In der neuesten Ausgabe des Schachtalks der Chess Tigers standen mit Dinara und Dennis Wagner zwei der profiliertesten deutschen Schachprofis im Fokus. Das Gespräch bot eine detaillierte Aufarbeitung internationaler Schlagzeilen sowie Einblicke in die spezifischen Anforderungen des Profischachs.
Analysen zur Weltmeisterschaft: Fokus auf Magnus Carlsen
Die Ereignisse der Blitz- und Schnellschach-WM in Doha boten reichlich Diskussionsstoff. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand das Verhalten von Magnus Carlsen:
- Hektik am Brett: Ein Vorfall, bei dem Carlsen im Zeitnot-Modus Figuren umstieß und die Uhr betätigte, bevor die Stellung wieder korrekt aufgebaut war, wurde thematisiert. Die Einordnung der Experten wertet dies eher als Resultat der extremen emotionalen Anspannung denn als gezielte Unsportlichkeit.
- Zeitmanagement und Verspätungen: Carlsens wiederholte Verspätungen am Brett dienten als Aufhänger für weitere Beobachtungen. Dinara Wagner verwies in diesem Zusammenhang auf ein Vorkommnis bei der Team-WM in London, als sie mit dem Team „Germany & Friends“ nach einem Protest des Teams WR Chess ausschied.
- Emotionale Ausbrüche: Differenziert war die Bewertung des Schubsens eines Kameramanns durch Carlsen nach einer Niederlage gegen Artemiev. Auch wenn der Kameramann Carlsen sehr nah auf die Pelle rückte, fand Co-Moderator Jonathan Carlstedt dieses Verhalten unangemessen.
Juristische Auseinandersetzungen: Kramnik gegen die FIDE
Ein zentrales Thema war die Klage von Wladimir Kramnik gegen den Weltschachbund FIDE, mit der er das Verhältnis zwischen Ankläger und Verteidiger einfach umkehrte. In der Diskussion wurde bedauert, dass der ehemalige Weltmeister durch seine öffentlichen und unbelegten Cheating-Vorwürfe sein eigenes Ansehen innerhalb der Schachgemeinschaft gefährde.
Formate und Wettbewerbe: Freestyle Chess und Bundesliga
Hinsichtlich neuer Turnierformen wurde die Fortsetzung der Freestyle Chess-Serie (Schach960) in Weissenhaus positiv bewertet. Dennis Wagner betonte den Mehrwert der Kreativität, die bei diesem Format ab dem ersten Zug gefordert ist. Auf nationaler Ebene liegt der Fokus für beide auf dem SC Viernheim, der derzeit die Tabelle der Bundesliga anführt. Dinara Wagner wird zudem bei der Sparkassen Chess Trophy in Dortmund im Frauen-Einladungsturnier antreten.
Professionelle Strukturen: Sekundanten und Turniervorbereitung
Die Frage nach einer offiziellen Rolle von Dennis Wagner als Sekundant für Matthias Blübaum beim Kandidatenturnier blieb weitgehend offen. Zwar bestehe eine enge Freundschaft und ein regelmäßiger fachlicher Austausch. Ob Wagner aber offiziell im Team von Blübaum ist, wird man erst nach dem Kandidatenturnier erfahren.
Das Prinzip der professionellen Distanz
Trotz des gemeinsamen Erfolgs beim German Masters 2023 verfolgen die Wagners bei Turnieren einen individuellen Ansatz:
- Sportliche Einordnung: Dinara Wagner relativierte die mediale Darstellung einer Rivalität mit Elisabeth Pähtz. Das Verhältnis sei gut, und der sportliche Wettbewerb stehe im Vordergrund.
- Räumliche Trennung: Die Entscheidung für getrennte Hotelzimmer während der Turniere wurde als rein professionelle Maßnahme zur Wahrung des eigenen Fokus und des individuellen Rhythmus erklärt. Unterschiedliche Verarbeitungsweisen von Sieg und Niederlage ließen sich so besser koordinieren.
Rückblick auf die Prinzengruppe
Abschließend wurde die Bedeutung der „Prinzengruppe“ für die Entwicklung deutscher Spitzenspieler wie Blübaum, Svane und Donchenko hervorgehoben. Dass dieses erfolgreiche Modell der Gruppenförderung bisher keine direkte Fortsetzung fand, wurde als offene Frage an die Verbandsstrukturen formuliert.
Ausblick
In der folgenden Woche wird Niklas Schenk als Gesprächspartner erwartet, der unter anderem Einblicke in seine Kontakte zur Familie Keymer und zu Wladimir Kramnik geben wird.
Fotos: Angelika Valkova/Dariusz Gorzinski