Schach ist Denksport. Kaum eine Disziplin fordert Konzentration, Entscheidungsqualität und emotionale Kontrolle so sehr wie eine fünfstündige Turnierpartie. Und trotzdem spielt mentales Training im klassischen Schachtraining bislang nur eine Nebenrolle.
Genau hier setzt die neue ChessMind-App an, die aus der Doktorarbeit von Janik Notheis zur mentalen Leistungssteigerung im Schach entstanden ist. In einer Sonderausgabe des Schachtalk der Chess Tigers (www.chess-tigers.de) sprechen wir mit ihm über Wissenschaft, Praxis – und die Frage, ob mentale Performance im Schach endlich systematisch trainiert werden sollte.
Emotionskontrolle und Zeitdruckstabilität
Schachspieler analysieren Eröffnungen, lösen Taktikaufgaben, studieren Endspiele. Doch viele Partien werden nicht wegen mangelnden Wissens verloren, sondern wegen eines emotionalen Moments: Zeitdruck, Frust nach einem Fehler oder Nervosität durch Zuschauer direkt hinter dem Brett.
Ein prominentes Beispiel für mentale Stabilität ist Vincent Keymer. Er gilt als Spieler, der sich außergewöhnlich gut von Niederlagen erholt und auch nach Rückschlägen konstant performt. Diese Emotionskontrolle ist im Spitzenschach ein klarer Wettbewerbsvorteil – und dennoch kaum systematisch trainiert.
Im Gespräch diskutieren wir unter anderem, welche emotionale Beeinflussung im Schach erfolgt und wie sich mentale Stärke konkret trainieren lässt. Notheis spricht dabei wissenschaftlich von Begriffen wie „Emotionskontrolle“, „Entscheidungsruhe“ und „Zeitdruckstabilität“.
Von der Doktorarbeit zur App
Die ChessMind-App ist aus wissenschaftlicher Forschung entstanden. Notheis untersuchte, welche mentalen Faktoren im Schach messbar leistungsrelevant sind – und wie sich diese gezielt verbessern lassen.
Die App ist zweistufig aufgebaut:
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Kostenloser Bereich:
Eine Art Standortbestimmung. Nutzer erhalten eine Einschätzung, wo sie mental aktuell stehen – etwa in Bezug auf Fokus, Emotionsregulation oder Umgang mit Druck. -
Kostenpflichtiger Bereich:
Aufbauende Übungen zur gezielten Steigerung der mentalen Performance – strukturiert, systematisch und praxisnah. Teils sind diese Übungen auch aus anderen Sportarten übernommen.
Weitere Informationen gibt es unter:
👉 www.chess-mind.de
Interessant: Laut Notheis zeigen auch Schachverbände wie der DSB Interesse daran, die App ihren Spielern zur Verfügung zu stellen. Das würde mentale Trainingsansätze stärker in die Breite tragen.
Kritische Frage: Trägt sich das Modell?
Im Talk bleibt es nicht bei Begeisterung. Moderator Michael Busse spricht auch einen heiklen Punkt an:
Der Markt für Schach-Apps ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Taktiktrainer, Eröffnungsdatenbanken, KI-Analysen – das Angebot ist enorm. Wird es genügend Nutzer geben, damit sich eine spezialisierte Mentaltrainings-App langfristig trägt?
Einordnung: Mentaltraining ist kein Neuland
Im Talk wurde auch darauf hingewiesen, dass das Thema keineswegs völlig neu ist. Bereits seit Jahren beschäftigt sich Harald Schneider-Zinner intensiv mit diesem Bereich. Seine Podcast-Reihe „Mentaltraining im Schach“ hat vielen Trainern und Spielern erstmals konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben. Auch Großmeister Rainer Buhmann gilt als Experte im Bereich Mentaltraining im Schach. Und Weltmeister Gukesh überraschte nach seinem WM-Sieg mit der Aussage, dass auch ein Psychologe zu seinem Team gehörte.
Fazit: Der Kopf spielt mit
Die zentrale Erkenntnis des Gesprächs: Wer stärker werden will, trainiert meist Eröffnungen oder Taktiken– aber selten seine mentale Performance. Dabei entscheidet im Turnier oft nicht die beste Idee, sondern die stabilste Umsetzung unter Druck.
Ob die ChessMind-App ein Gamechanger wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Die Debatte über mentale Stärke im Schach ist überfällig – und ChessMind bietet einen sehr interessanten Ansatz.
👉 Zum Talk: