Im Perpetual Chess Podcast war FM Andrey zu Gast. Er ist ein preisgekrönter Schachautor, der einen Großteil des letzten Jahrzehnts damit verbracht hat, das Leben des Weltmeisters Wassili Smyslow zu erforschen. Er spricht über seine neues Buch „The Life and Games of Vasily Smyslov, Volume 2: The Challenger“ – den Nachfolgeband seines Werks, das 2020 als „FIDE-Schachbuch des Jahres“ ausgezeichnet wurde.
Im Podcast unterhält er sich mit Ben Johnson über das legendäre Turnier von Zürich 1953, Vorwürfe wegen sowjetischer Absprachen und politischer Einflussnahme, Smyslows unverwechselbaren Spielstil sowie seine überraschenden Ambitionen als Opernsänger. Zudem sprechen sie über die akribische historische Recherchearbeit von Andrey. Außerdem geht es um seine eigenen schachlichen Abenteuer in Frankreich und darum, wie es mit seiner Smyslow-Biografie weitergeht. Es folgt eine KI-unterstützte Zusammenfassung des Interviews.
• Zürich 1953: Bedeutung und Struktur
Ben: Fragt, warum das Turnier Zürich 1953 so anhaltend fasziniert und warum es im Buch so zentral ist.
Andrey: Erklärt, dass Zürich 1953 vermutlich eines der stärksten Turniere aller Zeiten war: sehr viele Topspieler, Doppelrundensystem (30 Runden), viele denkwürdige Partien (z. B. das berühmte Opfer auf h3) und zahlreiche spätere Bücher, die das Turnier verewigten. Er betont, dass es für Smyslov der beste Turniersieg seiner Karriere war und deshalb als zentraler Punkt des zweiten Bandes dient; das Turnier markiert zugleich den Übergang zur nächsten Phase (Kandidatenkämpfe gegen Botwinnik).
• Turnierformat und Spielverlauf
Ben: Weist darauf hin, dass die Runden nicht synchron gespielt wurden und fragt nach Auswirkungen auf die Spieler.
Andrey: Erklärt die organisatorischen Gründe (ungerade Teilnehmerzahl, freie Runden) und die praktischen Folgen: unterschiedliche Anzahl gespielter Partien, viele aufgeschobene Partien und dadurch schwierige direkte Vergleiche. Er nennt drei Zeitpunkte, an denen alle Spieler gleiche Partien und Punkte hatten (Start, nach dem ersten Durchgang, am Ende) und beschreibt, wie sonst Abschätzungen nötig waren (z. B. wegen aufgeschobener Partien). Er erwähnt auch die enorme Dauer des Turniers und die damalige Normalität solcher Marathonformate.
• Körperliches Training der sowjetischen Spieler
Ben: Fragt nach dem Trainingsregime der sowjetischen Spieler vor dem Turnier.
Andrey: Beschreibt den Einfluss Botwinniks als Pionier eines wissenschaftlichen Ansatzes (Vorbereitung, körperliche Fitness) und erklärt, dass Schach in der Sowjetunion Teil des Sportapparats war, wodurch Trainer aus anderen Sportarten eingebunden wurden. Er schildert, dass für die Vorbereitung auf das US-Match spezielle Trainingslager stattfanden (Laufen, Schwimmen, gemeinsame Eröffnungsarbeit). Er betont, dass die Umsetzung individuell unterschiedlich war (einige Spieler sehr sportlich, andere weniger) und dass Rauchen und andere Gewohnheiten verbreitet waren.
• Politische Einflussnahme und Kandidatenfrage
Ben: Fragt nach dem Ausmaß staatlicher Einflussnahme auf das Turnierergebnis.
Andrey: Erklärt, dass Schach in der Sowjetunion ein Propagandainstrument war und dass die Sowjetunion vor allem verhindern wollte, dass ein US-Spieler (insbesondere Reshevsky) das Kandidatenturnier gewinnt. Er beschreibt die FIDE-Debatten über die Zulassung westlicher Spieler und die Bemühungen, die Teilnehmerliste zu beeinflussen. Er schildert, dass nach Smyslovs Niederlage gegen Kotow (Runde 21) die sowjetische Delegation (Delegationsleiter Dmitry Posnikov) Druck ausübte, um Reshevsky zu verhindern; es gab psychologischen Druck und Gerüchte über Absprachen (z. B. Remis oder Verluste), aber keine eindeutigen Beweise für systematische Absprachen in Zürich 1953. Er verweist auf spätere Veröffentlichungen und widersprüchliche Aussagen der Beteiligten.
• Primärquellen und Erinnerungen der Teilnehmer
Ben: Fragt, ob Andrei noch Teilnehmer getroffen hat und welche Quellen besonders hilfreich waren.
Andrey: Er berichtet, dass er Averbach getroffen und interviewt hat, aber dieser wenig Neues lieferte; Bronsteins Artikel und Smyslovs Replik sind im Buch zitiert. Er betont, dass es keine eindeutigen „smoking gun“-Dokumente gibt und dass man oft auf Aussagen und Vermutungen angewiesen ist. Er nennt Averbach als wichtige Quelle (Teilnehmer und später Funktionär), erwähnt aber auch andere Autoren (Bronstein, Taimanov, Botwinnik) und deren unterschiedliche Verlässlichkeit und Stil: manche Autoren waren sehr direkt, andere eher anekdotisch; er empfiehlt, mehrere Editionen und Quellen zu vergleichen und implizite Kontexte zu beachten.
• Editionsunterschiede bei Bronsteins Buch
Ben: Fragt nach Unterschieden zwischen den verschiedenen Bronstein-Editionen.
Andrey: Zeigt, dass Bronsteins Buch in mehreren russischen Ausgaben erschien und dass sich die Darstellung von Edition zu Edition änderte: die erste Ausgabe war direkter, spätere Ausgaben entfernten Passagen und fügten andere Elemente hinzu (z. B. Rundübersichten nur in der letzten russischen Ausgabe). Er verweist darauf, dass englische Übersetzungen meist auf früheren Editionen basierten und dass Bronstein mehr strich als hinzufügte; ähnliche Anpassungen gab es auch bei anderen Autoren (z. B. Botwinnik).
• Historischer Kontext: Spätstalinismus
Ben: Fragt nach dem politischen Hintergrund (Stalin, Atmosphäre) und dessen Einfluss auf die Spieler.
Andrey: Erklärt, dass das zweite Buch stark vom späten Stalinismus geprägt ist: Paranoia, politische Prozesse (z. B. Ärzte-Affäre) und eine allgemeine Atmosphäre der Angst. Er vermutet, dass Smyslov persönlich unter dieser Stimmung litt und dass Stalins Tod (März 1953) eine Erleichterung brachte; danach begann Smyslovs sportliche Hochphase (Siege in Trainingswettkämpfen, Zürich 1953, Kandidatenkampf 1954, Weltmeisterschaft). Er betont, dass diese historische Einordnung wichtig ist, um die Entwicklung Smyslovs zu verstehen.
• Smyslovs Spielstil und Stärken
Ben: Fragt, was Smyslov von anderen Weltmeistern unterscheidet.
Andrey: Beschreibt Smyslov als Endspielgenie (frühe Ausbildung im Endspiel, Zusammenarbeit mit Löwenfisch) und als Spieler mit starkem Positionsgefühl („die Hand weiß, wo die Figuren hingehören“). Er hebt Smyslovs Intuition, kurze, klare Varianten und seine außergewöhnliche Verteidigungsfähigkeit hervor; zudem erwähnt er Smyslovs wechselhafte Eröffnungsrepertoire und seine Fähigkeit, eigene Eröffnungsideen zu entwickeln. Das Wort „Harmonie“ war für Smyslov zentral.
• Smyslovs Archiv und Primärquellen
Ben: Fragt, wie Andrey an solche Quellen kam.
Andrey: Er berichtet, dass er Smyslovs Nachlass über dessen Neffen (Yuri Feminich) erreichte und eine Woche im Haus verbrachte, wo er Manuskripte, Briefe, Medaillen und persönliche Unterlagen fand. Diese Primärquellen lieferten viel neues Material für Band 2 und 3; er hat gezielt bis 1960 recherchiert und viele bisher ungenutzte Dokumente gesichtet.
• Smyslovs musikalische Ambitionen
Ben: Fragt nach Smyslovs Versuch, Opernsänger zu werden.
Andrey: Er schildert, dass Smyslov ernsthaft Gesangsunterricht nahm (Stimme, regelmäßige Fahrten nach Leningrad), mit einem Gesangslehrer (Konstantin Slobin) arbeitete und sogar die erste Runde eines Wettbewerbs am Bolschoi Theater bestand, aber nicht die zweite. Er fand Briefe des Gesangslehrers im Archiv, die Smyslovs Stimme und Ausbildung dokumentieren. Die musikalische Leidenschaft war familiär verankert; die Gesangskarriere blieb jedoch unvollendet, wurde aber Teil von Smyslovs Legende.
• Rechercheaufwand: Annotationen vs. Historie
Ben: Fragt, ob die biographische Recherche oder die Partienannotationen mehr Arbeit machten.
Andrey: Er erklärt, dass die historische Recherche deutlich schwieriger war: viele Quellen sind unvollständig oder politisch gefärbt, Editionen unterscheiden sich, und man muss zwischen den Zeilen lesen. Die Partienannotationen waren zwar aufwändig (Vergleich mit früheren Analysen, Einsatz von Engines), aber die historische Arbeit erforderte viel mehr Sorgfalt und Vergleich von Primärquellen; das Projekt dauerte deshalb sechs Jahre.
• Aktuelles Schachspiel: Französisches Meisterschafts- und Vereinsleben
Ben: Fragt nach Andreys aktuellem Schachspiel und Erfahrungen in Frankreich.
Andrey: Er berichtet, dass er seit fünf Jahren in Frankreich lebt und für die französische Föderation spielt. Er beschreibt die französische Meisterschaft (große Veranstaltung, viele Teilnehmer, K.-o.-System für die Topgruppe) und seine Teilnahme in der zweiten Liga; er spielt auch Vereinspartien (National 1) und nimmt an Blitz-/Rapid-Veranstaltungen in Paris teil. Er betont die Herausforderung, gegen jüngere, stark aufstrebende Spieler zu spielen, und dass das Vereins- und Turnierspiel ihn motiviert.
• Fortschritt und Zeitplan für Band 3
Ben: Fragt nach dem Stand von Band 3.
Andrey: Er erklärt, dass Band 3 bereits in der Layout-Phase ist und weiter fortgeschritten ist als Band 2 zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Band 1. Er hofft auf eine Veröffentlichung Anfang nächsten Jahres, weist aber auf lange Druck- und Lieferzeiten hin und nennt als Zielzeitraum Sommer 2027 für das gedruckte Buch. Er betont, dass das Projekt weiterhin ein „Labor of love“ ist und dass er nach dem Ruhestand mehr Zeit investieren kann.
• Shigorin-Memorial: Organisation und Teilnehmer
Ben: Fragt nach dem Shigorin-Memorial mit angeblich 700.000 Teilnehmern.
Andrey: Er erklärt, dass das Turnier als größtmögliche Massenveranstaltung organisiert wurde (K.-o.-System über viele lokale Vorläufe), sodass die Zahl 700.000 auf viele einzelne Spiele zurückgeht. Das Finale fand in Leningrad statt; Smyslov war als Ehrengast eingeladen. Er nennt Beispiele junger Talente (z. B. Spassky, Keres) und betont, dass die Qualifikation sehr anspruchsvoll war und viele starke Spieler hervorgebracht wurden.
Interview im Original: