Die Idee ist hochinteressant, die Ausführung vermutlich sehr gut. Den Tipp habe ich übrigens von den Perlen vom Bodensee bekommen, 1:0 für ihn!
Nähere Infos erhaltet ihr natürlich bei http://www.chessstalker.com
1) Bitte stelle dich kurz vor
Ich bin David Menéndez aus Gijón, im Norden Spaniens. Ich bin Vereinsspieler ohne Titel, FIDE-Elo 1700, und ich spiele weniger Turniere, als ich gern würde, weil ich zwei kleine Töchter habe und die diese Diskussion fast jedes Wochenende gewinnen. Von Haus aus bin ich Informatiker, mit einem Master in Cybersicherheit und einem zweiten als Lehrer für die Sekundarstufe. Diese Mischung erklärt ziemlich gut, was Chess Stalker ist: Es bringt meine zwei Leidenschaften zusammen, die Informatik und das Schach. Abseits vom Brett bin ich außerdem ein großer Fußballfan und verfolge die meisten europäischen Ligen, die Bundesliga eingeschlossen. Ich bin ein ziemlich unruhiger Mensch, der gern Ideen ausprobiert und sie dann auch zu Ende bringt. Aus einer dieser Ideen ist dieses Projekt entstanden.
2) Warum hast du Chess Stalker erfunden?
Chess Stalker ist als Teil meiner Abschlussarbeit im Studium entstanden. Ich wollte besser werden im Umgang mit APIs und Daten und das Ganze gleichzeitig für etwas nutzen, das mir wirklich am Herzen liegt. Also habe ich es auf mein eigenes Schach angewendet. Ich habe im Verein immer wieder gegen dieselben Leute verloren und hatte das Gefühl, dass sie mich jedes Mal auf dieselbe Art schlagen, konnte es aber nicht belegen. Als ich ihre Partien dann mit Daten ausgewertet habe, war das Muster klar zu sehen: dieselben Eröffnungen, dieselben Pläne, dieselben Fehler in der Zeitnot. Die Idee kam im Verein von Anfang an gut an, und mir ging es vor allem darum, den Jugendlichen zu helfen, sich ernsthaft auf ihre Partien vorzubereiten, so wie es die Profis machen. Von da war es nur ein kleiner Schritt, das Tool für alle Schachspieler weltweit zu öffnen. Heute hat es über 430.000 Analysen von Spielern aus 175 Ländern hinter sich.
3) Was sind die Vorteile von Chess Stalker?
Der wichtigste: Es liefert dir nicht einfach eine nackte Zahl, sondern sagt dir, was du damit am Brett anfangen sollst. Du gibst den Namen deines Gegners ein, egal ob von Lichess, von Chess.com oder seine FIDE-ID, und in Sekunden siehst du sein Repertoire, mit welchen Eröffnungen er am häufigsten verliert, wie er mit der Uhr umgeht und an welchen Punkten der Partie er einbricht. Daraus entsteht ein konkreter Vorbereitungsplan für genau diese Person. Du kannst außerdem gegen einen Bot spielen, der seine Eröffnungen und seine Spielstärke nachahmt. So kommst du zum Turnier und hast schon gegen eine Kopie deines Gegners geübt. Dahinter steht eine Datenbank mit 13,4 Millionen Turnierpartien, sodass ein Spieler aus der Bundesliga oder Oberliga ein genauso vollständiges Profil hat wie ein Online-Spieler. Und dann ist da noch etwas, das mir persönlich wichtig ist: Die Seite ist praktisch kostenlos. So ist sie entstanden, und so ist sie geblieben. Der kostenpflichtige Teil kam erst später dazu, als das Projekt viel größer wurde, als ich mir je vorgestellt hatte, und die ganze Infrastruktur dahinter finanziert werden musste. Auch der Datenschutz ist von Anfang an mitgedacht: Die Seite speichert eine E-Mail-Adresse und sonst nichts.
4) Hast du weitere Pläne für Chess Stalker?
Ja, und der wichtigste hat mit dem Schach am Brett zu tun, denn da ist die eigentliche Lücke. Online-Partien analysieren sich praktisch von selbst, aber Turnierpartien liegen an tausend verschiedenen Orten verstreut, und es gibt Spieler mit zwanzig Jahren Turnierschach auf dem Buckel, die nirgendwo ein Profil haben. Ich importiere gerade laufende Turniere und historische Archive, und ich stehe schon mit Vereinen, Schachschulen und Verbänden aus mehreren Ländern in Kontakt, die ihre Spieler gut abgedeckt haben wollen. Dieser Austausch ist eine ständige Quelle für Ideen, Partien und Tests unter echten Bedingungen, und viele Funktionen aus diesem Jahr gehen auf einen Vorschlag von dort zurück. Bei den Funktionen wird es in den nächsten Wochen einige Überraschungen geben, denn ich habe schon vieles in der Mache. Ich gehe das bewusst langsam an: Ich teste jede Sache gern gründlich, bevor ich sie veröffentliche, und am Ende passe ich fast immer noch etwas an, je nachdem, was die Leute mir zurückmelden. Die Community ist am Ende das Wichtigste an dem ganzen Projekt.
5) Was fehlt noch in unserer Schachwelt?
Ich glaube, es fehlt, dass Vorbereitung aufhört, ein Privileg zu sein. Ein Spitzenspieler hat einen Sekundanten, der den Gegner für ihn studiert; der Vereinsspieler mit 1600 setzt sich blind ans Brett, gegenüber jemandem, der seit zehn Jahren dieselbe Französische spielt. Die Daten, um das zu ändern, gibt es längst. Was gefehlt hat, war, sie für jeden mit zwei Klicks zugänglich zu machen, und genau das versuche ich. Außerdem wünsche ich mir, dass mehr Verbände und Veranstalter ihre Partien offen veröffentlichen, denn jede PGN, die in einer Schublade liegen bleibt, ist ein Spieler, der nicht aus seinen eigenen Partien lernen kann. Und als ausgebildeter Lehrer würde ich das Schach gern öfter in den Schulen sehen: Es lehrt, vor dem Zug nachzudenken, die Folgen einer Entscheidung zu tragen und ohne Ausreden zu verlieren. Und das zählt auch abseits vom Brett.