Mit „So gewinnst du beim Schach – Next Level“ legt Levy Rozman, besser bekannt als GothamChess, die Fortsetzung seines erfolgreichen Erstlingswerks vor, das es sogar auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat. Erschienen ist das Buch bei books4success, einem zur Kulmbacher Börsenmedien AG gehörenden Verlagslabel, das vor allem auf Ratgeber zu Erfolg, Karriere und persönlicher Weiterentwicklung spezialisiert ist.
Der amerikanische Internationale Meister und weltweit erfolgreiche Schach-YouTuber hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er selbst komplizierte schachliche Zusammenhänge unterhaltsam und leicht verständlich vermitteln kann. Diese Stärke zeichnet auch sein zweites Buch aus.
„Das Ziel ist es, dir beizubringen, wie du grundsätzlich über Schach nachdenkst“, schreibt Rozman. Entsprechend verzichtet er vollständig auf Eröffnungstheorie und konzentriert sich auf das, was nach den ersten Zügen geschieht: Wie beurteilt man eine Stellung? Wie entwickelt man einen Plan? Welche taktischen Möglichkeiten sollte man beachten, und wie vermeidet man typische Fehler?
Planfindung statt Trainingsplan
Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert. Sieben Themenkapitel werden von zwei Abschnitten mit dem Titel „So erstellst du einen Plan“ eingerahmt. Die Aufteilung der Planfindung in zwei Teile wirkt dabei etwas gekünstelt. Zudem ist die Überschrift missverständlich: Es geht in diesen Kapiteln nicht um die Erstellung eines Trainingsplans, wie man vermuten könnte, sondern um die Planfindung während einer Partie. Zum Thema Trainingsplanung oder Lerntechniken im Schach enthält das Buch kaum weitere Hinweise.
Zu Beginn stellt Rozman ein einfaches Denkmodell vor, das auf drei Fragen beruht: Was ist die Idee des Gegners? Habe ich Schachgebote, Schlagzüge oder Drohungen (SSD)? Und welche negativen Auswirkungen könnte mein geplanter Zug haben?
Das ist ein durchaus nützliches Schema, auch wenn es keineswegs neu ist. Vergleichbare Modelle gehören seit Langem zum Repertoire vieler Schachtrainer. Der indische Großmeister Ramesh RB verwendet beispielsweise das Kürzel CCTP (Checks, Captures, Threats, Pawn Breaks). Rozmans dritte Frage nach möglichen negativen Auswirkungen entspricht letztlich dem bekannten „Blunder Check“, also der abschließenden Prüfung, ob man mit seinem Zug einen Fehler begeht.
Auch der Einstieg hätte überzeugender ausfallen können. Rozman stellt zunächst die wichtige Frage, wie man Schach eigentlich konkret übt. Statt darauf mit einem systematischen Trainingskonzept zu antworten, zählt er jedoch verschiedene Hilfsmittel wie Schach-Engines und Schach-Bots auf. Dass er dabei auch das Spielen gegen Bots empfiehlt, erscheint mir als allgemeiner Trainingsratschlag wenig überzeugend. Deren oft unnatürliche und schwer nachvollziehbare Züge dürften weniger zum schachlichen Verständnis beitragen, als vielmehr für Verwirrung sorgen.
Anschauliche Erklärungen positioneller Grundlagen
Seine eigentliche Stärke zeigt Rozman dort, wo er positionelle Zusammenhänge erklärt. Besonders gelungen sind die Abschnitte über Bauernstrukturen. So erläutert er am Beispiel des isolierten Damenbauern, dass dieser keineswegs nur eine Schwäche darstellt. Er kann den eigenen Figuren Raum verschaffen und beispielsweise die aktive Entwicklung eines Läufers nach d3 begünstigen. Gleichzeitig bindet er aber Ressourcen zu seiner Verteidigung. Werden die Figuren abgetauscht, kann der isolierte Damenbauer im Endspiel zu einer dauerhaften Schwäche werden.
Ähnlich differenziert behandelt Rozman Doppelbauern. Ein isolierter Doppelbauer ist häufig anfällig, während ein Doppelbauer, der in eine größere Bauerngruppe eingebunden ist, keineswegs zwangsläufig schwach sein muss. Rozman vermittelt damit eine wichtige positionelle Erkenntnis: Die Bewertung einer Bauernstruktur hängt immer von der konkreten Stellung ab. Solche Erklärungen sind zwar nicht neu, aber ausgesprochen anschaulich und gerade für weniger erfahrene Spieler hilfreich.
Ein Schachbuch, das man ohne Brett lesen kann
Überhaupt zeichnet sich das Buch durch seine hervorragende Lesbarkeit aus. Rozman verzichtet vollständig auf die übliche Schachnotation und weitgehend auf lange Varianten. Stattdessen erläutert er unter den zahlreichen Diagrammen in verständlichen Worten, was in einer Stellung vor sich geht und welche Überlegungen hinter bestimmten Zügen stehen.
Das ist ungewöhnlich für ein Schachlehrbuch, macht die Lektüre aber ausgesprochen angenehm. Man kann das Buch tatsächlich auch ohne Schachbrett lesen, was ich als großen Vorteil empfinde.
Natürlich ersetzt diese Herangehensweise keine intensive Beschäftigung mit konkreten Varianten. Wer seine Berechnungsfähigkeit trainieren möchte, muss selbst rechnen und Stellungen analysieren. Aber Rozmans Ziel ist es vor allem, das Verständnis für typische schachliche Zusammenhänge zu verbessern. Dafür ist sein erklärender Stil hervorragend geeignet.
Zur leserfreundlichen Gestaltung gehören schließlich auch die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels. Dort finden sich außerdem Links zu ergänzendem Trainingsmaterial auf Rozmans Plattform Chessly.
Nicht immer nur angreifen
Sehr positiv fällt die Auswahl einiger Themen auf, die in vielen Schachlehrbüchern eher stiefmütterlich behandelt werden. Insbesondere den Kapiteln über die Verteidigung und die Verwertung von Gewinnstellungen gebührt Lob.
Schachspieler beschäftigen sich naturgemäß gerne mit Angriffskombinationen und spektakulären Opfern. In einer praktischen Partie muss man jedoch häufig ganz andere Aufgaben lösen. Man gerät unter Druck, muss gegnerische Drohungen abwehren oder eine schlechtere Stellung möglichst zäh verteidigen. Umgekehrt bedeutet eine gewonnene Stellung noch lange nicht, dass die Partie bereits gewonnen ist. Einen Vorteil sicher in einen vollen Punkt umzuwandeln, ist eine Kunst für sich.
Dass Rozman diesen beiden ausgesprochen praxisrelevanten Themen eigene Kapitel widmet, ist deshalb eine gute Entscheidung. Gerade Spieler auf dem Weg zu einem höheren Niveau können davon profitieren, sich nicht ausschließlich auf Angriff und Taktik zu konzentrieren.
Weniger glücklich erscheint mir dagegen die Auswahl im Endspielkapitel. Neben den wichtigen Bauern- und Turmendspielen behandelt Rozman auch Königsmärsche. Diese können zwar ausgesprochen reizvoll sein, sind aber eher aus außergewöhnlichen Partien bekannt, etwa Navara gegen Wojtaszek. Für ein praxisorientiertes Lehrbuch wären Läuferendspiele oder typische Damenendspiele mit Dame und Bauer vermutlich die sinnvollere Ergänzung gewesen.
Bauernorkan und Dopaminzug
Rozman liebt eingängige Begriffe, mit denen er schachliche Konzepte möglichst anschaulich vermitteln möchte. Nicht jede seiner Wortschöpfungen ist allerdings ein Gewinn. So spricht er bei Stellungen mit Rochaden auf entgegengesetzten Flügeln von einem „Bauernorkan“, wo sich im Deutschen längst der Begriff „Bauernsturm“ (oder „Bauernlawine“) etabliert hat. Ob diese ungewöhnliche Wortwahl auf Rozman selbst oder auf die deutsche Übersetzung zurückgeht, bleibt offen.
Dass solche sprachlichen Neuerfindungen durchaus sinnvoll sein können, zeigt dagegen der „Dopaminzug“. Rozman beschreibt damit einen typischen Denkfehler: Die Aufregung darüber, eine gegnerische Figur angreifen zu können, gewinnt die Oberhand über das strategische Denken. Man spielt einen Zug, weil er aktiv aussieht und den Gegner zu einer Reaktion zwingt, obwohl er die eigene Stellung möglicherweise gar nicht verbessert. Der Begriff ist originell, einprägsam und bringt das Problem auf den Punkt.
Weniger erfreulich sind einige Schwächen der deutschen Übersetzung. So werden Bauernzüge, mit denen man einen gegnerischen Bauern angreift und einen möglicherweise günstigen Bauerntausch herbeiführen möchte, durchgehend als „Bauernbreak“ bezeichnet. Dabei gibt es dafür einen längst etablierten deutschen Fachbegriff: Bauernhebel. Je nach Situation passt auch Bauernvorstoß oder Bauerndurchbruch. Ein sorgfältiges schachliches Fachlektorat hätte solche sprachlichen Ungenauigkeiten vermeiden können.
Fazit
„So gewinnst du beim Schach – Next Level“ ist ein ausgesprochen gut lesbares Schachlehrbuch, das vor allem durch seine verständlichen Erklärungen überzeugt. Rozman versteht es, grundlegende positionelle Zusammenhänge auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren, ohne sie dabei allzu sehr zu vereinfachen.
Nicht alles überzeugt gleichermaßen. Die deutsche Übersetzung weist einige vermeidbare Schwächen auf. Auch die eingangs gestellte Frage nach dem richtigen Schachtraining wird nicht wirklich befriedigend beantwortet.
Die auf dem Klappentext angesprochene Zielgruppe bis 1600 Elo erscheint mir recht großzügig bemessen. Besonders profitieren dürften Spieler bis etwa 1400 Elo, die ihr Verständnis für Bauernstrukturen, Stellungsbeurteilung und typische Entscheidungsprozesse vertiefen möchten. Aber auch darüber hinaus kann das Buch eine anregende Lektüre sein, zumal Rozman bekannte Konzepte auf besonders anschauliche und leicht verständliche Weise vermittelt
Die besondere Quaität des Buches sei noch einmal herausgestellt: Rozman erfindet das Schachtraining nicht neu, aber er versteht es, bekannte Konzepte so unterhaltsam und verständlich zu vermitteln, dass man sie gerne liest und sich gut merken kann. Gerade der Verzicht auf komplizierte Varianten und die Möglichkeit, das Buch ohne Schachbrett zu lesen, machen es zu einer erfreulich unkomplizierten Lektüre.
Wer ein anspruchsvolles Trainingsbuch zur Variantenberechnung sucht, ist hier nicht richtig. Wer dagegen sein positionelles Verständnis verbessern und dabei ein angenehm geschriebenes Schachbuch lesen möchte, findet in „Next Level“ einen empfehlenswerten Begleiter.
Veranstaltungshinweis: GothamChess auf Europatournee
Wer Levy Rozman einmal live erleben möchte, hat dazu im Herbst 2026 Gelegenheit. Im Rahmen seiner GothamChess Europe Tour 2026 tritt der Schach-YouTuber am 25. Oktober in Köln, am 1. November in Amsterdam, am 3. November in Zürich und am 10. November in London auf.
Weitere Informationen und Tickets gibt es unter www.apollomasters.de.

Gotham Chess Tour, 25.10.2025 Köln
Transparenzhinweis: Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von der Quadriga Communication GmbH kostenlos zur Verfügung gestellt.
Das Buch ist bei den Chess Tigers unter diesem Link bestellbar.