
Erstmals hat eine Frau den Scherbenhaufen des Deutschen Schachbunde übernommen und das zu einem Moment, als der Deutsche Schachbund finanziell am Boden lag. Meiner Meinung nach hat sie eine ausgezeichnete Arbeit geleitet und aus dem Scherbenhaufen alles rausgeholt!
Bitte stellen sie sich kurz vor!
– Ingrid Lauterbach (64), Internationale Meisterin und Internationale Schiedsrichterin, seit zwei Jahren Präsidentin des Deutschen Schachbundes.
Zwei Jahre Präsidentschaft sind wie im Fluge vorbeigangen. Als sie dankenswerterweise übernommen haben, hatte der DSB gewaltige Finanzprobleme. Aus der Ferne würde ich Ihnen einen Turnaround bestätigen. Wie sehen sie die Fortschritte?
Das Präsidium konnte in einem Kraftakt die finanzielle Situation wieder stabilisieren. Man erinnere sich: Die Rücklagen waren dramatisch geschmolzen und der Schachbund hatte ein strukturelles Defizit. Das bedeutet: Die zu stemmenden Ausgaben waren schon zuvor Jahr für Jahr höher als die Einnahmen. Zeitgleich galt es auch noch das bereits begonnene Softwareprojekt zur Mitgliederverwaltung und zu dem Wertungsportal umzusetzen – was erhebliche Einmalaufwände in dieser Zeit verlangte. Diese Situation zu verbessern gelang zum einen mit der Unterstützung der Mitgliedsverbände, die den Beitragserhöhungen zustimmten, zum anderen aber auch mit Sparmaßnahmen in allen Ressorts. Zugegebenermaßen machten diese nicht jedermann glücklich, aber um die Lage wieder in den Griff zu bekommen, waren sie aus unserer Sicht unvermeidbar
Was waren die wichtigsten Vorgänge in ihrer Amtszeit?
Es ist wirlich viel passiert, daher nur Stichpunkte:
-Die Stabilisierung der Finanzen wurde bereits erwähnt. Der erfolgreiche Abschluss des Projektes zur Mitgliederverwaltung (innerhalb des geplanten Budgets) war ein wichtiger Meilenstein. Schachpolitisch gesehen war es ein Riesenerfolg, dass die Mitgliederversammlung in Budapest sich unserer Meinung angeschlossen hat und die volle Wiederaufnahme von Russland und Weißrussland ablehnte. Auch, dass als Leitung der Ethikkommission eine unabhängig denkende Kandidatin gewählt wurde, durften wir als Erfolg verbuchen. In den Jahren 2023 und 2024 mussten wir sehr darauf achten, die Deutschen Meisterschaften bzw. Masters so durchzuführen, dass sie unsere Finanzen nicht übermäßig strapazieren. Dies gelang insbesondere mit der Durchführung in Ruit. In diesem Jahr planen wir mit der großzügigen Unterstützung von Roman Krulich als Hauptsponsor, aber auch von UKA und der Förderung durch die Stadt München, ein attraktives Event in München, mit Rahmenprogramm für Jedermann (siehe auch https://www.schachbund.de/deutsche-meisterschaften-2025.html). Ich hoffe, dort viele Schachinteressierte zu sehen! Es gab weitere Highlights: Schach wurde wieder ins Programm des Allgemeinene Deutschen Hochschulsportverbandes adh aufgenommen. Mit der Deutschen Schachjugend konnten wir uns einigen – und ein gemeinsames Projekt zur Förderung von Mädchen- und Frauenschach starten. Ich finde es auch für den Schachsport in Deutschland ausgesprochen attraktiv, dass Ende April wieder die gemeinsame Bundesligaendrunde in Deggendorf stattfindet. Und, natürlich nicht zu vergessen: Die tollen Erfolge unserer Sportler. Silber bei der Team-EM in Montenegro, Gewinne im Mitropacup in Apolda für beide Mannschaften, Gold an Brett 5 für Frederik Svane und Silber an Brett 2 für Elisabeth Pähtz bei der Olympiade in Budapest. Nicht zu vergessen: Gold bei den Senioren für Rainer Knaak und Brigitte Burchardt in Porto Santo. Der Sieg von Vincent beim Freestyle Grand Slam in Weissenhaus hat auch begeistert. Während ich das schreibe, schaut es auch bei der EM vielversprechend aus…
Sportlich läuft es wunderbar, wir haben eine tolle Generation. Das Problem sind die Finanzen, Unterstützung ist da nicht so einfach. Was kann der DSB da tun?
Wir müssen versuchen, unseren Sport attraktiv zu machen, um das Interesse weiter zu steigern. Unsere neue Imagebroschüre und unser Sponsorenkonzept haben bisher viel positives Feedback erzeugt. Dass wir nicht nur dieses tolle Event in München planen, sondern es auch sehr gut ausschaut, dass wir 2026 in Dresden endlich wieder einen Schachgipfel haben, zeigt doch eines: Wir sind auf dem richtigen Weg! Die Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Maritim müssen wir weiter ausbauen.
Das zerrüttete Verhältnis DSB und DSJ hat sich meiner Meinung nach deutlich verbessert, natürlich braucht es Zeit. Wie sehen sie da die Fortschritte?
Ich hatte es schon erwähnt: wir sind auch da auf einem guten Weg, das gemeinsame Projekt hilft da sicher auch.
Haben sie Pläne für die nächste Amtszeit, was steht da auf der Agenda?
Priorität muss es haben, die Finanzen weiterhin stabil zu halten, weitere Mittel einzuwerben und zu priorisieren, wie wir diese Mittel verwenden. Wir sind im Moment weiter im Wachsen, ich hoffe das Ziel 100.000 Mitglieder im DSB bald erreichen zu können.
Den Schachgipfel Dresden 2026 habe ich schon erwähnt. 2027 ist das Jubiläumsjahr – das erfordert auch umfangreiche Planungen der Aktivitäten.
Die DSAM als unser Vorzeigeprodukt mit stetig steigenden Teilnehmerzahlen erfordert permanente Weiterentwicklung der Abläufe und entsprechende Unterstützung.
Unser Softwareprojekt möchten wir erfolgreich abschließen. Allerdings ist der gesamte Bereich IT und Digitales im Moment noch nicht ausreichend gut aufgestellt – dies vor dem Hintergrund, Prozesse möglichst zu vereinfachen. Da müssen wir noch einiges tun.
Wir haben in den letzten beiden Jahren gesehen, dass wir im Ehrenamt Engpässe haben. Es wurde klar, dass nicht jeder, der ein Amt antritt auch in der Lage ist, dieses mit dem damit verbundenen hohen Zeitaufwand auch auszuüben. Das Finden von geeigneten Personen für solche Ämter ist daher ganz wichtig. Dafür brauchen wir auch die Unterstützung der Mitgliedsverbände und Vereine. Ohne ein Team, das unterstützt, lassen sich die vielen Aufgaben nicht bewältigen.
Ich halte Vereinstreue für sehr wichtig und finde es richtig, das sie mit Ihrer Mannschaft aus England weiter zusammenspielen. Was waren da Ihre größten Erfolge?
Der größte Erfolg war sicher der Gewinn des Weltmeistertitels bzw. des Europameistertitels im Team der Senioren. Die englische Frauenmeisterschaft konnte ich auch einmal gewinnen (womit ich mich zur Teilnahme bei den europäischen Mannschaftsmeisterschaften in Batumi qualifiziert habe). Und mit meinem Team (Barbican) beim European Cup zu spielen, hat großen Spass gemacht.
Sie haben ein Ehrenamt, das sehr viel Zeit in Aspruch nimmt. Was machen Sie, wenn Sie nicht dem Schachsport weiterhelfen?
Normalerweise reisen wir gerne, das kam leider etwas zu kurz in den beiden vergangenene Jahren. Ähnliches gilt für alle Projekte in Haus und Garten, die ich mir eigentlich vorgenommen hatte, wenn ich nicht mehr arbeite. Aber die laufen ja nicht davon…