Endstand der Schacholympiade in Samarkand. Quelle: FIDE auf Twitter
Es mag nicht besonders originell sein, aber die Beobachtung sollte doch festgehalten werden: Europa hat ein bisschen den Anschluss im Weltschach verloren.
Schauen wir uns die Ergebnisse bei der Schacholympiade an:
Bei den Frauen ist der Zug total abgefahren. Hier stellen die Chinesinnen seit Jahren die beste Mannschaft der Welt und auch die Weltmeisterin. Man muss sie nicht mögen, aber man muss das respektieren.
Auf Platz zwei kommt dann Kasachstan, was den neuen FIDE-Präsidenten Turlov sehr freuen wird. Und dahinter natürlich – wie sollte es anders sein – Indien mit den drei Stars: Humpy Koneru, Divya Deshmukh und Vaishali, der Schwester von Pragg.
Dahinter kommen übrigens die USA und auch hier sind die besten Spielerinnen asiatischer Abstammung, nämlich Alice Lee und Carissa Yip (an Brett 1und 2).
Sieht es bei den Männern besser aus? Formal schon, was durch unseren dritten Platz untermauert wird. Und doch sind wir die einzige Mannschaft auf den vorderen Plätzen, die aus Europa kommt, und außerdem ist es das erste Mal seit dem Jahr 2000, dass wir so weit vorne gelandet sind.
Auf Platz 1 die Usbeken mit den beiden Ausnahmespielern Abdusattorov und Sindarov. Auf Platz 2 die Inder mit Spielern wie Pragg, Erigaisi und Gukesh. Hinter uns platzieren sich immerhin die USA, die aufgrund ihrer multikulturellen Ausrichtung viele starke Spieler anziehen. Und dahinter kommt Aserbeidschan, auch nicht gerade ein westliches Land.
Umso mehr, das muss man klar sagen, umso mehr ist der Erfolg der deutschen Mannschaft bemerkenswert! Und wir haben fast die ganze Zeit in der Spitze gespielt, das Turnier also nicht von hinten aufgerollt. Es war auch eine geschlossene Mannschaftsleistung, die zu beobachten war.
Trotz allem: die Aussage bleibt, international kann Europa mit der Spitze eigentlich nicht mehr mithalten.
Was soll man dazu sagen? In anderen Ländern hat Schach halt einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. In den Ex-Soviet-Ländern ist Schach Nationalsport, Indien hatte seinen Boris-Becker-Moment und ist seitdem auch Feuer und Flamme.
Und bei uns? Da rangiert Schach in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwo zwischen Dame und Mühle – außerhalb der Schachbubble wohlgemerkt! Das ist so ähnlich wie mit Darts. Die Fans finden es spitze, für alle anderen ist es Spickern mit Kumpels im Keller.
Hinzu kommt beim Schach noch die maximal ungünstige Vermarktbarkeit. Deutschland ist auch keine MotoGP-Nation, aber zumindest flößt es jedem Laien Respekt ein, wie sich die Motorrad-Asse bei 300 km/h wie Artisten auf ihrem Sportgerät winden und kein Ottonormalverbraucher würde wohl auf die verwegene Idee kommen: „das könnte ich auch!“
Bei Schachübertragungen hingegen sieht man zwei Menschen, die stundenlang bewegungslos auf Spielfiguren starren. Jemandem, der da nicht drinsteckt zu vermitteln, was da gerade episches passiert, ist fast unmöglich. Deswegen ist es schon in der Basis so schwer, Öffentlichkeitsarbeit für Schach zu betreiben, weil man schon die Lokalzeitung erstmal überzeugen muss, dass hier etwas sportlich relevantes vonstatten geht.
Also wo sollen die Topspielerinnen herkommen aus solch einem Milieu? Viele der deutschen Topspielerinnen haben, wie schon angemerkt, Wurzeln, wo Schach einen ganz anderen Stellenwert hat. Ansonsten haben die deutschen Vereine auf dem Papier vielleicht relativ viele weibliche Mitglieder, aber wie viele davon wagen sich tatsächlich in Wettkämpfe? In unserem Verein sind es nicht mal 20 Prozent.
Und natürlich ist es auch ein teures Hobby! Ich löhne jedes Jahr knapp 7000 EUR für das Schachhobby meiner Kids. Allein die WM-Teilnahme meiner Tochter schlug heuer mit 4500 EUR zu Buche. Und vom Verband gab es niente. Das muss man erstmal stemmen (wollen) als Eltern, Jahr für Jahr. Da insbesondere bei den Mädchen die Aussichten, damit irgendwann mal seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, bei uns gleich Null ist, ist da sicherlich auch nicht immer der Maximaleinsatz auch von Elternseite dahinter.
Von diversen Vorfällen, die sich Mädchen im Schach ausgesetzt sehen, will ich erst gar nicht anfangen.
Also man kann da sicherlich viel mosern, warum wir nicht Weltmeister oder Olympiasieger sind. Aber vielleicht sollte man erstmal klein anfangen. Die Hürden entfernen, warum Mädchen erst gar nicht zum Schach gehen. Schauen, warum so viele in der Teenagerzeit wieder aufhören. Die Eltern mehr unterstützen, von denen verlangt wird, eine absolute Nischensportart mit Unsummen zu unterstützen, usw.
Wenn mehr Spielerinnen kommen, sind auch zwangläufig mehr gute dabei. Vielleicht spielt die beste Schachspielerin der Welt mit Potenzial für 2800 Elo gar kein Schach, sondern reitet, weil Mädchen halt reiten.