Angeregt durch den Beitrag von Walter Rädler fand ich bei Chessbase (Artikel vom 4.5.2016) den Hinweis, dass es auf Wikipedia vollständige Bundesliga-Statistiken aller Jahre gibt. Ich habe mal die Saison 1994/95 verlinkt, während und dann nach der Saison haben sich da gleich zwei starke Vereine aus der Bundesliga verabschiedet. Nach zwei Runden war beim SC Stadthagen (Dritter des Vorjahrs) Schluss. Nach Saisonende sagte Bayern München „Das war der letzte deutsche Meistertitel“. Den SC Stadthagen gibt es noch, aber nicht mehr auf Bundesliga-Niveau (der beste Spieler hat DWZ 1963). Die Schachabteilung von Bayern München gibt es auch noch, später kamen sie auch zurück in die Bundesliga.
Einige andere Vereine, die mal Bundesliga spielten, gibt es nun nicht mehr. Königsspringer Frankfurt (Rückzug 1984) ist Geschichte – die Geschichte des Mäzens Kurt Hechinger beim Schach-Magazin KARL, auszugsweise auch online. FTG Frankfurt (Rückzug 1992): den Verein (Frankfurter Turn- und Sport-Gemeinschaft 1847) gibt es noch, die Schachabteilung gab es noch bis 2006 und danach nicht mehr. Seit 1992 offenbar auch kein Frankfurter Verein mehr in der Schachbundesliga. Am nächsten dran einige Zeit Griesheim (bei Darmstadt, nicht Frankfurt-Griesheim) und mitunter Hofheim/Taunus. Den SV Griesheim gibt es aktuell noch – ein bisschen, vor allem passive Mitglieder. Turm Emsdetten hat sich 2017 ein Jahr nach dem zweiten(!) freiwilligen Rückzug aus der Bundesliga aufgelöst.
Generell gab es die meisten Kuriositäten bis einschließlich Saison 2010/2011, das mal nun als Quiz präsentiert wobei ich die Antworten direkt danach liefere. Wer raten will oder vielleicht gar einige Antworten weiß sollte zunächst nicht weiterlesen.
Die Fragen
Wie oft sind ALLE Aufsteiger direkt wieder abgestiegen? Meistens waren das dann vier Teams, zuletzt auch nur drei – was damals daran lag, dass zuvor aus einer der noch vier Zweitliga-Staffeln niemand aufsteigen wollte. Die SG Porz wollte das ja nie, einige andere Vereine verzichteten auch.
Wie oft schafften ALLE Aufsteiger den Klassenerhalt? Da man es sonst vielleicht auch als Fangfrage bezeichnen könnte: sportlich oder anderweitig.
Wie viele Vereine haben in einer Saison alle Matches verloren?
Wie oft schaffte selbst der Tabellenletzte den Klassenerhalt?
Wie oft passierte das? Erst Klassenerhalt am grünen Tisch, dann in der Saison darauf im Prinzip sportlicher Klassenerhalt aber Rückzug
Die Antworten
Wie oft sind ALLE Aufsteiger direkt wieder abgestiegen?
Das gab es zu oft, um alle Mannschaften zu nennen – nämlich sechsmal. 1986/87, 1987/88, 2000/01, 2005/06, 2009/10 und 2010/11. Nur 2000/01 war es dabei deutlich: alle vier Teams hatten mindestens 5 Punkte Rückstand auf den rettenden 12. Platz. Es gab keine Rückzüge oder Verzichte auf den Aufstieg. SF Baiertal-Schatthausen hatten immerhin individuelle Erfolgserlebnisse: IM-Normen für den später bekannten Rainer Buhmann sowie für die jedenfalls vergleichsweise unbekannten Matthias Duppel und Bernd Meissner.
Wie oft schafften ALLE Aufsteiger den Klassenerhalt?
Zweimal: 1982/83 klappte es sportlich – SG Enger/Spenge, Münchener SC, SV Koblenz und SVg Lasker-Steglitz. Dagegen reichte es beim SC Kettig, in der Saison zuvor als Aufsteiger Vierter, nun nur für Platz 16. Auch den SC Kettig (Landkreis Mayen-Koblenz) gibt es noch, nun auch ein eher kleiner und relativ schwacher Verein.
1999/2000 klappte es dann teils am grünen Tisch. Der Godesberger SK und der Lübecker SV schafften es sportlich. Lübeck hatte danach ja höhere Ambitionen: dreimal nacheinander wurden sie deutscher Meister. Dann haben sie auch für die Saison 2003/04 erst Adams, Grischuk usw. gemeldet aber die Mannschaft dann nach Meldeschluss und vor Saisonbeginn zurückgezogen. König Plauen und TV Tegernsee schafften es am grünen Tisch. Hintergrund: Rückzüge von Delmenhorst und Passau, und auch der Dresdner SC (zuvor sportlich abgestiegen) wollte dann nicht noch ein Jahr Bundesliga spielen. Auch Tegernsee (damals mit u.a. Gerald Hertneck) hatte danach jedenfalls keine Abstiegssorgen mehr, aber nach der Saison 2008/09 der bereits vor der Saison angekündigte Rückzug. Den Verein gibt es noch – relativ groß mit erfolgreicher Jugendarbeit, aber nicht mehr Bundesliga.
Wie viele Vereine haben in einer Saison alle Matches verloren?
Diese „hall of shame“ ist mit fünf Vereinen relativ groß. Das in Gänsefüßchen ist dabei nicht ernst gemeint, sie hatten eben eher kein Bundesliga-Niveau und spielten trotzdem. Schämen sollten sich allenfalls Vereine, die mit 0-0 Mannschaftspunkten gewertet wurden. Grund war dann Rückzug nach Meldeschluss und Meldung der Mannschaft oder während einer laufenden Saison – beides gab es mehrfach.
Jedenfalls: 1991/92 Hannoverscher SK (nun HSK Lister Turm), 2003/04 Stuttgarter Schachfreunde, 2005/06 Zehlendorf, 2008/09 USV TU Dresden, 2010/11 Delmenhorst (Comeback in der Bundesliga, s.o.).
Wie oft schaffte selbst der Tabellenletzte den Klassenerhalt?
Das schafften tatsächlich die bereits erwähnten Stuttgarter Schachfreunde – Rückzug des Lübecker SV vor der Saison, der Bremer SG nach der Saison, und SCA St. Ingbert (trotz knappem Klassenerhalt) sowie König Plauen (sportlich zunächst abgestiegen) hatten vielleicht bereits für die Zweite Bundesliga geplant. In der Saison darauf erzielten die Schwaben dann zwar „exponentiell“ mehr Mannschaftspunkte (1:29 dank 4-4 gegen den Preetzer TSV, Kollegen im Tabellenkeller), aber nun gab es vier reguläre Absteiger.
In der Saison 2007/08 schaffte es auch der SC Kreuzberg: Rückzug von Bindlach und die drei anderen regulären Absteiger Godesberg, Erfurt und Zehlendorf wollten offenbar alle absteigen.
„Knapp gescheitert“ ist dagegen ein Jahr später der USV TU Dresden: nur zwei Rückzüge (Tegernsee und Kreuzberg) und aus der Zweiten Bundesliga West wollte niemand aufsteigen. So reichte Bayern München Platz 15, aber Dresden war ja Sechzehnter. Diese Saison nun für Dresden dasselbe: wieder Letzter (diesmal relativ knapp) und ein Rückzug zu wenig.
Wie oft passierte das? Erst Klassenerhalt am grünen Tisch, dann in der Saison darauf im Prinzip sportlicher Klassenerhalt aber Rückzug
Einen Fall hatten wir bereits: Kreuzberg schaffte 2007/08 den Klassenerhalt als Letzter. Ein Jahr darauf wurde er Siebter aber zog die Mannschaft aus der Bundesliga zurück.
Der andere Fall liegt noch länger zurück: Der SK Passau schaffte 1998/99 den Klassenerhalt durch Rückzug der SG Bochum. Was sie ein Jahr darauf machten wurde bereits erwähnt: Platz 5 und Rückzug, auch hier profitierten andere Vereine.
Bundesliga im Laufe der Jahrzehnte
Generell gilt: Vereine kommen und gehen (und kommen vielleicht wieder), die Bundesliga blieb bestehen. Offenbar gab es nur zwei Konstanten von Anfang an: Solingen und Hamburger SK, beide immer in der Bundesliga. Die Zeiten, als einer oder beide Vereine um die Meisterschaft mitspielen konnten, sind allerdings wohl vorbei.
Walter und Thomas haben beide sehr interessante Artikel verfasst.
Im vorhergegangenen Bericht schrieb Walter:
„Meiner Meinung nach ist der Schach-Bundesliga e.V. krachend gescheitert, … das System passt irgendwie nicht, das ist der Preis für die beste Liga der Welt!
Ersteres sieht er zu emotional und es trifft nur bedingt und auf einige der beabsichtigten Punkte zu. Letzteres legt den Finger auf die Wunde!
Einen interessanten Link postete salto.mattale auf Schachfeld:
https://chess-tigers.de/blogs/news/schachsponsoren
Tatsächlich basiert die BL lediglich auf Mäzenatentum, in ihrer Form ist echtes Sponsoring nahezu ausgeschlossen. Ein Sponsor erwartet, dass seine Unterstützung für eine Sache / ein Projekt positiv wahrgenommen wird. Doch hier gibt es in Sachen BL einige einschränkende Faktoren:
– Die Zielgruppe (Zuschauer) ist in ihrer Struktur nach Alter und sozialem Status inhomogen und nicht besonders groß.
– Die Identifikation mit vielen der Vereine ist gering, wenn nicht nahezu fehlend. Wen berührt ein Team, das ausnahmslos aus ausländischen Legionären besteht. (Abschreckendes Beispiel Wolfhagen, dessen Rückzug nun kein Wolf nachheulen wird?)
– Schach auf BL-Niveau kann nicht von den Fans verstanden werden. Ein Mitdenken und Mitfiebern ist kaum möglich, zu viel Theorie, zu abstrakt. (Anders als etwa in der ungleich schwächeren 4NCL). Zudem sind die Partien viel zu lang.
– Schach ist zwar sehr populär, bleibt aber ein Einzelspiel; Mannschaftskämpfe sind da weit weniger im Blickpunkt.
Die schrankenlose Auffüllung von Mannschaften mit ausländischen Spielern, die keinen Bezug zum Verein haben und die keinen ersichtlichen allgemeinen Nutzen stiften, ist Gift für echtes Sponsoring.
Die BL in der derzeitigen Form ist ein Hybrid zwischen einer nationalen Meisterschaft und dem Prestigeprojekt „Stärkste Liga der Welt“ (Wen beeindruckt das überhaupt tatsächlich?). Einige BL Macher sehen dies mit den Augen der Liebe zum Schach, was aber selbst von der Masse der organisierten Spieler kaum geteilt wird.
Früher weckte ein Großmeister im Team Interesse. Acht GM aufzustellen nivelliert dieses Interesse aber sehr stark, nur echte Top-Stars wecken noch Aufmerksamkeit wie etwa Magnus Carlsen bei St.Pauli.
Schach kann nur von Managern in hohen Positionen unterstützt werden oder von reichen Leuten, die sehen wollen, ob sie mit viel Geld etwas erreichen können. Irgendwann mag ihr Interesse erkalten. In jedem Fall ist es nur Mäzenatentum (manchmal als Sponsoring getarnt, ohne das es echtes ist).
Die Bundesliga zeigt keinerlei Ansatz für ein General-Sponsoring, da sie neben den o.a. Punkten eben auch nur ein Selbstzweck ist, der keinen breiter gestreuten Nutzen / kein allgemeines Interesse für die Öffentlichkeit bietet und damit auch keinen Imagegewinn für einen Sponsor.
Um es auf den Punkt zu bringen: es fehlt an der Identifikation und an einer gewachsenen Struktur. Wie soll man sich mit einer Mannschaft identifizieren, die zusammengewürfelt ist, und keinerlei Kontakt zur Basis hat? Und eine über Jahre gewachsene Struktur ist doch auch wichtig. Wir bei Zugzwang haben Spieler in der Mannschaft, die sind seit 15 Jahren dabei. Aber natürlich gibt es immer wieder mal Veränderungen, das ist normal. Ich meine nur, es muss einen festen Mannschaftskern geben.
Lieber Thomas, vielen Dank für den Beitrag. Man muss dazu sagen, fast alles habe ich live miterlebt, da ich ja seit 1984 in der Bundesliga spiele (mit Unterbrechungen). Ja leider gab es immer wieder Rückzüge, und es wird sie auch immer wieder geben. In der Mehrzahl der Fälle sind natürlich die Finanzen ausschlaggebend für die Entscheidung, aber es kommt zum Beispiel auch vor, dass im Verein der Rückhalt für die Profi-Mannschaft nicht mehr da ist, so war es vor ein paar Jahren bei Remagen, die nun doch wieder aufsteigen!