Bei der Planung des Familienurlaubs schauen wir auch immer, was in der zu besuchenden Gegend schachlich im Reisezeitraum so geht. Für die Weltstadt London hätte ich eigentlich mit einem reichhaltigen Angebot gerechnet, denn im Spitzensportbereich kennt man z.B. das „London Chess Classic“, da lag die Erwartung nah, dass es auch im Breitensportbereich ein reichhaltiges Angebot geben würde. Die Annahme erwies sich aber als falsch. Während man beispielsweise in Berlin an fast jedem beliebigen Tag irgendwo mindestens ein Blitzturnier findet, war das Angebot in London ziemlich dünn. Es gab nur eine Möglichkeit während unseres einwöchigen Aufenthalts dort ein Schachturnier zu spielen, und zwar in Muswell Hill, einem nördlich gelegenen Vorort von London. Es wurde parallel ein Rapidturnier (6 Runden 20 Min + 5 Sekunden/Zug) und ein klassisches 2-rundiges Turnier, welches Teil einer Serie war, aber auch für sich alleinstehend gespielt werden konnte. Wir wählten das Rapid. Der Spielort war das lokale Pub dort, das „Clissold Arms“. Das ist laut den von mir dazu befragten englischen Schachfreunden wohl eine sehr typische Örtlichkeit für die englische Amateurschachszene, um Turniere auszutragen oder Trainingsabende abzuhalten. Bei uns in Deutschland ist das Hinterzimmer der Dorfkneipe als Spielort zumindest in unserer Gegend fast ausgestorben, dort spielt das Pub aber als Treffpunkt für soziale Aktivitäten jeglicher Art noch eine zentrale Rolle. Es gab auch einen schönen Biergarten, wo die Angehörigen der Spieler sich die Zeit vertreiben konnten. Das Startgeld war gepfeffert: Mindestens 30 Pfund für jeden, für Nicht-Mitglieder des englischen Verbands gab es sogar noch einen Aufschlag in Höhe von 17 Pfund. Die 5€, die wir im Schachklub Halle für unsere nach Rapid-ELO ausgewerteten Turniere nehmen, erscheinen dagegen als Schnäppchen. Immerhin gab es aber einen Preisgeldfonds in Höhe von 250 Pfund.
Im Teilnehmerfeld selbst gab es grob drei Gruppen. Engländer im Seniorenalter, Ausländer und junge englische Spieler, oft mit Migrationshintergrund (meist russisch oder indisch). Lily und ich sortierten uns mit unseren ELO-Zahlen her oben ein. Die Turnierorganisation war gelinde gesagt nicht besonders professionell. Im klassischen Turnier gab es Paarungen von Anfängern gegen ELO 1800, obwohl in der Ausschreibung stand, dass möglichst gleichstark gepaart werden würde. Es wurde unter falschem Namen gespielt, was dann erst nach der Partie aufgedeckt wurde. Und auch bei uns im Rapid gab es ein Ärgernis: In der 4. Runde verteidigte Lily in der letzten noch laufenden Partie ein für sie schlechteres Endspiel mit Damen und ein paar Bauern auf beiden Seiten. Viele Zuschauer (ich eingeschlossen) standen am Brett, aber der Schiri saß in der Ecke an seinem Laptop. Lily reklamierte dreifache Stellungswiederholung, die Zuschauer bestätigten und erwarteten einen Remisausgang. Der Schiedsrichter erkannte die Reklamation aber zum Erstaunen aller nicht an, da er die Stellungswiederholung nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Auf unseren Protest hin, dass man als Schiedsrichter vor dem Treffen einer solchen Entscheidung allen Indizien nachgehen sollte, die einem zur Verfügung stehen, also in diesem Fall insbesondere die Zeugenaussagen der Zuschauer zu hören, wischte er mit dem generellen Argument vom Tisch, dass Zeugen immer unzuverlässig sind und deren Aussagen daher bei seinen Entscheidungen grundsätzlich keine Rolle spielen können. Eine sehr merkwürdige Auffassung, und das von einem IA, der aber zufällig im selben Club wie der Profiteur der Entscheidung war. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Lily, die bis dahin das Tunier angeführt hatte, wurde dadurch jedenfalls die Möglichkeit genommen das Turnier zu gewinnen. Daher musste ich die Familienehre retten und schaffte das auch, indem ich den Gegner besiegte, der gegen meine Tochter einen vollen Punkt bekam, und am Ende gewann ich auch das Turnier und 100 Pfund Preisgeld. Das war vielleicht das letzte Mal, dass ich mich in einem gemeinsamen Turnier vor meiner Tochter platzieren konnte.
Abgesehen von dieser betrüblichen Erfahrung war es ein schöner Ausflug in die englische Schachwelt. Ich habe viel mit den Einheimischen gequatscht und noch einige interessante Dinge über die Schachszene dort erfahren. Zum Beispiel gibt es nur sehr wenige Turniere in England, bei denen mehrere Tage hintereinander Schach gespielt wird. Entweder spielt man als Team in einer Liga oder Turniere, die über mehrere unzusammenhängende Tage ausgetragen werden, wie bei uns die Stadtmeisterschaften, die aber zumindest in meiner Region nicht mehr den Stellenwert von früher genießen und auch häufig gar nicht mehr ausgetragen werden. Trotzdem ist Deutschland im Vergleich zu England, was Breitenschach angeht, ziemlich gesegnet mit einer lebendigen Szene und reichhaltigen Turnierangeboten auf hohem Niveau. Nicht umsonst kommt die halbe Schachwelt gerne zu Besuch, um die Turniere in Deutschland zu spielen.

Im Clissold Arms Pub hatten auch die Kinks ihren ersten Auftritt, denn die stammen wohl größtenteils aus Muswell. Ein Raum, dessen Wände mit Devotionalien dekoriert waren, erinnert daran.