Jana Henning studiert Sportjournalismus und ihre erste Reportage ging über Schach in Garching. Helge Frohwein hat dort ein Schachbiotop entstehen lassen, das einmalig ist.
Reportage_GarchingerSchulturnier_JH
| Faszination Schach und die 50. Ausgabe des Garchinger Schulschachturnier |
| Um die Faszination Schach zu verstehen, mache ich mich am 06.12.2025, um ca.
neun Uhr auf den Weg zum 50. Garchinger Schulschachturnier. Ich habe bei den Turnieren jahrelang selbst mitgespielt und diese als Schiedsrichterin begleiten dürfen. Allerdings habe ich nie mit anderen darüber geredet, wieso wir diese Sportart eigentlich ausüben, was uns am Spiel selbst so fasziniert und was speziell, das Garchinger Schulturnier so besonders macht. |
| Ich bin auf den Weg zu meiner alten Grundschule, zehn Minuten fußläufig entfernt. Die Grundschule Garching-West. Mit einem Grinsen im Gesicht freue ich mich auf das heutige Jubiläumsturnier. Helge Frowein, der Leiter dieses Turniers, hatte im Vorhinein angekündigt, dass es ein Nikolausspecial geben wird. Da ich mich die Tage zuvor, für ein Interview mit ihm getroffen hatte, wusste ich schon, was die Kinder und |
| Jugendlichen heute erwarten und freuen wird. Jeder König auf den verschiedenen Brettern wird eine kleine Nikolausmütze tragen und jede Dame einen Schal. Die
Vorbereitung des Turniers, das in der geteilten Mensa der Grundschule und |
| Mittelschule stattfindet, nimmt etwas Zeit in Anspruch. Nach meiner Ankunft bereiten
alle anwesenden Personen, den Turnierstart um zehn Uhr vor. Die Bretter werden auf den Tischen verteilt, die Figuren aufgebaut und die Uhren aufgestellt. Es ist bei allen Beteiligten absolute Routine. Die ersten Kinder kommen. Einige realisieren sofort, dass heute was anders ist. Ich gehe an zwei Jungs vorbei und höre einen der beiden sagen: |
| „ |
| Sieht cool aus.“ |
| Es war eine Besonderheit, die sich Helge Frowein für das Nikolaus- und |
| Jubiläumsturnier ausgedacht hatte. Helge ist 57 Jahre alt, in NRW geboren und seit
ca.35 Jahren als Schachlehrer tätig, so ganz genau weiß er das nicht mehr. Er hat den Schachclub Garching zu vielen Erfolgen geführt und viele Entwicklungen angetrieben, wodurch der Schachclub viele Erfolge einfahren konnte. Das Schulturnier war einer seiner Ideen. Im Interview, am Mittwochabend vor dem Turnier erzählte mir Helge davon, dass es ihm wichtig gewesen war, dass die damaligen Spieler ein neues Angebot bekommen, um überhaupt Schach zu spielen und Turniererfahrungen zu sammeln. Das wäre deshalb so wichtig gewesen, um auf Turnieren höheren Niveaus keine Anfängerfehler zu machen, was sich auch als Erfolgskonzept bewahrheitet hat. Denn wie bei jeder anderen Sportart gibt, es beim Schach ebenfalls Regeln, die zu befolgen sind. Das Wichtigste ist dabei erstmal zu wissen, wie jede Figur zieht. Das mag am Anfang vielleicht überfordernd wirken, doch wenn man es einmal weiß, kann man eigentlich sofort anfangen zu spielen. |
| Die meisten Spieler des heutigen Turniers haben bereits viel Erfahrung, doch auch
heute sind ein paar Turnierneulinge dabei. Für diese Turnierneulinge erklärt Helge vor jedem Garchinger Schulturnier die Regeln, so auch dieses Mal. Vor allem die Schachuhr ist dabei wichtig zu erklären. Sie begrenzt die sieben zu spielenden Partien zeitlich. Die heutige Herausforderung ist, dass drei verschiedene Uhrengenerationen im Einsatz sind, wie sich auch später noch zeigen wird. Mit Routine und Witzen erklärt Helge, die Funktionsweise der Uhr. Währenddessen spricht mich ein Vater an, wie lange das Turnier gehen wird. Ich sage ihm, so ungefähr bis 14 Uhr. Dabei stehen wir neben den Pokalen und er wundert sich, über die Anzahl der Pokale. Ich erkläre ihm, dass einer der Besonderheiten des Turniers die Verteilung der Pokale „Bester Neuling“ und „Herausragende Leistung“ ist. Auf die Erwähnung des Besten Neulings-Pokal erzählt er mir, dass sein Sohn heute zum ersten Mal auf diesem und zum zweiten Mal insgesamt auf einem Schachturnier ist. Helge ist überzeugt vom Neulingspreis und erzählte mir am Mittwoch: „Bester Neuling ist immer cool, weil du hast ja ganz am Anfang ein Erfolgserlebnis und das ist für die immer ein Hit.“ |
| Helge erklärt nun einer der wichtigsten Regeln beim Schachspielen: „Egal was ihr seht
auf anderen Brettern, ihr dürft nicht in fremde Partien reinreden, auch nicht, wenn A. wieder drei Einhörner auf dem Brett stehen, hat.“ Die Kinder lachen. Nach den letzten Erklärungen kommt Helge zu seinen finalen Worten, bevor die erste Runde beginnt: |
| „ |
| Dann werden alle leise und los geht’s.“ An jedem Brett geben sich die Kinder |
| gegenseitig die Hand und wünschen ein gutes Spiel. Dieses Vorgehen ist Tradition und
für die erfahrenen Spieler Routine. Helge und sein Schiedsrichterteam, insgesamt drei Personen, machen sich mit den Klemmbrettern in der Hand, auf denen die Ergebnisse eingetragen werden, auf den Weg zu den ersten Armmeldungen der Kinder. Die älteste Generation der Uhren, die man hinten noch aufziehen muss, damit sie läuft, macht Probleme. Helge zieht nach und es kann weiter gehen. |
| Die ersten Partien sind schnell vorbei. „Gut gespielt“, flüstert eines der Kinder zum
anderen, als ich am Brett vorbeilaufe. Ein Teil der Spieler, die ihre Partie bereits beendet haben, steht vor den Ergebnislisten der Schulturniere. Das erste Turnier fand im Schuljahr 2012/2013 statt. „Das muss ich F. schicken“, sagt ein Mädchen und zeigt auf die Liste des 40. Garchinger Schulturnier. F. hatte damals gewonnen. Kurz vor der zweiten Runde liegen an jedem Brett Schokonikoläuse. Die Kindertraube steht um Helges Laptop herum. Ein Programm lost dabei die nächsten Partien nach dem Schweizer System aus. Mit dem Paarungsblatt in der Hand weist Helge den Kindern die Tische zu, die Kindertraube folgt ihm dabei stetig. Das besondere hier ist, die meisten kennen sich. Es wird geredet und gelacht, bevor sie probieren, den jeweils anderen zu schlagen. Am zweiten Brett in Runde zwei ist die Besonderheit, dass zwei Geschwister gegeneinander spielen. Ältere Schwester, gegen jüngeren Bruder. |
| Um die Faszination Schach zu verstehen, führte ich im Verlauf des Turniers einige
Interviews mit Eltern und Spielern. Diese interviewte ich an einem ruhigen Platz außerhalb des Turniersaals. |
| Mein erstes Interview des Tages war mit einem Jungen, aus einer fünften Klasse. Ich
frage ihn, warum er denn Schach spiele. Er antwortet mir: „Ich spiel Schach, weil es mir Spaß macht.“ Ich frage nochmal nach, was ihm den am meisten Spaß mache, am Schach spielen. Er antwortet: „Das Schachspielen an sich.“ Tja, wieso frage ich auch so blöd. |
| Ich rede mit einer dreier Mädchengruppe über das Schachspielen. Sie erzählen mir,
dass es Spaß mache mit Freunden zu spielen. Zusätzlich ist es cool, sich |
| konzentrieren zu müssen und zu überlegen. Eines der Mädchen erzählt mir auf
Nachfrage, von ihrem schönsten Schacherlebnis. Das Wegfahren auf bayrische oder deutsche Meisterschaften gefalle ihr immer gut. Man fahre irgendwo hin und übernachte in Jugendherbergen und kann dabei Zeit mit seinen Mitspielern verbringen. Ich bitte einen Vater mit mir zu kommen und dieser beschreibt das Schachspielen so: |
| Es ist ein einfaches Spiel, was sehr komplex ist.“ |
| Ich komme mit einem anderen Vater ins Gespräch. Ihn faszinieren die Anzahl der
Möglichkeiten im Schach und das logische Denken. Für die Kinder sieht er den Vorteil des Schachspielens darin, dass diese logisches Denken erlernen können und eine Frustrationstoleranz aufbauen. Der Sohn spiele heute sein erstes Turnier. Der Vater fände das Turnier bisher super organisiert. Des Weiteren geht er darauf ein, dass er es gut findet, dass es solche Turniere gibt, in denen die Kinder Turnieratmosphäre schnuppern können und „wo auch Fehler mal erlaubt sind und das nicht super ernst an jeder Stelle ist.“ Genau diese Intention verfolgt Helge mit diesem Turnier. Der Vater fände es schade, dass es sowas nicht überall und öfter gebe. Viele der anwesenden Kinder haben die erste Berührung mit Schach entweder durch die Familie, enge Bekannte oder in der Grundschule Garching-West gemacht. Das ging aus mehreren Gesprächen mit den Kindern hervor. |
| Die Grundschule Garching-West, von der deutschen Schachjugend seit 2016
kontinuierlich als deutsche Schachschule ausgezeichnet, hat dabei für alle Zweitklässer verpflichtenden Schachunterricht. Der Schachlehrer ist Helge. Das Schulturnier soll bei den Grundschulkindern auch als „Scharnierfunktion“ zwischen Schule und Schachclub dienen. Sie kommen auf Schulboden in Kontakt mit etwas, dass der Schachclub organisiert. Die Absicht ist dabei ein Angebot zu schaffen und sie gegebenenfalls als Mitglieder des Schachclubs zu gewinnen, wie mir Helge im Interview erzählte. |
| Des Weiteren sollen die Kinder sehen, dass auch Spieler, wie D., der schon einmal
eine Europameisterschaft mitgespielt hat, hier mitspielen und ganz normale Kinder seien. Sie sollen sehen, dass auch diese Kinder mal angefangen haben, wie sie gerade. |
| In einem Moment der Ruhe sitze ich im Spielraum und denke über die Gemeinschaft
nach, die hier vorherrscht und den Kindern viel bedeutet. Dabei kommt ein Junge auf mich zu, auf dem Weg zu seiner Mama, mit traurigem Gesicht und sagt: „Hab verloren“. Die Mama umarmt den Jungen, der Kopf senkt sich kurz in die Arme des Jungens und die Mama greift zum Handy und fragt: „Möchtest du spielen?“. Der Junge greift nach dem Handy und öffnet die Schachapp. Ich muss grinsen. |
| Im Gespräch mit einer Mama, spricht mich die Tochter an und fragt mich: „Wollen wir
ne Runde spielen?“ Sie will sich aufwärmen für die nächste Runde, um noch bessere Züge finden zu können. Und so sitze ich nach Ewigkeiten mal wieder am Brett vor den schwarzen Figuren und probierte diese, sinnvoll zu ziehen. Auch wenn ich lange Jahre gespielt habe, merke ich sofort, wenn die Routine und Sicherheit fehlen, kommen die Fehler automatisch. Mit einem Springer weniger, einer offenen Königsstellung und einem eingesperrten Läufer weiß ich, dass der Verlauf der Partie schwierig wird. Vor einer Niederlage rettet mich nur der Aufruf zur nächsten Runde, die kurz danach beginnt. |
| Ich will noch eines der anwesenden Elternteile interviewen und komme mit der Mutter,
des Geschwisterduells ins Gespräch. Ich weiß, dass sie nicht aus Garching kommen und war deshalb sehr interessiert daran ihre Sichtweisen auf den Sport und das Turnier zu erfahren. Sie erzählt mir, dass sie bei der letzten Deutschen Jugend- Einzelmeisterschaft an einem Mütterschachkurs teilgenommen hat und dieser ihr dabei geholfen habe sich besser in die Kinder hineinversetzen zu können und „zu sehen, was da drin steckt, ja, an Konzentrationsfähigkeit, die man mitbringen muss […], das war wichtig […].“Ich frage sie, was sie glaubt, was ihren Kindern am meisten Spaß mache am Schachspielen. Bei ihrem 10- jährigen Sohn glaube sie, dass es das Knobeln sei und er das Suchen nach tollen Zügen wertschätze und stolz auf sich sei, wenn er in der Nachbesprechung in Computerprogrammen sieht, dass er den besten Zug gezogen hat. Ich frage auch sie, ob dieses Garchinger Schulturnier Besonderheiten aufweist, ihre Antwort lautet: „Ach, allein die Tatsache, dass wir 45 Kilometer fahren, um hier zu spielen, ja, sagt schon alles.“ Sie erzählt mir, dass das Turnier für jeden etwas bietet. Kinder könnten hier die ersten Schritte in Richtung Turnierschach gehen, aber es seien auch erfahrende Spieler dabei, die Quote von DEM- Teilnehmer sei ziemlich hoch. |
| Außerdem ist das Turnier nicht öffentlich nachverfolgbar, wodurch die erfahrenen
Spieler neue Dinge, wie eine Eröffnung ausprobieren könnten oder „einfach ganz entspannt da sein [können] und mal nur spielen [können] und nicht Sorge haben |
| müssen], dass die ELO oder die DWZ oder sonst irgendwas entschwindet […].“ |
| Sie findet, dass das Schachspielen heutzutage Themen abdeckt, die „nicht mehr
unbedingt geschult werden mit [den] digitalen Medien, die so diese Kurzfristigkeit haben.“ Schach sei bei ihnen zu einem Familienhobby geworden. Sie erzählt mir begeistert, wie viel sie durch Schach schon von Deutschland gesehen haben. Dabei trifft man immer wieder Leute, die man schon gesehen hat, es ist eine Art Schachfamilie. |
| Das auch die Teams, zu Familien wachsen, bestätigte mir einen Tag vor dem Turnier
Liana Muhina, die selbst Spielerin ist und gleichzeitig die zweite Jugendspielleiterin des Schachbezirks München ist. Bei einem Treffen sagte sie mir: „Wir haben eigentlich immer so ungefähr die ähnlichen Spieler dabei [bei der DVM] und wir sind ja auch eigentlich schon wie so eine Familie, würde ich sogar sagen […].“ |
| Mit ihr habe ich auch über das Garchinger Schulturnier gesprochen. Sie habe auf dem
Turnier verstanden, wie ein Turnier abläuft, wie man sich verhält, wie die Partien ausgelost werden, wie man sich richtig hinsetzt. Auf solchen Turnieren wachse die Motivation, wenn man die erste Medaille oder den ersten Pokal gewinnt. Sie habe außerdem gelernt „im Schach kommt es nicht drauf an, dass man halt irgendwie 20 Jahre alt sein muss, um zu gewinnen. Man kann auch mit sechs gewinnen und mit zehn und mit 80 das ist egal […].“ Speziell beim SC Garching sei es gefühlt immer das erste Turnier für alle und dadurch sammle man ganz viel Erfahrung. |
| Das Schulturnier neigt sich dem Ende zu. Das Entscheidungsmatch war schnell vorbei,
nach einem Fehler gibt der Gegner von D. auf, der sich damit seinen elften Garchinger- schulturniersieg sichert. Noch während ich in Gespräche verwickelt bin und die Medaillen für die Siegerehrung vorbereite, helfen alle Eltern und Spieler gemeinsam beim Abbau und Aufräumen. Jedes Kind bekommt seine Medaille, für einige, war es die erste von vielleicht vielen. Die Pokale werden an die Gewinner verteilt und ich mache mir Gedanken darüber, was ich heute herausgefunden habe. |
| Ich durfte heute lernen, dass es unterschiedliche Gründe für die Faszination Schach
gibt. Es können Gemeinsamkeiten festgestellt werden, wie beispielsweise das lange Nachdenken oder die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die dieses Spiel zu bieten hat. Die Gemeinschaft und die Erlebnisse, die auf Turnieren entstehen, tragen dazu bei, dass die Kinder und Eltern diesen Sport ausüben und unterstützen. Das Garchinger Schulturnier ist für viele der erste Schritt in die Schachwelt. Es bietet einen geschützten Raum, in dem einfach mal gespielt und gelernt werden kann. |
| Der Grund für das Bestehen des Turniers ist, unter anderem, dass der Einbezug des
Grundschulunterrichts mit dem Vereinsleben gelingt. Das Wichtigste ist für viele, dass die Kinder den Spaß am Schach spielen beibehalten und ausbauen. Dass dieser Vorsatz gelingt, konnte ich aus Gesprächen mit Eltern, Jugendlichen und Kindern |
herausfinden.
Liebe Jana,
Wie liebevoll und präzise du berichtest ist absolut bemerkenswert! Aus eigenen Erfahrungen schöpfend und als tiefgründige Beobachterin, gelingt dir deine Reportage perfekt!
Weiter so und viel Spaß beim Weiterstudieren! Du tust das richtige;=)
Zunächst stutzte ich beim Titelbild – das ist natürlich nicht Jana Hennig sondern mein alter Bekannter Helge Frowein.
Schöne Grüße aus Fulda nach München bzw. Garching (bei München)!