GM Jan Timman. Quelle: Wikimedia
Nachruf auf Jan Timman (14. Dezember 1951 – 18. Februar 2026)
„The Best of the West“
Die Schachwelt trauert. Am 18. Februar 2026 verstarb Jan Timman im Alter von 74 Jahren. Mit ihm verliert das Schach einen seiner faszinierendsten Vertreter – einen Spieler, Analytiker, Schriftsteller und Komponisten, der dem Spiel ein Leben lang mit seltener Leidenschaft verbunden war.
Jan Hendrikus Timman wurde am 14. Dezember 1951 in Amsterdam geboren. Sein Vater, Professor Rein Timman, förderte früh das Interesse seines Sohns am Schach, und die familiäre Verbindung zu diesem Spiel reichte tief: Timmans Mutter hatte einst bei Max Euwe studiert, dem einzigen niederländischen Weltmeister der Geschichte.
Jugend und Aufstieg (1967–1974)
Das Talent zeigte sich früh. Als Zwölfjähriger hielt er in einer Simultanvorstellung gegen Ex-Weltmeister Euwe ein Remis. Bei der U20-Weltmeisterschaft 1967 in Jerusalem belegte er als 15-Jähriger den dritten Platz. 1971 teilte er sich in Hastings den ersten Platz mit Tal, Szabo und Kuzmin und wurde damit Internationaler Meister. Siege in Sombor und Banja Luka brachten ihm 1974 den Großmeistertitel – als dritter Niederländer nach Max Euwe und Jan Hein Donner. Ebenfalls 1974 gewann er erstmals die niederländische Meisterschaft – die erste von insgesamt neun.
Aufstieg zur Weltspitze (1974–1982)
Auf seinen ersten Titel folgten sofort die zweite und dritte niederländische Meisterschaft 1975 und 1976. Timman etablierte sich in dieser Phase als konstanteste westliche Kraft in einer von sowjetischen Spielern beherrschten Schachwelt. Von August 1978 bis etwa Juli 1991 gehörte er ununterbrochen zu den zehn besten Spielern der Welt. Im Januar 1982 stand er auf Platz zwei der Weltrangliste – hinter dem amtierenden Weltmeister Anatoli Karpow. Beim Turnier in Mar del Plata 1982 besiegte er Karpow und gewann das Turnier mit eineinhalb Punkten Vorsprung.
Der Kampf um den Weltmeistertitel (1985–1993)
Der Weg zur Weltmeisterschaft war für Timman lang und voller Rückschläge. Mehrfach scheiterte er in den Interzonenturnieren. Erst 1985 gelang ihm der Durchbruch: Er gewann das Interzonenturnier in Taxco. Im anschließenden Kandidatenturnier traf er im Viertelfinale in St. John’s auf Artur Jussupow und verlor mit 3,5–5,5.
Im nächsten Zyklus lief es besser. Im Viertelfinale 1989 in Antwerpen besiegte er Lajos Portisch mit 3,5–2,5, im Halbfinale in London bezwang er Jon Speelman. Das Kandidatenfinale verlor er jedoch gegen Karpow mit 2,5–6,5. 1991 bewies er seine Klasse unter anderen Bedingungen: Beim Immopar Rapid-Turnier in Paris – mit einem Preisgeld von über 500.000 Dollar – besiegte er nacheinander Kamsky, Karpow, Anand und im Finale Kasparov und gewann den Hauptpreis von 75.000 Dollar.
1993 verlor er schließlich auch ein Kandidatenfinale gegen Nigel Short. Kurz darauf ergab sich dennoch die Chance auf den WM-Titel: Nachdem Garri Kasparov aus der FIDE ausgeschieden war, traf Timman im FIDE-Weltmeisterschaftskampf 1993 auf Anatoli Karpow – und verlor mit 8,5:12,5. Der Traum vom WM-Titel war damit endgültig vorbei.
Rivalitäten
Gegen Kasparov spielte Timman 46 klassische Partien, von denen Kasparov 20 gewann, Timman 3, bei 23 Remisen. Gegen Karpow standen über die gesamte Karriere 104 klassische Partien zu Buche: 31 Siege für Karpow, 9 für Timman, 64 Remisen. Diese Zahlen erzählen viel – aber sie verschweigen, wie oft Timman diese Titanen in Bedrängnis brachte und wie sehr er ihren Respekt genoss.
Autor, Redakteur und Komponist
Timman war Gründungsredakteur des New In Chess Magazins, das 1984 ins Leben gerufen wurde, und prägte es über Jahrzehnte mit seinen tiefsinnigen Analysen. Dazu kamen zahlreiche Bücher: über das Kandidatenturnier in Curaçao 1962, über die Weltmeisterkämpfe zwischen Kasparov und Karpow, über die Weltmeister seiner Lebenszeit, über Endspiele. Ab 1971 betätigte er sich auch als Schachkomponist – ein Bereich, in dem er bis ins hohe Alter aktiv blieb.
Späte Jahre
In seinen späteren Jahren lebte Timman ein bewusst unkonventionelles Leben und bereute seinen Weg nicht. Er zog sich 2025 vom aktiven Wettkampfschach zurück, weil ihm der körperliche Aufwand zu groß geworden war – das Schach aber ließ er nicht los.
Er hinterlässt neun niederländische Meistertitel und ein Lebenswerk, das weit über Ergebnisse hinausgeht. Jan Timman war ein Liebhaber des Schachspiels in seiner reinsten Form – und das hat man in jeder Partie, jeder Analyse, jedem Satz gespürt, den er je schrieb.
Het ga je goed, Jan, en doe Robert de groeten van ons!
(Machs gut Jan und grüße Robert von uns!)
Mit dem Tod von Jan Timman verliert das Schach einen seiner vornehmsten Interpreten – einen Meister, dessen Wirken weit über die bloße Akkumulation von Turniererfolgen hinausreichte. In ihm vereinigten sich analytische Strenge und künstlerische Imagination, Wettkampfgeist und literarische Sensibilität, Ernst und leise Ironie. Er war nicht nur Großmeister auf dem Brett, sondern auch Großmeister des Gedankens.
In einer Epoche, die von den monumentalen Gestalten eines Anatoly Karpov und eines Garry Kasparov dominiert wurde, behauptete Timman seine Eigenständigkeit mit einer Mischung aus intellektueller Redlichkeit und schöpferischer Kühnheit. Er war kein Epigone, kein bloßer Herausforderer im Schatten der Titanen, sondern eine Stimme von unverwechselbarem Timbre. Seine Partien zeichneten sich durch eine feine Balance von Konstruktion und Intuition aus: strategische Architektur von klassischer Klarheit, durchzogen von überraschenden, bisweilen fast poetischen Einfällen.
Man hat ihn „The Best of the West“ genannt – ein Titel, der Ehre meint, aber doch zu kurz greift. Denn Timman war weniger Repräsentant einer geografischen Kategorie als vielmehr einer geistigen Haltung. Er verkörperte jene seltene Form des Wettkämpfers, der im Ringen um den Punkt nicht den Sinn für das Schöne verliert. Seine Kombinationen waren nie Selbstzweck; sie entsprangen einer tieferen Logik, einer organischen Entwicklung der Stellung. Wer seine Partien studierte, begegnete keinem Hasardeur, sondern einem Denker, der dem Brett Fragen stellte – und geduldig auf die Antwort wartete.
Besonders eindrucksvoll war seine Doppelbegabung als Spieler und Autor. In seinen Schriften offenbarte sich ein feinsinniger Beobachter des Spiels und seiner Protagonisten. Er schrieb, wie er spielte: präzise, unprätentiös, von einer Klarheit, die nicht laut werden musste, um zu überzeugen. Seine Analysen waren keine trockenen Sezierübungen, sondern geistige Essays über Struktur, Zeit und Verantwortung. Er verstand das Schach als kulturelles Phänomen – als Ausdruck menschlicher Kreativität unter den Bedingungen strengster Regeln. Viele seiner Bücher durfte ich rezensieren und war immer wieder aufs Neue überrascht von der Klarheit seiner Gedanken.
Auch im Persönlichen bewahrte er jene diskrete Würde, die den wahrhaft Großen eigen ist. Siege trug er ohne Triumphgeheul, Niederlagen ohne Bitterkeit. Es lag in seinem Wesen, das Spiel über das Ego zu stellen. Vielleicht war es gerade diese Haltung, die ihm jene nachhaltige Autorität verlieh, die nicht auf Lautstärke, sondern auf Substanz gründet.
Mit Jan Timman verabschiedet sich eine Generation, für die das Schachbrett noch primär Denkraum und nicht Datenbank war, ein Ort der Imagination, nicht der algorithmischen Vorwegnahme. Er war ein Humanist des königlichen Spiels – einer, der in 64 Feldern das Drama menschlicher Entscheidung, den Mut zum Risiko und die stille Größe der Geduld erkannte.
Sein Werk bleibt: in Partien von zeitloser Eleganz, in Büchern von bleibender geistiger Schärfe, in der Erinnerung einer Schachwelt, die sich vor ihm verneigt – nicht nur aus Respekt vor seinen Erfolgen, sondern aus Dankbarkeit für die Haltung, mit der er sie errang.
Eine persönliche Erinnerung verbindet mich auf besondere Weise mit Timman: Jahre nach dem Erscheinen des Turnierbuchs zu Tilburg 1982 hatte ich das Privileg, von Jan Timman ein Exemplar signiert zu bekommen. Es war kein flüchtiger Autogrammmoment, sondern eine jener stillen Begegnungen, in denen sich wahre Größe gerade durch Unaufgeregtheit offenbart. Mit verbindlicher Höflichkeit und wacher Präsenz setzte er seine Signatur unter ein Werk, das nicht nur Partien dokumentiert, sondern den geistigen Atem eines Turniers bewahrt – präzise, reflektiert und von jener analytischen Noblesse getragen, die auch sein eigenes Spiel auszeichnete. Seither ist dieses Buch für mich weit mehr als eine Sammlung kommentierter Begegnungen: Es ist ein bleibendes Erinnerungsstück an einen Meister, dessen kultivierte Selbstverständlichkeit nachhaltiger wirkt als jede laute Geste.