Symbolbild Team Lutz. Gemini KI.
Hier eine Nachricht, die heute einschlug wie eine Bombe: das Team des ehemaligen Bahnchefs Richard Lutz zieht seine Kandidatur für den Kongress in Frankfurt am kommenden Samstag zurück! Dies betrifft, wie bereits gemeldet, die Kandidaten Richard Lutz, Alexander von Gleich, Anna Endreß und Gerald Hertneck.
Mit heutiger Rundmail vom 9. Mai informierte Richard Lutz die Landesverbände und sonstigen Amtsinhaber detailliert über die Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben.
Wir zitieren im Anschluss gekürzte Passagen aus diesem vier Seiten langem Schreiben, das uns vorliegt:
In meinem Schreiben vom 19. April 2026 hatte ich meine Bereitschaft zur Kandidatur als DSB-Präsident erklärt und eine tatsächliche Kandidatur von bestimmten Bedingungen abhängig gemacht…
- Einerseits ein von mir zusammengestelltes kollegiales und loyales Präsidiums-Team, das die aus meiner Sicht notwendigen fachlichen und persönlichen Anforderungen für die anstehenden Herausforderungen mit sich bringt.
- Andererseits eine breit getragene Unterstützung für mein Präsidiums-Team, wobei idealerweise bereits der Meinungsbildungsprozess im Vorfeld des Bundeskongresses und der Ablauf der eigentlichen Sitzung ein Zeichen des (kulturellen) Aufbruchs und ein Signal für mehr Miteinander sein sollten.
Der mit gleichem Schreiben angebotene fachliche und persönliche Austausch mit den Mitgliedern des Bundeskongresses hat in zwei MS-Teams-Besprechungen stattgefunden, bei denen ich wie angekündigt auch mein Präsidiums-Team vorgestellt habe.
Für diesen intensiven Austausch in den letzten Tagen und Wochen möchte ich mich gerne und ausdrücklich bei allen bedanken.
Durch diesen Austausch und viele andere Eindrücke der letzten drei Wochen konnten mein Team und ich unseren Meinungsbildungsprozess hinsichtlich einer Teamkandidatur abschließen und sind einvernehmlich zu folgender Entscheidung gelangt:
| Das Präsidiums-Team Richard Lutz mit Alexander von Gleich, Gerald Hertneck und Anna Endreß wird sich beim außerordentlichen Bundeskongress des DSB am 16. Mai in Frankfurt nicht für die einzelnen Präsidiumspositionen zur Wahl stellen. |
Ich beginne gerne mit der Feststellung an, dass uns diese Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Nicht etwa, weil wir diese Positionen „gebraucht“ hätten: niemand von uns macht sich etwas aus Funktionärsposten und vermeintlichem Status. Jeder im Team wusste, dass sein Leben ohne diesen Job im Zweifel einfacher und schöner sein würde. Aber wir alle im Team hatten in unterschiedlicher Art und Weise dem Schach viel zu verdanken und waren deshalb bereit, diesem Sport und dem DSB etwas zurückzugeben, und zwar in einer kritischen Phase für das Schach in Deutschland.
Denn die „Diagnose“ aus meinem Schreiben vom 19. April wird nach dem Austausch, den ich in den letzten drei Wochen haben durfte, von fast allen geteilt und von manchen (wozu ich mich zwischenzeitlich auch selber zähle) sogar verstärkt wahrgenommen:
- Einerseits die tiefe Führungs- und Vertrauenskrise im DSB und das ausgeprägte Misstrauen innerhalb und zwischen den Gremien bzw. handelnden Personen mit allen „Krankheitsbildern“, die solche Organisationen kennzeichnen: statt Zusammenarbeit Lagerbildung, statt offenem Austausch Machtspiele und Intrigen, statt Ringen um die beste Lösung für das „große Ganze“ Verfolgung von Partikularinteressen, um persönlichen Einfluss zu sichern und Geltungsbedürfnis von einzelnen „XXL-Egos“ zu befriedigen.
- Andererseits die Notwendigkeit eines Veränderungsprozesses, bei dem kulturell vertrauensvolle Zusammenarbeit, wertschätzender Umgang und offene Kommunikation mit allen und inhaltlich die Fokussierung auf die großen Potenziale, die Schach in Deutschland nach übereinstimmender Auffassung aller ohne Zweifel hat, im Vordergrund steht – und dabei persönliche Interessen und Befindlichkeiten sich diesem eigentlichen Zweck des DSB uneingeschränkt unterordnen.
Mein Team und ich hätten uns zugetraut, diese Herausforderungen zu meistern – mit der richtigen Haltung jedes Einzelnen, dem notwendigen Vertrauen innerhalb des Teams und den erforderlichen Fähigkeiten, um die anstehenden Aufgaben kraftvoll anzugehen:
- Kompetenz und Erfahrung
- Netzwerke und Kontakte, um das schlummernde Sponsorenpotenzial in der Wirtschaft für das Schach in Deutschland zu aktivieren;
- Professionalität und Umsetzungsstärke, um die anstehenden Projekte und Jubiläen zu organisieren, Synergien zwischen Spitzen- und Breitensport zu erschließen und wichtige strategische Themenfelder anzugehen (wie z.B. Schulschach, Frauenschach etc.);
- Offenheit und Mut, das Richtige auch gegen Widerstände zu tun, um uns auf einen gemeinsamen Zweck und geteilte Ziele auszurichten.
Warum wird sich dieses Präsidiums-Team (trotzdem) nicht zur Wahl stellen?
Der Austausch in den letzten knapp drei Wochen hat deutlich werden lassen, dass mein Vorschlag zum „Wer“ (= mein Präsidiums-Team) und zum „Wie“ (= „Ticketlösung“ im Sinne von alle oder keiner) keine breite Unterstützung bei den Mitgliedern des Bundeskongresses hat. Das gilt insbesondere für die Landesverbände, aus deren Kreis heraus mir in dieser Woche signalisiert wurde, dass zwei meiner Teammitglieder mit Wahlergebnissen knapp oberhalb oder unterhalb der 50 %-Grenze zu rechnen haben.
Da ich weder bereit war, mein Junktim einer „Ticketlösung“ aufzugeben, noch auf Vorschläge einzugehen, wie ich mein Team verändern müsste, um bestimmte Landesverbände oder Präsidenten wieder „gewogener“ zu stimmen und Mehrheiten abzusichern, konnte es für mich und mein Team nur eine Konsequenz geben, nämlich den Verzicht auf eine Kandidatur. Ich will hier gerne und in aller Deutlichkeit sagen, dass ich zwar Teile der vorgetragenen Kritik nachvollziehen kann, aber mir keine davon zu eigen mache. (es folgt eine detaillierte Auflistung, die wir hier gekürzt haben.)
Wir machen unseren Verzicht auf eine Kandidatur auch deshalb eine Woche vor dem Bundeskongress transparent, um allen Beteiligten ausreichend Zeit zu geben, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen und an anderen und hoffentlich guten Lösungen für die Zukunft des DSB zu arbeiten. Denn weder ich noch meine Teammitglieder haben irgendein Interesse daran, den DSB in einem „Bundeskongress mit offenem Ausgang“ zusätzlich zu chaotisieren. Nichts liegt uns ferner!
Natürlich finden wir die Entwicklung schade. Aber ich will abschließend gerne noch einmal auf eine Textpassage zurückkommen, die Bestandteil meines ersten Schreibens vom 19. April war: „Alle Beteiligten sollten deshalb die Kraft haben und die Größe aufbringen, diese Muster zu durchbrechen, eigene Befindlichkeiten oder entstandene Verletzungen hinter sich zu lassen und mit dem Ablauf der Sitzung und dem Stimmverhalten im Gesamtgremium ein Signal der Geschlossenheit und des Aufbruchs zu senden. Wenn ich mich als DSB-Präsident für die gemeinsame Sache in die Pflicht und Verantwortung nehmen lasse, ist diese Grundhaltung des vertrauensvollen Miteinanders und Füreinanders eine erfolgskritische Voraussetzung für mich.“
Die nüchterne Bilanz der letzten drei Wochen zeigt, dass es diese Signale von Geschlossenheit und des (kulturellen) Aufbruch aus der Breite und Tiefe des Verbandes nicht gibt. Das gilt insbesondere für die Landesverbände, die nach meinem Eindruck – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, die ich sehr wohl zu schätzen weiß – in alten Mustern und Ritualen verharren und weiter tief gespalten sind. Es ist schon bezeichnend, dass sich in meinen Runden fast niemand gefragt hat, was in der aktuellen Situation eigentlich das Beste für das Schach in Deutschland ist, welche Chancen und Möglichkeiten mit dem neuen Präsidiumsteam einhergehen könnten und was man selber dazu beitragen könnte, um im Interesse des „großen Ganzen“ Gräben zuzuschütten, Brücken zu bauen und Kräfte zu bündeln.
Für mich – und hier spreche ich auch für mein Team – lässt sich aus alledem folgendes Fazit ziehen:
Ich sage das übrigens ohne negative Emotionen: Ich bin weder beleidigt noch verärgert. Ich habe ein Angebot mit Bedingungen gemacht und dieses Angebot hat keine entsprechende Nachfrage erzeugt. Selbstverständlich respektiere und akzeptiere ich die fehlende breite Unterstützung aus dem Kreis der Mitglieder bzw. Landesverbände. Ich war mir von Anfang an bewusst, dass mein „Beipackzettel“ für manche „schwer verdaulich“ sein würde, so dass dies zu Lasten von Zustimmung und Mehrheiten gehen kann.
Ich habe in meinen Gesprächen immer betont, dass ich mit diesem Vorgehen niemanden provozieren, schon gar nicht zuständige Gremien geringschätzen oder in der Satzung festgelegte Regularien ignorieren will – nichts lag mir ferner. Aber ich habe für mich Bedingungen formuliert, die ich für ein erfolgreiches Arbeiten als Präsident bzw. Präsidium als zwingend notwendig erachte. Nicht mehr, nicht weniger. Diese Bedingungen sind nicht
gegeben, also stehen mein Team und ich auch nicht für eine Verantwortungsübernahme im Präsidium zur Verfügung.
Ich wünsche dem DSB und dem anstehenden Bundeskongress, dass sich gute Lösungen für die aktuelle Krise finden werden. Genau aus dieser Überlegung heraus machen mein Team und ich unseren Verzicht auf eine Kandidatur mit diesem Schreiben bereits eine Woche vor dem Bundeskongress transparent, um allen Beteiligten ausreichend Zeit zu geben, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen und an anderen und hoffentlich guten Lösungen für die Zukunft des DSB zu arbeiten. Denn weder ich noch meine Teammitglieder haben irgendein Interesse daran, den DSB in einem ungesteuerten „Bundeskongress mit offenem Ausgang“ zusätzlich zu chaotisieren.
Eines möchte ich allerdings deutlich festhalten, weil dieses Narrativ ebenfalls an mich herangetragen wurde. Dem Vorwurf, dass ich mit unserem Verzicht auf eine Kandidatur billigend in Kauf nehmen würden, dass die amtierende und von vielen Landesverbänden als nicht mehr tragbar gehaltene DSB-Präsidentin mangels Alternativen beim außerordentlichen Bundeskongress nicht abgewählt wird und im Amt bleiben könnte, trete ich mit aller Entschiedenheit entgegen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Ich darf davon ausgehen, dass jene Landesverbände, die meinem Team die Unterstützung versagt haben, sich darüber bewusst waren, dass sie damit meinen Verzicht auf eine Kandidatur billigend in Kauf nehmen und sich über die Alternativen – welche auch immer das sein mögen – im Klaren waren. Darauf zu spekulieren, dass ich mich bei hinreichend hartem Auftreten der Landesverbände auf Kompromisse einlasse und meine Bedingungen „aufschnüre“, wäre jedenfalls naiv gewesen. Ich habe immer und unmissverständlich kommuniziert, dass meine Bedingungen zur Teamzusammensetzung und die „Ticketlösung“ für mich nicht zur Disposition stehen.
Aus gegebenem Anlass will ich daher auch auf eine andere aktuelle Initiative eingehen, von der ich gestern gehört habe: Weil sich die fehlende Unterstützung für mein Team seit 1-2 Tagen schon „herumgeschwiegen“ hat, soll es am Wochenende einen offenen Brief an mich geben – mit unterstützenden Unterschriften von Personen außerhalb des DSB.
Tenor: Dank für meine Bereitschaft zu kandidieren – verbunden mit der Bitte „durchzuhalten“, weil man davon ausgehe, dass die Landesverbände noch rechtzeitig vor dem Bundeskongress erkennen, dass mein Team Unterstützung verdient hat. So sehr ich mich über diesen Akt der Sympathie und Solidarisierung gefreut habe, so klar ist allerdings auch, dass diese Initiative für den Meinungsbildungsprozess zu spät kommt (vgl. oben) und vor allem den falschen Adressaten hat. Der Verzicht auf unsere Teamkandidatur war eine Reaktion auf das sehr klare Signal von Seiten der Landesverbände, dass es keine breite Unterstützung für mein Team geben wird und einzelne Teammitglieder sogar im Risiko stehen, nicht gewählt zu werden. Da ich keine falschen Kompromisse machen werde und diesbezüglich immer klar und konsequent war, vermag ich selber an diesem Zustand nichts zu ändern. Wenn überhaupt, dann müsste es also ein offener Brief an die Verantwortlichen im DSB sein. Ich bin überzeugt, dass die Krise des DSB nur „von innen“ gelöst werden kann. Ob man darauf bei den handelnden Akteuren vertrauen sollte, habe ich nicht mehr zu beantworten. Diese Aufgabe haben jetzt diejenigen, die Verantwortung im DSB und für das Schach in Deutschland tragen.
Für mein Team und mich darf ich abschließend festhalten, dass wir es nicht bereut haben, unser „Angebot mit Bedingungen“ an die Mitglieder des Bundeskongresses gemacht zu haben. Dass es nicht die gewünschte breite Unterstützung gefunden hat, ist schade und auch ein wenig ernüchternd, aber letztlich Ausfluss demokratischer Willensbildung, die wir selbstverständlich akzeptieren. Und genauso selbstverständlich bleiben mein Team und ich dem Schach in Deutschland weiterhin verbunden – aber eben nicht innerhalb des DSB und als Funktionsträger.
Ich wünsche Ihnen persönlich und dem DSB alles Gute, hoffe auf einen erfolgreichen Verlauf des Bundeskongresses und verbleibe mit besten schachlichen Grüßen!
Richard Lutz