Symbolbild FIDE-Wahlen. Quelle; Gemini KI.
Wir denken, es ist an der Zeit, Schlüsse aus der FIDE Wahl und dem davor liegenden Wahlkampf zur Präsidentschaft zu ziehen. Und zwar in Form von selbst formulierten Erkenntnissen.
1. Russland (oder besser: „GUS-Land“) gewinnt auf die eine oder andere Weise immer.
Wir denken an Iljumschinow, wir denken an Campomanes (den die Sowjets seinerzeit stark unterstützt haben), wir denken an Dvorkovich. Siehe auch: https://www.schachmuseum-loeberitz.de/der-burgkeller/59-schachverbaende/fide/163-die-praesidenten-der-fide. Der letzte westeuropäische Präsident amtierte 1982!
Das ist übrigens wertfrei formuliert, es soll nicht heißen, dass das gut oder schlecht ist, es heißt nur: die Russen setzen ihren Kandidaten fast immer durch. Und dass Turlov der Kandidat der Russen war, dürfte wohl zweifelsfrei sein.
2. Man muss inzwischen Millionär sein, um zu kandidieren.
Das war wirklich sehr auffällig in diesem Jahr, dass es unter den drei Kandidaten keinen Normalverdiener mehr gab. Alle drei sind Multimillionäre, und das spricht eine deutliche Sprache! Man will jemanden an der Spitze sehen, der eigenes Geld in die Organisation pumpen kann.
3. Wahlen bei der FIDE gehen oft knapp aus.
Im ersten Wahlgang erreichten Rosenstein und Büttner zusammen genau so viele Stimmen wie Turlov, daher wurde die Sitzung für zwei Stunden unterbrochen, und es folgte ein erneuter Wahlgang. Erst in diesem setzte sich der Favorit Turlov durch.
4. Der Ost-West-Konflikt zieht sich bis heute durch die Schachorganisation
Wir haben bereits in einem vorhergehenden Beitrag ermittelt, dass „der Westen“ etwa ein Viertel der Stimmen hat, und „der Osten“ ebenfalls. Da ein weiteres Viertel der Stimmen auf Afrika entfällt, das schachpolitisch keine besondere Relevanz hat, sowie auf Süd- und Mittelamerika entbrennt der Kampf um diese Stimmen an der Waagschale, mit der klaren Absicht, die Schachpolitik wieder zu europäisieren oder eben zu asiatisieren. Wer am meisten Wähler aus Afrika und von Inseln mit kleinem Schachvolk auf seine Seite zieht, der gewinnt die Wahl!
5. Gefälligkeiten werden erwiesen, Versprechen werden gemacht.
Es ist bekannt, dass jeder Kandidat im Vorfeld versucht, möglichst viele Föderationen auf seine Seite zu ziehen. Nun gut das machen Politiker vor der Wahl auch. So wird in Wahl-Lounges eingeladen, und man schmeichelt den Föderationen auf die eine oder andere Weise. Bei der FIDE nimmt es nur manchmal etwas kuriose Formen, weil dabei auch Grenzen des Anstands überschritten werden, mehr wollen wir an dieser Stelle nicht dazu schreiben. Nur so viel: „Alle vier Jahre kommt jemand vorbei und verteilt Geld“: Präsidentschaftskandidat Jan Henric Buettner im Interview mit den Perlen vom Bodensee.
6. Trotz demokratischer Wahlen wird gern mit Schmutz geworfen!
Im Vorfeld wurde durchaus mit harten Bandagen gekämpft, es gingen Drohbriefe an Föderationen wie den DSB, und der Schachjournalist David Llada wurde von Turlov wegen Falschbehauptung verklagt, wie dem kürzlich veröffentlichten Interview mit ihm zu entnehmen ist. Genauso übrigens auch bei der Präsidentenwahl der Europäischen Schachunion, wo es auch heftige Reaktionen in den sozialen Medien gab. Es ist wirklich schade, dass die Kandidaten nicht ohne Rechtsmittel auskommen, wenn es um Wahlen geht.
7. Die Kontinuität hat gesiegt!
Jeder weiß, dass nicht nur die Spitze der Organisation russisch war (vor dem erzwungenen Rücktritt von Dvorkovic), sondern auch das Top-Management, in erster Linie vertreten durch „Chief Executive“ Emil Sutovsky, sondern es finden sich auch einige andere russisch bzw. gussisch klingende Namen in der Organisation:

Was wollen wir damit sagen? Ein völlig neuer Präsident aus Deutschland hätte natürlich dieses stark osteuropäisch dominierte Gefüge stark verändert.
8. Der Deutsche Schachbund stand mal wieder auf der „falschen“ Seite.
Es ist fast schon Tradition geworden – der DSB unterstützt immer den Kandidaten, der am Ende nicht gewählt wird. In dem Fall allerdings höchst verständlich, denn einen deutschen Kandidaten sollte man natürlich auf jeden Fall unterstützen. Aber es ist doch auffällig, dass der DSB sich fast immer gegen den späteren Sieger positioniert. Natürlich kann man sich hier zu recht fragen, was ist richtig, und was ist falsch? Falsch wäre es natürlich, wenn inmitten des Ukraine-Kriegs wieder ein Russe zum Präsidenten gewählt worden wäre. Nun ist Turlov zwar Kasache, aber in Moskau geboren. Man wird ihm seine Geburt zwar nicht zum Vorwurf machen wollen, aber dass er Russen-Connections hat, ist wohl unzweifelhaft. Insofern würden wir hier gnädig einräumen, dass der DSB diesmal nur formal auf der falschen Seite stand.
9. Wer fliegt oder suspendiert ist, darf nicht wählen!
Ja die FIDE hat zwei Föderationen nicht zur Wahl zugelassen, das war ein afrikanischer Staat, der wohl seine Beiträge nicht gezahlt hat, und eben Russland, das aufgrund der Sanktionen suspendiert war.
10. Wenn der Wahlkampf vorbei ist, herrscht für vier Jahre Kontinuität
Zum Glück erleben wir diese dramatischen und nervenaufreibenden Wahlkämpfe nur alle vier Jahre, und danach zieht erst mal Stabilität in der Organisation ein. Selbst wenn der Präsident versterben würde oder zurücktreten muss, dann übernimmt der stellvertretende Präsident, wie wir bei Vishy Anand gesehen haben.
Lieber GM Hertneck! Danke für diese 10 Lehren! Ich habe seit gestern auf einen Artikel im SCHACHTICKER gewartet. Ich selber war bei dieser Wahl wegen meiner vielen ukrainischen Freunde zu emotionell..
Vielen Dank über das Lob. Bei mir ist es immer so: wenn ich anfange, über ein Thema nachzudenken, dann fließen mir die Gedanken dazu gerade aus der Feder. Es fließt dann auch vieles ein, was man zuvor gelesen hat. Und Gemini hat noch das passende Bild dazu geliefert!
*Schachkicker natürlich Sorry Mr. Chefreporter