Das wird, wie bereits angekündigt, Teil 2 der Berichterstattung zum elomäßig kleinen und dabei feinen Turnier im belgischen Wachtebeke. Natürlich hatte ich das Turnier vor allem wegen der deutschen Teilnehmer Christian Glöckler und Hussain Besou verfolgt. Aber ich würdige nun auch den Turniersieger Sargis Manukyan und zeige zugleich, was er mit „ich hatte auch Glück“ meinte. Die im Nachhinein bereits turnierentscheidende Partie Manukyan-Besou 0-1 1/2 1-0 aus Runde eins bekommt gleich drei Diagramme und auch das Titeldiagramm. Generell wieder ein Artikel mit Überlänge – wer will kann sich auch nur die Diagramme anschauen und dann selektiv den Text zu einigen davon.
„Dramatik“ kann man mit meinem Ansatz – einzelne Diagramme aber keine kompletten Partien – nur bedingt andeuten. Am ehesten für diese Partie, da ich hier die entscheidende Phase der Partie komplett bespreche und auch die „Figur neben dem Brett“ (die Schachuhr) erwähne. Wer sich das selbst nochmal anschauen will: ich verfolgte das Turnier auf Lichess. Man kann da auch selbst Computeranalysen anfordern und dafür auch Züge vorschlagen. Auf Lichess allerdings ein Fehler: das falsche Ergebnis für Alonso Garcia – Rozentalis in Runde 7. Sie haben sich nicht in glatter Gewinnstellung für den GM auf Remis geeinigt. Demnach ist auch der Endstand des Turniers auf Lichess anders als auf chess-results und „in Wirklichkeit“. Das war zwar auch ein interessantes Endspiel, das Weiß nicht verlieren musste, aber diese Partie ohne deutsche Beteiligung und nicht turnierrelevant.
Mittelspiele, Endspiele, Freibauern, …
Insgesamt wird es auch so nun eine Mischung aus Mittelspielen und Endspielen. In letzteren spielen Freibauern natürlich eine Rolle – in einem Mittelspiel auch. Das passt auch zum Namen des ausrichtenden Vereins Schaakclub De Pluspion (Mehrbauer) Wachtebeke. „Vrijpion“ (Freibauer) würde noch besser passen, aber das gibt es vielleicht im Vereinsnamen nur in Deutschland. Insgesamt achtmal, am bekanntesten vielleicht Freibauer Mörlenbach-Birkenau (viele Jahre der Verein des nun neu-Münchners Vitaly Kunin).
„Mehrbauer“ bzw. auf norddeutsch Meerbauer gab es mal in Kiel (warum dann nicht mehr ist nicht Thema dieses Artikels). „Doppelbauer“ gibt es weiterhin in Kiel und auch in Brambauer – das ist nicht noch eine Schachfigur sondern ein Ortsteil von Lünen bei Dortmund. In der deutschen Vereinsszene gibt es auch noch Randbauern, Postbauern, Eckbauern, Bauernfreunde, listige Bauern, fidele Bauern, Zentrumsbauern und den Löbauer SV (bei Dresden). Randbauern sind vielleicht die Lieblingsfiguren einiger Spieler und auch von Leela Zero – wer ist großer Fan von Doppelbauern?
Aber nun hinein ins Geschehen – wie gesagt zunächst ein Mittelspiel:
Runde 1 Manukyan-Besou

Das erste Diagramm nach 28.-b6 (Stand auf der Uhr 30:46-6:32). Auch im weiteren Verlauf nenne ich die Bedenkzeit nach dem jeweiligen Zug, davor hatte der Spieler (relevant für Besou) ja jeweils 30 Sekunden weniger. So hat man nach einem Zug auch mal mehr Bedenkzeit als nach dem vorigen Zug. Schwarz hatte lang rochiert (zuvor wollte Stockfish statt 18.-0-0-0 lieber 18.-0-0 spielen), Weiß hat gar nicht rochiert. Und nun kam
29.Sa6?! (30:14) ausgeglichen war 29.Sb3 (kontrolliert das Feld d4) oder auch 29.bxc6 bxc5 30.Txc5 usw. (Figurenopfer mit ausreichender Kompensation) 29.-c5! (4:38) 30.dxc5 (16:33 – es überraschte den Armenier offenbar) 30.-d4! (4:57) siehe Kommentar zu 29.Sb3 31.cxb6+ (16:59) 31.-Dxb6 (4:10) 32.Tc6? (17:24, besser 32.Tc5) 32.-Sd5! (1:22) 33.Dd6 (17:42) 33.-d3+! (1:04) 34.Kd1 (16:02) nächstes Diagramm:

Was nun mit tickender Uhr? Es kam 34.-dxc2+ (0:42) – erst mal eine Figur mitnehmen, aber das vergibt den Gewinn: 34.-Dxe3, nur so! Hätte Besou das mit zwei, fünf oder zehn Minuten auf der Uhr gefunden? Nur eine Variante: 34.-Dxe3 34.Dxd5 (Weiß nimmt eine Figur, kein Fragezeichen da alles verliert) 34.-Sxf3! mit mehrfacher Mattdrohung (34.-dxc2+ ist es immer noch nicht – nach 35.Txc2 ist es dann ausgeglichen, nach 35.Kxc2 gewinnt Weiß) 35.b6+ (alles andere verliert auch) Dxb6 36.Txb6 (siehe Kommentar zu 35.b6+) Te1#.
35.Kxc2 (15:45) 35.-Sxe3+ (0:35) 36.Kb1 (16:04) und noch ein Diagramm:

36.-Dd8?? (0:39) nur nach 36.-Sxf5 ist es nun ausgeglichen – egal ob Weiß dann mit 37.Txb6 Sxd6 38.Txd6 ins Endspiel abwickelt oder mit 37.Dd3 die Damen auf dem Brett behält. Manukyan hätte womöglich letzteres gespielt – weiterhin Komplikationen in gegnerischer Zeitnot. 37.Dc5+ (14:13) 37.-Kb7 (0:40) 38.Td6 (11:56) 38.-Dc8 (0:48) 39.Tb6+ (12:20) 39.-Ka8 (1:02) 40.Tb8+ (12:42) einziger aber recht offensichtlicher Gewinnzug 40.-Dxb8 (1:27) einziger Zug und Zeitkontrolle geschafft, es gab nun 15 Minuten Zugabe 41.Sxb8 Kxb8 42.Tc1 1-0.
Warum hat Besou aufgegeben?
Ich setze mal nicht noch ein Diagramm. Rein materiell ist es für Schwarz OK – Turm und zwei Springer für Dame und Bauer – aber das wäre nur vorläufig der Fall gewesen.
„Turnierentscheidend“ war diese wilde Partie dabei erst im Nachhinein. Manukyan spielte weiter digital, zunächst war es dabei (einschließlich dieser Runde) 1 0 1 0 und dann noch fünf Siege. Besou gewann zunächst viermal nacheinander, dann drei Remisen gegen die drei GMs und am Ende noch ein voller Punkt.
Zunächst zu Christian Glöckler, den ich nicht ganz ignorieren will zumal sein Sieg in Runde eins „thematisch“ war:
Runde 1 Glöckler – Alonso Garcia

Schwarz hat einen Springer (Weiß hatte seinen zuvor im Endspiel für zwei Bauern geopfert) und einen irrelevanten Freibauern, Weiß hat drei Freibauern. Er brauchte quasi alle drei, es folgte hier noch 67.b6 Sxb6 (selbst der regelwidrige Turbo 67.-a5-a2 68.b7 a1D würde Schwarz nicht retten) 68.Kg6 a4 69.h7# alles andere verliert für Weiß aber das gewinnt natürlich.
Das war der erste Streich von Christian Glöckler, der zweite dann in Runde 9 gegen den noch jüngeren Supratit Banerjee. In Runde 2 traf er auf Hussain Besou, der mitdenkende Leser kennt das Ergebnis bereits – ein wilder Sizilianer, zu komplex um ihn hier zu beschreiben.
Runde 3 Cesar Maestre – Besou

Stellung nach 44.-e2, es folgte noch 45.Dxb3 (Sterbende dürfen alles essen) 45.-e1D 0-1. Noch ein Mittelspiel mit insgesamt beiderseits fünf Freibauern, ein schwarzer entschied die Partie. Zuvor waren die weißen c- und d-Bauern dabei potentiell partieentscheidend (schwarze Freibauern gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht). Die Zeitnotphase war turbulent, entscheidender weißer Doppelfehler im 39. und 40. Zug. Wie gesagt: „Dramatik“ kann ich nur bedingt vermitteln. Die (fast-) Schlussstellung deutet allenfalls an, dass zuvor „drei Ergebnisse denkbar waren“.
Weiter Sprung in die entscheidende Phase des Turniers. Nach sieben Runden hatten mit Sargis Manukyan, Hussain Besou und Elias Ruzhansky drei Spieler 5/7. Das war bereits eine IM-Norm (5/9 am Ende würde reichen), nur der Armenier „brauchte“ diese dabei noch. Für eine GM-Norm brauchte man stolze 7/9 – da Besou und Ruzhansky zum Schluss gegeneinander spielen würden konnten das maximal zwei dieser drei Spieler schaffen.
Runde 8 begann um 19:30, gegen 23:00 habe ich die Liveübertragung verlassen – am nächsten Tag ja Arbeit und damit morgens ein klingelnder Wecker. Zu diesem Zeitpunkt schien es „wenn einer, dann Hussain Besou“. Direkt vor der Zeitkontrolle bekam er mit Schwarz etwas Oberwasser gegen GM Rozentalis – andere mögen beurteilen, ob das Endspiel noch in der Remisbreite war oder ob er mit sehr genauem Spiel gewinnen konnte. Ruzhansky hatte ein sehr remisliches Läuferendspiel, Manukyan musste gegen den sehr jungen Supratit Banerjee gerade eine Qualität spucken. Kompensation hatte er aber zu diesem Zeitpunkt vielleicht eher im Sinn von „das kann man Remis halten“. Und dann:
Runde 8 Manukyan-Banerjee

Ich wiederhole mich da es sich im Turnier wiederholte: drei Freibauern, für den Sieg braucht Weiß alle drei. Der schwarze Turm muss auf den h-Bauern aufpassen, der Läufer ist mit a- UND e-Bauer überfordert. Es folgte noch 93.a7 (Stockfish bevorzugt 93.e7, aber das ist nun wirklich Geschmackssache) 93.-Lxa7 94.e7 Txh7 (ohne den weißen h-Bauern wäre hier 94.-Th8 remis) 95.e8D 1-0 – Schwarz betrachtete die neue weiße Dame als ausreichende Überkompensation für seine Mehrqualität (tags darauf spielte Manukyans letzter Gegner bis zum bitteren Mattende nach schlappen 86 Zügen).
Der entscheidende schwarze Fehler war im 81. Zug nach zuvor „Doppelfehlern“ im 77.-79. Zug – Weiß konnte seinen h-Freibauern bereits hier entscheidend mobilisieren aber verzichtete zunächst darauf. Dann war 80.h6 einerseits erzwungen (sonst 80.-Txh5), andererseits nicht mehr partieentscheidend.
Vier von neun Runden waren ab 19:30, die anderen fünf ab 13:30 bei drei Doppelrunden. Lange Partien bis gegen Mitternacht und eventuell noch länger sind sicher eine Herausforderung, vor allem für sehr junge (oder ziemlich alte) Spieler. Supratit Banerjee ist momentan noch kein Teenager.
Wie dem auch sei: das war der sechste Streich von Sargis A. Manukyan, der siebte folgte tags darauf:
Runde 9 Alonso Garcia – Manukyan

Das sind ja nur zwei Freibauern, reicht das trotzdem? Frage an Radio Eriwan: „im Prinzip nein“. Dieses Turmendspiel ist bekanntlich theoretisch Remis, praktisch kann man es demnach nicht gewinnen aber der Gegner kann es verlieren. Auch GMs greifen da mal daneben. Hier war es seit dem 51. Zug auf dem Brett, der spanische IM fand zuvor mitunter einzige Züge und nun nicht mehr: 70.Ta8?? (70.Tf8, nur so!) 70.-Kf2 71.Ta2+ Kf1 72.Ta1+ Te1 73.Ta4 f3 usw. – Schachs von der Seite funktionierten für Weiß nicht. Die Partie dauerte noch bis zum 86. Zug, da Weiß sich ALLES zeigen ließ: Schwarz konnte beide Bauern umwandeln, die Schlussstellung war für Weiß hoffnungslos – blanker König gegen zwei Damen und Turm, außerdem Matt.
Zuvor konnte Schwarz übrigens schneller und vielleicht „studienartig“ gewinnen: nach einem gegnerischen Fehler im 39. Zug hatte er vorübergehend bereits ein gewonnenes Turmendspiel, bis zu diesem Moment:

Das ist bei abgeschnittenem weißem König tatsächlich für Schwarz gewonnen. Schwarz am Zug, was tun? 46.-h5? war es nicht – 46.-Te8!, nur so! Definitiv der Fall, wir sind ja bereits im Territorium allwissender Tablebases. Wie man das dann manövrierend gewinnt sprengt den Rahmen dieses Beitrags (und meiner Kompetenz, oder ich müsste Tablebase-Varianten durchklicken). Naheliegend für Weiß 47.Kd3 (König näher an die Bauern) und dann 47.-Te4!, nur so! Nach 48.Txe4 fxe4+ 49.Kxe4 Kg4 gewinnt Schwarz das Bauernendspiel da der weiße König nicht die rettende Ecke erreicht. Aber Weiß kann natürlich zäheren Widerstand leisten.
Nach zwei Mittelspielen und drei Endspielen noch ein Mittelspiel:
Runde 9 Besou-Ruzhansky

Weiß hat eine Qualität mehr, aber Schwarz am Zug würde gewinnen. Allerdings ist Weiß dran und hat genau einen Gewinnzug: 40.Td4! (muss sein und er hat ja auch Mehrbauern) 40.-Lxd4 41.Dxd6+ Kb7 1-0 – Schwarz ließ sich 42.Dxd4 usw. nicht mehr zeigen. Hier wurde übrigens in der Liveübertragung Stand auf der Uhr nicht übermittelt – damit mir nicht bekannt, ob Zeitnot (zuvor) eine Rolle spielte.
Abschließend für dieses Turnier
Sargis Manukyan war natürlich „very happy“ und dabei im doppelten Sinne glücklich, das hatten wir bereits. Wie voll das Glas von Hussain Besou war muss er selbst entscheiden – vielleicht wäre es „etwas voller“ wenn er die IM-Norm noch brauchen würde. Preisgeld war laut Turnierseite eher „symbolisch“ (200/125/75 Euro), die GMs (jedenfalls die ausländischen) bekamen vermutlich auch Antrittsgelder. Auf der Habenseite für Hussain Besou auch 23 Elopunkte und damit wieder 2400+. Und er ist vielleicht wieder etwas weniger im Schatten von Christian Glöckler?
Elias Ruzhansky ist wohl auch „zufrieden“, für ihn und auch für Christian Glöckler gilt: nach einem Superturnier (beide hatten es in den Niederlanden) kommt nicht unbedingt direkt das nächste Superturnier. Gerade junge Spieler haben eben Höhen und Tiefen, wobei „Tiefen“ auch für Christian Glöckler hier übertrieben wäre. Diese hatte er auch zuvor kaum, am ehesten im Oktober: 2025 bei einem anderen Normturnier in Dänemark, 2024 bei gleich zwei Turnieren (Weissenhaus Young Masters und Berliner U25 Open). Hussain Besou ist offenbar generell etwas wechselhafter, dabei spielt er auch noch mehr Turniere.
„Wie geht es weiter?“
Turnierplanung der jungen IMs kenne ich nicht, erst recht nicht zukünftige Ergebnisse. Auf höherem Niveau als nächstes Prague Masters (nominelle Favoritenrolle für Vincent Keymer gegen durchaus starke Konkurrenz). Keymer wird so auch das nächste Bundesliga-Wochenende verpassen. Im „Prague Futures“ Turnier auch, wie letztes Jahr, Lilian Schirmbeck. Schon letztes Jahr haben die Organisatoren da offenbar entschieden, dass nur Mädels (bei ihnen) eine Zukunft haben.
Zu Sargis Manukyan: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen …. . Ich vermute mal „IM wird er, GM nicht unbedingt“ – aber es betrifft ja die Zukunft. Nach derzeitigem Stand bleibt es für mich bei diesem einen Kontakt mit ihm. Vor Jahren war ich vielleicht mal im Westen „der Oparin-Experte“. Ihn kontaktierte ich anfangs aus Neugierde, warum er gebürtiger Münchner ist, und dann immer mal wieder. Aus meiner Tastatur einiges über ihn, was sonst nirgendwo stand. Wikipedia (auf Deutsch) zitiert mich nach wie vor (Einzelnachweise 1) und 3), wobei es diese Schachticker-Artikel nicht mehr online gibt). Es war damals über sein chess24-Profil, auch das gibt es nun nicht mehr. Zum Amerikaner Grigorij Oparin habe ich keinen Kontakt mehr.