach.
Also gut, auch diese Hürde ist genommen, die werte Gattin hat sich darauf einstellen müssen, dass heute Abend Käpt’n Blaubär an der Leitung hängt. Jetzt also nur noch das Interface von der Homepage downloaden und… Sorry, ich merke, ich hab schon wieder für Verwirrung gesorgt. Zum Teufel mit diesem Computerslang. Aber keine Panik, ich erklärs ja schon: ohne Brett und Uhr kann man nicht blitzen, richtig? Also, deswegen muss auf dem PC ein Programm installiert sein, das Brett und Uhr auf den Bildschirm bringt. Nebenbei meldet es einen auch gleich noch am Schachserver an. Und dann braucht es noch ne Kommandozeile, weil man sich in der vierten Dimension weder mündlich noch durch Gesten verständigen kann. Ich schlag deshalb vor, die Tastatur zu benutzen, hab aber auch nix dagegen, wenn es jemand mit Telepathie versucht.
Nun zur Homepage. Braucht nicht jeder von uns ein trautes Heim? Das gilt auch für eine Firma oder Organisation, die unter einer Netzadresse, eben ihrer Homepage erreichbar ist. Um auf die Seite zu kommen, sollte man die genaue Adresse entweder kennen oder erraten. Welche Organisation würdet ihr z.B. unter „www.schachbund.de“ vermuten? Na eben! Für die anderen: ‚www‘ steht für ‚world wide web‘ (weltweites warten), ‚.de‘ outet die Seite als deutsch und den Rest verrate ich nicht. Aber es ist doch von Interesse, dass gerade auf dieser Homepage des Deutschen Schachbunds weitere Links (Verknüpfungen) auf andere schachbezogene Seiten stehen. Kleiner Tipp am Rande: im Internet am besten auf den Links reiten. Über die DSB-Seite kommt man also (unter anderem) auf die Seiten von diversen deutschen Schachservern, leider aber nicht auf ausländische. Es gibt übrigens mittlerweile recht viele Schachserver auf der Welt, aber ich hab nur Erfahrungen bei einem gesammelt. Wo der steht? Na, in Amerika natürlich, wo alle Segnungen der westlichen Zivilisation herkommen. Also, nix gegen die anderen, aber die kenn ich nicht, und was ich nicht kenn, dazu sag ich nix, das hat mir schon der alte Schopenhauer geraten. Jedenfalls, der den ich meine, bietet den Service nicht ganz kostenlos an; Großmeister und Internationale Meister sind frei, alle anderen zahlen schlappe 49 Dollar im Jahr (ach ja, Kreditkarte hilft beim Zahlen). Die erste Woche kann man sogar kostenlos testen.
Alles in allem kommt einen der Spaß wohl um die 100 Mark im Monat zu stehen (Mitgliedschaft, Provider, höhere ISDN-Grundgebühr, verbrauchte Telefoneinheiten). Zu teuer? Mir nicht, denn wenn ich ständig gegen starke Gegner blitze, werde ich immer besser und… ja… äh… ich mein… vielleicht wird auf meine alten Tage sogar noch mal was aus mir.
Aber ich schweif schon wieder ab. Da rede und rede ich und Käpt’n Blaubär wartet schon. Ich bin jetzt also drin und die anderen spielen schon fleißig, nur ich steh noch in der Ecke rum, kann zwar ein bisschen Schach spielen, aber weiß nicht was ich eingeben soll. Am Anfang tut sich jeder ein bisschen schwer mit dem Hexeneinmaleins. Anders kann man die Unmenge von Kommandos wohl nicht nennen. Doch nicht verzagt, die wichtigsten sind schnell gelernt, also einfach mal ‚who‘ (wer) getippt. Ah! Da sind ja alle Spieler schön übersichtlich in einer Liste. So viele, dass die Liste gleich über mehrere Bildschirmseiten geht. Und da ist ja auch mein alter Kumpel ‚phips‘, also schnell mal ‚match phips 5 0‘ eingetippt, das heißt ich biete ihm eine Partie Blitz ohne Zeitgutschrift (Inkrement 0) an. Die Bedenkzeit ist unglaublich flexibel, aber meistens wird doch klassischer 5- oder 3-Minuten-Blitz gespielt. Wieso hier mindestens jeder Zweite partout 3 Minuten über Netz spielen will, das begreif ich nicht, das versteh ich nicht. Aber mittlerweile schwimm ich im Strom mit, sonst hätt ich weniger Spaß, weil ich zu viele interessante Gegner ablehnen müsste.
Mit das dollste im Club ist die automatische Wertung. Normal wird jede Partie gewertet und sofort in eine neue Zahl umgesetzt. Manchmal hab ich das Gefühl, es dreht sich hier alles nur um die Zahl. Das läuft dann so: „na Kleiner, du erfrechst dich, mit mir spielen zu wollen, obwohl du 100 Punkte weniger hast – abgelehnt!“ Oder: „Ja, guck einmal, was hast du denn heute für eine hohe Zahl, da knöpf ich dir doch gleich wieder ein paar Punkte ab.“ Natürlich würde keiner so was sagen, aber mindestens jeder Zweite handelt danach. Trotzdem, irgendein Anreiz muss ja da sein, und da es außer Erfahrung und Spaß nichts zu gewinnen gibt wird die Wertungszahl eben für viele zum goldenen Kalb. A propos Rekordjagd. Wer kennt den Meister aller Klassen auf den Schachservern dieser Welt? Vorhang auf, Spot an! Hier kommt der legendäre „Hawkeye“ (Falken- oder Adlerauge) mit über 3000 (!) Wertungspunkten. Nur der geheimnisvolle „Yotam“ liegt noch vor ihm, aber nur auf Basis von 20 Partien. So ne Zahl gibt’s doch gar nicht, bei 2800 ist Schluss, sagt ihr? Normal schon, aber auf dem Server hier kann man so 100 bis 300 Punkte draufsatteln (macht aber nichts, weil die relative und nicht die absolute Spielstärke zählt). Jedenfalls, wer es nicht glaubt, dass der Badenser IM Roland Schmaltz, der längst den GM verdient hätte, im Netz so gut wie keine Konkurrenz mehr hat, soll sich mal seine Partien anschauen (besondere Spezialität: 1-Minuten-Blitz). Übrigens, auch das geht im Club: bei anderen zuschauen, Kommentare austauschen (bevorzugt auf englisch), Partien analysieren, mit Titelträgern (meist gegen Bezahlung) trainieren, ein Blitzturnier spielen. Partien werden manchmal sogar abgebrochen und später wieder aufgenommen, wenn das Netz so überlastet ist, dass kein Zug mehr durchkommt (ist aber selten).
Also, was ich hier schon für heiße Sessions gespielt hab, das ist der Wahnsinn. Na ja, ich hatte vielleicht keine Schweißausbrüche, war aber total angespannt. Am Anfang kennt man sich ja nicht so gut aus, und muss sich erst mal dran gewöhnen. Und dann mit der Zahl, das ist wirklich oft wie in der Achterbahn, da wandern schnell mal 100 Punkte in einer Stunde übers Brett. Das sind mir übrigens die liebsten Gegner, die heiß laufen und am liebsten gar nicht aufhören würden. Nach der Partie einfach nur „re“ eingeben und schon gibt’s die Revanche (wenn der Gegner mitmacht). Was schert es mich dabei, ob es 2 oder 3 Uhr nachts ist, jetzt bin ich in Spiellaune, und ausschlafen kann ich, wenn ich tot bin (weiß schon, der Spruch ist nicht von mir).
Aber im Ernst, süchtig kann so was schon machen. Ein Diskussionspapier im Netz zum Thema „Schachserver und Suchtgefahren“ zählt folgende Fälle auf: ein Angestellter an der Uni war über ein halbes Jahr lang im Schnitt fünfeinhalb Stunden täglich eingeloggt. Ein Student hat in den letzten 2 Jahren vor seiner Exmatrikulierung nichts für das Studium getan und nur noch den Uni-Server zum Spielen genutzt. Ein Süchtiger, der von seiner Spielsucht wegkommen wollte, hat mehrfach sein Passwort vernichtet, aber wenige Tage später sich wieder ein neues geben lassen. Und so weiter und so fort. Ich selbst weiß von zwei Spielern, die innerhalb eines guten Monats über 1000 Partien online geblitzt haben. Der eine hatte ne Telefonrechnung über 450 Märker. Aber er hat so viel Spaß am Schach wie seit Jahren nicht mehr! Also, ich will da kein Urteil abgeben, ob man das Spielen im Netz wegen des Suchtpotentials lieber bleiben lassen sollte. Nur ein Nachsatz noch: viele geben Geld für Sammlungen aus, ohne wirklich was davon zu haben. Wieso also nicht lieber in was investieren, was unterhaltsam und lehrreich ist, und manchmal auch sozial bereichert, wenn man neue Schachfreundschaften schließt? Ich finds großartig, aber kann sein, dass ich es in einem Jahr anders sehen werde.
Gut, das wärs für heute; ich log mich noch mal ein, vielleicht ist Käpt’n Blaubär noch da. Wer das ist? Verrat ich nicht, aber in seinem Profil steht, dass er aus Prag ist, und dass er euch alle liebt…