Titelfoto Anna Ovidia Young ab Turnierseite
Eines meiner frühen Werke – auf schach-welt.de veröffentlicht und daher nun nicht mehr online – war „Die Abenteuer des Manuel Bosboom in Gibraltar“. Wer ist Manuel Bosboom? Ein mittlerweile 63-jähriger niederländischer IM, Schach- und Lebenskünstler, der im Laufe der Jahrzehnte (konkret 1997 und 2013) zwei GM-Normen erzielte. Da er laut Wikipedia maximal Elo 2490 hatte (anno 1998) und da er mittlerweile noch Elo 2315 hat ist seine beste Chance, doch noch GM zu werden, wohl wenn er Senioren-Weltmeister wird. Eines hat er mit Christian Glöckler gemeinsam: beide sind auch starke Blitzer, davon profitierte der junge Deutsche vielleicht in diesem Turnier. Eines wird er ihm wohl immer voraus haben: Siege gegen Garry Kasparov (in einer Blitzpartie) und Peter Leko (mit klassischer Bedenkzeit).
Und wer ist Christian Glöckler? Generell muss ich ihn dem Publikum wohl nicht mehr vorstellen, im Kontext dieses Artikels: ein immer noch 14-jähriger deutscher IM, der dieses Jahr weitere Fortschritte machte: seit Juli diesen Jahres Elo über 2500 und nun auch zwei GM-Normen. Da bin ich optimistischer, dass er „zeitnah“ GM wird. Vor dem 15. Geburtstag am 3.11. (auch das weiß Wikipedia) kann es dabei nur klappen, wenn er direkt ein weiteres Turnier spielt und ebenso erfolgreich ist. Zwischenzeitlich bestand Raymund Stolze mal darauf, dass Artikel auf dem Schachticker immer Titel und Untertitel haben. Hier wäre der Untertitel vielleicht „GM-Norm und dann nichts mehr“, Niederlagen in den letzten beiden Runden. Dafür kann es mehrere Gründe geben: der Akku war leer, das Glück dass er zuvor durchaus mal hatte hat ihn verlassen, und er bekam zum Schluss unterbewertete Inder.
Unter den 62 Teilnehmern waren neben 21 aus Norwegen auch 23 aus Indien, vielleicht auf der Suche nach Abkühlung. Der Rest verteilte sich über diverse andere Länder, neben Glöckler auch drei weitere deutschsprachige Normjäger die ihr Ziel diesmal verfehlten. Einmal war Christian Glöckler mitschuldig (siehe Titelbild und später Runde 7).
Endstand im Turnier
GM Jumabayev, GM Hillarp Persson, GM Harshavardhan 7.5/10, GM Sasikiran 7, IM Glöckler, GM Sivuk, IM Mitusov, IM Doshi, IM Hagner, FM Kreken 6.5, usw. (FM Farokhi 5.5, IM Dotzer 5).
Die Turnierseite sortiert sie bei Punktgleichheit nach TPR. Rinat Jumabayev ist ein relativ bekannter Name. Tiger Hillarp Persson ist quasi die schwedische Antwort auf Manuel Bosboom – auch ein betont kreativer Spieler und mittlerweile Senior, diesmal lief es für ihn. Wer ist G B Harshavardhan? Dazu komme ich noch, ich kannte ihn zuvor nicht.
Bennet Hagner, der für Fagernes auf das Bundesliga-Wochenende verzichtete, war zwar punktgleich mit Glöckler aber hatte deutlich schwächere Gegner und in zehn Runden keinen einzigen GM. TPR 2399 wäre ohnehin keine GM-Norm, es lag vor allem an nur 2,5/5 gegen Inder mit Elo 2200-2355. Keyvan Farokhi (kann wohl auch Deutsch) bekam immerhin fünf GMs – Turnierziel vielleicht erreicht auch wenn es keine IM-Norm wurde. Der Österreicher Lukas Dotzer, der ebenfalls auf Bundesliga für SF Berlin verzichtete, bekam zweieinhalb GMs (noch ist Glöckler keiner) und ansonsten auch reihenweise Inder.
Schwerpunkt dieses Beitrags nun Christian Glöckler. Recht viel Abwechslung in seinen Partien, Er musste sich auch bei seinem Sekundanten Ding Liren entschuldigen, dass er dessen Eröffnungstipps umsetzte und die Stellungen dann misshandelte – wobei es letztendlich keine Konsequenzen hatte. Ich verlinke mal noch die Übertragung auf Lichess.
Runde 1 und 2
2-0 gegen Inder mit Elo unter 2300, die tendenziell auch nicht unterbewertet waren. Das waren „Pflichtaufgaben“, die er löste.
Runde 3 IM Vestby-Ellingsen – IM Glöckler 1/2 0-1
Der Norweger IM Vestby-Ellingsen (Elo 2390) war vielleicht auch noch eine „Pflichtaufgabe“. Dabei erstmals das, was später auch der Fall war: Glöckler profitierte (auch) von gegnerischer Zeitnot. Seine erste Zeitnotphase ab dem 30. Zug überstand Weiß noch, es blieb bei allenfalls leichtem schwarzem Vorteil. Nach 40 Minuten Zugabe im 41. Zug war er recht schnell wieder in Zeitnot, blieb zu lange im Modus „schnell Züge wiederholen“ und so bekam Glöckler Oberwasser. Das kam dann dabei heraus:

Zuletzt 62.Td2-d8?? (62.Td1, nur so!) Th6. Auf 63.Sg7 käme nun 63.-Th1 nebst Matt. Weiß versuchte noch 64.Tc8 Le6 65.Tc6 Kd5 und gab auf. Danach hatte Glöckler als einziger noch 100% und wurde daher gegen den an 2 gesetzten Kasachen heruntergelost:
Runde 4 IM Glöckler – GM Jumabayev 1/2
Dieses Ergebnis wollte er wohl, so interpretiere ich jedenfalls seine Eröffnungswahl wonach die Stellung früh verflachte. Gewinnchancen bekam er danach, da Schwarz plötzlich bestenfalls halb-korrekt eine Qualität opferte. Und dann wurde es Remis.
Runde 5 IM Glöckler – GM Urkedal 0-1 1-0
Das erste Diagramm bereits nach dem 9. weißen Zug:

Das war im Nimzo-Inder die verzögerte Sämisch-Variante (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 0-0 5.a3), 9.Ta2, was ist das denn? Erstmals wurde es auf sehr hohem Niveau 2023 von Ding Liren im WM-Match gegen Nepomniachtchi gespielt. Da wurde es dann später turbulent – Weiß bekam klar Oberwasser, Nepo überlebte auch dank einem (abgelehnten) Bluff-Turmopfer. Urkedal wich von dieser Partie ab und Glöckler landete in einer jedenfalls sehr schlechten Stellung. Ich könnte jede Menge Diagramme setzen aber beschränke mich auf die Phase, ab der die Partie komplett kippte.

Urkedal hatte in Zeitnot nicht die allerbesten Züge gefunden, aber z.B. 38.-Sb8 gewinnt immer noch. In der Liveübertragung fragte ich gerade Engines, warum sie 38.-Td3 gar nicht im Angebot haben, und schon erschien es in Fagernes auf dem Brett und demnach u.a. in Fulda auf dem Monitor. Es folgte 39.Ke2 Td1 40.Lxc6 Txc1 41.d7 Te1+

Das war wohl die schwarze Idee, aber es funktioniert nicht: 42.Kd3! Td1+ (wichtiges Detail, dass 42.-c1D 43.d8D# nicht funktioniert) 43.Kxc2 Td6 44.Kb3! usw. – das kam am Ende dabei heraus:

Spiel, Satz, Sieg und ein weiterer Schritt Richtung GM-Norm für Christian Glöckler. Wieder hatte er danach die alleinige Führung im Turnier und wurde herunterglost, nun gegen den (leichten) Elofavoriten des Turniers:
Runde 6 GM Amar – IM Glöckler 1/2
Das erste Diagramm nach dem 17. schwarzen Zug, Glöckler hatte alles heruntergeblitzt:

Was ist das denn? Zwar nicht Ding Liren – Nepomniachtchi aber Nepomniachtchi – Ding Liren, Sinquefield Cup 2024. Ähnlich aber nicht identisch gab es das dabei auch davor und danach in zwei Partien zwischen einem mal unter- und mal überbewerteten Inder und einem WM-Sekundanten für den Ding-Bezwinger Gukesh – zweimal Erigaisi-Keymer. Es war Spanisch anti-Marshall, Schwarz besteht auf einem Bauernopfer und schaffte es letztendlich. Marshall-Kompensation hatte er dann im Sinne von „das kann man remis halten“. Später geriet Glöckler dann auf Abwege und jedenfalls Engines glaubten nicht mehr an ausreichende schwarze Kompensation. Ganz am Ende dann:

53.-Tb1 mit Remisangebot, Weiß war (widerwillig?) einverstanden da er den Mehrbauern nicht behalten kann.
Runde 7 IM Glöckler – IM Dotzer 1-0
Siehe Titelbild. Da erkennt man auch, dass Lukas Dotzer Sizilianisch spielte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Glöckler einen Rucksack mehr. Sobald der Österreicher nicht mehr in „seinem Buch“ war unterliefen ihm mehrere suboptimale Züge und nun hatte Weiß auch eine Stellung mehr. Das kam dann dabei heraus:

Ein glatter Sieg für den noch jüngeren und vor der Partie etwa 40 Punkte elobesseren Weißspieler.
Dahinter auf dem Foto übrigens, beide in blau, das Duell der beiden Turnier-Elofavoriten: links Rinat Jumabayev, rechts Elham Amar. Auch da gewann Weiß, hier in einem offenbar von Anfang an klar besseren Endspiel. Später hatte Amar in Runde 9 auch gegen Tiger Hillarp Persson das Nachsehen. Danach verzichtete er auf die letzte Runde und so auch auf einen Buchpreis (das war die Belohnung für Platz 9-15).
Runde 8 GM Sivuk – IM Glöckler 1-0 1/2
Nach einem kasachischen und zwei norwegischen GMs nun ein ukrainischer Schwede für Glöckler. Erst war er selbst in Zeitnot, dann auch der Gegner. Beide fanden in komplizierter Stellung nicht immer die besten Züge, im 36. Zug griff Glöckler grob daneben und so stand es nach 40.Se8+ Kh8:

Zeitkontrolle im Prinzip geschafft, aber Sivuk war sich dessen vielleicht nicht sicher. Was nun für Weiß? Auf jeden Fall ein Damenzug … . Nach 41.Dxh6 Df8 (sonst Dg7#) 42.Dxf8 Sxf8 43.Sd6 müsste schwarz mindestens eine Qualität spucken und wäre ziemlich mausetot. Nach nur 30 Sekunden (ohne abzuwarten, bis 40 Minuten neu auf der Uhr erscheinen) spielte Sivuk 41.De5+? f6 und nun nach einer Denkpause 42.De4? – 42.Dd4 führt auch zu einem Endspiel mit Mehrqualität, dabei jedenfalls weniger klar gewonnen als zuvor. Hatte er zuvor vielleicht 42.Sxf6 geplant und dabei 42.-Sdxf6! 43.Dxc5 Se4+ übersehen?
Es folgte 42.-Sxc3 (nicht unbedingt nötig, aber so erinnert er Weiß daran dass auch sein König verwundbar ist) und nach einigen beiderseits (fast) einzigen Zügen wurde es Remis: 43.Dxg6 Dd4+ 44.Kc2 f5 45. Dd6 Sd5 46.Txf5 Dd3+

nebst Dauerschach, das nicht mehr auf Brett und Monitoren erschien.
Damit hatte Glöckler dieselbe Situation wie bei seiner ersten GM-Norm in Biel: in der nächsten Runde mussten er und sein Gegner nur noch auftauchen, auch bei einer Niederlage ist die GM-Norm gesichert. So kam es dann auch:
Runde 9 IM Glöckler – GM Sasikiran 0-1
Deutete Glöckler mit Slawisch Abtausch an dass er gegen Remis nichts einzuwenden hatte? Hätte er eine frühe Zugwiederholung akzeptiert? Nach 6,Lf4 Sh5 7.Ld2 Sf6 wieder 8.Lf4 usw.? Sasikiran wollte mehr und spielte 7.-g6!?. Später bekam zunächst Weiß Oberwasser, aber dabei blieb es nicht. In beiderseitiger Zeitnot landete Weiß in einer schlechteren Stellung, nach der Zeitkontrolle war die Welt für ihn wieder in Ordnung – aber nur für einen (halben) Zug. Danach zappelte er noch lange und drohte später selbst Matt, aber Sasikiran fand die beste Verteidigung:

70.-L(b4-)d6+, nur so! Nebenbei deckt es auch den Bauern auf h2. 71.Dxd6 Df5+ 72.Kxd4 h1D 0-1 war die Partiefortsetzung, 71.Kxd6 Db6+ nebst Damentausch und dann -h1D rettet Weiß auch nicht, dito für andere Königszüge.
In Biel stand Glöckler vor der abschließenden Niederlage gegen GM Kozak auch schon als Turniersieger fest, in Fagernes kostete ihn diese Niederlage – nebst der die noch kommen sollte – vierstelliges Preisgeld. Warum ist Sasikiran eventuell „unterbewertet“? Aktuell hat er noch Elo 2520, aber viele Jahre hatte er 2600+ und – ziemlich lange her – auch mal 2700+.
Runde 10 GM Harshavardhan – IM Glöckler 1-0
Das mal ohne Diagramm, in Zeitnot „fand“ Glöckler einen sehr schlechten 35. Zug und sofort wurde aus einer Engine-ausgeglichenen eine für Weiß glatt gewonnene Stellung. Viel Widerstand konnte er nach der Zeitkontrolle nicht mehr leisten, nach 50 Zügen war Schluss.
Wer ist G B Harshavardhan? Ein 23-jähriger Inder, der lange nur ca. 2400 hatte und sich erst seit Anfang 2025 kontinuierlich verbessert. Da ist aktuell Elo 2529 vielleicht nicht „Ende der Fahnenstange“, wobei er sich in Fagernes nur um 4 Punkte verbesserte. Glöckler bekam trotz der beiden abschließenden Niederlagen 8 Elopunkte dazu, zuvor war sein Eloplus klar zweistellig.
Finanziell wurde es so wohl, wie bereits erwähnt, dreistellig statt vierstellig. Vorne wurde 3000/2000/1000 Euro offenbar zwischen den drei Siegern gleichmäßig geteilt, für den geteilten fünften bis zehnten Platz gab es anscheinend jeweils noch etwas mehr als 100 Euro. Dahinter gingen die Buchpreise an die vier besten Immer-Norweger, darunter die GMs Urkedal und Kvaloy – IM Semen Mitusov ist ja Ukraine-Flüchtling und spielt seit April 2023 für Norwegen. Hoppla, FM Kreken – ebenfalls 6,5/9 – ist wohl auch ein Immer-Norweger.
Wie Christian Glöckler sein Turnier nun insgesamt beurteilt muss er selbst entscheiden, ich würde generell sagen „Glas mindestens halb voll“. Wie es für ihn weitergeht wird die Zukunft zeigen, ich wage mal die Prognose: „demnächst“ dritte GM-Norm und damit der GM-Titel. Sein nun anstehendes Turnierprogramm kenne ich nicht, bis auf Januar 2027 Tata Steel Challengers.