Zuletzt berichtete ich zu Groningen und Hastings, nun die Vorschau auf ein Turnier (oder mehrere) geographisch zwischendrin im Seebad Wijk aan Zee. Tata Steel Chess (zuvor Corus Chess, zuvor Hoogovens) hat ebenfalls eine recht lange Tradition, seit 1938. Im Gegensatz zu den beiden anderen Turnieren ist es in der A-Gruppe (Masters) nach wie vor ein Weltklasseturnier. Generell ist es der „echte“ Beginn des Schachjahrs mit klassischer Bedenkzeit, auch wenn einige Turniere (z.B. das Staufer-Open) und oft auch ein Bundesliga-Wochenende schon zuvor stattfinden. Etwa alle zwei Jahre und nun wieder ist es für einige auch die Generalprobe für das Kandidatenturnier. Empirisch muss sie übrigens schief gehen damit man später gut abschneidet.
Quizfragen vorab
Auf die gesamte Geschichte des Turniers gehe ich mal nicht ein. Bereits angedeutet ist dabei, dass es auch „Umstellungen“ beim Hauptsponsor überstanden hat. Aber ein paar Fragen auch zur Vergangenheit, zum Teil vielleicht „Fangfragen“:
Zwei deutsche Spieler im A-Turnier in Wijk aan Zee, wann gab es das zuletzt? Wie oft hat Wolfgang im A-Turnier mitgespielt? Wie viele ehemalige Turniersieger spielen dieses Jahr auf der Bühne in Wijk aan Zee? Wie oft ist der Jahrgang 2011 in den drei(!) höchsten Gruppen von Tata Steel Chess 2026 vertreten? Wer kann aus deutscher Sicht Nachfolger von Roven Vogel werden? Die beiden letzten Fragen beziehen sich (auch) auf den Toptienkamp der Amateure. Der Sieger qualifiziert sich da für das Challenger-Turnier 2027. Alle Fragen werde ich nach und nach beantworten, zwischendrin in Abschnitten zu den drei Turnieren:
Tata Steel Masters 2026
Ich sortiere die Teilnehmer mal nach den aktuellen Elozahlen, auch wenn die Vorschau auf der Turnierseite die damals gültige Oktoberliste erwähnt. Aber so sieht es aus deutscher Sicht noch etwas freundlicher aus. Die Unterschiede sind dabei gering und wie immer eine Momentaufnahme:
Keymer (2776), Erigaisi (2775), Giri (2760), Praggnanandhaa (2758), Gukesh (2754), Abdusattorov (2751), Sindarov (2726), Niemann (2725), Fedoseev (2705), Jorden van Foreest (2703), Aravindh (2700), Bluebaum (2679), Erdogmus (2658), Nguyen Thai Dai Van (2656).
Keymer
Anfang Oktober 2025 war Vincent Keymer mit „nur“ 2755 noch Nummer vier in Wijk aan Zee (das ist er nun weltweit, und Nummer 2 der wirklich aktiven Spieler) und Nummer 9 der Weltrangliste. Für Keymer ist es quasi der Beginn eines Jahres in neuer Rolle: Nun wird er wohl regelmäßig gegen die engere Weltklasse antreten. Auch bei der Grand Chess Tour sollte er 2026 Stammgast sein, wobei die sich bisher noch nicht geäußert haben. In Wijk aan Zee belegte er 2023 Platz 13 mit sieglosen 5/13 (Niederlagen gegen Carlsen, Aronian und So), nur Erigaisi lag noch hinter ihm. 2025 war es dann mit 6/13 Platz 8 punktgleich mit Caruana und wieder ein halber Punkt vor Erigaisi.
2026 könnte es für Keymer besser laufen, zumal er die Ausrede „Generalprobe für das Kandidatenturnier muss schief gehen“ nicht hat. Aber wir wollen da keinen Druck ausüben. Auch Erigaisi hat Erwartungen in Wijk aan Zee bisher nicht erfüllt, mal abgesehen von 2022 – Sieg in der Challenger-Gruppe mit 10,5/13. Damals war er mit 2632 Elofavorit aber nur knapp, und das muss vor allem in der Challenger-Gruppe nichts heißen. Erste Verfolger mit 2 Punkten Rückstand waren damals Nguyen Thai Dai Van und Jonas Buhl Bjerre. Der Tscheche mit vietnamesischen Wurzeln machte es letztes Jahr besser und qualifizierte sich als (Tiebreak-)Sieger der B- für die A-Gruppe.
Zwei Dinge werden auf der Turnierseite auch erwähnt:
Jüngstes Teilnehmerfeld aller Zeiten
Senior im Turnier ist Anish Giri, Jahrgang 1994. Bei Tata Steel Chess war er seit 2011 immer dabei, jedenfalls ein anderer Teilnehmer des Masters 2026 hatte das live nicht mitbekommen. Zuvor spielte er auch bei Corus Chess – 2010 Sieger der B-Gruppe, 2009 noch als FM Dritter der C-Gruppe. Auch Fedoseev (*1995) ist nun über 30. Aus dem letzten Jahrtausend stammen außerdem noch Blübaum (*1997) sowie Jorden van Foreest und Chithambaram Aravindh (beide *1999). Am anderen Ende des Altersspektrums Yagiz Kaan Erdogmus, Baujahr 2011. Aber damit ist eine der eingangs gestellten Fragen noch nicht vollständig beantwortet.
Das halbe Kandidatenturnier in Wijk aan Zee
Dieser Artikel auf der Turnierseite erschien erst Ende November 2025. Zwischenzeitlich hatte sich auch Javokhir Sindarov als Weltcup-Sieger für das Kandidatenturnier qualifiziert. Praggnanandhaas Sieg im FIDE Circuit 2025 war da noch nicht offiziell aber zu 99,9% in trockenen Tüchern. Matthias Blübaum verdankt seine Einladung wohl seinem Erfolg beim FIDE Grand Swiss, Giri hätten sie dagegen wohl ohnehin wieder eingeladen.
Da wird auch erwähnt, dass sie deshalb (?) die Zeitkontrolle angepasst haben: wie beim Kandidatenturnier Inkrement erst ab dem 41. Zug – „extra Spannung und Drama für Spieler und Zuschauer“.
Außerdem hat ja auch Gukesh noch eine (spätere) Rolle im laufenden WM-Zyklus.
Antworten auf Fragen
Zwei deutsche Spieler im A-Turnier in Wijk aan Zee, wann gab es das zuletzt?
https://history.tatasteelchess.com/ suggeriert es zwar, aber zwei deutsche Teilnehmer im A-Turnier gab es offenbar …. noch nie. Sie erwähnen, dass zwei Spieler, die uns beide 2025 verlassen haben, mehrfach gemeinsam im A-Turnier spielten. Und zwar Vlastimil Hort und Doc Robert Hübner 1971, 1975, 1979, 1982 und 1986. Aber Vlasti Hort hat erst Ende 1986 den Schachverband gewechselt.
Noch weiter zurück: 1951 spielten Herman Pilnik und Georg Kieninger im A-Turnier. Aber erstens war das damals (und bis 1967) noch in Beverwijk, einige Kilometer im Landesinneren. Zweitens war Pilnik schon lange nach Argentinien ausgewandert, das er dann auch bei Olympiaden vertreten hatte. Mir war er übrigens gar kein Begriff, obwohl ich jahrzehntelang seine Eröffnung spielte – aber 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 wurde später nach Sveshnikov benannt.
2024 waren zwei Deutsche im A-Turnier denkbar: Donchenko hatte sich als Sieger der Challenger-Gruppe 2023 qualifiziert, Keymer bekam dann aber offenbar keine Einladung. Vielleicht lag es am Ergebnis des Vorjahrs (auch Erigaisi wurde nicht eingeladen), vielleicht auch daran dass er sich erst in der zweiten Jahreshälfte 2023 erstmals bis auf 2743 und damals Platz 12 in der Weltrangliste verbessert hatte. Das Teilnehmerfeld wird generell einige Monate im Voraus finalisiert. Donchenko spielte auch 2021 im A-Turnier, damals als kurzfristiger Ersatz für einen Corona-bedingt verhinderten Spieler.
In den Jahren davor nur sporadisch deutsche Spieler mit Migrationshintergrund und Verbandswechseln davor und danach. 2014 war es Arkadij Naiditsch als zuvor geteilter Sieger der B-Gruppe, 1997 Igor Glek – der später wieder für Russland spielte und seit 2022 für Belgien. Die Ära Robert Hübner ist noch länger her: neun Teilnahmen im Zeitraum 1971-1996. Vlastimil Hort spielte von 1968-1986 zehnmal mit (also nie als Schachdeutscher).
Wie oft hat Wolfgang mitgespielt?
Das ist natürlich eine Scherz- oder Triviafrage, aber die Antwort lautet: dreimal – 1953 Wolfgang Heidenfeld, 1961 Wolfgang Uhlmann, 1981 Wolfgang Unzicker. Dieses Jahr spielt Wolfgang nur in einem der Amateurturniere – Wolfgang Stein aus Essen in der Wochenend-Gruppe 8.
Wie viele ehemalige Turniersieger spielen dieses Jahr auf der Bühne in Wijk aan Zee?
Das kann man noch nicht abschließend beantworten – auch die Challenger-Gruppe spielt auf der Bühne. Bisher sind es zwei: Giri war 2023 alleiniger Sieger, Praggnanandhaa gewann 2025 nach Stichkampf gegen Gukesh. Neben Giri und Gukesh (beide mehrfach) hatte auch Abdusattorov mal erst nach Stichkampf das Nachsehen. Der Usbeke war bisher immer, wenn er im Masters mitspielte, nahe am Turniersieg. Ihm würde ich den Sieg neben Keymer vielleicht am ehesten gönnen – oder auch Giri aber der kann ja diesmal sagen „Generalprobe für das Kandidatenturnier muss schief gehen“.
Tata Steel Challengers 2026
Dazu steht auf der Turnierseite „mix of established grandmasters and promising talents“ – „unpromising talents“ haben sie demnach nicht eingeladen. Es ist ein weites Altersspektrum und auch ein weites, tendenziell zweigeteiltes Elospektrum. Ich bin mal faul und erwähne die dort genannten Elozahlen Stand November 2025:
Erwin l’Ami (2630), Aydin Suleymanli (2622), Velimir Ivic (2618), Daniil Yuffa (2618), Vasyl Ivanchuk (2616), Marc’Andria Maurizzi (2611), Andy Woodward (2605), Max Warmerdam (2577), Bibisara Assaubayeva (2513), Faustino Oro (2495), Carissa Yip (2459), Lu Miaoyi (2440), Panesar Vedant (2419), Eline Roebers (2392).
Vorne kann es nach Papierform eine enge Kiste werden, hinten wären einige auch im Toptienkamp der Amateure nicht fehl am Platz. Da spielte der Inder Panesar Vedant letztes Jahr noch und qualifizierte sich für Auftritt auf der Bühne anno 2026.
Altersspektrum
Erwin l’Ami sagte den Organisatoren vielleicht „ich will nicht wieder der älteste Spieler auf der Bühne sein“. Sie fanden dafür eine Lösung und haben good ol‘ Vasyl Ivanchuk eingeladen, nochmal 16 Jahre älter. Außer diesen beiden stammt sonst nur Daniil Yuffa (*1997) aus dem letzten Jahrtausend. Am anderen Ende des Altersspektrums sind Andy Woodward und Lu Miaoyi (beide *2010) und der noch jüngere Faustino Oro (*2013). Damit immer noch nur einer Jahrgang 2011, aber es gibt ja noch einen dritten Hauptabschnitt dieses Artikels.
Eine andere Frage kann aber nun beantwortet werden. Ivanchuk spielte 1996-2015 insgesamt zehnmal im A- Turnier, gleich das erste Mal am erfolgreichsten: Turniersieg vor Anand und Topalov, am anderen Tabellenende damals Hübner und Timman. Punktgleich mit Hübner war damals Loek van Wely, der 1992-2017 immer eingeladen wurde (nur 2011 hatte er ein „sabbatical“). Dann hatte er selbst keine Lust mehr, 25-mal reichte da er zuletzt nicht mehr mithalten konnte. Das Interview mit ihm war einer der Höhepunkte meiner Jahre als Reporter in Wijk aan Zee 2014-2018. Wie dem auch sei: auch die dritte Frage eingangs hat die Antwort „drei“.
Rückblick auf 2025
Aydin Suleymanli war übrigens schon letztes Jahr geteilter Sieger der Challenger-Gruppe mit gegenüber Nguyen Thai Dai Van nur leicht schlechterer Buchholz-Wertung. Vielleicht deshalb wurde er erneut eingeladen – direkt nacheinander für nicht-Niederländer eher ungewöhnlich. Aber auch Lu Miaoyi und Faustino Oro spielten bereits 2025 mit. Erwin l’Ami war auch nahe dran am Turniersieg aber strauchelte in der letzten Runde. Er wird dabei wohl als (nicht nur aber vor allem) in Wijk aan Zee „established grandmaster“ immer eingeladen. Diesmal ohne deutsche Beteiligung – letztes Jahr war Frederik Svane Elo-Mitfavorit und landete dann auf dem geteilten sechsten Platz.
Menschliches
Das aktuell wohl stärkste Schachpärchen ist in Wijk aan Zee gemeinsam dabei – wie auch (das ergab sich erst Ende Dezember bei der WM im Schnell- und Blitzschach) danach auf Zypern bei den Kandidat(inn)enturnieren. Javokhir Sindarov und Bibisara Assaubayeva sind wohl miteinander liiert. Gegeneinander spielen müssen sie ja nicht, damit erübrigt sich auch die Frage „was dann tun?“ – auskämpfen oder Kurzremis?
Toptienkamp 2026
Wie der Name sagt, da nur zehn Spieler(innen) aber auch ein internationales Feld. Damit sind auch IM-Normen denkbar, zwei bis drei der zehn brauchen sie noch. FM Onno Elgersma hat anscheinend schon drei IM-Normen und hatte auch schon einmal Elo 2400+, aber den IM-Titel hat er offenbar noch nicht beantragt (wie auch Panesar Vedant in der Challenger-Gruppe mit seinen neun IM-Normen). Aber nun alle zehn:
IM Dr. Johannes Carow (2469), IM Stepan Hrbek (2454), IM Christian Glöckler (2444), IM Henry Edward Tudor (2434), IM Mohamed Anees (2416), IM Soham Lohia (2410), FM Luuk Baselmans (2406), IM Tim Grutter (2399), FM Onno Elgersma (2369), FM Machteld van Foreest (2330).
Also sieben IMs aus sechs Ländern, da ist nur Deutschland doppelt vertreten. Fünf dieser sieben sind dabei erst seit 2025 IM. Beim deutschen Publikum ist Christian Glöckler (Oberliga-Spitzenbrett für den Wiesbadener SV) vermutlich bekannter als Dr. Johannes Carow (Spitzenbrett Zweite Bundesliga für SF Heidesheim). Ihm kann man wohl auch eher zutrauen, dass er später mehrfach in Wijk aan Zee auf der Bühne spielen wird – unabhängig vom Ergebnis dieses Turniers. Dabei sind Einladungen für das Challenger-Turnier immer auch Glückssache, und ob er das Niveau Tata Steel Masters erreichen wird wissen wir noch nicht.
Dieses Jahr hat er durchaus Konkurrenz, u.a. vom Rumänen Henry Edward Tudor der schon letztes Jahr im Toptienkamp mitspielte. Christian Glöckler gewann damals die Amateurgruppe 1B. Beide sind Jahrgang 2011, damit können wir nun auch die nächste Frage mit „drei“ beantworten.
Wer ist jünger?
Das konnte ich nicht herausfinden, auch chess.com hat nur für den Rumänen das Geburtsdatum. Henry Edward Tudor nennt sich da übrigens bescheiden „SuperPower2011“, Christian Glöckler ist auf chess.com „ChrisTheBellRinger“. Das ist wohl eine (international nicht unbedingt verständliche) Anspielung auf seinen Nachnamen. Wahrscheinlich hat er auch keine Ambitionen, in Wijk aan Zee mal den traditionellen Gong zum Rundenbeginn zu betätigen und dann schnell an sein eigenes Brett. Das machen ohnehin generell Leute mit nur dieser zeremoniellen Rolle.
„Nachfolger von Roven Vogel“ bezieht sich darauf, dass dieser 2020 den Toptienkamp der Amateure gewann. Das war kurz vor der Pandemie oder eigentlich schon während der Pandemie, aber Lockdowns usw. kam erst später. 2021 gab es dann „deswegen“ nur das Tata Steel Masters. also spielte er im Challenger-Turnier 2022. Die Antwort auf die letzte Frage lautet damit ausnahmsweise „zwei Spieler“.
Auch der Toptienkamp der Amateure wird wohl wieder live übertragen, auch das werde ich dann verfolgen.
Wie geht es weiter?
Wieviel Berichterstattung vom Turnier ich schaffen werde wird sich zeigen. Schließlich bin ich ja berufstätig, diesen Artikel habe ich noch im Weihnachtsurlaub geschrieben. „Vor Ort in Wijk aan Zee“, das war einmal. Seit der Pandemie und auch danach ist es wohl auch schwieriger, als „Amateur“ Pressezugang zu bekommen – wobei ich das gar nicht versuche da es logistisch ohnehin nicht mehr machbar wäre.