Symbolbild Übereifriger Schiedsrichter. Quelle: Gemini KI:
Eine Glosse von Gerd Lorscheid – mit Unterstützung von Claude AI
Ich erinnere mich noch gut an die Corona-Turniere – natürlich nicht in Deutschland, das wäre ja auch zu einfach gewesen. Aber ich glaube, genau in dieser Zeit haben Schiedsrichter weltweit eine Offenbarung erlebt: Man kann Menschen mit einem Klemmbrett und einem strengen Blick tatsächlich zum Sitzenbleiben zwingen. Seitdem scheinen einige diese neu entdeckte Superkraft nicht mehr hergeben zu wollen. Ich selbst bin übrigens Nationaler Schiedsrichter – ich kenne also die Geheimformel, mit der man aus einem netten Hobby einen Überwachungsstaat im Kleinformat macht.
Ein paar Highlights aus meiner Sammlung „Schiedsrichter Undercover: Spezialeinheit Stuhlkontrolle“:
München Open, organisatorisch ein Meisterwerk des Chaos. Der Vize-Schiedsrichter hatte die geniale Idee, alle Handys zu verbieten, sämtliche Spieler aus dem Saal zu scheuchen und sie beim Wiedereintritt zu scannen wie am Flughafen-Sicherheitscheck. Die Handys durfte man derweil auf einem völlig unbewachten Tisch ablegen – quasi ein Handy-Buffet für jeden Interessierten. Und während drinnen gescannt wurde wie bei der Passkontrolle, gab es für Raucher einen Hintereingang direkt auf die Straße. Sicherheitskonzept: bestanden mit „sehr symbolisch“.
Deutsche Vereinsjugendmannschaftsmeisterschaft. Ich, als Betreuer, setzte mich fünf Meter von meinem Spieler entfernt hin – aus Respekt, nicht aus Faulheit, auch wenn mein Alter und meine Fitness da durchaus mitgespielt haben. Nach einer halben Stunde erschien ein legendär gefürchteter Schiedsrichter und befahl mir aufzustehen. Zweimal, im Ton zunehmend militärisch. Ich konnte mir eine Spitze nicht verkneifen – Ergebnis: Rausschmiss aus dem Saal, dann gleich für das ganze Turnier. Der einzige Trost: Er konnte es zwar anordnen, aber nicht durchsetzen. Ein Papiertiger mit Ausweis.
Spilimbergo, Friaul. Hübsches Turnier, mieser Deal – der vierte Preis deckte nicht mal die Hotelrechnung. Anti-Cheating-Maßnahmen? Fehlanzeige, mit dem Handy auf die Toilette war ungefähr so kontrolliert wie ein Selbstbedienungsladen. Dafür wurde kurzerhand die ganze Zuschauertribüne gesperrt und zur Kampfzone erklärt. Die Schiedsrichter jagten dann nicht etwa Cheater, sondern jeden Spieler, der auch nur aussah, als wäre er fertig. Ich wurde nach meiner Partie gleich dreimal aufgefordert, den Saal zu verlassen – ich wollte doch nur meine Wasserflasche holen, kein Verbrechen begehen. Immerhin: Die Schiedsrichter trugen einheitliche Polohemds vom Verband. Deutlich entspannter als unsere heimische Anzug-und-Krawatte-Fraktion.
Pardubice, Europäische Jugendmannschaftsmeisterschaft – eine von diesen FIDE/ECU-Erfindungen, deren Hauptzweck offenbar darin besteht, über Hotelzwang noch ein bisschen Kleingeld herauszuschlagen. Während das parallele Open völlig frei und unkontrolliert lief, wurde die EM in derselben Halle hinter einer provisorischen Trennwand abgeschottet wie ein Hochsicherheitstrakt. Als ich neugierig durch ein Loch in der Wand spähte, stand sofort eine Schiedsrichterin neben mir – offenbar mit Röntgenblick für verbotene Blicke ausgestattet.
Kattowitz, gleiches Spiel, aber immerhin eine Tribüne für Zuschauer freigegeben – schon fast revolutionär. Mitten im Turnier kam dann plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, das Verbot: Jacken seien ein „Sicherheitsproblem“. Ich brachte meine notgedrungen zum Auto, kam zu spät, meine Uhr lief bereits – zum Glück zeigte der lokale Schiedsrichter Gnade und Menschenverstand.
Orosei, Sardinien. Hier flog man nach der Partie wenigstens nicht raus, dafür gab’s den obligatorischen Drei-Sekunden-Scan beim Betreten. Zwei Minuten vor Rundenbeginn saß ich konzentriert am Brett – und entdeckte mit Schrecken das Handy in meiner Hosentasche und die Uhr an meinem Arm. Offenbar hatte mich der Scanner für unbedenklich befunden. Kompliment an die Technik.
Fazit: Der Job eines Schiedsrichters ist eigentlich simpel: im Hintergrund wirken, aufmerksam sein, nicht auffallen. Störend wird es erst, wenn er sich als Sheriff im Wilden Westen des 64-Felder-Universums inszeniert oder für fragwürdige Nebenaufgaben missbraucht wird, die mit seinem eigentlichen Job nichts zu tun haben. Berechenbarkeit statt Aktionismus wäre schön – dann könnte man auch mal hinterfragen, ob eine Maßnahme überhaupt Sinn ergibt, statt sie einfach durchzuziehen, weil’s sich nach Kontrolle anfühlt. Und Elozahlen muss sowieso niemand schützen – das erledigt Herr Sonas ganz allein. Manchmal frage ich mich außerdem, warum überhaupt ein Bürgermeister zur Eröffnung eingeladen wird, wenn das Turnier anschließend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet wie eine geheime Untergrundorganisation. Anti-Cheating ist oft nur die Ausrede – der wahre Antrieb ist meistens: pure Lust am Anordnen.
Nachbemerkung von GM Hertneck. Es ist noch nicht lang her, da nahm ich an der offenen Staatsmeisterschaft in Linz. Hier waren die Schiedsrichter das genaue Gegenteil: aufmerksam im Hintergrund, aber nie lästig im Vordergrund. Das Fingerspitzengefühl das manchen deutschen Schiedsrichtern fehlt, war dort vorhanden. Natürlich sollen auch nicht alle einen Kamm geschoren werden. Aber ich hab auch schon viele lustig-traurige Sachen erlebt:
- Ich spielte an einem Blitztunier mit. Plötzlich bemerkt der Schiedsrichter, dass ich eine Smart-Watch trug. Höflich aber bestimmt wies er mich nach der Partie darauf hin, dass es besser wäre, die Uhr abzulegen, was ich auch tat. an will ja keine Probleme verursachen. Aber wie man beim Blitzen auf die Idee kommen kann, dass man dort Hilfe von einer Smartwatch bekommen könnte, erschließt sich mir nicht ganz!
- Kürzlich in Dresden passierte es mir, dass ich die falsche Toilette nahm (außerhalb des Turnierbereichs, aber im selben Gebäude natürlich), also wurde ich auch darauf hingewiesen, und nahm künftig die richtige Toilette. Ich kann verstehen, dass Toiletten in Verbindung mit einem eingeschmuggelten Handy ein sensibles Thema sein können.
- Wiederum in Dresden unterhielt ich mich bei einer kleinen Spielpause auf der Terrasse über das Turnier und meine gestrige Partie. Wieder wurde mir bedeutet, dass das nicht zulässig sei. Nun gut, ich hatte das Gespräch auch nicht angefangen. Natürlich haben wir nicht über die laufende Partie geredet, aber ich verstehe, dass es so sein könnte, und dass das unterbunden werden muss. Das Problem dabei: wenn man vier Stunden lang gar nichts reden darf, dann ist man stumm wie ein Mönch.
- Besonders kurios war die Sache mit dem klingelnden Handy auf der Bundesligarunde. Vor dem Match gibt jeder Spieler brav sein Handy beim Schiedsrichter, so ist es Sitte. Doch einer hatte vergessen, es auszuschalten. Und diese Handys waren nicht namentlich gekennzeichnet. Nun klingelte tatsächlich das Handy im laufenden Match, was normalerweise zu Partieverlust führt. Was also tun? Die Schiedsrichter waren ratlos, und ließen weiterspielen. Generell kann man sich an dem Punkt die Frage stellen, wieso ein klingelndes Handy zum Partieverlust führen sollten, wenn es 10 oder 20 Meter vom Spieler entfernt klingelt. Denn er hatte es ja offensichtlich vor der Partie abgegeben.
Das Ganze lässt sich auf einen Punkt bringen: wenn so gut wie alles auf Schachturnieren verboten ist, selbst wenn es an sich sinnvoll ist, dann macht Schach spielen auf Dauer keinen Spaß mehr!
**********************************@********me.de„>
Einige Gedanken zur Nachbemerkung:
Smartwatch – ich finde das Verhalten des Schiedsrichters in dem konkreten Fall durchaus angemessen.
Elektronische Geräte aller Art bei sich zu führen, ist nun einmal verboten, unabhängig vom Bedenkzeitmodus.
Wer meint, beim Blitzschach solle das Verbot nicht gelten, kann sich an den DSB oder die FIDE wenden, um auf eine Änderung des Regelwerks hinzuwirken. Der Schiedsrichter ist hier für Kritik die falsche Adresse.
Unterhaltung während der Partie – es gibt tatschlich Überlegungen, das Sprechen während der Partie insgesamt strikt zu untersagen. Was soll der Schiedsrichter machen, wenn sich ausländische Titelträger angeregt in ihrer Landessprache unterhalten? Und Besprechungen mit dem Mannschaftsführer wegen Remisangeboten sollen nur unter Aufsicht des Schiedsrichters geschehen.
Handyklingeln – die Regel, dass ein Geräusch des Handys automatisch zu Partieverlust führt, ist schon lange abgeschafft. Bei verständigen Schiedsrichtern hat sich zudem die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein beim Schiedsrichter abgegebenes Handy kein taugliches Objekt für einen Betrug sein kann, was eine milde Strafe (z. B. eine Ermahnung) für das unterbliebene Ausschalten nicht ausschließt.
Mir würde es schon reichen, wenn die Schiedsrichter aus schachlicher Sicht ihren Job vernünftig machen: Mir passierte es in Zeitnot (nur auf Inkrement), dass ich vor einem Zug mit einem Bauern auf die siebte Reihe mir am Nachbarbrett eine Dame mit den Worten „Wo ist eine Dame“? besorgte, um sie vorsorglich für die Umwandlung am Brett zu haben. Daraufhin meinte der Schiedsrichter, mir einen unmöglichen Zug anhängen zu müssen?! Dabei hatte ich den Bauern gar nicht umgewandelt, es hatte auch keinen Protest des Gegners gegeben. Die Partie habe ich dann nach Klärung des Sachverhalts 2 Züge später auf Zeit (und auf Stellung) verloren. Auf eine Entschuldigung des Schiris habe ich vergeblich gewartet.