Bei Masters und Challengers gibt es am Sonntag noch eine spannende Schlussrunde, die ích wegen eigenem Mannschaftskampf live weitgehend verpassen werde. Und danach vielleicht noch Stichkampf im A- und Buchholz-Lotterie im B-Turnier. Aber im Toptienkamp der Amateure ist die Entscheidung bereits gefallen: Christian Glöckler hat nun 7,5/8, sein erster Verfolger Henry Edward Tudor hat 6/8 – auch nicht schlecht bzw. gut bis sehr gut, aber nicht gut genug. So spielt nun Glöckler Tata Steel Challengers 2027.
„Fast perfekt“ bezieht sich auf Glöcklers Ergebnis, nicht unbedingt auf die Partien die teilweise durchaus turbulent waren mit drei möglichen Ergebnissen. Ich bespreche das mal nicht im Detail – Johannes Fischer hat auf Chessbase zwei Artikel und wahrscheinlich kommt noch ein dritter.
Einige Diagramme:

Das ist fast die Schlussstellung der Schlüsselpartie gegen den etwa gleichaltrigen Rumänen Henry Edward Tudor. Das war bereits in Runde 2. Weiß am Zug – nach welchem 27. Zug gab Schwarz auf? Das war, wie auch einige andere Glöckler-Partien, ein wilder Sizilianer.

Das ist die Schlussstellung der Partie in Runde 8 gegen FM Onno Elgersma. Weiß hat kein Dauerschach also steht Schwarz glatt auf Gewinn. Das war anfangs ein gepflegter Katalane, dann mit Elementen des Königsindischen Angriffs (Weiß spielt am Königsflügel, Schwarz am Damenflügel), dann ging es drunter und drüber. Der schwarze Turm auf a8 hat übrigens nie gezogen, musste auch nicht sein da er auf diesem Feld gut steht. Der Springer landete auf der Route b8-d7-f6-e8-c7-b5xd4-e2 da wo er nun steht. Sinn und Zweck von 29.-Se2 war Dd1-h5 verhindern, davor hatte Weiß dabei vorteilhaft Db1-h7. Der schwarze König unterstützt nun den d-Freibauern, aber in dieser Partie fiel die Entscheidung im Mittelspiel.
Nur ein Beispiel was stattdessen auch möglich war:

Schwarz hat hier noch größeren materiellen Vorteil und würde natürlich direkt gewinnen, wenn er denn am Zug wäre. Aber Weiß ist am Zug und hat Dauerschach – nicht mehr und nicht weniger, bzw. „mehr“ wenn der schwarze König freundlicherweise nach h8 läuft. Diese Variante mit direkt davor weißem Damenopfer kam aber nicht aufs Brett.
Ansonsten: ausgerechnet der andere Deutsche im Turnier IM Dr. Johannes Carow konnte Glöcklers Siegeslauf in Runde 4 „potentiell“ stoppen. Aber aus einem für ihn gewonnenen Endspiel wurde dann ein für Glöckler gewonnenes Endspiel. Carow hatte insgesamt als einer der beiden ältesten Teilnehmer (neben ihm erblickte auch der belgische IM Stefan Beukema schon 1996 das Licht der Welt) einen eher schweren Stand. Ausgerechnet die eloschlechteste Teilnehmerin Machteld van Foreest konnte Glöckler in Runde 7 ein Remis abknöpfen. Auch das war ein wilder Sizilianer der dann eben verflachte.
Wer ist Christian Glöckler?
Mittlerweile ist das jedenfalls in Deutschland eine „blöde Frage“ – international ist er wohl jedenfalls noch nicht so bekannt wie (ebenfalls Jahrgang 2011) Yagiz Kaan Erdogmus, der bei Tata Steel Masters ordentlich mitmischt. Aber diese Frage stellte sich mir im Mai 2023: er war ein möglicher Gegner im Stichkampf der Vorletzten der beiden hessischen Verbandsligen Nord und Süd SC Königsflügel Lindenholzhausen – SC Fulda 2. Das gegnerische Team hatte einen Spieler mit damals DWZ 2232 und sonst nur 1900er und 1800er. Über das Ergebnis meiner Recherche staunte ich nicht schlecht, kurz danach wurde er dann deutscher U12-Meister. Und dann wechselte er aus Limburg (Lindenholzhausen ist ein Vorort) zum Oberligisten Wiesbadener SV.
Ein anderes Thema ist, dass wir den Stichkampf dann absagen mussten da wir keine Mannschaft zusammen bekamen. Und dann schafften wir wegen Rückzug des SV Griesheim aus hessischen Ligen doch noch den Klassenerhalt. Gelegenheit für noch eine Anekdote:
Auch auf einen anderen Spieler wurde ich „vor vielen anderen“ aufmerksam. Irgendwann im letzten Jahrtausend hatte der SV Griesheim ein internationales Jugendturnier ausgerichtet. Sieger wurde vor 16-18-jährigen ein 10-jähriger Ungar, der ein Kissen auf seinem Stuhl brauchte um das Schachbrett zu erreichen. Später ist er körperlich und schachlich ziemlich gewachsen. Den Namen verrate ich mal nicht, nur zwei Hinweise: Vor- und Nachname zusammen neun Buchstaben, mittlerweile vor allem Trainer und Kommentator. Letzteres ist auch ein Querverweis zu Tata Steel Masters.
Soweit für heute, für meine Verhältnisse kurz und knapp ….. .
Auch wenn Christian Glöckler noch keine GM-Norm eingesammelt hat, so ist er zweifelsohne der stärkste deutsche Spieler seines Alters. Zuletzt ging es für ihn nicht mehr so sprunghaft nach oben wie zuvor, aber gerade mit Wijk dürfte er die nächste Raketenstufe gezündet haben! Die nächste Schwelle die zu überwinden ist, ist die Grenze von Elo 2500.
„… Sieger wurde ein Ungar, der ein Kissen auf seinem Stuhl brauchte um das Schachbrett zu erreichen. Später ist er körperlich und schachlich ziemlich gewachsen. Den Namen verrate ich mal nicht, nur zwei Hinweise: Vor- und Nachname zusammen neun Buchstaben… “
Ein interessanter Hinweis, ein ungarischer Großmeister mit 9 Buchstaben im Namen.
Eine Analyse der aktuellen FIDE-Liste mit ca. 2097 Großmeistern, davon 1862 noch am Leben ergibt, dass nur folgende Personen in Frage kommen können.
Imre Balog
Gleb Dudin
Ádám Kozák
Péter Lékó
Gábor Nagy
Gábor Papp
Ich hatte dabei nicht geschrieben, dass er später GM wurde – ein 13-jähriger Tscheche, der als Teil der Delegation von Bohemians Prag damals in meinem Elternhaus privat übernachtete, wurde einige Jahre danach „nur oder immerhin“ IM.
Zusammen neun Buchstaben ist für erstaunlich viele ungarische Spieler der Fall, aber man kann es ja noch weiter einengen. Mal abgesehen davon, dass Gleb Dudin ursprünglich Russe ist, hatten nur zwei der fünf genannten ihren zehnten Geburtstag schon „im letzten Jahrtausend“. Zusammen mit dem zweiten Hinweis und „Querverweis zu Tata Steel Masters“ kann man es auf einen der beiden reduzieren.
Durch seinen schönen Erfolg in Wijk aan Zee hat Christian Glöckler 67 DWZ-Punkte hinzugewonnen und steht nun nach nur 51 Auswertungen bei einer DWZ von 2540. Damit ist er mit seinen 14 Jahren bereits der derzeit bestplatzierte IM in der DWZ-Rangliste und steht dort schon auf Platz 19!
Wir dürfen sehr gespannt sein, ob er demnächst seine erste GM-Norm und vielleicht sogar noch in diesem Jahr alle Voraussetzungen für eine Ernennung zum Großmeister erfüllen kann.
Man kann gar nicht oft genug betonen, was das für eine unglaubliche Leistung ist.
Man kann da noch ergänzen, dass (auf Perlen vom Bodensee gesehen) Christian Glöckler demnächst (14.-19. Februar) in Belgien beim Wachtebeker Winter Round Robin https://wwrr.be/im-groep-im-group/ seine erste GM-Norm erzielen kann. In diesem Feld braucht er 7/9 – Konkurrenz im Turnier hat er vielleicht eher von anderen Normjägern als von den drei GMs (Sivuk, Rozentalis, Dgebuadze).
Das wären vor allem die etwa gleichaltrigen Elias Ruzhansky (Lokalmatador, seine erste GM-Norm ja über Weihnachten in Groningen) und Hussain Besou (hat nun gegenüber Glöckler „Nachholbedarf“, aber „ihn gibt es auch noch“).