Holger Hansen macht in Kiel solch wunderbare Sachen. Die Auszeichnung Deutsche Schachschule in Gold ist hochverdient, ich habe ihm ein paar Fragen gestellt.
1) Kurze Vorstellung
Nach meiner Realschulzeit absolvierte ich zunächst eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann, merkte aber schnell, dass dieser Beruf nicht meine Berufung war. Also holte ich in Hamburg mein Abitur nach und studierte anschließend in Kiel die Fächer Mathematik, Physik und Erdkunde auf Realschullehramt. Seit Dezember 2000 unterrichte ich an der Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule mit Grundschule (ehemals Realschule) in Kiel.
2) Wie begann der Schachboom an deiner Schule?
Den Anstoß gab die letzte Schulwoche des Schuljahres 2015/16. Unsere Schule forderte die Lehrkräfte auf, sogenannte „Vorhaben“ anzubieten – kleine Projekte, die Schüler:innen in dieser Woche besuchen konnten. Bisher hatte ich immer Physikexperimente angeboten, doch als eine Kollegin von ihrem Plan erzählte, Kartenspiele anzubieten, kam mir die Idee: Warum nicht Schach? Ein Hobby, das ich kurz zuvor durch einen Freund wiederentdeckt hatte.
Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, dass sich viele Schüler:innen dafür interessieren würden. Falls nicht, hätte ich mich einfach einem anderen Projekt angeschlossen – eine bequeme Lösung, dachte ich. Doch es kam anders: 20 Kinder meldeten sich an – der Kurs war voll, und ich hatte nicht einmal Schachsets.
Aus Bequemlichkeit wurde Stress: Woher so viele Schachsets besorgen? Wie das Projekt umsetzen? Ich stieß auf die Kieler Schulschachinitiative, entdeckte lokale Schachvereine und erhielt Unterstützung: Ein Verein in Kiel-Holtenau lieh mir Bretter, und an zwei Tagen half mir sogar ein Vereinsmitglied.
Am Ende waren es 26 Kinder – einige andere Projekte fielen wegen krankheitsbedingter Ausfälle aus. Doch statt zusätzlicher Hilfe hieß es: mehr Kinder, gleiche Ressourcen. Ich glaube, es war die Kombination aus meiner Leidenschaft für Schach, meiner pädagogischen Erfahrung und der Faszination des Spiels selbst, die das Projekt zum Erfolg machte.
Eine Kollegin, die während einer Partie vorbeischaute, traute ihren Augen nicht: So viel Ruhe und Konzentration – selbst bei sonst unruhigen Schüler:innen – hatte sie nicht erwartet.
Nach diesem Vorhaben war ich so begeistert, dass ich Schach an unserer Schule kontinuierlich ausbaute.
3) Was passiert heute an deiner Schule?
Anfangs führte ich Schach in meiner damaligen 9. Klasse ein – mit erstaunlicher Wirkung: Ein zurückhaltender Junge entdeckte nicht nur sein Talent, sondern fand über das Spiel auch besseren Anschluss an seine Mitschüler:innen.
Schachsets zu beschaffen, war anfangs ein Kampf. Beim Tag der offenen Tür legte ich Bretter aus – alle waren besetzt. Der Schulleiter, den ich hinzuholte, war überzeugt: „Wie viele Sets brauchen Sie?“ – „Sechs gibt es schon für etwa 100 €.“ – „Dann beschaffen wir sie.“
Ich pflegte das „Schachvirus“ weiter: In Vertretungsstunden bot ich Schach an – für viele Kolleg:innen ein Graus, für mich eine Freude. Besonders in einer 3. Klasse, die mir am Ende mit Applaus dankte. So macht Vertretung Sinn!
Heute gibt es:
- Montags: Zwei Mädchenschachpausen
- Dienstags: Eine Schachpause (initiiert von einem Schüler)
- Mittwochs: Zwei Schachpausen für alle in der Hausmeisterwohnung
- Schach-AGs für Anfänger:innen und Fortgeschrittene
- Zwei Turniere:
- Ein schulinternes Einzelturnier mit etwa 100 Teilnehmer:innen
- Das „Familien- und Freunde-Schachturnier“ – ein Mannschaftsturnier, bei dem Eltern und Freund:innen ausdrücklich willkommen sind. Mein Lieblingsformat, denn hier zeigt sich: Schach verbindet Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht.
2022 startete ich das Projekt „Westliches gegen östliches Fördeufer“ – inspiriert von Turnieren in Hamburg und Bremen. 2024 fand das erste Turnier mit 200 Schüler:innen an der Kiellinie statt, 2025 bereits mit 250. Ein grandioser Erfolg!
Ein besonderes Highlight ist unser „Unterwasserschach“: Vor etwa 10 Jahren erwarb ich meine Schwimmlehrbefähigung – und verband zwei Leidenschaften. Unser Techniklehrer und Schüler:innen bauten Unterwasserschachsets, sodass wir nun alle sechs Monate eine „Unterwasserschach-Challenge“ für besonders engagierte Schüler:innen veranstalten.
4) Warum tut Schach eurer Schule so gut?
Die Klaus-Groth-Schule hat den höchsten Schulsozialindex (9) in Kiel. Viele unserer Schüler:innen wachsen unter schwierigen Bedingungen auf: Armut, Sprachbarrieren oder Lernschwierigkeiten.
Schach verbindet Kulturen – es ist 1.500 Jahre alt, weltweit verbreitet und genießt hohes Ansehen. Für viele Kinder, die in der Schule kämpfen, wird das Schachbrett zum Ort, an dem sie Selbstwertgefühl gewinnen. Besonders Kinder mit Migrationshintergrund zeigen hier oft überraschende Stärken.
Schach stärkt:
- Konzentration und Durchhaltevermögen
- Respekt und Gemeinschaftsgefühl
- Horizonterweiterung (z. B. durch Schachreisen)
Es ist ein kulturelles Brückenglied – und das ganz ohne Sprachbarrieren.
5) Wie sieht die Zukunft aus?
Schach bleibt das Aushängeschild unserer Schule – ein „Kondensationskern“, an dem sich vieles entwickelt. Aktuell leite ich mit einer französischen Kollegin eine 6. Klasse. Sie träumt davon, über Schach internationale Austauschprojekte zu starten – etwa mit Schulen in Frankreich.
Neueste Projekte:
- Schach im Kindergarten: Alle zwei Wochen gehen fünf Schüler:innen und ich mit einer Sozialarbeiterin in einen Kindergarten und bringen 14 Kindern Schach bei. Beim letzten Besuch schenkten uns die Kinder eine selbstgebastelte Mütze – ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
- Unterwasserschach in der Öffentlichkeit: Ich plane, das Projekt bekannter zu machen – vielleicht mit Unterstützung des Schachvereins.
- Vision: Ein Turnier „Nordsee gegen Ostsee“ – als an der Nordsee Geborener und Ostsee-Bewohner habe ich hier nichts zu verlieren!
Langfristig träumt ich von einem „Vierhimmelsrichtungsturnier“ nach Bremer Vorbild – ein Zeichen, wie Schach Menschen vereint.
6) Ein besonderer Moment im Schulschach?
Ein Vorfall im März 2024 prägte mich besonders: Bei der Landesschulschachmeisterschaft verlor ein Grundschüler an Brett 1 schnell – und brach in Tränen und Wut aus. Er schrie, wertete sich ab und wollte den Saal nicht verlassen. Die anderen Trainer drängten mich, ihn zu entfernen. Es war ein Drahtseilakt.
Der Junge schwor: „Nie wieder Schach!“ Doch nach vielen Gesprächen und emotionaler Begleitung nahm ich ihn ein Jahr später wieder mit zum Turnier. Diesmal blieb er gelassen – bei Sieg und Niederlage. Beim letzten „Familien- und Freunde-Schachturnier“ spielte er mit seinem Vater im Team – und erreichte Platz 3 von 18 Mannschaften.
Dieser Moment zeigt: Schach formt nicht nur den Verstand, sondern auch die Persönlichkeit.
1) Kurze Vorstellung
4) Warum tut Schach eurer Schule so gut?
Vielen Dank für dieses gelungene Interview!