GM Hertneck nachdenklich. Photo: privat.
RÜCKBLICK NACH 20 JAHREN
Acht Thesen gegen das Konstrukt Schachbundesliga e.V. & GmbH
Verfasst und veröffentlicht von GM Gerald Hertneck am 17.06.2006
Damals führte die Veröffentlichung zu einem großen Wirbel und ich wurde dafür auch angefeindet. Im Rückblick von 20 Jahren ist es spannend, darauf zu schauen, was eingetreten ist und was nicht eingetreten ist. Natürlich würde ich die Thesen heute nicht mehr ganz unterschreiben, aber es ist erstaunlich viel eingetreten.
These 1
Das Konstrukt ist rechtlich zu kompliziert.
16 Vereine gründen einen Verein der durch einen Präsidenten vertreten wird und Mitglied im Deutschen Schachbund ist, und der alleiniger Gesellschafter einer GmbH wird, die durch einen Geschäftsführer vertreten wird, der wen genau vertritt und was genau bewirkt? Die GmbH hat die Vorschriften des HGB einzuhalten. Der eV die Vorschriften des BGB und die Satzung. Die GmbH die Geschäftsordnung und die Satzung. Beide Gesellschaften werden durch Beschlüsse und Verträge gebunden. Wie sollen die Vereine da noch den Überblick behalten, wer wird da noch Verantwortung übernehmen wollen?
Kommentar 2026: meine Einschätzung war korrekt: die damals vorgeschlagene GmbH wurde nie gegründet.
These 2
Das Konstrukt ist zu teuer.
Die Vereine müssen für die GmbH ein Stammkapital von 25.000 € erbringen. Die Gründungskosten der GmbH liegen bei weiteren 2.500 €. Die Buchführung (Umsatzsteueranmeldungen, Körperschaftsteuererklärung, Jahresbilanz, Lohnbuchhaltung) kostet mindestens 2.000 bis 3.000 € jährlich. Der eV erhebt von seinen Mitgliedern weitere „Beiträge, Spielabgaben und Gebühren“. Die GmbH muss einen Geschäftsführer bezahlen. Es entstehen weitere Reise- und Tagungskosten für die Sitzungen der Mandatsträger. Mit anderen Worten, es entstehen ohne Not einmalige Ausgaben von 27.500 € und laufende Ausgaben von 5.000 bis 10.000 € jährlich!
Kommentar 2026: meine Einschätzung war korrekt: die damals vorgeschlagene GmbH wurde nie gegründet.
These 3
Das Konstrukt ist nicht zielführend.
Durch eine Bundesliga eV und eine Bundesliga GmbH wird im Marketing und Sponsoring kein Euro mehr eingenommen als mit der bestehenden Organisation. Wieso auch? Weil die zahlreichen Sponsoren plötzlich einem Geschäftsführer die Tür einlaufen? Oder man zahlt noch mal 10.000 Euro extra für professionelles Marketing …
Kommentar 2026: scheint sich zu bestätigen, also Prognose korrekt. Man beachte: zwanzig Jahre nach der Gründung des Bundesliga e.V, kam es erst so weit, dass eine Agentur beauftragt wurde, die natürlich bezahlt werden muss. Dagegen spricht nichts, aber 20 Jahre lang ist nicht ein Euro an die Vereine geflossen!
These 4
Das Konstrukt führt zur Spaltung der Bundesliga.
Die Bundesliga wird sich trotz ihrer Mitgliedschaft im DSB mehr und mehr vom Deutschen Schachbund abspalten (der froh darüber ist, den der Gemeinnützigkeit schädlichen „Profibetrieb“ losgeworden zu sein). Es ist sogar denkbar, dass es dann zwei Bundesligen geben wird (die bisherige Zweite als „Amateur-Bundesliga“ und die jetzige Erste als „Profi-Bundesliga“).
Kommentar 2026: Tendenziell eingetreten, würde ich sagen. Zwischen der ersten und zweiten Bundesliga liegen Welten. Trotzdem gibt es immerhin einen jährlichen Austausch durch Auf- und Abstiege.
These 5
Das Konstrukt führt zur Insolvenz der Bundesliga.
Einige Vereine werden sich weigern, ihre Beiträge gegenüber der GmbH zu zahlen. Da die GmbH bei Banken nicht kreditwürdig sein dürfte, führt dies zum Verzehr des Stammkapitals und schließlich zur Insolvenz, die der Geschäftsführer anmelden muss, um sich nicht strafbar zu machen. Dann ist unsere schöne Bundesliga eben insolvent, wonach ihr der DSB die Lizenz entziehen wird bzw. muss.
Kommentar 2026: Prognose ist definitiv nicht eingetreten und das ist natürlich gut so!
These 6
Das Konstrukt führt zum Zerfall der Bundesliga.
Die aufsteigenden Vereine werden durch die komplizierte Konstruktion und die Extrakosten abgeschreckt, und nehmen ihr Aufstiegsrecht zum Teil nicht wahr. Die Liga wird evtl. sogar zur Profi-Liga schrumpfen (alter Wunschtraum von Schelz-Brandenburg). Die Vereine verlieren ihren Einfluss in der Bundesliga, weil alle wichtigen Entscheidungen vom Vorstand der eV und der Geschäftsführung der GmbH getroffen werden. Dies führt zur Vergiftung der Atmosphäre und langfristig zum Zerfall der Bundesliga, weil niemand mehr in dem zerstrittenen Verein Mitglied sein will.
Kommentar 2026: Prognose ist definitiv nicht eingetreten und das ist natürlich gut so!
These 7
Das Konstrukt ist nicht zu Ende gedacht.
Was passiert denn, wenn wirklich mal Sponsoringgelder akquiriert werden? Man wird sich darüber streiten, wie das Geld ausgegeben werden soll. Für eine professionelle Homepage? Für elektronische Bretter und Uhren zur Übertragung aller Partien im Internet? Für teure Hotels als Spielstätten? Für besonders bedürftige Vereine? Für Vereine, die dem Präsidenten oder Geschäftsführer nahestehen? Für die interne Verwaltung, z.B. die Erhöhung des Geschäftsführer-Gehalts? Und selbst wenn man sich bei der Verteilung einigt: wie werden die Gegenleistungen an den Sponsor aussehen? Werden wir alle Trikots tragen müssen und die Bedenkzeit auf 20 Minuten pro Partie verkürzen, um die Medienwirksamkeit zu verbessern?
Kommentar 2026: Prognose ist eingetreten. Derzeit ist völlig offen, wie die Gelder verteilt werden, wenn sie fließen. Was aber interessant ist, dass viele Entwicklungen die in den letzten Jahren umgesetzt wurden, von mir vor 20 Jahren prognostiziert wurden (Trikotpflicht, elektronische Übertragung, Verkürzung der Bedenkzeit; auch die Spielstätten wurden professionalisiert).
These 8
Das Konstrukt passt nicht zum Sport.
Auch Spitzensportler sind üblicherweise in Vereinen und nicht in GmbHs organisiert. Innerhalb des Vereins hat die Steuerverwaltung die Möglichkeit eines separaten wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs geschaffen, über den wirtschaftliche (nicht gemeinnützige) Aktivitäten des Vereins legal betrieben werden können. Es wäre von Seiten des Staates unsinnig, von Vereinen zu verlangen, eine Kapitalgesellschaft (GmbH oder AG) zu gründen, um ihren (im Schach eher bescheidenen) Profi-Betrieb zu finanzieren. Mit echten Profi-Sportarten brauchen wir nicht telegenen Schachspieler uns wohl eh nicht vergleichen.
Kommentar 2026: Hat sich überholt, da keine GmbH sondern nur ein e.V. gegründet wurde.
München, den 17. Juni 2006
gez.
Gerald Hertneck
Schachgroßmeister
Aktiver Bundesligaspieler seit 40 Jahren (einer der wenigen noch aktiven)