Dieser Beitrag aus aktuellem Anlass zu zwei Dingen. Zunächst zur „Wie schafft man es, dass Carlsen noch Schach mit klassischer Bedenkzeit spielt?“ Initiative. Dahinter steckt Norway Chess mit Unterstützung der FIDE. Und dann zu neuen Regeln des FIDE Circuit 2026-27, eine Änderung schon implizit: nur eine Serie über zwei Jahre.
Total Chess World Championship
Um die Frage oben zu beantworten: man definiert 45+30 als „fast classical“. Auf Deutsch würde ich das unterschreiben, es ist fast eine klassische Bedenkzeit aber nur fast. Bisher wurde das nur für Spieler mit Elo unter 1800 akzeptiert. Für andere sollte es eigentlich erst getestet werden, bei zwei Amateurturnieren in Katar und der Women World Team Championship. In Linares gewann übrigens ein FIDE-Team, aber dieses Fass mache ich nicht auch noch auf. Diesen Test hat es nun wohl bestanden. „Total Chess“ ist dabei dann – so sehe ich es – eine Kombination aus langsamem Schnellschach (45+30), normalem Schnellschach (15+10) und Blitzschach (3+2).
Teilnahme vor allem nach klassischer(!?) Elozahl ohne Kriterien für Aktivität auf hohem Niveau. Davon profitiert nun, wenn er denn Interesse hat (noch nicht klar), Nakamura. Davon profitiert auch Vishy Anand, der mit klassischer Bedenkzeit zuletzt im Februar 2025 zwei Bundesliga-Partien spielte. Carlsen würde auch profitieren, aber er ist nun offiziell als Weltmeister im Schnell- und Blitzschach qualifiziert. Das komplette Regelwerk für Pilotturnier 2026 und dann eine Serie 2027 hier – offenbar bereits Version 4, Freestyle Chess hat da ja auch während der laufenden Serie „improvisiert“.
So ist auch gewährleistet, dass niemand „außen vor bleibt“ nur weil er sich im WM-Zyklus nicht qualifiziert hat. Ein paar schwächere dürfen auch mitspielen: politisch korrekt Weltmeisterin Ju Wenjun und ihre im Kandidatinnenturnier noch zu ermittelnde Herausforderin. Die bekommen wohl auch dann ordentliches Preisgeld, wenn sie dann die objektiven Erwartungen erfüllen (nicht mehr, weniger geht ja kaum).
FIDE Open Circuit
Außerdem qualifizieren sich 2026 drei und 2027 immerhin zwei Spieler über den „FIDE Open Circuit“, für den nur Turniere mit mehr als 50 Teilnehmern gewertet werden. Ich habe mir das mal für den FIDE Circuit 2025 und 2024 angeschaut. Ohne Gewähr was Korrektheit und Vollständigkeit betrifft: 2025 hätten da offenbar Indjic (Baku, Sharjah, Dubai) und Grebnev (Junioren-WM, Dubai, Oskemen, Abu Dhabi) die besten Karten gehabt. 2024 war ein Sonderfall, da Caruana am Ende noch schnell zwei Opens in den USA spielte um sich bereits für das Kandidatenturnier 2026 zu qualifizieren. Außerdem spielte Erigaisi anfangs noch erfolgreich Opens. Sieger knapp vor Erigaisi (Grenke, Menorca, Sharjah, Qatar) wäre aber wohl Tabatabaei gewesen (Aeroflot, Dubai, Sharjah, Abu Dhabi, Qatar).
Insgesamt zeigt sich auch, dass man vor allem am persisch-arabischen Golf derlei Circuit-Punkte sammeln kann (wobei nicht bekannt ist, ob Qatar 2026 wieder stattfindet). Für 2026 stellt sich die Frage, ob top30-Spieler nun verstärkt Opens spielen und wie sie da dann abschneiden. Top10-Spieler brauchen das jedenfalls für Totalschach-Quali nicht.
FIDE Circuit 2026-2027
Das ist der Pressebericht, und das das neue Regelwerk mit allen Details. Wie gesagt, nur eine Serie über zwei Jahre. Zwischenstände des FIDE Circuit 2026-2027 können dabei für Totalschach-Turniere eine Rolle spielen. Wie viele Plätze im übernächsten Kandidatenturnier am Ende vergeben werden ist wohl noch nicht bekannt. Durchgesickert ist bereits, dass sich 2027 im Totalschach die beiden besten Spieler für das Kandidatenturnier qualifizieren (auf Kosten anderer Spots). Ob der Sieger dieser für Carlsen maßgeschneiderten Serie dann Interesse hat kann man allerdings bezweifeln.
Die andere aus meiner Sicht wesentliche Änderung: für TAR (Multiplikator für Punkte aus einzelnen Turnieren) wird nun der Eloschnitt der besten 12 berücksichtigt, statt wie bisher die besten 8 (bei weniger als 12 Teilnehmern werden alle berücksichtigt).
Welche Konsequenzen kann das haben?
Für die nahe Zukunft: der Eloschnitt des Tata Steel Masters sinkt so wohl von 2753 auf 2734, das ist nicht allzu dramatisch. Bei Tata Steel Challengers mit seinem nach Elo ziemlich zweigeteilten 14-er Feld sinkt er aber von 2612 auf 2567 – gerade noch so Circuit-relevant (mindestens 2550 muss sein).
Durch die deutsche Brille betrachtet mit Bezug auf 2025: beim Dortmunder Open würde aus 2585 2566. Beim German Masters würde mit allen 10 (auch Costa und Dobrikov) aus 2636 2603. Nächstes Jahr wird da der Unterschied noch größer: im deutschen Münchner Kandidatenturnier haben sich ja mit Tobias Kügel und Dr. Georg Braun zwei Spieler mit Elo ca. 2400 überraschend für das nächste German Masters qualifiziert.
Insgesamt wohl auch: mittelgroße Opens die auf Basis der besten 8 gerade so Circuit-Niveau haben haben es mit den besten 12 dann womöglich nicht mehr. Ein Beispiel wäre das „Torneo Internacional Club Caissa Guatemala“, das heute begonnen hat – vorne in der Setzliste Aryan Tari und Niclas Huschenbeth. Allerdings haben da die besten acht auch nur durchschnittlich Elo 2544 (knapp zu wenig). Anhand der besten 12 sinkt der Eloschnitt auf 2501.
Soweit mal ….
Ein bei mir eher nicht üblicher Schnellschuss, zur Info und vielleicht als Grundlage für Diskussionen. Wie es mit Totalschach (hat ja noch nicht begonnen) und FIDE Circuit (hat gerade erst begonnen) weiter geht wird sich herausstellen.