FIDE-Generalversammlung verabschiedet Resolution zu kürzeren Zeitkontrollen
Der Homepage des Weltschachbunds entnehmen wir folgende Meldung:
Die FIDE-Generalversammlung hat eine Resolution auf der Grundlage eines Vorschlags der isländischen Schachföderation zu kürzeren Zeitkontrollen im klassischen Schach förmlich unterstützt. Die Annahme der Resolution bedeutet jedoch nicht, dass sich die Verordnungen unverzüglich ändern. Gemäß der FIDE-Charta ist die Generalversammlung befugt, allgemeine Leitlinien für FIDE-Aktivitäten zu genehmigen, während Änderungen an spezifischen Regeln und Verordnungen in die Zuständigkeit des FIDE-Rats fallen.
Der Rat wird daher einen Rahmen für die Erörterung und Genehmigung vorbereiten und vorlegen, der kürzere Zeitkontrollen durchführt und gleichzeitig eine weitere Analyse ihrer Auswirkungen ermöglicht. Nach dem vorgeschlagenen Ansatz würde die Verwendung von 60 Minuten plus 30 Sekunden pro Zug (60+30) keine besondere Genehmigung mehr erfordern. In bestimmten Fällen wäre auch 45+30 erlaubt.
Gleichzeitig würden zwei wichtige Einschränkungen bestehen bleiben: nicht mehr als zwei Spiele pro Tag für Turniere, die auf Titel und Normen zählen, und nicht mehr als eine Norm, die in einem Turnier mit einer verkürzten klassischen Zeitkontrolle gespielt wurde.
Zwei verschiedene Anforderungssätze
Schachvorschriften unterscheiden zwischen zwei Anforderungen, die oft verwechselt werden.
Für Titel und Normen sind nicht mehr als zwei Spiele pro Tag erlaubt. Der Grund ist einfach: Mehr als zwei klassische Spiele an einem Tag zu spielen, wirkt sich zwangsläufig auf die Qualität des Spiels aus, während klassisches Schach definitionsgemäß ausreichend Zeit für tiefe Gedanken und durchdachte Entscheidungen benötigt.
Nur für Bewertungszwecke ist die Einschränkung anders: nicht mehr als 12 Stunden Spiel pro Tag. Innerhalb dieser Grenze können mehr als zwei Spiele gespielt werden.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Titel und Normen stellen einige der wertvollsten sportlichen Leistungen im Schach dar, weshalb sie strengeren Anforderungen unterliegen als Spiele, die allein zur Bewertung eingereicht wurden. Mit anderen Worten, das Zwei-Rund-pro-Tag-Limit gilt für Titel und Normen, nicht für die Bewertung als solche.
Hintergrund
Traditionell betrug die minimale Zeitkontrolle für klassische Turniere auf hohem Niveau 90 Minuten für das Spiel plus 30 Sekunden pro Zug (90+30).
Im Jahr 2026 führte die FIDE ein einjähriges Pilotprojekt ein, das es Turnieren vorbehaltlich der Genehmigung durch die Qualifikationskommission ermöglicht, 60+30 zu verwenden und ,in bestimmten Ausnahmefällen 45+30 zu verwenden, während die Spiele noch als klassisch bewertet werden.
Der Pilot reagierte auf praktische Überlegungen, einschließlich der Notwendigkeit, die organisatorischen Kosten zu senken und klassische Turniere für Spieler und Veranstalter zu organisieren.
Gleichzeitig wurde eine wichtige Einschränkung eingeführt: Ein Spieler kann maximal eine Titelnorm zählen, die in einem Turnier mit einer verkürzten klassischen Zeitkontrolle erhalten wurde. Die übrigen Normen müssen unter der regulären 90+30-Steuerung erreicht werden.
Der Vorschlag der isländischen Schachföderation und der Beschluss der Generalversammlung
Die isländische Schachföderation schlug zwei wichtige Änderungen vor:
- 45+30 eine klassische Standardzeitkontrolle zu machen, die keine besondere Genehmigung erfordert;
- Drei Spiele pro Tag erlauben.
Die Qualifikationskommission lehnte den Vorschlag ab und empfahl, ihn nicht zu unterstützen. Der FIDE-Rat schlug stattdessen einen Kompromiss vor: 60+30 würde eine garantierte Zeitkontrolle werden, während 45+30 eine Ausnahme bleiben würden.
Dennoch unterstützte die Generalversammlung den isländischen Vorschlag mit 33 Ja-Stimmen förmlich, weshalb die Entschließung als angenommen gilt.
Es gibt jedoch eine wichtige verfahrenstechnische Unterscheidung. Die Generalversammlung gibt die allgemeine Richtung vor, während spezifische regulatorische Änderungen durch den FIDE-Rat entwickelt und genehmigt werden.
Es ist auch klar, dass grundlegende dauerhafte Änderungen dieser Art einen breiten Konsens erfordern. Die FIDE vertritt mehr als 200 nationale Verbände, und jede langfristige Reform der klassischen Schachvorschriften sollte daher durch umfassende Konsultationen in der gesamten Schachgemeinschaft in Betracht gezogen werden.
Was der FIDE-Rat vorschlagen will
Der Ansatz des Rates basiert auf einem einfachen Prinzip: Die Anforderungen sollten das Niveau des Turniers und die Qualität des Spiels widerspiegeln, die vernünftigerweise erwartet werden können.
60+30 in der Regel
Der Rat schlägt vor, 60+30 zu einer garantierten klassischen Zeitkontrolle zu machen, die keine Genehmigung der Qualifikationskommission oder einer anderen Stelle erfordert. Jeder Veranstalter könnte es ohne vorherige Genehmigung nutzen.
45+30 für FIDE Circuit Turniere
Der Rat schlägt vor, 45+30 für Turniere, die in der FIDE-Schaltung enthalten sind, automatisch zuzulassen und seine Anforderungen zu erfüllen. Dies sind hochrangige Wettbewerbe mit professionellen Spielern, und der Rat ist der Ansicht, dass eine kürzere Kontrolle in solchen Ereignissen die Integrität des klassischen Schachs nicht untergraben würde. Die Organisatoren würden jedoch ermutigt, die Ansichten der Spieler und die spezifischen Umstände der einzelnen Veranstaltungen zu berücksichtigen.
45+30 für Turniere ohne Spieler mit 2400 oder höher bewertet
Der Rat schlägt auch vor, 45 + 30 in Turnieren automatisch zuzulassen, bei denen kein Teilnehmer eine Bewertung von 2400 oder höher hat. Solche Ereignisse können bereits 60+30 im aktuellen Rahmen verwenden, so dass dies eher eine moderate Anpassung als eine grundlegende Änderung darstellen würde.
Keine besondere Genehmigung erforderlich
In den oben genannten Fällen würde die kürzere Zeitkontrolle automatisch gelten, ohne eine gesonderte Entscheidung der Qualifikationskommission.
Zwei Spiele pro Tag für Titel bleiben
Für Turniere, die auf Normen und Titel angerechnet werden, würde das Zwei-Runden-pro-Tag-Limit bestehen bleiben. Die FIDE ist der Ansicht, dass es schwierig ist, die notwendige Qualität des klassischen Schachs aufrechtzuerhalten, wenn die Spieler mehr als zwei ernsthafte Spiele an einem Tag spielen müssen.
Direkte Titel im Rückblick
Der FIDE-Rat hat die Qualifikationskommission außerdem aufgefordert, die Anforderungen für Turniere mit direkten Titeln zu überprüfen.
Die Sorge ist, dass Normen unter kürzeren Zeitkontrollen leichter zu erhalten sein können. Eine Norm, die bei 45+30 erreicht wird, entspricht nicht unbedingt sportlich einem, der bei 90+30 erreicht wird.
Die Kommission wird daher prüfen, ob Anforderungen wie Mindestbewertungen, die Anzahl der Teilnehmer und die Behandlung von Normen, die unter schnelleren Zeitkontrollen erhalten werden, angepasst werden sollten, um den Wert internationaler Titel zu schützen.
Offenheit und nächste Schritte
Der FIDE-Rat bestätigt, dass die Resolution der Generalversammlung respektiert wird und dass die Arbeit an ihrer Umsetzung bereits begonnen hat.
In naher Zukunft beabsichtigt der Rat, eine formelle Änderung zu genehmigen, die 60+30 zu einer garantierten klassischen Zeitkontrolle macht.
In den übrigen Fragen wird die Qualifikationskommission aufgefordert, die Argumente sowohl für als auch gegen die vorgeschlagenen Änderungen vorzulegen. Im Einklang mit der Offenheitspolitik der FIDE werden diese Materialien veröffentlicht, interessierte Parteien aufgefordert, ihre Meinung einzureichen, und die Vorschläge werden im Voraus öffentlich diskutiert.
Das Ergebnis könnte dann zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden, beispielsweise bei einer außerordentlichen Online-Generalversammlung gegen Ende 2026.
Nach dieser Konsultation wird eine förmliche Entscheidung über die breitere Nutzung von 45+30 und die mögliche Einführung von drei Spielen pro Tag getroffen.
Warum Balance wichtig ist
Zwei Realitäten müssen ausgeglichen sein.
Auf der einen Seite bewegt sich das moderne Leben schneller, die computergestützte Vorbereitung hat die Art und Weise, wie Spieler arbeiten, verändert, und es besteht eine klare Nachfrage nach kompakteren Turnierformaten. Kürzere klassische Zeitsteuerungen und zwei Runden pro Tag können beispielsweise ein klassisches Turnier in fünf oder sechs Tagen statt in neun Tagen absolvieren.
Auf der anderen Seite, wenn klassisches Schach zu stark beschleunigt wird, riskiert es, die Qualität zu verlieren, die es definiert. Klassisches Schach ist die Form des Spiels, in dem die Spieler genügend Zeit haben, um tief über eine Position nachzudenken und überlegte Entscheidungen zu treffen.
Die Aufgabe der FIDE besteht daher darin, die richtige Balance zwischen Praktikabilität und dem wesentlichen Charakter des klassischen Schachs zu finden.
Die FIDE wird die Schachgemeinschaft auf dem Laufenden halten, während sich die Diskussion entwickelt und weitere Entscheidungen getroffen werden.
Klassische Turnier finden heute schon zumeist in fünf Tagen statt, dafür braucht man die 60er Regel nicht.
Wenn man betrachtet, dass es mal 100 GMs in der Welt gab und das ELO-Nievau 100 Punkte niedriger war im Vergleich zu heute mit tausenden GMs und 100 Punkte leichterer Norm, dann weiß ich nicht was es da noch zu schützen gibt.
Zur Zeit etwa 1900 Großmeister, um genau zu sein.
Es geht bergab, mit der Bedenkzeit und damit mit dem klassischen Schach.
Hatte man früher 120 min für 40 Züge so sind es heute bei 90+30 noch 110 min.
Und mit 60+30 sinkt man auf 80 min und bei 45+30 auf 65 min.
Dabei gehen die Antragsteller mal wieder typisch vor, erst die Maximalforderung 45+30 stellen, um dann beim „Kompromiss“ 60+30 zu landen.
Ist wie mit der Zuckersteuer, erst mal auch Zero-Getränke besteuern, dann der Aufschrei und Protest,
na gut, doch keine Steuer auf Zero, und alle sind zufrieden.
Apropos, es wird eine Illlusion bleiben, dass Schach durch Verkürzung der Bedenkzeit attraktiver, wird.
Wenn ich 45+30 spielen will, kann ich auch gleich zum Schnellschach gehen.
Ehrlich gesagt habe ich große Sympathie für diese Initiative. Ich weiß schon: man muss es nicht gut finden, wenn die Bedenkzeit immer mehr verkürzt wird. Man muss es aber auch nicht gut finden, wenn man für eine Schachpartie fünf Stunden am Brett sitzt, ich empfinde das schon länger als irrsinnig, oder anders formuliert als eine Art von Freiheitsberaubung. Dazu kommt: es gibt immer mehr Wettbewerbe, immer mehr Turniere weltweit. Es geht nicht mehr darum, möglichst korrektes Schach zu spielen, sondern es geht darum, Schach zu öffnen für Menschen in aller Welt. Und die Welt dreht sich doch auch immer schneller, bedingt durch die Globalisierung, da können wir im Schach nicht unsere alten Zöpfe verteidigen.
Die mögliche Verkürzung der Bedenkzeit bei gewerteten Partien ist der richtige und zeitgemäße Weg. Und, seien wir mal ehrlich, ist für die Masse der Spieler das Niveau bei der derzeit längerer Bedenkzeit so toll? Ich verfolge ja u.a. Partien im Jugendbereich regelmäßig und sehe viel schwaches Spiel bei den langen Bedenkzeiten. Zeitnot ist die Crux – besonders im Mädchenschach – und von „Qualität / Tiefe des Spiels“ kann im Amateurbereich trotz langen Nachdenkens kaum die Rede sein.
Zudem wird es immer Turniere mit den herkömmlichen Bedenkzeiten geben, sowohl auf höherer Ebene als auch bei Urlaubsturnieren. Warum also nicht ein Angebot für diejenigen zulassen, die entweder nicht die Zeit, die Muße oder auch das Geld haben, lange Turniere zu spielen? Und warum sollen nicht Amateure auch 3 Partien pro Tag mit 45 min. + 30 s spielen können? Partien von 5 oder mehr Stunden passen nur bedingt in unsere Zeit.
Schaut euch nur div. Jugendturniere an: 90 min. + 30 Min. + 30 s und eine Runde pro Tag. In den unteren Altersklassen (und nicht nur dort!) wird dann ziemlich schnell gepatzt und so bei z.B. einer WM 11 Runden in 12 Tagen gespielt, was zeit- und kostenintensiv ist.
Mannschaftskämpfe in unteren Klassen könnten attraktiver werden, wenn sie mit kürzerer Bedenkzeit und vielleicht auch Doppelrunde gespielt würden. Nicht jeder kann den ganzen Sonntag opfern, nur um eine Partie zu spielen.
Tartakower sagte: „Die Fehler sind alle schon da, sie müssen nur gefunden werden.“ So lasst uns die Fehler eben einfach etwas schneller finden!
Das wird ja auch als Neuerung für Amateure präsentiert, aber Hintergrund ist wohl ebenso, dass ein Norweger keine Lust mehr auf Partien mit klassischer Bedenkzeit hat. Trotzdem will er Weltranglistenerster bleiben statt irgendwann offiziell inaktiv.
Interessant wird – außer wie viele Turniere es mit verkürzter Bedenkzeit geben wird – auch wie sich Spieler dann diese einteilen: zunächst wie bei bisher normaler klassischer Bedenkzeit und dadurch relativ früh wenig mehr als Inkrement, oder von Anfang an wie Schnellschach und so erst nach 40, 50 oder mehr Zügen permanente Zeitnot? Anfangs bis diese Bedenkzeiten vielleicht „üblich“ werden, oder auch danach? Passt man sich da an Gegner an?
Ein laufendes Experiment ist derzeit die World University Championship in China: Doppelrunden und Bedenkzeit 60+30 – vorne Titelträger(innen), derzeit führen Luis Engel und Jana Schneider, Lara Schulze auch im Rennen um Medaillen, hinten Elo unter 2000.
Unabhängig davon, was man generell davon hält, ist einiges etwas kurios:
“ unterstützte die Generalversammlung den isländischen Vorschlag mit 33 Ja-Stimmen …. Die FIDE vertritt mehr als 200 nationale Verbände.“
Zuvor wurde Turlov mit 110-85 Stimmen gewählt, haben sich dann bei dieser Abstimmung sehr viele (fast alle) Delegierte enthalten („mir doch egal“) oder gar nicht abgestimmt? 33 Stimmen ist jedenfalls weniger als 20% der Delegierten aber anscheinend eine relative Mehrheit.
Vorschlag des FIDE Council: 45+30 soll als klassische Bedenkzeit akzeptiert werden für FIDE Circuit Turniere (vorne relativ stark und – Ausnahme für nationale Meisterschaften – international besetzt) sowie für Turniere bei denen alle Elo unter 2400 haben. Nur „zwischendrin“ wird es eine Einzelfallentscheidung. Es kann auch bedeuten, dass im ersten Fall Turniere doch nicht FIDE-ausgewertet werden wenn vorne einige absagen (nun zu niedriger Eloschnitt der besten 12), im zweiten Fall wenn sich doch ein Spieler mit 2400+ anmeldet oder wenn ein Spieler nach der Anmeldung und vor dem Turnier Elo 2400 überschreitet.
„FIDE-Schaltung“ ist auch kurios. Kein Vorwurf an die KI, die das wohl zu verantworten hat, aber automatisierte Übersetzungen sollten immer von einem Menschen überprüft werden – das sagte ich zu seinen Lebzeiten auch öfter mal Franz Jittenmeier.