Der Rückblick auf das Turnier anno 2026 kommt diesmal etwas früher als letztes Jahr. Damals schaffte ich es erst im Mai, nun immerhin schon eine Woche nach Turnierende. Zunächst nenne ich mal den Endstand bei Tata Steel Masters 2026 (Challengers und ein bisschen Toptienkamp der Amateure kommt später):
Abdusattorov 9/13, Sindarov 8.5, Keymer, Niemann, van Foreest 7.5, Blübaum und Erdogmus 7, Giri, Gukesh, Fedoseev 6.5, Praggnanandhaa 5.5, Erigaisi und Aravindh 4.5, Nguyen 3. Vorne zwei Usbeken, dann aller Herren Länder, das zahlreich vertretene Indien dabei komplett in der unteren Hälfte der Abschlusstabelle. Vor allem Gukesh und auch Erigaisi bekamen dafür viel Häme, Praggnanandhaa erstaunlicherweise eher nicht. Letztes Jahr spielten Gukesh und Pragg ja noch einen Stichkampf um den Turniersieg. Nun bedeutet es nicht unbedingt das Ende der indischen Herrlichkeit im Schach.
Das Titelfoto stammt von Lennart Ootes/Tata Steel Chess. Das vermute ich mal auch wenn im offiziellen Fotoalbum ein ähnliches aber nicht identisches Foto erscheint. Dieses Foto aus dem Artikel mit Ankündigung der letzten Runde gefällt mir noch etwas besser. Es stammt aus Runde 12, im Mittelpunkt die Schlüsselpartie Abdusattorov-Blübaum (später 1-0). Dabei zeigt es auch das Setting in Wijk aan Zee. Die zahlreichen Zuschauer diesmal noch etwas näher dran an den Masters, da die Challengers nun versetzt spielten. Rechts hinten am Bildrand sind sie gerade so noch etwas erkennbar. „Hinter dem Foto“ sitzen auch noch zahlreiche Amateure. Vor dem Rückblick auf 2026 nun auch ein bisschen Rückblick auf 2025:
Was wurde aus meinen damaligen Thesen?
1) Normalschach mit klassischer Bedenkzeit ist quicklebendig – das gilt weiterhin
2) Fans von Schnellschach mussten sich etwas gedulden und kamen dann doch auch auf ihre Kosten: Es gab erstaunlich viele Zeitnotduelle in denen es teilweise drunter und drüber ging.
Das galt auch diesmal – vielleicht noch mehr dank der neuen Zeitkontrolle mit Inkrement erst nach dem 40. Zug. Am buntesten trieb es da Ivanchuk im Challenger-Turnier: einmal hatte er für seinen 40. Zug genau eine Sekunde, schaffte das und dachte dann „huch ich habe eine Gewinnstellung“. Und einmal später musste er fünf Züge in 15 Sekunden ausführen, auch das schaffte er und behielt die Gewinnstellung die er schon zuvor hatte. Gepatzt wurde dabei auch mal ohne Zeitnot.
3) Ein Blitz-Stichkampf ist (aus meiner Sicht) im Masters allenfalls ein notwendiges Übel – bei den Challengers wäre es dagegen das kleinere Übel gewesen. Diesmal weder hier noch da erforderlich.
4) Abdusattorov wird Tata Steel Masters niemals gewinnen, oder vielleicht irgendwann doch. Nun hat er gewonnen und musste nicht einmal – wie ich scherzhaft prognostiziert hatte – bis 2035 warten.
5) Es gibt den 2800-Fluch. Das kann man diesmal nicht evaluieren – außer Erigaisi leidet immer noch darunter. Diesmal konnte er auch nicht indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Die beiden aktuellen 2800+ Spieler sind ja mit klassischer Bedenkzeit nur noch sporadisch aktiv. Vielleicht können wir das 2027 wieder kommentieren wenn mindestens ein Teilnehmer vor dem Turnier 2800+ hat. Wer auch immer – Keymer oder Abdusattorov oder vielleicht (nach triumphaler Verteidigung seines WM-Titels) Gukesh oder sonst einer.
6) 50% oder mehr für Frauen hat in Wijk aan Zee weiterhin Seltenheitswert. Diesmal klappte es im Challenger-Turnier (Bibisara Assaubayeva und Carissa Yip). Sie hatten auch etwas stärkere Frauen eingeladen, und gleich drei männliche GMs (Ivic, Yuffa und l’Ami) erwischten sehr schlechte Turniere.
Nun war ich doch schon teilweise bei den Challengers, aber jetzt von oben nach unten (bzw. da es dann noch neun weitere Amateurgruppen gibt immer noch weit oben):
Tata Steel Masters 2026
„Spieler für Spieler“ wobei ich einige zusammenfassend bespreche:
Abdusattorov
Er kann Tata Steel Masters doch gewinnen. Zwischenzeitlich schien er auf dem besten Weg, wieder nicht zu gewinnen – Niederlage in Runde 8 gegen Giri und dann drei Remisen. Aber dann zwei Siege zum Abschluss – erstes (bzw. insgesamt fünftes) Opfer war Matthias Blübaum, dann in der Schlussrunde auch der für jeden (auch für sich selbst) immer gefährliche Erigaisi. So behielt er einen halben Punkt Vorsprung auf Landsmann Sindarov.
Sindarov
Er will wohl im Kandidatenturnier nicht gut abschneiden – „die Generalprobe muss schief gehen“. Als einziger blieb er ungeschlagen – Abdusattorov schaffte es ja nicht, die Elofavoriten Keymer und Erigaisi waren weit davon entfernt. In der ersten Runde drohte eine Niederlage gegen Gukesh, danach war er generell ungefährdet – auch beim Kurzremis (14 Züge) in Runde 12 gegen Praggnanandhaa. Spaß im ersten Satz beiseite – er ist in der Weltspitze angekommen auch wenn zu top10 noch ein paar Elopunkte fehlen.
Keymer digital
In Interviews beschrieb er sein Turnier als „up and down“ – am Ende sechs Siege, vier Niederlagen und nur drei Remisen. So hat er seine relativ frische Elo 2777 genau verteidigt. Zwei Dinge machen Hoffnung für die Zukunft:
1) Sein Aufstieg in diese Regionen lag ja vor allem an Siegen gegen Spieler mit Elo unter 2700 – in der zweiten Jahreshälfte 2025 gegen die engere Weltklasse zwei Remisen gegen Giri sowie zwei Remisen und eine Niederlage gegen Erigaisi. Auch bei Firouzja, der auf ähnliche Art und Weise mal 2800+ hatte, sagte ich „das muss er noch bestätigen“. Nun zwar Niederlage gegen Abdusattorov (er wollte ihn mit einer scharfen Eröffnung überraschen und verschmähte dann eine frühe Zugwiederholung) aber Siege gegen Giri, Erigaisi und Praggnanandhaa.
Das sieht gut aus für anstehende reine Eliteturniere – Grand Chess Tour und offenbar auch Norway Chess? Zunächst bzw. nach Freestyle Chess im Weissenhaus für ihn dabei wieder ein „gemischtes Turnier“ – beim Prague Masters Ende Februar neben Gukesh und Abdusattorov auch Gegner mit Elo nur knapp über bzw. unter 2700.
2) der klare Aufwärtstrend in Wijk aan Zee: 2023 Vorletzter mit 5/13 (deshalb vielleicht 2024 keine Einladung), 2025 Achter mit 6/13 und nun Dritter mit 7.5/13. Und 2027? Abwarten, man kann davon ausgehen dass er wieder eingeladen wird.
Die Debütanten
Einen (Sindarov) hatten wir bereits, drei andere machten ihre Sache auch „mehr als ordentlich“. Der selbstbewusste und ehrgeizige Hans Moke Niemann ist dabei mit seinem Abschneiden vielleicht nicht ganz zufrieden. Yagiz Kaan Erdogmus ist sicher talentiert, aber vorab stellte vielleicht nicht nur ich die Frage „Is he ready for Tata Steel Masters already?“. Dieses Wortspiel funktioniert nur auf Englisch, und die Antwort lautete „yes!“. Gegen Sindarov hatte er nach zuvor wechselhaftem Partieverlauf erst tief im Turmendspiel das Nachsehen, gegen Gukesh konnte er sogar gewinnen und verlor dann ebenfalls im Turmendspiel. Kurios, dass zweimal -La6 der im Prinzip entscheidende Fehler war: in Runde 10 27.-La6?? von Gukesh, zwei Tage später (dazwischen Ruhetag) in Runde 11 23.-La6 von Erdogmus selbst – so konnte Giri dann taktisch wirbeln und zaubern. Nach 23.-Lb5 (24.Pxf7 Le8) hätte Schwarz alles unter Kontrolle.
Und auch Matthias Blübaum, der trotz verpasster Siege gegen Erigaisi und Nguyen am Ende +1 erzielte. Für ihn Niederlagen nur gegen die beiden Usbeken und Siege gegen Keymer, Gukesh und Giri. „Er hat nun Elo 2700+!“ war dann doch etwas voreilig bzw. ich bin kein „Fan“ davon, Live-Ratings prominent zu erwähnen bevor ein Turnier beendet ist. Ins Kandidatenturnier geht er nun mit Elo aufgerundet 2698, genau gleichauf mit Esipenko. Live-aktuell hat er nach zwei Remisen am Bundesliga-Wochenende noch ein bisschen weniger, aber diese und die nächste Bundesliga-Doppelrunde wird wohl erst für die April-Liste ausgewertet. Das nächste BL-Wochenende ist nämlich monatsübergreifend am 28.2. und 1.3., diesen Fall gab es schon einmal – alles erst für die April-Liste, nun auch zusammen mit dem übernächsten Wochenende am 21./22.3. (Zu Bundesliga vor allem aus Sicht eines Vereins wird vielleicht ein Redaktionskollege bzw. „mein Chef“ berichten.)
Die beiden anderen Debütanten werden mal nicht fett gedruckt: Aravindh (siehe auch nächste Schublade) und Nguyen blieben unter der Elo-Erwartung.
Die Inder
Kollektiv kein gutes Turnier. Bei Gukesh lag es auch an verpassten Chancen (Runde 1 gegen Sindarov), einem absurden Patzer ohne Zeitnot gegen Abdusattorov und einem zeitversetzten Doppelfehler gegen Niemann. Erst opferte der Gegner etwas sinnfrei-übermotiviert einen Springer, dann gab Gukesh diesen im Endspiel zurück – in der Annahme, dass das verbleibende Endspiel gewonnen ist und dem war nicht so. Nur ein Detail, dass Niemann die Tablebase-Remiszone einen Zug lang verlassen hatte. Gegen Erdogmus war dabei statt Sieg auch eine Niederlage möglich, und insgesamt blieb der Weltmeister fast im Rahmen der Elo-Erwartung.
Das schafften seine Landsleute nicht. Praggnanandhaa begann mit zwei Niederlagen und dann fast nur Remisen, selbst den Titel des Remiskönigs teilte er am Ende mit drei unternehmungslustigeren Spielern (Sindarov, Niemann und van Foreest). Für Erigaisi ist Tata Steel Masters offenbar einfach kein gutes Pflaster. Für Aravindh ging es 2024 und in der ersten Hälfte von 2025 aufwärts und seither wieder abwärts. Nun hat er den 2700-Club verlassen, zumindest vorläufig – vielleicht wird er in Prag wieder dasselbe schaffen wie letztes Jahr: zur allgemeinen Überraschung Turniersieger.
Damit bleiben noch Giri (misslungene also gelungene Generalprobe für das Kandidatenturnier, diese Ausrede hat auch Pragg?), van Foreest (gutes Turnier) und Fedoseev (am Ende „normales“ Turnier).
Tata Steel Challengers 2026
Letztes Jahr war es quasi ein Dreikampf zwischen Nguyen, Suleymanli (hatte nach Sonneborn-Berger das Nachsehen) und Erwin l’Ami. Nguyen spielte nun anderswo in Wijk aan Zee, Suleymanli war wieder im Rennen um den Turniersieg, l’Ami nicht oder (wobei das erst im Nachhinein der Fall war) nur indirekt. Das war der Endstand:
Woodward 10/13, Ivanchuk 9.5, Suleymanli 9, Maurizzi 8, Assaubayeva 7.5, Oro und Yip 7, Warmerdam 6.5, Ivic 6, Yuffa 5.5, l’Ami 5, Panesar 4, Lu Miaoyi 3.5, Roebers 2.5.
Also gewann am Ende der junge Amerikaner. Suleymanli war auch im Rennen aber verlor in der letzten Runde ausgerechnet gegen den formschwachen Velimir Ivic. Das war aus der Eröffnung heraus mit Weiß, zu viel riskiert? Nach Sonneborn-Berger wäre er wohl – ausgleichende Gerechtigkeit für 2025 – diesmal vorne gewesen. Dann war da noch good ol‘ Ivanchuk, der beide Konkurrenten besiegt hatte (direkter Vergleich erster Tiebreaker) aber ein halber Punkt fehlte. Das lag im Nachhinein an der Niederlage in Runde 4 gegen den (in beide Richtungen) klar zweitältesten Spieler Erwin l’Ami. Da stand er zunächst besser, dann war es dynamisch ausgeglichen und im Endspiel hatte er das Nachsehen.
Woodward verlor zu Beginn aus Gewinnstellung heraus gegen Assaubayeva – in Zeitnot verlor er den Faden und so die Partie, direkt nach der Zeitkontrolle gab er auf. Dann zunächst fünf Siege gegen weitgehend nominell unterlegene Gegner(innen) sowie den vor allem anfangs auch formschwachen Max Warmerdam, und am Ende der Turniersieg. Ob er nächstes Jahr im Masters mithalten kann wissen wir noch nicht.
Der Rest
Nur kurz und knapp: die Abschlusstabelle nicht ganz nach Elo sortiert. Ivic, Yuffa, l’Ami und anfangs auch Warmerdam erwischten schlechte Turniere. Am Ende keine GM-Normen für Faustino Oro und Carissa Yip. Faustion Oro braucht ohnehin noch eine GM-Norm aus einem Turnier im Schweizer System. Bei Carissa Yip wäre es die dritte Norm, wobei sie für $$$$ von Rex Sinquefield noch Elo 2500 knacken müsste. Nächste Chance für beide ist vielleicht Saint Louis Masters 24.2.-2.3. . Zufall oder nicht: beim Argentinier wäre das noch rechtzeitig für „jüngster GM aller Zeiten“.
Toptienkamp der Amateure
Eher der Vollständigkeit halber: Christian Glöckler gewann auch seine letzte Partie und erzielte so 8.5/9. Das ist offenbar Rekord auf höchstem Amateurniveau. Generell hatte ich zu ihm ja bereits berichtet.
Wie ging und geht es weiter?
Einiges hatte ich ja bereits angedeutet: nächstes Superturnier in Prag (komplettes Teilnehmerfeld Keymer, Gukesh, Abdusattorov, Maghsoodloo, van Foreest, Aravindh, Yakubboev, Anton Guijarro und local heroes Nguyen und Navara). Übernächstes internationales Superturnier ist dann das Kandidatenturnier ab dem 29. März. Einige Tata Steel Teilnehmer spielten schon dieses Wochenende in der Bundesliga (bzw. Ivanchuk und Yuffa wie in Wijk aan Zee in der zweiten Liga), andere verzichteten darauf.