Gespür für den richtigen Moment: Vom Snooker zum Schach
Schenk sieht sich selbst weniger als klassischen Fachjournalisten, sondern als Beobachter von Sportarten im Übergang. Seine Vergleiche mit Snooker und Darts zeigen, wie sehr ihn das Zusammenspiel aus Persönlichkeit, Atmosphäre und medialer Erzählbarkeit interessiert. Figuren wie Ronnie O’Sullivan oder ikonische WM-Bühnen hätten gezeigt, wie Nischensportarten plötzlich breite Aufmerksamkeit gewinnen können.
Dieses Gefühl hatte er auch beim Schach – lange bevor Pandemie und Damengambit den Boom auslösten. Ein Schlüsselmoment war sein Beitrag über Georgios Souleidis („The Big Greek“) im Jahr 2020. Die Popularität des anschließenden Reaction Videos von Souleidis machte für Schenk erstmals sichtbar, welches Reichweiten- und Emotionalisierungspotenzial im modernen Schach steckt.
Nähe, Tragik und Öffentlichkeit: Der Naroditsky-Fokus
Warum der Tod von Daniel Naroditsky medial eine so große Wucht entfaltete, erklärte Schenk vor allem mit dessen Ausstrahlung. Naroditskys Authentizität, seine Zugänglichkeit als Streamer und die offene Art hätten eine starke Bindung zum Publikum erzeugt. Verstärkt wurde die Wirkung durch die tragischen und bis heute nicht vollständig aufgeklärten Umstände seines frühen Todes.
Zwischen Weltmeistern und Kontroversen
Besonders lebendig wurden Schenks Erzählungen, wenn es um persönliche Begegnungen ging.
Das Carlsen-Interview etwa beschreibt er als Paradebeispiel journalistischer Beharrlichkeit: Für ein zunächst zugesagtes Sieben-Minuten-Gespräch reiste er nach Norwegen – und gewann am Ende genau eine Minute mehr Zeit, als ursprünglich in Aussicht gestellt war.
Ganz anders die Arbeit an der Niemann-Affäre: Für den Podcast Scambit bedeutete sie eine intensive Recherche zwischen technischen Details und menschlichen Abgründen. Die Auszeichnung mit dem Deutschen Podcastpreis für den Produzenten Yves Bellinghausen bestätigt rückblickend den Aufwand dieses „Deep Dives“.
Kurios wiederum war der Umgang mit Vladimir Kramnik. Dass ein Ex-Weltmeister aktiv journalistische Reichweite sucht, erlebte Schenk als Grenzfall. Umso wichtiger war für ihn, Distanz zu wahren und sich nicht für persönliche Kampagnen instrumentalisieren zu lassen.
Blick nach vorn: Neue Formate, neue Fragen
Auch aktuelle Strukturdebatten der Schachwelt ordnete Schenk ein. Die Kooperation der FIDE mit Jan-Henric Buettner und die Anerkennung von Weissenhaus als Austragungsort der offiziellen Freestyle-Weltmeisterschaft bezeichnete er als bemerkenswerte Kehrtwende nach langen Konflikten.
Die geplante Total Chess World Championship bewertet er ambivalent: sportlich attraktiv und medienfreundlich, zugleich aber erklärungsbedürftig. Die Vielzahl an Formaten und Regelwerken erschwere es, einen Titel klar und verständlich zu kommunizieren.
Nähe ohne Abhängigkeit: Das Verhältnis zu Vincent Keymer
Im Zusammenhang mit Vincent Keymer rechnet Schenk bei weiteren Erfolgen durchaus mit einem deutschen Aufmerksamkeits-Effekt. Gleichzeitig betont er, dass Vertrauen und journalistische Eigenständigkeit für ihn untrennbar zusammengehören. Die Initiative gehe meist von ihm aus – nicht umgekehrt. „Ich laufe eher ihm hinterher als umgekehrt“, sagt er.
Schlussbild
Souverän, reflektiert und gut vorbereitet präsentierte sich Niklas Schenk im Schachtalk als einer, der Schach nicht nur versteht, sondern einordnen kann. Seine Arbeit zeigt, warum er für große Medienhäuser zu einer zentralen Stimme des Schachs geworden ist – und warum weitere ARD-Beiträge über das Geschehen auf den 64 Feldern kaum überraschen würden.
Zum ausführlichen Interview geht ́s hier: Niklas Schenk (ARD-Sportschau) im Schachtalk