
Das folgende Interview erschien im Schachmagazin 64, Heft 3/2025 und wird mit Genehmigung des Verlags nachgedruckt.
Zur Person
Roman Krulich, Jahrgang 1963, ist Geschäftsführer der Krulich Immobilien Gruppe und gründete im Jahr 2005 die Münchener Schachakademie und im Jahre 2007 die Münchener Schachstiftung. Die beiden seit zwei Jahrzehnten etablierten Institutionen unterstützen vor allem Münchener Schulen in sozialen Brennpunkten. Der zweifache Vater engagiert sich zudem als Sponsor im deutschen Spitzenschach und unterstützte so beispielsweise das FIDE Women‘s Grand Prix in München. Dinara Wagner, Christian Glöckler und Leonardo Costa erhalten Einzelförderung. Krulich ist selbst passionierter Schachspieler mit dem Titel eines Kandidatenmeisters und einer Elo-Zahl von 2132. Für die Nationalmannschaft von Monaco nahm er an der Schacholympiade in Dresden im Jahr 2008 teil.
Einleitung
Wenn in Deutschland über Schachsponsoring gesprochen wird, fällt ein Name sicher auf: Roman Krulich. Mit seinem Familienunternehmen nutzte der Jurist die Möglichkeiten, die sich durch die Wiedervereinigung ergaben, und begann schon bald darauf, einen Teil der Gewinne in die Schachförderung zu investieren. Heute ist er Teil eines vierköpfigen Geschäftsführerteams der Krulich Immobilien Gruppe, die sein Vater 1957 als Einpersonenunternehmen in München gründete und die inzwischen rund 100 Mitarbeiter beschäftigt. Wie der Schachfanatiker die anspruchsvolle Verbindung von beruflichem und schachlichem Engagement zeitlich bewältigt und es schafft, selbst aktiv zu werden, erzählt er im Interview:
Interview mit Otto Borik im SM64
Herr Krulich, Sie helfen dabei, viele Schachträume zu erfüllen – einen wichtigen Traum haben Sie sich aber auch selbst erfüllt. Was war das und warum war Ihnen das so wichtig?
Als ich hörte, dass die Schacholympiade 2008 in Dresden stattfindet, fasste ich den überraschenden Entschluss, als Spieler teilzunehmen.
Welche Reaktionen gab es darauf?
Meine Vereinskollegen hielten mich für verrückt. Doch ich informierte mich, wie ich das realisieren könnte. Ich musste ein Team finden, in das ich mit meiner Spielstärke hineinpasse. Glücklicherweise ergab sich ein Gespräch mit dem Präsidenten der monegassischen Schachföderation, und wir einigten uns schnell darauf, dass ich für Monaco antreten kann.
Was faszinierte Sie an dieser Möglichkeit?
Die Schacholympiade hat alles, was die Schachwelt ausmacht. Sie ist ein großes internationales Festival. Ein Teil davon zu sein, ist einfach ein gutes Gefühl.
Wie fällt die Bilanz Ihrer Teilnahme aus?
Rein zahlenmäßig habe ich je viermal gewonnen und verloren und einmal Remis gespielt. Vor allem aber war es ein tolles Erlebnis. Die Olympiade war großartig organisiert, und im Gegensatz zur kürzlichen Veranstaltung in Budapest konnte man als Spieler auch nach der eigenen Partie noch bei den anderen zuschauen.
Sie haben eine Partie ausgewählt, die wir hier zeigen. Warum haben Sie sich für diese Partie entschieden?
Zunächst einmal konnte ich eine schlechte Stellung mit einer schönen Kombination in einen Sieg verwandeln. Aber auch die Geschichte hinter der Partie ist interessant: Vor dem Spiel kam der Trainer meines Gegners zu mir und erwähnte, dass der Junge an diesem Tag seinen 16. Geburtstag feiern würde. Ich fragte mich, warum er mir das mitteilte. Sollte ich es langsam angehen lassen?
Ein durchaus respektables Resultat für jemanden, der in dieser Zeit gar nicht so viel gespielt hat.
Ja, ich war ziemlich zufrieden. In meiner Jugend habe ich viel gespielt. Mit dem Studium und dem beruflichen Erfolg blieb dann allerdings wenig Zeit für Schach.
Gehen wir mal weiter zurück: Wie sind Sie überhaupt zum Schach gekommen und was hat Sie daran fasziniert?
Als ich fünf Jahre alt war, brachte mir mein Opa das Spiel bei. Ich spielte oft mit meinem Opa und meinem Vater. Irgendwann habe ich dann – sehr zur Freude meines Großvaters – gegen meinen Vater gewonnen. Eine Initialzündung für mich war das Match zwischen Fischer und Spassky 1972. Ich war neun Jahre alt und verfolgte die Partien so gut wie möglich in dieser analogen Zeit. Ich fand beide Spieler toll: Spasskys Auftreten mit seiner imposanten Mähne und Fischers Spielweise fesselten mich. Mein erstes Schachbuch war Fischers „My 60 Memorable Games“. Mich begeisterte die Logik des Spiels und dass es oft nur eine Lösung gibt. Das ist anders als im Leben!
Wie ging es weiter?
Kurz darauf trat ich in einen Verein ein und war oft beim Freilandschach an der Münchener Freiheit. Dort blitzte man unter freiem Himmel. Oft waren auch Meisterspieler dabei, die sich etwas dazuverdienten.
… und Sie verdienten sich dort auch Ihr erstes Taschengeld?
Ja, ich hatte immer mein Schachspiel und eine Schachuhr dabei. Oft verlieh ich sie an die guten Spieler. Ich erhielt dann zum Beispiel eine stündliche Gebühr von fünf Mark oder eine Gewinnbeteiligung.
Spielten Sie auch erfolgreich Turnierschach?
Ja, ich war recht erfolgreich bei den Jugendstadtmeisterschaften. Doch dann traf ich auf Gerald Hertneck – er war damals bereits klar besser als ich. (Schmunzelt:)
Im Bild: Gerald Hertneck, Co-Vorstand der von Roman gegründeten Münchner Schachstiftung
Mein größter Erfolg ließ bis 2015 auf sich warten. Damals gewann ich das Traditionsseniorenturnier in Bad Aibling.
Wie viel spielen Sie heute noch aktiv?
Ich versuche, jedes Jahr ein bis zwei Turniere zu spielen. Das ist für mich Urlaub. In der zweiten Mannschaft von MSA Zugzwang 82 helfe ich gelegentlich auch aus. Aber eigentlich ist das Wochenende für die Familie reserviert.
Machen wir einen Sprung zurück: Sie haben Jura studiert. War es Ihr Plan, das von Ihrem Vater gegründete Immobilienunternehmen in die zweite Generation zu führen?
Nein, eigentlich nicht. Doch zum Ende meines Studiums überschlugen sich die weltpolitischen Ereignisse: Die Mauer fiel und die Wendezeit bot ungeahnte Möglichkeiten für die Immobilienbranche.
Vermutlich war es gerade in dieser rechtlich ungewissen Situation hilfreich, juristisches Fachwissen zu haben.
Natürlich war es das, obwohl wir uns oft auf juristischem Neuland bewegten. Für vieles, was damals geschah, gab es keine Gesetze. Oft war nicht absehbar, welche Konsequenzen manche Vorgänge haben könnten. Learning by doing war gefragt. Das war oft riskant, aber immer spannend.
Haben Ihnen dabei Ihre schachlichen Erfahrungen geholfen?
Als Schachspieler bin ich oft in Zeitnot. Die Erfahrung, in kurzer Zeit wichtige Entscheidungen zu treffen, hat mir in diesen komplizierten geschäftlichen Momenten sehr oft geholfen.
Wie war Ihre Erfolgsquote?
Ich bin sehr zufrieden: Meistens lag ich richtig. Das war die Grundlage für das Wachstum unseres Unternehmens.
Einen Teil des Wachstums haben Sie dann auch in der Region reinvestiert – der Start Ihrer Schachförderung. Wie sah das Projekt aus?
Wir wollten in Sachsen, wo wir geschäftlich aktiv waren, auch den Schachsport fördern. So haben wir den SK König Plauen personell und finanziell unterstützt. Der Verein spielte dann von 1999 bis 2004 ununterbrochen in der Schachbundesliga.
War das der Beginn der vollständigen Umsetzung Ihres Lebensmottos?
Ja: You learn, you earn, you return. Das bedeutet für mich, nach meinem Studium und der erfolgreichen Berufskarriere etwas an die Gesellschaft – in meinem Fall dem Schach – zurückzugeben.
Juckt es Ihnen in den Fingern, mal wieder eine Mannschaft in die höchste Spielklasse zu führen?
Nun ja, die Entwicklung zeigt, dass dafür wirklich sehr viel Geld notwendig ist. Mein Konzept war es immer – egal ob in Plauen oder mit Zugzwang in München – ein Team mit regionalen Spielern zusammenzustellen. Doch in heutigen Zeiten ist das vermutlich nicht mehr konkurrenzfähig. Ich konzentriere mich lieber auf meine anderen Projekte.
Die da wären?
Zunächst steht in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum der Münchener Schachakademie an.
Im Bild: Roman Krulich bei der Übergabe des Deutschen Schachpreises in der Münchner Schachakademie
Mit der Akademie fördern wir Schach im Allgemeinen und speziell für Kinder und Jugendliche. Ein Schwerpunkt sind Münchener Brennpunktschulen. Wir sind an 25 Schulen regelmäßig aktiv und bringen jährlich etwa 1000 Kindern Schach bei. Kindern, deren Eltern finanziell weniger gut dastehen, ermöglicht die Schachstiftung den Kurs. Gemeinsam mit meinen Partnern, den Schachmeistern Dijana Dengler, Stefan Kindermann und Gerald Hertneck – die alle seit 2005 an Bord sind und denen ich hiermit herzlich danken möchte – engagieren wir uns weiterhin dafür, dass Schach ein fester Bestandteil in der schulischen Erziehung von Kindern wird. Unser Ziel ist es, dass wir bald an nahezu allen Grundschulen in München Schachkurse anbieten. Wir bieten eigens konzipierte Schachkurse an, die ständig weiterentwickelt werden. Stefan Kindermann ist auf diesem Gebiet eine Kapazität. Wir besuchen regelmäßig Schulen, um die Trainer bei ihrer Arbeit zu beobachten und ihnen anschließend Optimierungstipps zu geben. So werden die Kurse immer besser.
Können sich andere Städte auf eine Expansion Ihres Engagements freuen?
Das wäre sicher schön, aber der Bedarf in München ist so groß, dass wir hier genug zu tun haben.
Wie kommen Sie an die finanziellen Mittel für die Projekte?
Die gesamten Verwaltungskosten sponsert die Krulich Immobilien GmbH. Was wir für die konkreten Projekte benötigen, werben wir durch Fundraising ein, d. h., jeder gespendete Euro fließt direkt in die geförderten Projekte. Allerdings hört sich das leichter an, als es ist: Das Einwerben von Geldern wird immer schwieriger.
Dabei helfen Ihnen offenbar auch Ihre Geschäftskontakte?
Das freut mich besonders: Ich habe über Jahrzehnte vertrauensvolle Geschäftspartnerschaften aufgebaut, und viele dieser Partner spenden regelmäßig auch für unsere Schachprojekte.
Was ist zum Jubiläum geplant?
Wir werden die jährlich stattfindende Charity-Veranstaltung noch aufwendiger gestalten und alle ehren, die es anlässlich des Jubiläums verdient haben. Ich finde es toll, dass wir inzwischen quasi einen mittelständischen Betrieb aufgebaut haben: 30 Mitarbeiter, inklusive der freiberuflichen Trainer, kümmern sich um die Schachkultur in München – das ist einzigartig.
Zwar fördern Sie keine Spitzenteams mehr, aber durchaus das Spitzenschach und den Nachwuchs. Warum?
Ich hatte die Powergirls unterstützt, doch leider lief dieses gute DSB-Projekt aus. Da ich es wichtig finde, das Frauenschach zu unterstützen, habe ich mich zu einem zweijährigen Sponsoring von Dinara Wagner entschlossen. Das deutsche Frauenschach braucht ein Vorbild, und Dinara hat mich mit ihrer schnellen Integration beeindruckt. Ich möchte ihr helfen, ihr Ziel zu erreichen, in die Top Ten der Frauenweltrangliste vorzustoßen. Auch das Frauennationalteam unterstütze ich und freue mich, dass mit Ingrid Lauterbach wieder Beständigkeit im DSB Einzug gehalten hat. Der Erfolg beim Mitropa-Cup hat uns alle bestätigt.
Im Bild: Roman Krulich mit der deutschen Spitzenspielerin Dinara Wagner
Außerdem unterstütze ich mit Christian Glöckler ein junges Talent. Er hat mich mit seinem steilen Aufstieg nach der Coronazeit verblüfft – Online-Schach macht’s möglich! Ein weiteres Beispiel für gute Integration ist Pawel Eljanov. Er ist aufgrund des Ukraine-Krieges nach Deutschland gekommen und trotz seiner Weltklassespielstärke inzwischen überwiegend als Trainer tätig. Da wir mit Leonardo Costa ein vielversprechendes Münchener Talent haben, habe ich die beiden zusammengebracht und hoffe, dass Leonardo davon profitiert.
Noch eine allgemeine Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung des Schachs heutzutage?
Es ist fantastisch: Mit dem derzeitigen Boom hätte wohl niemand gerechnet. Es ist beeindruckend, wie sich die Online-Schachwelt entwickelt hat. Das wirkt sich auch positiv auf die reale Schachwelt aus. Zwar finde ich es schade, dass Magnus Carlsen sich aus dem klassischen Schach weitgehend zurückzieht und eher durch Hosen-Skandale auf sich aufmerksam macht, doch auch das von ihm unterstützte Freestyle Chess hat seine Daseinsberechtigung. Ich wünsche mir nur, dass es nicht wieder zu einem Neben- und Gegeneinander konkurrierender Schachverbände kommt. Was mich aber in New York im Rahmen der Blitz- und Rapid-WM wirklich beeindruckt hat, war das von der FIDE organisierte Treffen von Wirtschaft und Schach. Leider konnte ich aus terminlichen Gründen nicht selbst vor Ort sein.
Wie bringen Sie all das unter einen Hut?
Da hilft mir meine Zeitmanagement-Erfahrung aus dem Schachsport. Ich kann gut Dinge koordinieren und schnell Entscheidungen treffen. Außerdem habe ich in allen Bereichen gute und zuverlässige Teams um mich herum. Im Übrigen ist das Schachspielen für mich auch heute noch eine erstklassige Möglichkeit, mich komplett aus dem Alltag auszuklinken.
Warum tun Sie all das?
Ich werde mein finanzielles Engagement für das Schach auf jeden Fall fortsetzen, weil es einfach unheimlich bereichernd ist zu sehen, wie gut sich die von uns geförderten Kinder in allen Belangen entwickeln.
Was für Ziele haben Sie für die Zukunft?
Nachdem wir mit dem Grand Prix der Frauen ein großartiges Turnier nach München geholt haben, wollen wir die Turnierszene hier weiter fördern. Der nächste Höhepunkt sind im Mai die deutschen Titelkämpfe im klassischen Schach der Damen und Herren. Als Co-Sponsor unterstützen wir diese erste Deutsche Meisterschaft in München seit sage und schreibe 125 Jahren! Und wir arbeiten gerade an einem spannenden Rahmenprogramm für die Deutschen Meisterschaften.
Herr Krulich, vielen Dank für das Gespräch!