Das Grenke Open hat dieses Jahr wieder alle Rekorde gebrochen: 3.658 Teilnehmer kamen zum größten offenen Schachturnier der Welt nach Karlsruhe.
Wie im letzten Jahr gab es die Möglichkeit entweder am normalen Open teilzunehmen oder am Freestyle Open. Letztes Jahr hatte ich noch das normale Open gewählt, doch dieses Jahr hat mich die Neugier gepackt und ich meldete mich zum Freestyle-Event an. Freestyle-Schach wird immer beliebter und es werden immer mehr Meisterschaften auch in dieser Schachvariante ausgetragen.

Beim Freestyle (bzw. Schach960 oder Fischer Random Chess) wurde immer erst kurz vor Rundenbeginn die Startstellung der Figuren aus den 960 bestehenden Möglichkeiten ausgelost. Also war ich sehr gespannt wie es ist, mit einer zufälligen Startstellung zu beginnen und von Anfang an auf sich allein gestellt zu sein, ohne Eröffnungswissen oder Vorbereitung.
Mein Fazit nach 9 Freestyle-Partien mit klassischer Bedenkzeit: Es macht sehr viel Spaß! Auch wenn klassisches Schach mit Vorbereitung und Eröffnungswissen mein Favorit bleibt, war es eine schöne Abwechslung mal ohne Eröffnungsvorbereitung in die Partien zu gehen. So war also die Zeit vor den Partien etwas entspannter als normalerweise: keine Entscheidung treffen, welche Variante man spielen möchte, kein Analysieren und Lernen von Eröffnungen etc. Der Anfang der Partien gestaltet sich dafür aus meiner Sicht dafür umso stressiger: Normalerweise kann ich mich in der Eröffnungsphase auf meine Vorbereitung oder zumindest mein Eröffnungswissen verlassen, beim Freestyle wird man dagegen sofort mit einer völlig unbekannten Stellung konfrontiert.
Ich startete mit einem Sieg gegen Dragos Minescu aus Rumänien und gewann damit meine allererste Langzeit-Freestyle-Partie.

In Runde 2 spielte ich dann gegen den ehemaligen 2700-Spieler GM Loek van Wely. Lange konnte ich die Stellung ausgeglichen halten, doch später übersah ich einen trickreichen Zwischenzug, der meine Stellung zum Einsturz brachte und ich mich geschlagen geben musste.

Bei der Stellungsauslosung der dritten Runde wunderten sich alle: Hatten wir diese Stellung nicht schon in Runde 1? Tatsächlich war es die identische Figurenaufstellung, aber gespiegelt. Ein kurioser Zufall!

Anscheinend lag mir diese Startaufstellung gut, denn auch diese Runde konnte ich gewinnen, indem ich gegen Christian Klaus zunächst einen Bauern opferte, dafür aber sehr starkes Figurenspiel bekam.
In der vierten Runde spielte ich erneut gegen einen GM, dieses Mal gegen Artur Pijpers.
Die nächste kuriose Stellungauslosung: Wir spielten die Stellung Nr. 534, bei der nur König und Dame vertauscht sind. Kann man hier nicht einfach normale Eröffnungstheorie spielen, nur gespiegelt? Nein, nicht ganz, denn die Rochaden sind unterschiedlich. Schließlich rochiert der König hier nicht nach b1/Tc1 sondern nach c1/Td1. Also keine normalen Eröffnungen 😊
Nach einer spannenden Partie und einer nervenaufreibenden Zeitnotschlacht hielt ich die Partie Remis.

Als nächste spielte ich gegen Chessence-Gründer und Freestyle-Kommentator GM Niclas Huschenbeth. Wieder hatten wir die Standardaufstellung, nur mit einmal Turm Springer vertauscht. Eine Ungenauigkeit von Niclas bereits im zweiten Zug brachte mir mit Schwarz die Initiative ein, die bis zum Schluss anhielt. Remis!

Was folgt auf ein weiteres Remis gegen einen GM? Ein weiterer GM als Gegner! Dieses Mal GM Gregory Kaidanov aus den USA. Hier erreichte ich eine angenehmere Stellung aus den ersten Zügen heraus, hatte aber viel zu viel Zeit „verbraten“, sodass ich in Zeitnot kam, einen Fehler machte und mich geschlagen geben musste.
In Runde 7 konnte ich mich gegen Simon Fidlin aus einer schlechten Stellung noch in ein Remis retten.
Am letzten Tag startete ich dann aber nochmal durch und beendete das Turnier mit zwei Siegen gegen Jelle Bulthuis und Wolfgang Just.
In den letzten beiden Runden waren die Startstellungen so, dass sehr schnell sehr große Drohungen aufgebaut werden konnten.

In Runde 8 begann ich hier mit Weiß mit dem Zug 1.Sg3. Wenn Schwarz nun unachtsam spiegelt und 1…Sg6 spielt, gewinnt Weiß bereits mit 2.Sf5 oder 2.Sh5, da der Bauer g7 nicht gedeckt werden kann und ein ersticktes Matt droht. Mein Gegner spielte stattdessen 1…g6, bekam aber dadurch später Probleme mit der Entwicklung seines Sh8. Der stärkste Zug wäre 1…f5 gewesen.

In Runde 9 eröffnete mein Gegner mit 2.f4. Hier gilt etwas ähnliches: Spiegelt Schwarz unachtsam mit 1…f5, ist nach 2.Dxa7 bereits der Turm auf b8 komplett verloren. Ich spielte deshalb 1…b6.
Insgesamt kam ich auf ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis: 5,5 Punkte aus 9 Runden gegen eine starke Gegnerschaft.

Bald werdet ihr auf meinem YouTube Kanal auch einige Analysen meiner Partien finden. Also klickt gern rein: https://www.youtube.com/@laraschesscollege
Es war eine aufregende Erfahrung, mal ein Freestyle Open mitgespielt zu haben. Nun freue ich mich auf die nächsten Partien mit der Startstellung Nr. 518 (also die normale Grundstellung 😉)!
Bis bald, eure Lara