Hier ein Rückblick auf den russischen Schachgroßmeister Mark Taimanow, der für sein Versagen oder sein Missgeschick so hart bestraft wurde, wie sonst kaum ein anderer Spieler in der Schachgeschichte, und das nachdem er um die Weltmeisterschaft gespielt hatte.
In einem Interview vor seinem Viertelfinalmatch von 1971 gegen Robert Fischer erklärte Taimanov kühn, dass das Spiel des Amerikaners eher gewöhnlich und routinemäßig sei. Als das Match in Vancouver begann, führte Fischer schnell 2-0, aber Taimanov hatte im dritten Spiel eine gewinnverdächtige Stellung, nur um festzustellen, dass sein Angriff ins Stocken geriet. Frustriert vermied er die kritische Variante und verlor. Fischer ließ sich nicht beirren, und gewann den Wettkampf mit 100 Prozent. Der Amerikaner gab später zu, dass das 6-0 ihm schmeichelte, aber für Taimanov erwies sich das Match, geschweige denn seine Folgen, als traumatisch: „Das schreckliche Gefühl, dass ich gegen eine Maschine spielte, die nie einen Fehler machte, erschütterte meinen Widerstand.“
Nachdem dieser vernichtenden Niederlage suchten sowjetische Beamte sofort eine politische Erklärung. Sie hielten es für undenkbar, dass ein Vertreter der besten Generation der UdSSR so verlieren könnte. Eine Durchsuchung des Gepäcks wurde bei Taimanows Rückkehr in die Sowjetunion angeordnet, und sie erwies sich als belastend. Er trug US-Dollar (die Zahlung für einen Artikel für ein niederländisches Schachmagazin) und schlimmer noch, ein Buch von Aleksandr Solschenitzyn bei sich, das in der Sowjetunion streng verboten war. Der „Renegat“ hatte also nicht nur das Ansehen der Sowjetunion geschädigt, sondern las auch verbotene Literatur und hatte Westwährung.
Das UdSSR-Sportkomitee ordnete sofortige Sanktionen an, die laut Taimanow, „sein Leben in die Hölle verwandelten“. Ihm wurde seine Bürgerrechte vorenthalten, es wurde ihm verboten, ins Ausland zu reisen und er wurde in der Presse an den Pranger gestellt. Er verlor sein Staatsgehalt und wurde von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen. Der daraus resultierende Stress erwies sich als fatal für seine Ehe, und seine Frau verließ ihn und beendete gleichzeitig ihre Partnerschaft am Klavier.
Doch dann ergab sich eine überraschende Wendung: nur zwei Jahre später, wurde Taimanow durch das Interzonenturnier 1973 in Leningrad „gerettet“, für das er sich automatisch als Kandidat von 1971 qualifizierte. Ihn von einer offiziellen internationalen Veranstaltung in seiner Heimatstadt auszuschließen, hätte breite Kritik in der Öffentlichkeit hervorgerufen, so dass auf Befehl des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei sein Fall für abgeschlossen erklärt wurde. Der Bürokrat, der den Großmeister über seine Rehabilitation informierte, erklärte: „Wir hatten die Wahl, den Nagel bis zum Ende in den Sarg zu hämmern oder ihn ganz abzuziehen.“
Jahre später beschrieb Taimanov in seinem Buch mit dem Titel „Wie ich Fischer’s Opfer wurde“ genau, was ihm nach seiner Niederlage widerfuhr.
Nach seiner Rehabilitation im Jahr 1973 baute Taimanov eine neue Karriere als Solopianist auf und erzielte auch weitere Schacherfolge. In seinen 60ern, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, spielte er mehr Turniere als in seinen besten Jahren; und er gewann die Senioren-Weltmeisterschaft für über 60-Jährigen sowohl 1993 als auch 1994. Noch im Alter von 87 Jahren startete er eine St. Petersburger Akademie für junge Talente, und im Dezember letzten Jahres, mit 89 Jahren, spielte er ein Vier-Partien-Match in Zürich gegen Viktor Kortschnoi, damals 84.
Taimanov war übrigens vier mal verheiratet; die erste Ehe mit der Konzertpianistin endete wie gesagt in Scheidung. Seine zweite Frau, Julia, starb vor ihm. In den 70er Jahren war er kurzzeitig mit Evgenia Averbakh verheiratet, der Tochter eines seiner sowjetischen Großmeisterkollegen, Yuri Averbakh. Auch diese Ehe endete in Scheidung. Er war bereits 78, als er und seine vierte Frau, Nadezhda Bakhtina, Zwillinge hatten, Misha und Dima. Sie überleben ihn, zusammen mit Igor, dem Sohn seiner ersten Ehe.
Dieser Artikel beruht auf Angaben eines Artikels von Leonard Barden aus dem Guardian, auf den wir zufällig gestoßen sind.