GM Levon Aronian. Quelle: Wikipedia
Einem Beitrag auf Facebook haben wir folgende Nachricht entnommen, die uns bewegt hat:
Der amerikanische Großmeister Levon Aronian hat von den finanziellen Schwierigkeiten berichtet, mit denen er zu Beginn seiner Schachkarriere zu kämpfen hatte. In einem Interview auf Amalya Hovhannisjans YouTube-Kanal gab er zu, dass er bei einigen Turnieren in der letzten Runde absichtlich ein Remis akzeptierte, um sich das Preisgeld zu sichern, da er befürchtete, dass eine Niederlage ihn ohne Geld für die Weiterreise oder die Teilnahme an weiteren Turnieren zurücklassen könnte.
Aronian erzählte auch, dass er oft mit nur 20 Dollar reiste und fast alles für Tickets und Unterkunft ausgab. Um über die Runden zu kommen, spielte er manchmal bis spät in die Nacht vor den offiziellen Partien gegen wohlhabende Schachbegeisterte um Geld, nur damit er sich ordentliche Mahlzeiten leisten konnte.
Er sagte, alles habe sich geändert, als staatliche Unterstützung eintraf, die seiner Familie finanzielle Stabilität verschaffte und es ihm ermöglichte, sich voll und ganz auf das Schach zu konzentrieren. Nach diesen schwierigen Anfängen entwickelte sich Aronian zu einem der weltbesten Spieler.
Der in Armenien geborene Levon Aronian wechselte 2021 zum US-amerikanischen Schachverband und ist derzeit die Nummer 6 in den USA. Im Laufe seiner Karriere hat er mehr als 4 Millionen Dollar an Preisgeldern verdient und bedeutende Turniere gewonnen,
Man denkt unwillkürlich, dass Spitzenspieler im Schach einen privilegierten Lebensweg haben, doch auch bei Spitzenspieler Wesley So war es nicht so, wie er in einem Interview mit Chess.com erzählt, das hier in Auszügen wiedergegeben wird:
Ich kam mit meinen Eltern nicht wirklich gut zurecht. Meine Mutter war noch nie bei einem meiner Turniere gewesen und hielt Schach wegen all der Reisen nicht für einen guten Beruf. Mein Vater war sehr streng, und mit ihm kam ich auch nicht besonders gut zurecht.
Wesley stand an einem Scheideweg in seinem Leben und seiner Karriere. Er erzählt, wie seine leibliche Mutter 2009 ein Jobangebot in Kanada erhielt. „Ich war mir nicht sicher, ob ich nach Kanada ziehen wollte. Ich war 15 und sehr jung. Ich hatte keine Ahnung, was vor sich ging und was ich im Leben wollte. Ich dachte, es wäre besser für meine Schachkarriere, auf den Philippinen zu bleiben. Ich wollte weiter Schach spielen“, sagte er.
Letztendlich zog seine Familie nach Toronto, aber Wesley beschloss, zurückzubleiben. Der Präsident des philippinischen Schachverbands bot ihm eine Wohnung in Manila an, und Wesley nahm das Angebot an. „Ich hielt das damals für eine gute Option. Ich hatte Freunde auf den Philippinen und dachte, ich könnte Schach spielen und versuchen, mein Ziel zu erreichen, die 2700er-Marke zu knacken“, sagte er.
Als er 15 Jahre später über diese Entscheidung nachdachte, sagte er: „Es war offensichtlich ein Fehler. Ich geriet in schlechte Gesellschaft, hatte relativ schlechte Freunde, die mich an Alkohol und Videospiele heranführten. Im Grunde kam ich beim Schach nicht weiter. Ich glaube nicht, dass man mit 16 in Manila alleine leben kann“, sagte er.
Im Jahr 2012 traf Wesley die Entscheidung, in die Vereinigten Staaten zu ziehen, um die Webster University zu besuchen und am Schachprogramm unter der Leitung von GM Susan Polgar teilzunehmen. Dies markierte einen Wendepunkt in seiner Karriere und ermöglichte es ihm, sich ganz auf das Schachspielen zu konzentrieren. „Es war eine der allerbesten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.“
2013 lernte er Lotis Key, eine ehemalige Schauspielerin, und ihren Ehemann Renato Kabigting kennen, die in Minnesota leben. Key erkannte das immense Potenzial in Wesley und wurde schließlich zu einer prägenden Kraft in seinem Leben. „Ende 2014 wohnte er schon ganz bei uns. Ich weiß nicht, wie es dazu kam“, sagte sie. „Er kam einfach so, tauchte unerwartet auf, rief uns vom Flughafen aus an und sagte: ‚Ich bin da.‘ Und wir stiegen ins Auto und holten ihn ab.“
Sie erinnerte sich auch daran, wie sie Wesley ermutigte, seinen Träumen zu folgen, trotz seiner anfänglichen Zweifel. „Als ich ihn fragte: ‚Was willst du eigentlich machen, Wesley?‘, sagte er: ‚Ich will Schach spielen, aber ich bin nicht gut genug.‘ Und ich sagte ihm: ‚Das wissen wir doch erst, wenn du es tatsächlich versuchst, oder? Vielleicht bist du es nicht, aber woher soll ich das wissen?‘“
Wesley bekam Zeit, sich zu beweisen. „Ich schlug ihm vor, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen. ‚Wir kümmern uns um dich, schicken dich auf die Reise, du gehst und zeigst uns, was du kannst. Wenn du dich in einem Jahr selbst versorgen kannst, nun, dann ist es vielleicht das, was du tun sollst.‘“, erinnerte sie sich, ihm gesagt zu haben.
Der Schritt zahlte sich aus. Nachdem er 2014 beim Millionaire Chess in Las Vegas den mit 100.000 Dollar dotierten ersten Preis gewonnen hatte, brach Wesley das College ab, um sich voll und ganz auf seine Schachkarriere zu konzentrieren. Nicht lange danach schaffte er es auch in die Top 10. „Es war unglaublich. Ich habe so viel Arbeit in meine Karriere gesteckt, aber ich hätte nie gedacht, dass ich die Top 10 erreichen würde.“
In einem anderen Interview sagte er, dass er auf den Philippinen nur deshalb mit Schach angefangen habe, weil Schach billig war, und die Familie sich das leisten konnte.
Die vor sechs Tagen erschienene Originalquelle zu/von Aronian ist wohl https://www.youtube.com/watch?v=WY-0gjTMK40 – Teil einer „LIFEROOM“ Serie, gut 90 Minuten auf Armenisch. Kann Gerald Armenisch, kennt er jemand der Armenisch kann, oder gibt es eine Sekundärquelle?
Auf welchen Zeitraum beziehen sich seine Aussagen zu „finanziellen Schwierigkeiten … , mit denen er zu Beginn seiner Schachkarriere zu kämpfen hatte“? Anfang dieses Jahrtausends lebte er ja in Deutschland – nach eigener Aussage auf Crestbook (s.u.) ab Ende 2001, wobei er schon in der Saison 2000/01 regelmäßig Bundesliga spielte (damals für Wattenscheid). Turniere, in denen er in der letzten Runde zwecks Absicherung von Preisgeld Remis spielte, waren vielleicht z.B. Neckar Open 2002 und 2003 und OIBM 2002. Erst danach ist er im Alter von immerhin schon 20 Jahren in der top50 der Weltrangliste angekommen.
Von Oktober 2003 (kurz vor seinem 21. Geburtstag) bis Mai 2004 spielte er vorübergehend für Deutschland bzw. dann „kein FIDE event under GER flag“. Dann offenbar finanzielle Unterstützung in Armenien, in einem viel späteren Interview sagte Aronian „ich wechselte den Verband um Armenien zu zeigen, dass ich so etwas mache“. Der nächste Verbandswechsel 2021 dann, da finanzielle Unterstützung in Armenien nach Regierungswechsel nachließ und sie nicht mehr mit Rex $inquefield konkurrieren konnten – „arm“ war Aronian da nicht mehr aber wollte sich wohl für den Herbst seiner Karriere finanziell absichern.
Jungtalente, die vielleicht durchbrechen, vielleicht aber auch nicht brauchen eben finanzielle Unterstützung – Sponsoren, staatlich oder Eltern (war bei Carlsen sicher der Fall) ist relativ egal? Bei Aronian war es vielleicht auch schlechtes „Timing“ – auf Crestbook sagte er auch „it was rare at the end of the millennium for young chess players to receive help (in the mid-90s it was incomparably better when it came to sponsorship)“.
Die bereits angedeuteten Links zu Crestbook, anno 2011 damals in Zusammenarbeit mit KasparovChess Forum und Chess in Translation (erste Rolle von Colin McGourty):
https://www.crestbook.com/node/1514
https://www.crestbook.com/node/1547
Damals auch einige Fragen von mir („Thomas“), Antworten habe ich teils schon erwähnt.