Wer ist IM Elias Ruzhansky? Ich hatte den Namen zuvor nie gehört oder gelesen – aus Belgien, Jahrgang 2011 wie auch z.B. Christian Glöckler, Hussain Besou oder international bekannter Yagiz Kaan Erdogmus.
Wer ist FM Mykola Korchynskyi? Er wurde auf dem Schachkicker und anderswo, jedenfalls in Deutschland, bereits erwähnt: deutsch-ukrainischer U16-Europameister. Beide landeten beim Chessfestival Groningen 2025 zwischen bzw. vor GMs und machten jeweils auch einen Schritt zum nächsten Schachtitel – GM-Norm für den Belgier, IM-Norm für den neudeutschen Spieler. Gemeinsam haben sie auch, dass sie jeweils einmal den Verband wechselten – das kommt später.
Endstand im Turnier
1. IM Ruzhansky 7/9, 2.-4. GM Kazakouski, GM Vignesh, FM Korchynskyi 6,5 (sortiert nach direktem Resultat), 5.-10. GM Bernadskiy, GM Prraneeth, IM Manafov, IM Babazada, GM Shyaam, IM Martins 6 (sortiert nach Buchholz). Der an 2 gesetzte GM Thomas Beerdsen (auch mal Jungtalent, inzwischen 27) landete noch einen halben Punkt dahinter – Niederlage gegen Ruzhansky in Runde 2 und nur Remisen ab Runde 5.
Damit ist auch bereits angedeutet, dass das Turnier durchaus international besetzt war. 36 aus den Niederlanden war nur etwas mehr als die Hälfte von insgesamt 63, daneben 13 aus Indien (wie oft bei europäischen Opens), 3 aus Deutschland und insgesamt 13 Länder vertreten. Der eine Kirgise hatte wohl keine sehr weite Anreise, das kommt später. Letztes Jahr waren es eher zu viele Niederländer, dadurch beinahe keine gültige IM-Norm für Machteld van Foreest wegen zu vielen Gegnern aus dem eigenen Verband. Dann durfte/musste sie in der letzten Runde gegen den Litauer GM Kazakouski spielen, brauchte und bekam einen Sieg und die IM-Norm klappte doch. Diesmal landete sie dann mit 5/9 „unter ferner liefen“.
Das Turnier insgesamt
Etwas ungewöhnlich bis einmalig: ein Weihnachtsturnier, das bereits vor Weihnachten beginnt. Gespielt wurden 9 Runden vom 21.-30.12. mit Ruhetag am 25.12. – so sind Titelnormen ohne Doppelrunde(n) möglich. Am „heiligen Mittag“, 24.12. ab 13:00, wurde dagegen Schach gespielt.
Wer ist Elias Ruzhansky?
Ich habe etwas recherchiert und fand unter anderem dieses Youtube-Video anlässlich „Gentenaar van de maand (Einwohner von Gent des Monats)“. Er spricht fließend Niederländisch bzw. Flämisch (verhält sich zu Niederländisch wie Bayrisch oder Österreichisch zu Deutsch). Aber geboren ist er in England, wo er auch seine ersten schachlichen Schritte machte. Zunächst spielte er mit englischer Flagge, 2020 dann der Verbandswechsel.
Der Name suggeriert dabei einen Migrationshintergrund der Eltern, was sich durch einen Zufall wohl bestätigte. Nur durch einen Tippfehler bei der Google-Suche (Elian statt Elias) fand ich auch den Mathematiker Michael Ruzhansky – aktuell „Senior Full Professor of Mathematics, Ghent University, and Professor of Mathematics, Queen Mary University of London“. Aber Studium in St. Petersburg und Promotion in Utrecht, danach viele Jahre vor allem in London. Unter „Personal“ erwähnt er zwar nur „My dog and rabbit growing“, aber das ist wohl der Vater (der selbst anscheinend nur ein bisschen Schnell- und Blitzschach spielte). Im Gegensatz zu einem anderen Spieler, der in jungem Alter eine GM-Norm in Groningen erzielte, sagte Elias vermutlich nie „St. Petersburg still feels most like home“.
IM wurde er gerade erst und dadurch auch „Gentenaar van de maand“. In Groningen bekam er in Runde 3-7 nacheinander fünf der sechs GMs im Turnier. Sieg gegen Beerdsen hatte ich bereits erwähnt, später auch Sieg gegen Prraneeth und der Rest remis. Aktuell ist er bereits Nummer 5 im auch schachlich eher kleinen Belgien, vielleicht sehen wir ihn 2026 auch bei der Olympiade?
Was machte Mykola Korchynskyi?
Gegen GMs nur oder immerhin 1/3 (Remis gegen Bernadskiy und Kazakouski, Niederlage gegen Vignesh), gegen Nicht-GMs starke 5,5/6. Aus einer Partie (komplett z.B. hier) ein Fragment bzw. Diagramm:

Was ist hier denn los? Zuvor stand Korchynskyi mit Schwarz mal ziemlich schlecht (Engine-Urteil bis +3). Vielleicht war er schon vor der Partie verwirrt: „der Name meines Gegners IM Bala Chandra Prasid Dhulipalla passt nicht auf das Partieformular, was nun?“. Aber hier war es bereits unklar, da der Inder mit seinem König etwas zu nonchalant herum spazierte: 23.Kd2 war noch OK (rochieren wollte er ohnehin nicht mehr), 26.Ke3 etwas zu kreativ oder übermütig.
Darauf kam 26.-a4 27.Lxa4 bxc3 28.Tc1 Ld3 29.Txc3 und wir haben die Diagrammstellung mit beiderseitiger Zeitnot. Es folgte 29.-Txa4! 30.Dxa4 Dxh5 31.Txd3 (Qualität zurück geben muss sein) 31.-exd3 32.Kxd3 Dh1! und Schwarz hat Oberwasser – für Engines nur etwas, aber für Menschen mit Weiß sehr unangenehm. 33.Ke2 Kommando zurück war der beste Zug, aber es kam 33.Dc2?! Ta8 34.Kc4!!? (Engine-Ausrufezeichen) und das überlebte Weiß nicht: 34.-Df1+ 35.Dd3?? (35.Td3 Dxg2 war das kleinste Übel) 35.-Dxf2 36.Le5 Da2+ 37.Db3 Ta4+ 0-1.
Das war in der letzten Runde. Die IM-Norm war auch bei einer (zuvor denkbaren) Niederlage bereits in trockenen Tüchern, aber so landete er weit vorne in der Abschlusstabelle und bekam auch Preisgeld (vermutlich 1000 Euro). Es ist seine zweite IM-Norm, Gold bei der U16-Europameisterschaft war zugleich auch eine IM-Norm.
Kurz nach Rotenburg an der Wümme
Zunächst dachte ich, dass er für Groningen auf Rotenburg an der Wümme verzichtete. Das war Austragungsort der deutschen Vereinsmeisterschaft U20, wie immer (bzw. vor und nun nach der Pandemie) zwischen Weihnachten und Neujahr. Aber da war er wohl ohnehin nicht spielberechtigt, da er erst für diese Saison vom Oberligisten Essen-Katernberg zum ehemaligen Ligakonkurrenten und dann Zweitliga-Aufsteiger Erkenschwick wechselte. In der U20 darf man generell nur mitspielen, wenn man bereits in der vorigen Saison aktives Mitglied des Vereins war.
Alle acht DVMs kann ich nicht aufbereiten, aber bei der U20 auf diesem Weg Glückwunsch an Tarrasch zum deutschen Meistertitel – unter anderem aber nicht nur dank 3,5-2,5 in der ersten Runde gegen Tarrasch. Keine Überraschung, dass Nürnberg besser war als München – eher dieses knappe Ergebnis. Aber das (vorne ukrainische) Nürnberg gewann auch im weiteren Turnierverlauf fast alle Matches.
Zurück nach Groningen: andere Spieler aus Deutschland
„Aus Deutschland“ statt „deutsche Spieler“, da ich so auch den nun für Viernheim spielenden Gießener Kirgisen FM Bayastan Sydykov (*2011) erwähnen kann. Er hatte am Ende ein „normales“ Ergebnis bzw. ein leichtes Eloplus. Zwei die wie Korchynskyi in NRW beheimatet sind und ebenfalls 2010 das Licht der Welt erblickten sammelten dagegen „Erfahrungen“: Tom Dordevic (Mülheim-Nord, zuvor Düsseldorfer SV) und Emil Frederik Schuricht (Krefelder SK Turm 1851) mussten sich beide von etwa 35 Elopunkten verabschieden. Wer den Ruhetag am 25.12. für einen Weihnachts-Familienbesuch nutzte (machbar war es wohl), dazu habe ich nicht recherchiert.
Groningen-Historie
Das Chessfestival Groningen gibt es seit 1963 – jährlich außer, warum auch immer, 2020 und 2021. Seit 2007 ist es ein Open im Schweizer System. Zuvor gab es offenbar wechselnde andere Formate bei denen sich auch Weltklassespieler in die Siegerliste eintragen konnten. Mal alphabetisch sortiert: Adams, Anand (Vishy nicht Pranav, der 2022 das Open gewann), Ivanchuk, Karpov (Sieger 1968 und 1995), Nunn, Piket, Short.
Erfolge für junge IMs
Im Open gab es „junger IM siegt mit GM-Norm“ im Laufe der Jahre immer mal wieder, nämlich
2019 der 17-jährige IM Vrolijk. 2018 war er vielleicht etwas weniger fröhlich. Er verpasste den Turniersieg nach Wertung knapp, und trotz TPR 2660 war es bei sieben niederländischen Gegnern in neun Runden offenbar keine GM-Norm.
2015 Lokalmatador IM Jorden van Foreest. Er hatte dabei zuvor bereits 3 GM-Normen, nur den Titel bekam er offiziell anscheinend erst nach dem Turnier.
2014 der 16-jährige IM Alexander Donchenko. 8/9, TPR 2803 war offenbar das beste Ergebnis aller Zeiten im Groninger Open. 6,5/9 gegen die Gegner die er hatte wäre auch eine GM-Norm gewesen. Bei seinen beiden anderen GM-Normen (Baku Open und Aarhus Chess House GM) hat er nur leicht übertrieben, jeweils ein halber Punkt mehr als notwendig. Beim 1st Quarter Presidential Board Meeting 2015 wurden aus deutscher Sicht neben ihm auch Dennis Wagner, Matthias Blübaum und der vergleichsweise unbekannte (nicht mit mir verwandte) Michael Richter offiziell GM.
2009 der 13-jährige IM Nyzhnyk, diesen Altersrekord behält er. 2010 wurde er nach Wertung Zweiter, aber auch das war eine GM-Norm. Da gewann er in Runde 1 gegen einen talentierten 12-jährigen Spieler mit Elo 2207, ein gewisser Alexander Donchenko.
2008 erwähne ich auch noch. Der 14-jährige russische FM Anish Giri wurde zwar nur Dritter, aber auch das war eine GM-Norm. Den Verband wechselte er erst, nachdem der GM-Titel durch danach Corus Chess C 2009 in trockenen Tüchern war. Sonst wäre es in Groningen bei sechs niederländischen Gegnern in neun Runden womöglich keine GM-Norm. Er sagte irgendwann mal „St. Petersburg still feels most like home“. Später mussten die Niederlande dann nicht befürchten, dass er vielleicht „den Caruana macht“ und wieder für Russland spielt.
Was wurde aus diesen Spielern?
Liam Vrolijk wurde tendenziell „nur GM“ (Elo maximal 2573). Jorden van Foreest und Alexander Donchenko wurden jedenfalls Nationalspieler. Anish Giri entwickelte sich zum Weltklassespieler, 2026 wird sein drittes Kandidatenturnier.
Nyzhnyk ist ein Sonderfall. Plötzlich „verschwand“ er. Erst einige Jahre später entdeckte ich, dass er in den USA landete. Erst Mitte 2022 hatte er im Alter von 25 Jahren mal Elo fast 2700, nun ist er wieder auf 2527 abgestürzt. Das Foto auf seiner FIDE-Eloseite ist „etwas veraltet“.
Wie geht es weiter?
Für Elias Ruzhansky wird die Zukunft zeigen, was er schachlich erreicht. Wird er „ein Liam Vrolijk“, wobei auch dieses Niveau in Belgien für die Nationalmannschaft reicht? Ein van Foreest (eher Jorden als Lucas) oder Donchenko? Oder gar ein Giri, oder noch mehr? Das gilt analog für z.B. Christian Glöckler oder demnächst-IM Hussain Besou, oder auch Bayastan Sydykov der noch etwas „Nachholbedarf“ hat. Wird Ruzhansky Belgien-intern zu Daniel Dardha (albanische Wurzeln) aufschließen?
Was offene Turniere betrifft: Derzeit läuft der Hastings Chess Congress mit am Neujahrstag Doppelrunde um 10:00 und 15:00. Momentan führt da Marius Deuer – GM-Norm auch abhängig davon, ob er in den letzten beiden Runden noch zwei weitere großmeisterliche Gegner bekommt. Das gilt auch für Bennet Hagner, der im Gegensatz zu Deuer noch GM-Normen braucht.
In Stockholm läuft der Rilton Cup – auch mit deutscher Beteiligung aber eher keine sehr bekannten Namen. Da ist am Neujahrstag Ruhetag. Und morgen beginnt das Staufer-Open in Schwäbisch Gmünd. Unter den 315 Teilnehmern im A-Turnier finde ich diverse mir bekannte Namen – aus München und anderswo, z.T. zuvor in Groningen oder Rotenburg/Wümme oder auch Chemnitz aktiv. Was war denn in Chemnitz? Das verrate ich mal nicht.