Etwas zum Kontext für die Leser, die nicht so im Thema „Jugendweltmeisterschaften“ zuhause sind: Es gibt drei parallel laufende Serien. Zum einen die geraden Jahrgänge U14, U16 und U18 mit jeweils einem offenen Turnier und einem nur für Mädchen. Diese Turniere werden „Kadetten-WM“ genannt, was vermutlich historische Gründe hat, die irgendetwas mit Militärmeisterschaften zu tun haben. Sie werden jährlich ausgetragen, zuletzt 2026 in Montesilvano.
Für die jüngeren Altersklassen U8–U12 gibt es ebenfalls ein Angebot. Dieses ist zweigeteilt: Zunächst muss man den „World Cup“ spielen, über den man sich erst für die eigentliche „Jugend-Weltmeisterschaft“ qualifizieren kann, die dann Monate später an einem anderen Ort stattfindet. Bei beiden Serien wird klassisches Schach gespielt: 90 Min / 40 Züge + 30 Min Rest + 30 Sekunden Zeitgutschrift pro Zug.
Die dritte Serie umfasst die ungeraden Altersklassen U7–U17. Diese Turniere hießen bis vor einem Jahr „Schüler-Weltmeisterschaft“, wurden dieses Jahr aber in „Jugend-Weltmeisterschaft“ umbenannt. Sie sind historisch weniger populär, gewinnen aber an Aufmerksamkeit. Hier werden wie bei der Kadetten-WM ebenfalls 11 Runden gespielt, der Zeitmodus ist jedoch ein anderer: 45 Min + 30 Sek/Zug – also weniger als halb so viel Bedenkzeit wie im anderen Zyklus. Zudem werden fast ausschließlich Doppelrunden gespielt, also eine Partie morgens und eine am Nachmittag.
Das ist ein ungewöhnliches Format, und die Auswirkungen dieser Änderung habe ich etwas analysiert; schließlich ist es wohl die Richtung, in die die FIDE in Zukunft gehen möchte. Der Modus hat ein paar Vorteile: Die Verkürzung der WM von 14 auf 9 Tage (inklusive An-, Abreise und Ruhetag) entlastet die Teilnehmer und deren Eltern finanziell. Vielleicht bietet er perspektivisch auch Vorteile bei der Vermarktbarkeit, wobei ich bezweifle, dass die Turniere außerhalb der Teilnehmer und ihrer Angehörigen für Zuschauer besonders attraktiv werden könnten. Ich vermute jedoch, dass die FIDE organisatorische Erfahrungen sammeln möchte, welche speziellen Herausforderungen solch ein Format mit sich bringt.
Für die Teilnehmer ist das kurze Format eine große Umstellung; andere Qualitäten als bisher werden tendenziell wichtiger: die Qualität des eigenen Eröffnungsrepertoires, die Intensität der Vorbereitung, Nervenstärke in Zeitnot, allgemeine Rechengeschwindigkeit usw.
Ich habe im Nachgang zum Turnier mit KI-Unterstützung ein paar Analysen gefahren. Insbesondere interessierte mich dabei der Vergleich des Jahrgangs, in dem meine Tochter spielte, sowie der Vergleich zur Kadetten-WM mit längerer Bedenkzeit. Ich habe dazu den Bedenkzeitverbrauch aller Spielerinnen der Altersklasse G13 bis zum 15. Zug auswerten lassen. Dies ergab folgendes Ergebnis:
Bedenkzeitverbrauch G13 Vergleich
Es wurden nur 10 von 24 Brettern übertragen; daher sind nur die durchschnittlichen Bedenkzeiten der Spielerinnen aussagekräftig, die mindestens ein paar Partien an eben diesen Brettern spielten – also ungefähr das obere Drittel. Im Ergebnis gibt es einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen verbrauchter Bedenkzeit und erzielten Punkten: Spielerinnen, die in den ersten 15 Zügen mehr Bedenkzeit verbrauchten, erzielten im Schnitt deutlich weniger Punkte. Das ist nachvollziehbar, da Zeitnot im Mittel- und Endspiel, wo Partien höheren Niveaus meistens entschieden werden, die logische Folge ist.
Die Streuung war beachtlich: Einige Spielerinnen zockten ihre Varianten recht zügig herunter, andere waren nach der Eröffnung häufig schon nahe am Inkrement.
Aber wie verhält es sich nun im Vergleich zur Kadetten-WM, wo mit mehr als doppelter Bedenkzeit gespielt wird? Die KI kommt zu folgendem Ergebnis:
Vergleich Bedenkzeit G13 und G14
Bei längerer Bedenkzeit ist der Zusammenhang zwischen der verbrauchten Zeit bis zum 15. Zug und dem Partieausgang nicht mehr so stark. Auch das leuchtet ein, schließlich kann man einen erhöhten Zeitverbrauch in der Eröffnung bei diesem Zeitmodus besser kompensieren.
Interessant finde ich zudem die Unterschiede zwischen den Altersklassen: Der Bedenkzeitverbrauch bis zum 15. Zug ist in den unteren Altersklassen weniger entscheidend. Vermutlich ist das allgemeine Niveau dort einfach niedriger, sodass einfache Taktiken die Partie häufig spontan entscheiden und anderes vergleichsweise unwichtiger ist. Einen Einfluss mag auch haben, dass in den unteren Gruppen weniger Bretter übertragen wurden und daher die Grundgesamtheit kleiner ist.
Vergleich Bedenkzeit/Performance U7-U17
Zusammenfassend habe ich folgende Erkenntnisse gewonnen:
- Einfluss des Eröffnungsrepertoires: Bei derart verkürzter Bedenkzeit ist die Qualität des eigenen Eröffnungsrepertoires für die Turnierleistung ganz entscheidend. Erkennbare Lücken werden gerade von Spielern aus Nationen mit intensiver Trainerunterstützung bei der Vorbereitung ausgenutzt. Die Zeit, die benötigt wird, um konkrete Eröffnungsprobleme am Brett zu lösen, fehlt den Spielern am Ende. Deutsche Spielerinnen und Spieler sind hier im Vergleich klar benachteiligt, da sich in den Partiedatenbanken überdurchschnittlich viel Material zu ihnen finden lässt und die Spitzennationen bei internationalen Jugendmeisterschaften viel in Trainerunterstützung investieren.
- Bedeutung der Gegnervorbereitung: Eine gründliche Vorbereitung auf die einzelnen Gegner gewinnt bei diesem Modus noch mehr an Bedeutung, als es ohnehin schon im Leistungssportbereich ab der Altersklasse U11 der Fall ist.
- Altersabhängiger Wendepunkt: Während in den untersten Altersklassen (U7–U9) langsames, bedachtes Spiel von Vorteil ist, schlägt der Effekt ab der U13 ins Gegenteil um. Ab dieser Schwelle ist automatisierte Eröffnungsschnelligkeit sehr wichtig für den Turniererfolg.
- Aussagekraft des Formats: Das Abschneiden der einzelnen Spieler bei diesem Format ist ein Spezialfall und allenfalls ein grober Indikator zur Beurteilung der allgemeinen Leistungsfähigkeit im internationalen Vergleich. Dafür sind Formate mit längerer Bedenkzeit deutlich aussagekräftiger.
Ich finde die Analyse sehr interessant und schlüssig bezüglich der Schlussfolgerungen.
Bei kurzen Bedenkzeiten sind konkrete Gegnervorbereitung sowie umfangreiche Eröffnungskenntnisse von Vorteil, ebenso wie schon erworbene Routine. Leider etwas wenig Datenmaterial, aber wenn möglich, bleib dran.
Man vergleiche interessanterweise mit folgendem Bericht über Magnus Carlsen zu seiner Meinung über kurze Bedenkzeiten.
https://www.sport.de/news/ne17265741/schach–magnus-carlsen-ich-will-nur-noch-zum-spass-spielen/
dessen Begründungen ich allerdings absurd finde. Sie sind nur Ausdruck seiner stark egozentrischen Sicht.
Die stark eingeschränkte Übertragung (Lichess, und durch TWIC nur die Altersklassen u13-u17) macht es schwer, eine wirklich abgesicherte Analyse vorzunehmen. Die Stichproben zeigen aber, dass in den jüngsten Jahrgängen meist so schnell gespielt wurde, dass eine längere Bedenkzeit oder nur eine Runde pro Tag völlige Verschwendung gewesen wären. Ein Paradebeispiel ist eine 100zügige Partie in der u11g (1896 – 1612), bei der die Spielerinnen am Schluß noch je 12 Min. auf der Uhr hatten.
Allgemein hatte ich den Eindruck, dass trotz der geringen Kernbedenkzeit die Zeitnotfälle nicht mehr oder schwerer waren als bei langen Bedenkzeiten. Die 90 Min. oder mehr lullen die Spieler wohl oft ein, lassen sie lange und manchmal fruchtlos grübeln, denn man hat ja noch sooo viel Zeit. Die Fehlerrate schien mir auch nicht höher als normal zu sein und Einsteller oder klare taktische Fehler waren z.B. in der U13g selten. Vergleichsweise zu ähnlichen Turnieren mit langen Bedenkzeiten gefiel mir das Spiel besser. Es ist zweifelhaft, ob auf diesem Niveau längeres Nachdenken wirklich so viel besseres Schach bringt.
War die Vorbereitung wirklich so entscheidend? Bei einem Niveau von ca. 1900 – 2000 bin ich da skeptisch. Ein kleiner Vorteil aus der Eröffnung kann auf diesem Level selten gehalten oder sogar ausgebaut werden. Auch sollten die Kids nicht von Eröffnungsvorbereitung abhängig gemacht werden, sondern in der Lage sein, selbständig mit dem was aufgetischt wird umgehen zu können. Ich zitiere dazu GM Suat Atalik, der sagte „come, sit and play“.
Eher scheinen mir individuelle Schwächen im Spielverlauf ein Problem zu sein. Oft konnte etwa ein Vorteil nicht verwertet werden, weil es wohl an der Einschätzung oder am richtigen Plan fehlte.
Fluffys Kritik zu Magnus Carlsens Meinung ist wieder mal ein Beispiel für höchst zweifelhaftes Carlsen Bashing: „… dessen Begründungen ich allerdings absurd finde. Sie sind nur Ausdruck seiner stark egozentrischen Sicht.“
MC schätzt das lebhafte Spiel bei Blitz und Rapid mehr als das tiefe Brüten über Theorie und Feinheiten und hat, nachdem er das selbst lange Zeit tun musste, nun das Recht, sich am praktischen und kämpferischen Schach zu erfreuen.