Editorial Hastings, UK - April 27, 2023: A panoramic view of Hastings Old Town in East Sussex, England UK
Schach kann hart und (un)gerecht sein: Marius Deuer führte beim Hastings International Chess Congress 2025/26 fast durchgehend, aber nach Niederlage in der letzten Runde wurde es nur der geteilte dritte Platz. Auch für Bennet Hagner war das Glas am Ende vielleicht eher halb leer als halb voll, da er sich in der letzten Runde mit Weiß gegen einen FM mehr als Remis ausgerechnet hatte. Bei beiden deutschen IMs lag das, auf unterschiedliche Art und Weise, auch an der Eröffnung. Dabei haben Deuer und Hagner im Turnier insgesamt 9 bzw. 12 Elopunkte gewonnen, schlechte Turniere waren es sicher nicht aber eben die letzte Runde.
So gewannen dann zwei Spieler mit etwas „Schweizer Gambit“ – nach frühen Niederlagen rollten sie das Feld etwas von hinten auf. In Hastings gibt es offenbar keine Tiebreaks, punktgleiche Spieler sind gleichberechtigt:
Endstand im Turnier
1. GM Kovchan und IM Golding 7/9, 3. IM Deuer, IM Hagner, IM Ghimpu 6.5, 6. GM Laurent-Paoli, IM Kaasen, GM Gordon, GM Plat, IM Kuru, GM Williams, IM Wang Hao(Zj), FM Kalavannan, Vaidyannathan 6. Wie in Groningen landete mit dem an 2 gesetzten litauischen GM Sulskis ein Mitfavorit noch einen halben Punkt dahinter. Ursache waren vor allem Niederlagen gegen die beiden genannten deutschen IMs. Jedenfalls gegen Bennet Hagner war er quasi auch selbst schuld, Schach ist eben hart und gerecht: wenn man eine Gewinnstellung noch verliert hat es Konsequenzen auch für Chancen im Turnier.
Wer ist Alex(ander Kovchan), wer ist Alex (Golding)? Dazu später ein paar Worte, erst kurz zu einigen anderen genannten wobei ich Marius Deuer und Bennet Hagner nicht weiter vorstelle. Die GMs Gordon und Williams AKA GingerGM sind nationale Legenden obwohl sie nie Weltklasse waren. Attila Kuru ist auch ein Konkurrent von Christian Glöckler in der – seit gestern – Altersklasse U15. Der titellose Adithya Vaidyanathan (Engländer mit indischem Namen, *2012) ist das wohl trotz erfolgreichem Turnier noch nicht. Der Chinese Wang Hao ist natürlich nicht der inzwischen eher sporadisch aktive ehemalige Weltklassespieler, sonst stünde vor seinem Namen GM.
Hastings-Historie
Da fasse ich mal kurz und sage nur „lange Geschichte, tendenziell mehr Vergangenheit als Gegenwart (gilt vielleicht auch für Groningen)“. In Hastings dabei seit 1920 fast jedes Jahr bzw. immer über zwei Jahre verteilt, für weiteres siehe z.B. Wikipedia. Als Titelbild nahm ich mal das Hastings-Panorama von der Turnierseite.
Durch die deutsche Brille betrachtet
Marius Deuer
Er machte fast alles richtig und erzielte zunächst 6,5/8. Das Kurzremis gegen IM Wang Hao in Runde 3 war vielleicht aus der Rubrik „Doppelrunden sind anstrengend, einmal nur fünf Züge ist OK“. Die beiden anderen Remisen gegen IMs, Hagner und Kaasen, waren ausgekämpft. Auf der Habenseite unter anderem Siege gegen die GMs Williams und Sulskis, und auch bereits in Runde 2 gegen IM Golding.
Dann die letzte Runde, mit Schwarz Caro-Kann Theorie gegen GM Kovchan – Bauernraub und etwas ungewöhnlicher Damentausch gehörte dazu. Bis zum 18. Zug blitzte er das herunter, 19.f4 brachte ihn dann etwas aus dem Konzept. Das wurde zuvor außer einmal Shirov-Harikrishna vor allem in Fernpartien oder auf niedrigerem Niveau gespielt. Zwei gute Züge fand er, dann eine dubiose Neuerung und ein verlorenes Endspiel. Nun musste Kovchan (fast) einzige Züge finden, das schaffte er immerhin neunmal nacheinander. Dann war es nach 30.Lg6? wieder in der Remisbreite, aber Deuer konnte seinen Laden nicht auf Dauer zusammenhalten. Nun musste er wieder teils einzige Züge finden und am Horizont dann vielleicht noch Turm gegen Turm und Läufer verteidigen. Ein falscher Springerzug, und es wurde Turm gegen Turm und Läufer mit beiderseits noch ein Bauer – das ist theoretisch und praktisch verloren.
Bennet Hagner
Bei ihm zwar vor der letzten Runde nur 6/8 aber auch das ist ein gutes Ergebnis. Beim Schwarzsieg gegen GM Sulskis waren dabei auch die beiden anderen Ergebnisse denkbar. Zur Paarung der letzten Runde hatte er vielleicht schon vorab gemischte Gefühle: kein dritter GM nach Sulskis und Williams, damit auch keine Chance auf eine GM-Norm. Und dann entkorkte Koby Kalavannan 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 d5!?! – was ist das denn? Es ist offenbar jedenfalls spielbar, Weiß erreichte jedenfalls nichts – außer Rückstand auf der Uhr. Dann sah es vorübergehend doch gut aus für Bennet Hagner, dann musste eher er aufpassen, und dann wurde es Remis. Bennet Hagner hat es offenbar selbst angeboten, vielleicht auch da seine Bedenkzeit wirklich knapp wurde. In Hastings gibt es auch keine extra Bedenkzeit nach dem 40. Zug sondern 90+30 für die gesamte Partie.
Sein hübschester Moment
Runde 7 gegen IM Wang Hao:

Dieses Diagramm wirft einige Fragen auf, vor allem: was macht der schwarze Springer auf a1? Der Leser liegt richtig: er hat da einen weißen Turm geschlagen. Es entstand ursprünglich aus Katalanisch-Theorie, wobei Schwarz ein eher seltenes Abspiel wählte. Weiß überraschte ihn mit einem seltenen 14. Zug, worauf Wang Hao fast eine Stunde abtauchte. Hagner schnappte sich dann einen Bauern, Wang Hao bekam ihn ab dem 20. Zug zurück mit einer Abwicklung, für die er nochmals 20 Minuten investierte. Engines plädieren übrigens für eine andere Variante in der der schwarze Springer ebenfalls herum hüpft aber nicht auf a1 endet – weiterhin weißer Mehrbauer aber gute schwarze Kompensation.
Erst im 23. Zug überlegte auch Weiß mal – 35 Minuten, nun hatte er nur noch deren 50 mehr auf der Uhr. Später war der weiße Vorteil auf dem Brett futsch, aber die schwarze Bedenkzeit blieb knapp. So landete Schwarz wieder in einer schlechten Stellung. Zuletzt kam 31.-b5?? – zwei strenge Fragezeichen von Engines die stattdessen mit 31.-Sc2 im Trüben fischen wollen. Allerdings hat Schwarz nach dem Gegen-Desperado 32.Txb6! (da stand der schwarze Bauer zuvor) nur die Wahl zwischen einem verlorenen Bauernendspiel und einem verlorenen Springerendspiel. So ging es schneller: Weiß hat genau einen, allerdings sehr überzeugenden Gewinnzug – der Leser ist am Zug!
Es gab noch zwei deutsche Teilnehmer im A-Turnier, aber die bleiben mal außen vor. Stattdessen nun zu
Die Turniersieger
Wer ist Alex Golding?
Mir war er gar kein Begriff – nach Recherche: Jahrgang 2003, seit September 2019 FM und FM-Niveau (nicht weniger und nicht mehr) behielt er bis Juli 2024 wobei er auch nach der Pandemie nicht allzu viele Elo-gewertete Partien spielte. Dann zwei Opens direkt nacheinander in Wales und England und „aus dem Nichts heraus“ zwei IM-Normen. Zusammen mit noch einem Turnier, bei dem er weiterhin von K-Faktor 20 profitierte, auch kurz mal Elo knapp über 2400. Und im April 2025 die dritte IM-Norm und damit dieser Schachtitel. Ob er nun weitere schachliche Fortschritte machen wird weiß ich nicht, er selbst weiß es wohl auch nicht.
Turnierentscheidend war für ihn die Schlussrunde gegen Simon Williams, der nach 1.e4 e5 (eigentlich spielt er vor allem Französisch) später thematisch einen Bauern opferte. Dafür bekam er etwas aber nicht genug Kompensation. Und dann hatte Weiß plötzlich „sehr gute Kompensation für den Mehrbauern“. Und dann hatte Weiß drei Mehrbauern, Schwarz gab auf.
Wer ist Alex(ander) Kovchan?
Den Namen hatte ich vielleicht schon einmal gehört oder gelesen, aber ich habe kein perfektes Gedächtnis. Also auch hier etwas Recherche: Jahrgang 1983, GM seit 2002 und danach viele Jahre Elo generell im Bereich 2570-2600. Nach der Pandemie hat er sich vielleicht schachlich neu orientiert und hilft seither anderen, GM zu werden. Bei reihenweise Normenturnieren in der ersten Jahreshälfte 2022 (120 Partien in 5 Monaten) hat er selbst gut 100 Elopunkte eingebüßt. Dann ging es weiter abwärts, wieder aufwärts und erneut abwärts – Elo generell auf IM-Niveau aber Schach spielen kann er noch (das können IMs natürlich auch). Auch zuletzt ist er wieder Vielspieler: 133 Elo-gewertete Partien in der zweiten Jahreshälfte 2025 (die sechs in Hastings im Dezember noch nicht mit berücksichtigt).
Durch die deutsche Brille betrachtet: Er spielte auch mal, als es das noch gab, Zweite Bundesliga West für SC Siegburg. Parallel zur Umstrukturierung der oberen deutschen Ligen hat sich der Verein dann neu orientiert: nun einige Ligen tiefer mit anderer Aufstellung Verbandsliga Süd des Schachverbands Mittelrhein. Ihre ukrainischen und auch deutschen Spieler haben sich auch teils neu orientiert und fanden andere Vereine in der näheren oder auch weiteren Umgebung. Was da Ursache war und was Konsequenz, da bin ich überfragt. Erst recht ob Kovchan auch einen neuen deutschen Verein suchte aber keinen fand, jedenfalls ist er nun in Deutschland vereins- und damit auch DWZ-los.
Zu Hastings mal nur die drei Partien anno 2026, die dritte hatten wir ja bereits. Am Neujahrsmorgen ein Kurzremis gegen den GM-Kollegen Vojtech – 10 Züge vielleicht nach dem Motto „wir sind beide müde und haben ohnehin keine Chance mehr auf den Turniersieg“. Nachmittags dann aber eine „Vorschau“ auf seine letzte Runde: gegen IM Kuru zwar keine tiefe Eröffnungstheorie, aber dann auch ein Turmendspiel das mal gewonnen war und mal nicht und am Ende wieder. Bei seinem letzten Verlustzug hat der junge Türke offenbar zugleich die Bedenkzeit überschritten. Verloren hatte Kovchan in Runde 3 gegen den norwegischen IM Kaasen.
Wie geht es weiter?
Da passe ich mal. Fest steht ja, dass Marius Deuer zum GM ernannt wird. Bei Bennet Hagner ist es womöglich nur eine Frage der Zeit.
Der Leser war am Zug, und entschied sich frohlockend für Txb5+!