
Nur neun Prozent weibliche Mitglieder – und eine neue Arbeitsgruppe, die jetzt startet: Wie können Frauen und Mädchen im Verein gehalten werden?
„Alle sind sich immer einig, dass wir auf allen Ebenen zu wenig Frauen im Schach haben, bei den Spielerinnen, Schiedsrichterinnen, Organisatorinnen und Funktionsträgerinnen. Wir wollen jetzt die Gründe dafür besser verstehen und Konzepte entwickeln, hier etwas zu ändern.“ (Ingrid Lauterbach, Präsidentin des Deutscher Schachbundes)
„Der Schachsport muss deutschlandweit weiblicher werden. Dieses Ziel verfolgen DSB und DSJ seit Jahrzehnten. Ein wirklicher Durchbruch ist dabei nie wirklich gelungen.“ (Niklas Rickmann, Vorsitzender der Deutschen Schachjugend)
Der Anteil der weiblichen Mitglieder beim Deutschen Schachbund liegt nur bei neun Prozent. Doch bei der Ursachenforschung, wann und warum Mädchen den Verein verlassen (oder gar nicht erst zum Schach finden) tappen im Grunde alle seit Jahren im Dunkeln. Der Deutsche Schachbund (DSB) und die Deutsche Schachjugend (DSJ) haben sich jetzt auf ein gemeinsames Projekt zur Förderung des Frauen- und Mädchenschachs geeinigt. Auftakt ist bereits an diesem Sonntag.
Ein Jahr Laufzeit – Förderung mit 10.000 Euro. Die Projektleitung haben Lilli Hahn, Tatjana Gallina, Karoline Gröschel und Jannik Kiesel
Wir haben Lilli Hahn zu dem Projekt befragt!
1) Hallo Lilli, bitte stelle dich kurz vor!
Hallo, ich bin Lilli, 32 Jahre alt, und arbeite als Projektmanagerin bei der Oxford Vaccine Group. Mit Schach habe ich als Kind angefangen, bin mittlerweile aber vor allem im Ehrenamt aktiv, anstatt selbst am Brett zu sitzen. Mein Herzensthema ist es mehr Mädchen und Frauen für Schach zu begeistern und Strukturen zu schaffen, in denen sie sich willkommen fühlen. Dafür war ich einige Jahre im Arbeitskreis Mädchenschach der Deutschen Schachjugend aktiv und bin seit 2022 Mitglied der Frauenkommission des Europäischen Schachverbands.
2) Ich finde es vom DSB und der DSJ toll, dass sie sich im Mädchenschach engagieren und 10 000 Euro zur Verfügung gestellt haben. Was passiert dann ganz genau?
Das steht noch nicht endgültig fest, da wir uns gerade in der Anfangsphase des Projekts befinden. Tatjana Gallina, Karoline Grösche, Jannik Kiesel und ich wurden als Projektleitung benannt, und wir hatten bereits unsere ersten beiden Onlinesitzungen. Grundsätzlich wollen wir zwei Schwerpunkte setzen:
- Analyse der aktuellen Situation – Wir möchten besser verstehen, warum so wenige Mädchen und Frauen im Schach aktiv sind. Dazu wollen wir die Mitgliederzahlen genauer auswerten, Vergleiche mit anderen Sportarten ziehen und gezielt Umfragen sowie Interviews durchführen.
- Entwicklung von gezielten Maßnahmen – Basierend auf den Erkenntnissen wollen wir Konzepte entwickeln, um den Mädchen- und Frauenanteil im Schach zu steigern. Dabei setzen wir auf enge Zusammenarbeit mit Vereinen und Verbänden, unter anderem durch Regionalkonferenzen.
3) Wie meinst du, kann der Mädchen- und Frauenschachanteil auf dauer gestärkt werden?
Ein wichtiger erster Schritt ist es, wirklich zu verstehen, warum aktuell so wenige Mädchen und Frauen den Weg in den Schachverein finden – oder warum sie nach einiger Zeit wieder aufhören. Das ist nicht einfach, weil man genau die Personen erreichen muss, die eben nicht (mehr) im Schach aktiv sind.
Sobald wir diese Hürden besser verstehen, möchten wir gezielt attraktive Angebote für Mädchen und Frauen schaffen und bestehende Initiativen unterstützen. Es gibt bereits viele innovative und erfolgreiche Projekte sowie Vereine mit einem hohen Frauenanteil – von ihnen können wir lernen und ihre Ansätze weiter verbreiten.
4) Was hältst du von meiner These, dass sich das Bewusstsein für dieses Thema in den letzten Jahren sehr positiv weiterentwickelt hat?
Dem würde ich definitiv zustimmen! Nicht nur im Schach, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen gibt es heute ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Diversität eine Bereicherung ist. Viele Vereine und Verbände setzen sich aktiv dafür ein, mehr Mädchen und Frauen für den Schachsport zu gewinnen. Die Herausforderung ist nun, diesen positiven Trend mit nachhaltigen Strukturen und Maßnahmen weiter zu verstärken.