Auf Linh Tran bin ich eher zufällig gestoßen. Für unseren wöchentlichen Schachtalk suche ich regelmäßig nach Menschen, die eine besondere Geschichte zu erzählen haben. Dabei schaue ich auch immer wieder auf der Website des Deutschen Schachbundes vorbei.
Ausgerechnet an meinem Geburtstag erschien dort eine Geschichte über eine interessante Persönlichkeit: Linh Tran. Im Schach brachte sie es bis zur Deutschen U16-Vizemeisterschaft. Noch viel erfolgreicher war sie im Tischkickern: 5 Weltmeistertitel hat sie dort gewonnen.
Die Kontaktaufnahme führte zu einer Einladung in den Schachtalk für den 20. September.
Der Termin passt perfekt, denn einige Tage vorher – am 2. September – erscheint Linhs Autobiografie: „Aus dem Handgelenk“.

Darin schildert sie ihre eigene Geschichte: Die einer jungen Frau, die lange nach ihrem Platz sucht – zwischen Deutschland und Vietnam, familiären Erwartungen und eigenen Träumen. Und sie findet ihn (zunächst) beim Schach. „Beim Schach traf ich Kinder, die sich – so wie ich – überall sonst fehl am Platz vorgekommen waren“, schreibt sie.
Spannend ist, dass Linh viele Aspekte des Schachspiels auf den Kickertisch übertragen kann. Variantenberechnung, Vorausdenken, Konzentration und mentale Disziplin hat sie bereits beim Schach gelernt. Später analysiert sie Videos ihrer Gegnerinnen ähnlich akribisch, wie ein Schachspieler Partien vorbereitet. Das Schachbrett hat sie (nahezu) verlassen – die dort erlernte Denkweise nimmt sie mit.
Doch auch im Schach erlebt Linh Ausgrenzung. Nach einem Sieg bei einer Jugend-Bezirksmeisterschaft muss sie mit anhören, wie Jungen ihren Gegner verspotten: „Du hast gegen ein Mädchen verloren.“ Eigentlich hat sie gerade gewonnen – und doch wird ihr Erfolg in diesem Moment entwertet.
Solche Erfahrungen verletzen sie. Doch Linh erzählt ihre Geschichte nicht in einfachen Täter-Opfer-Schablonen. Mindestens genauso eindrücklich schildert sie die Rolle von zwei Männern aus der Schachwelt, die sie enorm unterstützen.
Da ist zunächst ihr Trainer „Fuchsi„. Dass es sich dabei um Klaus-Dieter Fuchs-Bischoff handelt, den Gründervater des SC Ladja Roßdorf, ist nicht weiter schwer zu recherchieren. Fuchsi fährt Linh zu Turnieren, bezahlt Startgelder, versorgt sie mit Schachbüchern und setzt sich dafür ein, dass sie an internationalen Meisterschaften teilnehmen kann. Für die Weltmeisterschaft 2011 in Brasilien sammelt er Spenden. Er fördert sie, als wäre sie seine eigene Tochter – und gibt ihr etwas, das ihr an anderen Stellen ihres Lebens fehlt: das Gefühl, gut und wertvoll zu sein.

Klaus-Dieter Fuchs-Bischoff
Besonders in Erinnerung bleibt eine Szene nach einer enttäuschenden Deutschen Schulschach-Meisterschaft. Linh ist nach einer Niederlage untröstlich. Doch Fuchsi vollzieht mit ihr ein verblüffendes Ritual, das sie die Niederlage leichter verarbeiten lässt. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.
Und dann ist dort Tobi, ihr jetziger Mann, dem sie bei der Deutschen Schach-Ländermeisterschaft 2009 begegnet. Linh vertritt Hessen, Tobi Hamburg. Jahre später führt Tobi sie in Hamburg in die Tischfußballszene ein. Der Sport, den sie schon einmal während einer Schachmeisterschaft im Aufenthaltsraum einer Jugendherberge ausprobiert hatte, wird nun zur großen Leidenschaft.
Ich musste mich in das Buch zunächst ein wenig einlesen. Doch irgendwann war ich mittendrin. Und bei manchen Szenen hatte ich tatsächlich einen kleinen Kloß im Hals. Das liegt daran, dass Linh Tran sehr offen von ihrer Kindheit, den Konflikten in ihrer Familie, dem Gefühl des Fremdseins und ihrem enormen Wunsch nach Anerkennung erzählt. Das Buch wirkt dabei nicht weinerlich. Es zeigt vielmehr, wie stark ein Mensch werden kann – und wie wichtig dafür andere Menschen sind.

Weltmeisterin!
Für Schachfreunde ist vor allem Linhs Zeit am Brett spannend. Schach ist in ihrem Leben keine beiläufige Vorgeschichte, sondern das Fundament für alles, was später kommt. Schach erhält im Buch nicht nur ein eigenes, 22 Seiten starkes Kapitel („Eine Welt in 64 Feldern„), sondern zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch.
Linhs spätere Erfolge als fünffache Tischkicker-Weltmeisterin entstehen nicht allein aus eisernem Willen. Das Buch vermittelt zwar die Botschaft, an sich selbst und die eigenen Träume zu glauben. Es erzählt aber ebenso davon, Unterstützung anzunehmen und anzuerkennen, was andere Menschen zum eigenen Weg beigetragen haben. Linh findet schlussendlich die „Löwin“ in ihr selbst – steht aber parallel auch für Miteinander und Teamgeist.
„Aus dem Handgelenk“ erscheint am 2. September 2026 und kann bereits auf linh-tran.de vorbestellt werden. Im Oktober geht Linh Tran in Hamburg auf Lesetour. Darüber hinaus kann sie als Speakerin gebucht werden.
Am 20. September um 20.15 Uhr ist sie zu Gast bei Michael Busse und IM Jonathan Carlstedt im Schachtalk am Sonntag.
Beitragsbild: Linh Tran mit Vincent Keymer, Gukesh und Levon Aronian, Quelle
My Linh Tran hatte sich 2013 bei der Deutschen Frauen-Meisterschaft in Bad Wiessee sogar eine WIM-Norm erspielt.