
Gestern haben wir zum Thema der Teilnahme von Transpersonen geschrieben, und darauf hingewiesen, dass im Deutschen Schachbund noch keine Regelungen dazu existieren. Heute können wir ergänzen, dass erste Sportverbände zu dem Thema bereits tätig geworden sind.
1. Leichtathletikverband
Unter der Überschrift „Leichtathletik-Weltverband führt zur WM Geschlechtstests ein“ berichtet „Die WELT“ am 30.07., dass zu den kommenden Weltmeisterschaften verpflichtende Gentests von den Athletinnen verlangt werden. Damit soll das biologische Geschlecht überprüft werden. Auszug: „Unsere Philosophie bei World Athletics ist der Schutz und die Wahrung der Integrität des Frauensports“, begründete der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands Sebastian Coe die Maßnahme und fügte hinzu: „Wir sagen: Auf Eliteebene darf man nur dann in der Frauenkategorie antreten, wenn man biologisch weiblich ist.“
2. Boxverband
Erst kürzlich hatte der neue Box-Weltverband verkündet, im Frauenboxen einen Geschlechtertest verpflichtend einzuführen. Ab dem 1. Juli darf bei allen Wettbewerben von World Boxing nur teilnehmen, wer mittels eines PCR-Gentests sein biologisches Geschlecht bestimmen lässt.
3. Darts-Verband
Auch hier hat der Verband reagiert, wie die WELT am 29.07. berichtet: bei der WDF gelten seit Montag neue Regeln zur Teilnahme von Transgender-Athleten. Demnach dürfen an Frauen- und Mädchenturnieren nur noch solche Personen teilnehmen, „die gemäß Richtlinie als FRAUEN/WEIBLICH definiert sind“. In einem dreiseitigen Dokument ist genau definiert, wer laut Verband eine Frau ist. „Die WDF definiert eine Frau als eine Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde“, heißt es. Transfrauen sind demnach von Frauen-Turnieren ausgeschlossen, und dürften ab sofort nur noch in der „offenen Kategorie“ teilnehmen. Diese Turnier-Kategorie wurde neu eingeführt und steht den Athleten aller Geschlechter offen.
Was leistet ein PCR-Test?
Der PCR-Text ist ein genetischer Test, der auf der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR, englisch: Polymerase Chain Reaction) basiert. Damit können gezielt bestimmte Abschnitte der DNA stark vervielfältigt werden können. So wird es möglich, selbst kleinste Mengen genetischen Materials zu analysieren und auf spezifische genetische Sequenzen zu untersuchen. Ein PCR-Gentest kann das genetische Geschlecht bestimmen, wenn die Analyse gezielt auf die entsprechenden Geschlechtschromosomen ausgerichtet ist.
Fassen wir zusammen:
a) Das Thema „Zulassung von Transpersonen im Sport“ gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit, und die ersten Sportverbände sind tätig geworden.
b) Die anfänglich tolerante Linie der Sportverbände zur Zulasssung von Personen, die ihr Geschlecht gewechselt haben, wird immer mehr durch restriktive Vorschriften geregelt. Dazu führten auch zum Teil massive Proteste der beteiligten Athletinnen, die nicht verstehen konnten, dass ihnen biologische Männer die Medaillen wegnahmen.
c) Es geht dabei natürlich nicht um Diskriminierung von Transpersonen, sondern ganz im Gegenteil um Anti-Diskriminierung, also um die Gewährleistung der sportlichen Fairness in nationalen und internationalen Wettbewerben.
d) Zur Überprüfung der Teilnahmeberechtigung kann entweder ein Test zur Geschlechtsbestimmung verlangt werden, oder im Extremfall sogar ein Geburtsnachweis. Letzteres ist aus unserer Sicht zu weitgehend, denn damit wird jegliche Teilnahme nach Geschlechtsumwandlung ausgeschlossen.
e) Den betroffenen Sportlern wird weiterhin die Möglichkeit eröffnet, am offenen Wettbewerb teilzunehmen, den es ja auch im Schach gibt.
f) Interessanterweise wird in allen Berichten nur die Fallkonstellation erwähnt, dass biologische Männer an Frauenwettbewerben teilnehmen, nicht aber, dass biologische Frauen bei den Männern antreten. Wieso? Weil die sportlich Leistungsfähigkeit von Männern in der Regel höher ist als die von Frauen.
All dies lässt sich 1:1 auf den Schachsport übertragen, da wir aus verschiedenen Beiträgen bereits wissen, dass es biologische Unterschiede gibt, die die Spielstärke beeinflussen, und diese sich auch sehr deutlich im Elo-Unterschied ausdrückt. Um es ganz deutlich zu sagen: wenn der Deutsche Schachbund bzw. die Deutsche Schachjugend das Thema nicht bald regeln, dann handeln sie diskriminierend gegenüber den Athletinnen im Frauenwettbewerb, und verlieren an Glaubwürdigkeit!
Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: biologische Männer dürfen aufgrund physisch bedingter höherer Leistungsfähigkeit nicht an Frauenwettbewerben teilnehmen, aber biologische Frauen dürfen am offenen Wettbewerb teilnehmen.
Erste Sportverbände? Naja, im Fußball gibt es schon seit 2022 eine Regelungen, die im Amateursport sehr liberal ist. Im Profisport gelten meistens Regelungen von übergeordneten Verbänden. (Siehe https://fvn.de/news/nachricht/verbandsmeldungen/regelung-zum-spielrecht-trans-inter-und-nicht-binaerer-personen-1409/ )
Der letzte Satz wird nicht von der von Heinz Brunthaler hier und im Schachfeld gern zitierten Metastudie von Brancaccio & Gobet (2023): »Scientific Explanations of the Performance Gender Gap in Chess and Science, Technology, Engineering and Mathematics (STEM)« gedeckt. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass es zwar einen Leistungsunterschied zwischen Frauen und Männern im Schach gibt, es aber unklar ist, warum. Die Studie schließt damit, dass in keinem der definierten vier Bereiche (Statistik, individuelle Unterschiede, Sozio-kulturelle sowie biologische Gründe) eindeutig der Grund für die Unterschiede liegt. Wissenschaftlich ist der letzte Satz somit nicht belegt. Das heißt nicht, dass er falsch ist, nur er ist auch nicht richtig, da wir es eben nicht wissen.
Lieber Gustav, erst mal danke dafür, dass du so aktiv an der Diskussion teilnimmst. Du hast einen sehr wichtigen Satz herausgegriffen: Die Studie schließt damit, dass in keinem der definierten vier Bereiche (Statistik, individuelle Unterschiede, Sozio-kulturelle sowie biologische Gründe) eindeutig der Grund für die Unterschiede liegt. Meine Meinung dazu_
* Der statistische Faktor kann nur eine untergeordnete Rolle spielen, denn die tausende von Frauen die wir im Schach haben, sind ja schon eine gute Stichprobe. Wieos sollten zehn mal so viel in der Verteilung völlig anders liegen?
* Individuelle Unterscheide, wie genau ist das gemeint? Jeder Mensch ist individuell.
* Sozio-Kulturelle Unterschiede: auf jede Fall spielen die herein, gar keine Frage, ist nur fraglich, wie stark!
* Biologische Gründe: das ist für mich der Hauptverdächtige! Denn woran sollte es denn sonst liegen? Der Autor sagt ja selbst, dass sie nicht herausgefunden haben, wie der Unterschied zu erklären ist Wieso nimmt man dann nicht einfach die plausibelste Erklärung an? Und wer würde behaupten, dass Männer und Frauen biologisch gleich sind?
Aber wie dem auch sei, ich muss wohl für mich festhalten, dass es immer noch genügend Menschen gibt, die das Thema anders sehen.
Gerne. Mit »individuellen Unterschieden« bezeichnen die Autoren Unterschiede Aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen wie Intelligenz oder Motivation. Es kommt aber letztlich nicht darauf an wie du und ich das Thema sehen (ich kann mir vorstellen, dass es auch biologische Unterschiede geben kann, eher so in der Richtung, wie es Elisabeth Pähtz im Podcast geäußert hat), sondern was halt rechtssicher ist. Wenn der DSB eine Regelung schafft, dass aus dem und dem Grund jemand nicht spielberechtigt ist, darf das nicht bei der ersten Klage zusammenbrechen. Daher der Bezug auf die Wissenschaft. Und die sagt eben: wir wissen nichts genaueres, haben nur unscharfe Daten, können aber sagen, dass es vermutlich verschiedene Gründe hat.
Die Klagegefahr würde ich eher bei den Konkurrentinnen sehen. Angenommen der Vater von der Zweitplatzierten ist Jurist. Dann würde ich mir mal anschauen, wie viel Aussicht auf Erfolg eine Klage hat. Es geht auch um etwas, nämlich um das Recht, auf Kosten des DSB zur Jugend-EM oder Jugend-WM zu fahren!
Das ist ein valider Punkt. Ohnehin wird das Thema zu einseitig diskutiert und der Fairnessgedanke nicht aus der Sicht der Mehrheit (biologische Frauen) bei dem Thema diskutiert. Rein juristische Spekulationen sind aber kein gutes Argument.
Warum dreht Ihr alle völlig durch? Es ist doch eigentlich gar nichts passiert. Die Favoritin bei der Mädchenmeisterschaft hat ihr Turnier nicht gewonnen. So weit, so normal. Aber dann hat ausgerchnet Nora gewonnen. Jetzt lässt es sich natürlich prächtig schwadronieren. Man will ja schliesslich nicht selber schuld gewesen sein.
Die sinnfreie Aufblasung dieser Diskussion erinnert mich sehr an den Zauberlehrling.
Es gibt nach wie vor weder ein Beispiel noch ein Indiz dafür, daß männliche Schachprofis plötzlich Frauen werden wollen um an Preisgelder und Titel zu gelangen.
Lieber Klaus, ich erlaube mir, in deinem Beitrag ein paar Worte zu ergänzen: Es gibt nach wie vor NOCH KEIN Beispiel und noch KEIN Indiz dafür, daß männliche Schachprofis plötzlich Frauen werden wollen um an Preisgelder und Titel zu gelangen.
Die Argumentation geht am Punkt vorbei. Es kommt doch überhaupt nicht darauf an, aus welcher Motivation ein Geschlechtswechsel erfolgt. Transfrauen haben aufgrund ihres biologischen Geschlechts Vorteile in der Spielstärke gegenüber Cis-Frauen, insbesondere wenn sie sich für einen Geschlechtswechsel ohne Hormoneinnahme und weitere medizinische Anpassungen entscheiden. Das ist unfair den Frauen gegenüber, die mit diesen in gemeinsamen Wettbewerben konkurrieren.
Guten Morgen!
Gerald Hertneck schreibt: Gestern haben wir zum Thema der Teilnahme von Transpersonen geschrieben, und darauf hingewiesen, dass im Deutschen Schachbund noch keine Regelungen dazu existieren. Heute können wir ergänzen, dass erste Sportverbände zu dem Thema bereits tätig geworden sind.
In seinem Beitrag “ Selbstbestimmung über alles!“ im Schachticker vom 25.06.2023 äußert sich der damalige Leistungsportreferent Hertneck in einer „Satire“ zum geplanten Selbstbestimmungsgesetz und gibt eine Einschätzung der möglichen Folgen ab. Ich erlaube mir, meinen Austausch zur Diskussion mit
Dirk Paulsen erneut vorzutragen, Zitat:
Lieber Schachfreund Paulsen,
ich habe nicht die Absicht, die Stimmungsmache
von Gerald Hertneck zu unterstützen und wünsche,
die humoristische Einlage des DSB Referenten
für Leistungssport verschwindet im Sommerloch.
Möge er sich in der Zukunft einer sachlichen
Lösung der auftretenden Probleme zuwenden!
Beste Grüße
Eckhard Fischer
Zitat Ende
Eine Lösung der anstehenden Probleme hat GM Hertneck in seiner Amtszeit und Zuständigkeit nicht angestrebt.
Heute beklagt er seine eigene Untätigkeit und kritisiert – nach seinem Abschied – das amtierende Präsidium.
Für den Journalisten Hertneck mag diese Kritik opportun sein, für ein ehemaliges Mitglied im
Präsidium des Deutschen Schachbundes ist das allerdings sehr fragwürdig.
Beste Grüße
Eckhard Fischer
Hallo Herr Fischer, Danke für Ihren Kommentar, aber Ihre Einschätzung ist nicht ganz richtig.
Erstens gab es zu meiner Amtszeit noch keinen Anwendungsfall, und damit sah die Kommission Leistungssport keinen Anlass, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dieser Anwendungsfall trat genau eine Woche nach meinem Verzicht auf erneute Kandidatur auf.
Und zweitens ging das Präsidium in Vorleistung, und erklärte Diversität zum Maß aller Dinge. Siehe https://www.schachbund.de/news/erklaerung-des-dsb-zur-von-der-fide-erlassenen-regelung-zur-registrierung-von-transgender-schachspieler-innen.html
Und drittens ist das federführend ein Thema für die Frauenkommission, die ja auch gleich protestiert hat. Allerdings hätten hier auch die Kommission Leistungsport und Frauensport ein gemeinsames Vorgehen abstimmen können, weil beide Bereiche betroffen sind.
Danke dass Sie auf den Beitrag „Selbstbestimmung über alles“ verweisen, der sich noch heute liest wie eine Anleitung, wie es nicht laufen sollte im Schach!
Hallo Herr Hertneck,
in Ihrem Beitrag „Selbstbestimmung über alles“ haben Sie die möglicherweise anstehenden Probleme beschrieben. Sie haben es kommen sehen und darauf verzichtet, Ansätze und Lösungen auch nur zu skizzieren. In der Vergangenheit hat es im Leistungssport bereits Teilnahmen von transgeschlechtlichen Frauen bei Deutschen Meisterschaften, im Leistungsport, gegeben. Die Aussage, es habe keinen Anwendungsfall gegeben, ist eine Schutzbehauptung Ihrerseits. Sie weigern sich,
Veränderungen in unserer Gesellschaft zu akzeptieren, und befeuern eine weitere
Diskussion über das Präsidium und die Präsidentin, Frau Lauterbach, im besonderen.
Konstruktive Beiträge sind gefragt, diese vermisse ich bei Ihnen.
Mit freundlichen Grüßen
Eckhard Fischer
Hallo Herr Fischer, ich muss erneut widersprechen, fürchte aber dass sich unsere Positionen nicht annähern werden.
1. Die Anwendungsfälle von denen Sie reden, waren aus meiner Sicht keine, denn sie standen noch unter der alten Rechtslage, und haben keine Skandale verursacht. Von einer Schutzbehauptung meinerseits zu sprechen, finde ich absurd.
2. Es ist richtig, dass ich das Problem als Referent kommen sah, hatte hierzu aber leider keine Unterstützung aus dem Präsidium, und auch die ernsthaften Bedenken von Elisabeth Pähtz wurden leider geflissentlich ignoriert. Und wie gesagt, da es in meiner Amtszeit nicht zum Präzedenzfall kam, war die Angelegenheit nicht so brisant. Wir hatten genügend andere Themen.
3. Sie sprechen davon, dass Veränderungen in unserer Gesellschaft akzeptiert werden sollten. Dazu kann ich nur sagen, dass erstens der Gesetzgeber ganz bewusst eine Ausnahme für den Sport geregelt hat, das heißt es können Zulassungsbeschränkungen in Frauenturnieren im Leistungssport erlassen werden. Und zweitens kann ich Ihnen versichern, dass unter einer konservativen Regierung eine Geschlechtsänderung durch Selbsterklärung niemals beschlossen worden wäre. Trotzdem habe ich in meinen Beiträgen darauf hingewiesen, dass der gesellschaftliche Blick auf das Thema Transgender liberaler geworden ist, und dass auch das Bundesverfassungsgericht eine Liberalisierung angemahnt hat.
4 Meine Kritik am Präsidium finde ich durchaus nachvollziehbar, da die Frauenkommission und die Frauenreferentinnen im Regen stehengelassen werden. Für mich und auch für die Mehrzahl der Frauenreferentinnen (des Bundes und der Landesverbände) war Willingen der Sündenfall, der bei mir zum Umdenken geführt hat.
5. Um es auf den Punkt zu bringen, ich kann nicht erkennen, dass ich mich in der Sache falsch verhalten habe. Richtig ist allerdings, dass der Schachkicker massiv dafür wirbt, dass biologische Männer künftig nicht mehr in Frauenturnieren spielen dürfen, um den Frauensport zu schützen! Und das ist mein konstruktiver Beitrag zur Debatte.
Hallo Herr Hertneck,
mit der Vermutung, daß unter einer konservativen Regierung eine Geschlechtsänderung durch Selbsterklärung nicht beschlossen worden wäre, liegen Sie sicher richtig. Die angemahnte Liberalisierung durch das BVG und die politischen, parlamentarischen und gesellschaftlichen Mehrheiten legitimieren die Haltung des Präsidiums, insbesondere Frau Lauterbach hat sich
in Dankes werter Weise klar positioniert.
Diese Auseinandersetzung wird innerhalb des DSB geführt werden müssen, und Ihre fehlende Kompromissbereitschaft macht mir
Sorgen.
Mit freundlichen Grüßen
Eckhard Fischer
Hallo Herr Fischer, mir macht Ihre fehlende Kompromissbereitschaft auch Sorgen! Und im übrigen habe ich ja seit zwei Monaten keine Funktion mehr im DSB.
Jetzt diskutieren so alte Hasen, dabei ist es aus meiner Sicht ganz simpel und einfach.
Nora Heidemann hat laut DWZ-Liste eine DWZ von 2006 bei 80 Auswertungen. Die meisten ich bezeichne es mal so, vor der Zeit. Vor Beginn der DJEM hat sie knapp unter 1900 gehabt. Mit diesem Turnier macht sie einen Riesensatz. Soweit so gut.
Wenn jemand in dem Alter bei 80 Auswertungen diese DWZ hat sagt es vieles aus. Und nur weil sie jetzt bei den Mädels gespielt und gewonnen hat wird es hinterfragt. Die meisten Mädchen haben eine DWZ, die sicherlich überwiegend aus gemischten Turnieren entstand ist. So Katarina Bräutigam mit ihren 2072 bei 114 Auswertungen.
Jetzt mal ehrlich: Wo ist das Problem? Überragend gespielt, die Gegnerinnen nicht, wer hat nicht selbst mal so ein Turnier erlebt.
Und wenn wir schon mal dabei sind: Bei allem Leid der Ukraine, wenn man den Kids die Möglichkeit gibt, die DJEM zu spielen, was ist dann mit dem deutschen Teilnehmer, der nur
Zweiter wurde, weil ein Kind aus der Ukraine gewinnt (siehe 2024). Nicht falsch verstehen, der sportliche Sieger ist der Sieger, aber den deutschen Jahrgang hat man um die Chance gebracht, deutscher Meister zu werden, aber hat sich da jemand aufgeregt?
Auch darüber, dass man nicht Schachdeutscher sein muss, um Deutscher Jugendmeister zu werden, gibt es viel Unverständnis. Wenige andere Länder machen das so, das ist ein deutscher Sonderweg. Auch ich habe dafür kein Verständnis. Die Deutsche Schachjugend setzt aber auch hier andere Prioritäten.
Wie bitte, um Deutscher Meister zu werden muss man nicht Deutsch sein? Was kommt als nächstes, ein Jugendlicher, der die Seniorenmeisterschaft gewinnt? Die spinnen doch alle!
Es geht wohl um Vadim Petrovskij und Bogdan Bilovil, die für Wolfhagen gemeldet sind und im Jahr 2024 bei der DEM-U18 die Plätze 1 und 2 erreichten. Der eine ist schon eingebürgert, und bei dem zweiten dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis das Verfahren durch ist. Es gab damals etwas Grummeln, aber keinen großen Aufschrei.
Bei Nora Heidemann war es wohl auch nur eine einzelne Mutter, die zwei Wochen lang jeden Tag neu gezetert hat, welches Unrecht ihrer Tochter (DWZ 1710) angetan worden sei.
Das gab es nicht nur für Ukrainer, jedenfalls 2023 wurde der Norweger Havard Haug deutscher U14-Meister. Damals spielte er für Borussia Lichtenberg (Berlin), nun für Doppelbauer Kiel – bei der FIDE ist er immer noch Norweger.
Ukrainische Flüchtlinge sind bei deutschen Meisterschaften direkt spielberechtigt, für andere Ausländer gilt generell: zum Zeitpunkt der DEM nachweislich seit 12 Monaten Wohnort in Deutschland. In dem Turnier waren unter den 48 Teilnehmern auch vier Ukrainer, ein Türke und ein Engländer – teils haben sie später den Verband gewechselt, teils nicht. Das passt auch zu meinem DWZ-Artikel: Spieler mit ausländischer Schachbürgerschaft sind mitunter durchaus Teil der deutschen Schachszene.
Für Förderung im Bundeskader oder Nominierung zu Europa- und Weltmeisterschaften muss man dabei meines Wissens Schachdeutscher sein. Havard Haug spielte danach auch Jugend-Weltmeisterschaften, da wurde er wohl von Norwegen nominiert. 2023 spielten da auch fünf Deutsche, die bei der DEM hinter ihm landeten.
Ich habe mal gerade geschaut, es handelt sich nicht um Einzelfälle. In den letzten 5 Jahren sind folgende Spieler und Spielerinnen deutsche Meister geworden, die während des Turniers eine andere FIDE-Nationalität hatten als Deutsch:
Mykhaylo Nezhyvenko
Artem Lutsko
Mariia Bohatyrova
Havard Haug
Ivan Sidletskyi
Vadim Petrovskiy
Daria Shynkar
Christina Jordan
Einige sind seitdem zum deutschen Verband gewechselt, andere nicht. Möglicherweise habe ich auch noch weitere Spieler übersehen. Einige dieser späteren Meister ausländischer Schachnationalität haben sich nicht einmal qualifiziert, sondern haben Freiplätze für das Turnier bekommen. Ich kann hier höchstens für 2022 eine Sonderbehandlung der Ukrainer verstehen, die Anfang 2022 Hals über Kopf fliehen mussten, aber danach?
Ist ja ganz nett, dass der Integrationsgedanke groß geschrieben wird, aber ist es denn zuviel verlangt die FIDE-Nationalität zu wechseln, wenn man denn unbedingt deutscher Meister werden möchte? Ich finde das ungerecht gegenüber den deutschen Nachwuchsspielern.
Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Der vorherige Beitrag stammt nicht von dem selben Holger, der hier schon vorher kommentiert hat.
(Die Frage meines Namensvetters haben Ingo Althöfer und Thomas Richter bereits hinreichend beantwortet.)
Die DSJ hat schon vor etwa 3 Jahren beschlossen, dass die hier lebenden Ukrainer im Integrationssinne zu den Jugendmeisterschaften zugelassen werden. Was natürlich nicht auf ungeteilte Zustimmung bei den deutschen Nachwuchsspielern und deren Eltern stößt.
Hallo in die Runde,
Ich bin nicht sicher, ob Mädchen/Frauen wirklich prinzipiell schwächer im Schach sind als Jungen/Männer. Vielleicht sind sie einfach nur realitätsnäher/vernünftiger?! Wer heutzutage Schachprofi ohne Prekariats-Aussicht (durchschnittlicher Stundenlohn unter oder über 12 Euro) werden will (als Junge/Mann), sollte ganz früh schon Wertungszahlen über 2.500 haben. Vielleicht macht es Sinn, eine Umfrage zu machen, mit der zentralen Frage:
Investiert Du als 16-jähriger (oder 18-jähriger) mindestens 40 Stunden pro Woche in Deine Schachausbildung?
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Ansonsten habe ich als Hochschullehrer in der Mathematik eine Erfahrung gemacht: Mathe-Studentinnen sind NICHT leistungsschwächer als männliche Mathe-Studenten. Es hängt eher an ihrer Lebensplanung, dass sie sich nicht so oft für ein Promotions-Studiums und/oder eine Laufbahn als Hochschullehrer entscheiden.
Vielleicht ist ja ein zentraler Unterschied zwischen Schach und Mathematik, dass Schach unter Zeitdruck gespielt wird, Mathematik aber nicht.
Viele Grüße, Ingo Althöfer.
Zitat: „Wer heutzutage Schachprofi werden will …
… dass Schach unter Zeitdruck gespielt wird, Mathematik aber nicht …“
dazu möchte mir folgende Anmerkung erlauben.
* Leistungsunterschiede in Schach finden sich, zumindest statistisch, auch im Amateurbereich.
Schach wird, sowohl als Sport als auch Spiel verstanden, streng regelbasiert ausgeübt, was Mathematik nicht ist. Nach meiner persönlichen Meinung wird eine mögliche Korrelation zwischen mathematischem und schachlichem Talent maßlos überschätzt. Siehe u.a. die Diskussion Schulfach Schach statt Mathe.
* Eine Bemerkung an Verantwortliche in DSB und DSJ:
Es kann in einem Schachturnier einen Sieger und einen deutschen Meister geben. Beide Personen müssen nicht identisch sein.
Dass eine Person nichtdeutscher Staatsbürgerschaft und Nichtmitglied des Deutschen Schachbundes einen Deutschen Titel erhält, sollte nicht nur Mathematikern unlogisch erscheinen. Einer gewissen Logik sollten die Verantwortlichen auch in ihren Ausschreibungen nachkommen.
Ukrainische Flüchtlinge sind sofort spielberechtigt, generell gilt die Jugendspielordnung https://schachjugend.github.io/Spielordnung/Spielordnung.html Ziffer 1.4 oder 1.5. Die aktuelle Fassung ist vom 2. März 2025 (Ausführungsbestimmungen vom 28. Juni 2025), aber das gab es ähnlich bereits 2021. Damals hatte ich es für einen Jugendlichen meines vorigen Vereins geklärt – da ging es um Spielberechtigung in einer Mannschaft auf bayerischer Ebene (Qualifikation für DVM U14).
Der Normalfall ist nachweislich seit einem Jahr in Deutschland und damit Teil der deutschen Schachszene. Den Verband wechselt man dabei wohl nur bzw. erst wenn man sich sicher ist, langfristig in Deutschland zu bleiben – das weiß man mit 14 noch nicht, mit 18 eventuell auch noch nicht. Einige Ukrainer sehen ihre Zukunft offenbar in Deutschland, andere hoffen vielleicht noch auf eine Rückkehr. Bei anderen Nationalitäten – auch bei „meinem Spieler“ – ist „beruflicher Hintergrund der Eltern“ Grund für Lebensmittelpunkt in Deutschland. Das gilt vielleicht nur für einige Jahre bzw. später haben sie als Erwachsene „ihr eigenes Leben“.
Natürlich betrifft das alles nicht nur Sieger(innen) sondern auch Spieler(innen) die nicht ganz vorne landen.
Auch wenn wir uns jetzt weit vom eigentlich Thema des Beitrages entfernen: Ich kann zumindest für einen der genannten ausländischen Spieler aus eigenem Wissen ergänzen, dass sein Aufenthalt in Deutschland von vornherein auf ein Jahr (plus Sommerferien davor und danach) begrenzt und geplant war. In diesem Zeitraum ist er dann Deutscher Meister geworden, hat aber international für sein Heimatland gespielt.
Nichts gegen den Jungen, der hat nichts falsch gemacht, sondern nur die Möglichkeiten genutzt, die es nun einmal gibt. Ich bin aber der Meinung, es sollte Regeln geben, die seine Teilnahme schon im Vorfeld verhindert hätten.