Schachtrainer Rainer Buhmann
Warum mehr Training nicht automatisch zu mehr Fortschritt führt
„Wenn du im Training immer nur 90 % gibst, wirst du auch dann nur 90 % geben, wenn es darauf ankommt.“
Dieser Satz stammt vom Fußballer Michael Owen – und er beschreibt ziemlich genau eine Beobachtung, die ich bei einem meiner Schüler gemacht habe.
Mir fiel auf, dass er im Training nicht wirklich bei der Sache war: Züge wurden zu schnell gespielt, Stellungen eher überflogen als durchdacht. Ich habe ihn darauf angesprochen.
Seine Antwort war sinngemäß: In einer Turnierpartie sei er besser konzentriert – schließlich gehe es dort „um etwas“.
Das klingt zunächst logisch. Aber genau darin steckt ein Trugschluss.
Denn im Wettkampf werden wir nicht automatisch konzentrierter oder denken plötzlich klarer. Im Gegenteil: Durch Druck, Nervosität und Ergebnisdenken wird es oft sogar schwieriger, gute Entscheidungen zu treffen.
Und noch etwas kommt hinzu: In der Partie können wir nicht plötzlich Dinge abrufen, die wir vorher nie richtig trainiert haben.
Training oder Entertainment?
Zwischen Arbeit und Familie bleibt oft wenig Zeit für Schachtraining. Und nach einem langen Tag sind wir müde. Unser Gehirn versucht außerdem von Natur aus, Energie zu sparen.
Deshalb entwickeln viele Spieler Trainingsgewohnheiten, die sich produktiv anfühlen, aber deutlich weniger Fortschritt bringen, als man denkt:
- Eröffnungszüge nachspielen, ohne sich mit den tieferen Ideen auseinanderzusetzen
- dem Lieblings-Streamer zuschauen oder ein weiteres Schachvideo ansehen
- Partien spielen, ohne sie anschließend zu analysieren
Das alles kann Spaß machen. Und natürlich kann man dabei auch etwas lernen.
Aber es ist etwas anderes als echtes Training.
Wirkliche Verbesserung entsteht vor allem dann, wenn wir aktiv arbeiten: wenn wir selbst denken, Fehler erkennen, Entscheidungen hinterfragen und versuchen, etwas zu verstehen, das uns noch nicht leichtfällt.
Training bedeutet deshalb auch, dass es manchmal anstrengend und unangenehm wird. Und genau daran kann man mit der Zeit sogar Freude entwickeln.
Nicht mehr trainieren. Besser trainieren
Natürlich muss nicht jede Trainingseinheit maximal fordernd sein. Aber wenn wir uns immer nur mit Aufgaben beschäftigen, die wir problemlos lösen können, fehlt uns die Herausforderung, die uns weiterbringt.
Das Prinzip kennen wir aus dem Sport: Der Körper passt sich an, weil wir ihm Reize setzen. Beim Schach ist es ähnlich.
Arnold Schwarzenegger hat das einmal schön auf den Punkt gebracht. Auf die Frage, welche der zehn Wiederholungen die wichtigste sei, antwortete er sinngemäß: die elfte. Also genau die, die eigentlich gar nicht mehr eingeplant war.
Und genau dort beginnt oft die Entwicklung: an dem Punkt, an dem wir normalerweise aufhören würden.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
„Wie viele Stunden trainiere ich pro Woche?“
Sondern:
„Wie viele dieser Stunden bringen mich immer wieder ein Stück über meine Komfortzone hinaus?“
Mein Schüler von vorhin übt inzwischen genau das: diese Grenze auch im Training bewusst zu suchen. Und genau diese Veränderung zeigt sich inzwischen auch in seinen Turnierpartien.
3 Tipps für dein Training
1. Trainiere, wenn dein Kopf noch frisch ist
Wenn möglich, lege eine kleine Trainingseinheit auf den Morgen – bevor die Anforderungen des Tages deine Konzentration aufgebraucht haben.
2. Wenn die Müdigkeit kommt, bleib noch kurz dran
Du musst dich nicht quälen. Aber wenn du merkst, dass du normalerweise jetzt abbrechen würdest, mach noch bewusst fünf Minuten oder eine weitere Aufgabe.
3. Geh mit einem konkreten Ziel ins Training
Statt ein Video einfach nur anzuschauen, halte es regelmäßig an und versuche, selbst eine Lösung für die Stellung zu finden. Analysiere deine Partien zunächst selbst, statt sofort die Engine einzuschalten. Statt Eröffnungszüge auswendig zu lernen, frage dich, welche Ideen dahinterstecken.
Trainiere also nicht nur länger.
Trainiere besser.
Liebe Grüße, viel Spaß und Erfolg!
Rainer