Es gibt Meldungen, die nachdenklich machen. Hier ist eine davon.
Englands Nummer 1 unter den Großmeistern, Nikita Vitiugov, der eine Höchstwertung von 2750 erreichte, hat offen darüber gesprochen, warum er sich entschlossen hat, das Profischach aufzugeben. In einem kürzlich geführten Interview mit dem russischen Medienunternehmen „Sports Ru“ erklärte Vitiugov, dass die Entscheidung nicht allein mit seinem Alter zu tun hatte. Mit zunehmendem Alter wuchsen seine Verpflichtungen, sodass ihm weniger Zeit blieb, sich dem Schach zu widmen.
„Es geht überhaupt nicht um das biologische Alter … zwischen 35 und 40 hat man viel mehr Verpflichtungen als in den Zwanzigern, und ich konnte dem Schach einfach nicht mehr so viel Zeit widmen.“
Er räumte zudem ein, dass er das Gefühl habe, einen Punkt erreicht zu haben, an dem weitere Fortschritte unwahrscheinlich seien: „Aus finanzieller Sicht ist es nicht rentabel, mit einer Wertungszahl unter 2700 Schach zu spielen, und die Teilnahme an zweitklassigen Turnieren bereitet mir keine Freude.“
Nach Jahren im Spitzensport hat Vitiugov dieses Kapitel seiner Karriere nun abgeschlossen:
„Ich habe mich von diesem Teil meines Lebens verabschiedet.“
Ein ehrlicher und schonungsloser Einblick in die Realitäten des Lebens als professioneller Schachspieler.
Ich bin immer noch ziemlich aktiv und kann gut spielen. Meine Wertungszahl liegt bei etwa 2650, was gar nicht schlecht ist. Aber Schach war für mich nie nur ein Spiel. Ich habe mich ihm voll und ganz verschrieben, und ein sehr wichtiger Teil davon war, Fortschritte zu machen und zu wissen, dass jedes Turnier ein Schritt nach vorne war.“
Als mir jedoch klar wurde, dass ich nicht mehr vorankam, begann ich, meinen Platz im Schach zu hinterfragen.
Entweder gebe ich alles, hundert oder sogar hundertfünfzig Prozent, oder ich bin gar nicht dabei. Ich bin ein Mensch, meine Ressourcen sind begrenzt, und ich muss entscheiden, wofür ich meine Zeit und Energie aufwende.“
Das Interessante daran: Vitiugov ist immer noch Nummer 50 (aktive Spieler) der Welt, und könnte noch locker mithalten. Andere an seiner Stelle würden sich die Finger nach seiner Elozahl (2663) und Weltranglistenposition lecken.
Doch er wird nächstes Jahr 40 Jahre alt, man kann auch sagen, er hat die Hälfte seines Lebens hinter sich, und muss sich fragen, wie er sich in der zweiten Hälfte des Lebens aufstellt.
Nur ist es ja oft so, dass man bis dahin kein zweites Standbein aufgebaut hat, insofern fragt man sich zu recht, wie es jetzt weitergehen soll. In jedem Fall ist es imponierend, wie schonungslos er die Lage analysiert.
So ungewöhnlich ist sein „Schicksal“ ja nicht, „nachdenklich“ macht am ehesten seine Einstellung „entweder 2700+ oder gar nicht mehr“. Gilt das ab sofort und komplett, d.h. auch gar keine Bundesliga-Partien für Baden-Baden (letzte Saison noch 13 Partien)?
Mehr oder weniger vergleichbare Fälle sind z.B. der 43-jährige Pawel Eljanov, der wie Vitiugov 39-jährige Radek Wojtaszek oder – etwas älter aber auch für sie ging es ab Mitte 30 etwas bergab – der nun 47-jährige Leko und der 46-jährige Kasimdzhanov. Leko ist nun vor allem Trainer (für Vincent Keymer) und auch Kommentator. Kasimdzhanov ist offenbar auch Trainer für jüngere usbekische Spieler, auch Eljanov hat anscheinend auch eine Rolle bzw. „zweites Standbein“ als Trainer (Dinara Wagner und Leonardo Costa, bei der Olympiade Kapitän von Usbekistan 2).
Vielleicht wird das auch die neue Rolle von Vitiugov? 2023 wurde suggeriert, dass England ihn auch als Trainer eingekauft hatte – Verbandswechsel und Umzug von Spanien nach England damals ja einen Tag nach einer kräftigen Finanzspritze für den englischen Schachverband und einen Tag vor Ablauf der Frist, bis zu der russische Spieler „fee-free“ den Verband wechseln konnten. Der „Absturz“ auf Elo unter 2700 erfolgte, Zufall oder nicht, direkt danach.
Klar ist: Baden-Baden hätte ein größeres Problem, wenn auch Kasimdzhanov und/oder Wojtaszek plötzlich sagen „wir spielen gar nicht mehr“. Zugzwang hätte natürlich ein sehr großes Problem, wenn Eljanov morgen, übermorgen oder in einem Monat sagen würde „ich habe keine Lust mehr auf Turnierschach“.
ja er ist nicht der Erste, der sich vom Spitzenschach zurückzieht, und er wird auch nicht der Letzte sein. Trotzdem hat mich die Meldung betroffen gemacht. Wenn man Nummer 50 der Welt ist, dann sollte man denken, dass man weich fällt, notafalls eben als Nationaltrainer oder was auch immer. Das Problem ist nur, dass man nicht mehr zu den Spitzenturnieren eingeladen wird, und genau das dürfte sein Problem gewesen sein. Er hat seinem eigenen Anspruch nicht mehr genügt.