Höchste Zeit für einen Turnierbericht mit ein bisschen Klamauk. Das Titelfoto gebe ich mal dem Spieler mit dem vielleicht coolsten offiziellen FIDE-Foto, wer ist das denn? Sergey Sklokin-Bagiyan, Neu-Armenier seit Ende März diesen Jahres, Jahrgang 2013. Beim Aeroflot-Open war er noch Russe/Fidestaner und nannte sich Sergey Sklokin. Da erzielte er seine dritte IM-Norm, nun hat er zwei GM-Normen der A-Klasse – die erste im Juni beim Aktobe-Open ebenfalls in Kasachstan – und nach Atyrau auch Elo fast 2500 (2497,6 live). Damit ist er auch Nummer 2 der Altersklasse U13, vor und hinter ihm bekanntere Spieler: der Argentinier Faustino Oro und der noh jüngere Russe/Fidestaner Roman Shoghdzhiev. Später definiere ich jung dabei als „Generation Glöckler und jünger“, Jahrgang 2011 und später. Sergey mit Hut war da nicht der einzige im Turnier.
Millionärs-Freiheitsopen
Preisgeld war siebenstellig, jedenfalls in kasachischen Tenge. 1 Tenge ist zwar nur 0,002 Euro, aber auch so waren die ersten drei von fünfzehn Geldpreisen in Euro oder Dollar noch (annähernd) fünfstellig. Daneben gab es auch noch diverse Sonderpreise. Preisgeld wurde offenbar nicht geteilt sondern streng nach Buchholz ausgezahlt, ein Spieler konnte auch nur einen (den höheren) Geldpreis bekommen. Wer wieviel erhalten hat, welche Steuern abgezogen wurden, usw. habe ich nicht untersucht. Die Ausschreibung sagt auch was zu tun ist, wenn ein Bankkonto z.B. wegen Sanktionen gesperrt ist. Offiziell haben Kazakhstan Chess Federation und Department of Physical Education and Sport of Atyrau Region jeweils etwa 25 Millionen spendiert. Auf der Turnierseite wird dabei auch General Partner Freedom, also quasi der neue FIDE-Präsident, erwähnt. Für eine aussagekräftige Turnierseite gab es dabei offenbar kein Budget, meine Quelle ist vor allem die Lichess-Übertragung. Ich weiß daher auch nicht, ob Sklokin-Bagiyan nur zu Fototerminen (jedenfalls einem) mit Hut erscheint oder auch zu Turnierpartien.
Das Ganze war Teil des Kazakhstan Chess Cup, zuvor Turniere in Aktobe und Oskemen. Zwecks Geographie-Unterricht verlinke ich mal noch Wikipedia-Artikel zu Atyrau und Kasachstan. Letzterer hat auch eine Karte mit Ortsangaben für Aktobe und Oskemen. Atyrau liegt nördlich des Kaspischen Meers an beiden Ufern des Wolga-Flusses, damit teils in Asien und teils in Europa.
Das Teilnehmerfeld
Insgesamt 109, davon 42 aus Kasachstan, 22 aus Fidestan und 18 aus Indien. Der Rest über viele Länder verteilt – kleine Delegationen vielleicht auch, weil pro Land nur zwei „Athleten“ Konditionen („hospitality“) bekamen. Immerhin 102 Titelträger, darunter 30 GMs, 29 IMs und 23 FMs – aus den beiden letzten Gruppen haben einige vielleicht demnächst höhere Schachtitel. Die Startrangliste wurde angeführt von Vokhidov aus Usbekistan, dann Mendonca, Aditya und Pranav aus Indien, Matlakov aus Fidestan und dann EU-Schachbürger mit Russischkenntnissen: der russisch-amerikanische Franzose Gata Kamsky und der lettisch-deutsch-azerische Bulgare Arkadij Naiditsch. Dann mit Baadur Jobava einer, der auch im Turnier vorne dabei war. Etwas weiter unten nochmal zwei EU-Schachbürger mit Russischkenntnissen: der russische Ungar Sanan Sjugirov und der ukrainische Schwede Vitaly Sivuk. Sivuk hat zwar anscheinend die Schachfreunde Wolfhagen verlassen, vielleicht bekam er trotzdem einen Tipp von aktuellen Spielern der ersten Mannschaft dieses Vereins. Einen Artikel zum Turnier gibt es dabei vor allem wegen Spielern der nächsten Kategorie:
Junge bis mittelalte Jugend
Im Turnier immerhin fünf aus der aktuellen top10 Jahrgang 2011 und jünger, in der nun genannten Liste mal fettgedruckt: GM Erdogmus, GM Oro, IM Vaz, IM Ahmad, IM Glöckler, IM Kuru, IM Dau Khuong Duy, IM Bryan Eming Lin, IM Haochen Jiang, IM Sklokin-Bagiyan. Erdogmus (spielt nun beim European Club Cup) und Oro sind zwar aktiver als bei den Erwachsenen Carlsen und Nakamura, aber Opens sind vielleicht nicht mehr ihr Ding – wobei Nakamura ja letztes Jahr mehrere Opens spielte, aber nicht dieses Kaliber. Der Türke Attila Kuru wird demnächst der dritte GM dieser Altersklasse (alle Voraussetzungen erfüllt, FIDE muss es noch bestätigen). Drei der fünf, die in Atyrau mitspielten, waren wohl am Ende zufrieden. Zwei vielleicht nicht, es kann nicht immer nur aufwärts gehen.
Endstand im Turnier
GM Ohanyan, IM Haochen Jiang 7/9, GM Jobava, GM Zemlyanskii, GM Ansat 6.5, IM Ahmad, IM Sklokin-Bagyan, IM Timoshin, GM Sjugirov, GM Lobanov, IM Stribuk, IM Aradya, IM Chinguun, FM Volkov, GM Khubukshanov 6/9 – auch noch einige andere, u.a. die GMs Aditya Mittal und Matlakov, aber das sind im Prinzip die 15 Hauptpreise.
Die beiden punktgleichen Sieger waren sauber nach Buchholz getrennt, auch keine GM-Norm für den Chinesen Haochen Jiang – TPR nur 2585 durch verhaltenen Start, auch nur zwei GMs in neun Runden (darunter immerhin ein ehemaliger Weltklassespieler, der das mögliche Ziel „Elo wieder über 2600“ durch zwei abschließende Niederlagen gegen IMs verpasste). Aber Haochen Jiang wurde immerhin Millionär (zweiter Geldpreis 7 000 000 KZT, etwa 14000$). Die anderen genannten IMs erzielten, bis auf den Mongolen Chinguun, alle GM-Normen. Für den 18 Jahre „alten“ FM Volkov immerhin eine IM-Norm – die dritte und damit demnächst dieser Titel.
Favoriten teils noch weiter hinten, 5.5/9 für u.a. die Inder Pranav und Mendonca, den nun-Franzosen Kamsky sowie die Usbeken Vakhidov und Vokhidov (so alphabetisch und nach Buchholz sortiert, nach Elo wäre es umgekehrt). 5/9 für den nun-Bulgaren Arkadij Naiditsch.
Turnierverlauf
Nach 4 Runden hatte nur noch Jungspund Khagan Ahmad 100%, Siege zuvor u.a. gegen den unbekannten aber wohl talentierten IM Sklokin-Bagiyan und den recht bekannten GM Pranav. Aber dann übernahm der etwa 20 Jahre alte und dazu passend an 20 gesetzte Armenier Emin Ohanyan. Siege gegen Ahmad und dann auch gegen Stribuk, dann drei Remisen gegen GMs. Das reichte für den Turniersieg nach Wertung, auch wenn Haochen Jiang (nur in den letzten beiden Runden an den vordersten Brettern) am Ende punktgleich war.
Diagrammatisch
Es gab viele interessante Momente, Zeitnot (Bedenkzeit 90+30 ohne Zugabe nach 40 Zügen) spielte hier und da vielleicht eine Rolle. Ich greife mal nur drei turnierrelevante Partien aus Runde 7 und 8 heraus. Für die IMs vielleicht die Phase in der sie zweifelten „Remisen zwecks Absicherung einer GM-Norm, oder um den Turniersieg mitspielen wollen?“. Wie immer ist es auch eine Einladung an das Publikum, sich die kompletten Partien anzuschauen.
Runde 7 IM Sklokin-Bagiyan – GM Zemlyanskii 1/2
Jahrgang 2013, will Großmeister werden, gegen Jahrgang 2010 ist es bereits.

Das konnte Schwarz bekommen, nachdem Weiß zuvor eine Zugwiederholung verschmäht hatte – aber statt 49.-Dd8xg5 (da stand ein Bauer) kam 49.-Dd4

Das wurde es dann, 51.-Dxg5 also zwei Züge später, und nun konnte auch die weiße Dame Bauern verspeisen. Für Engines ist es nun ausgeglichen, für Menschen „praktisch unklar“ – später hatte dann auch mal Weiß eine Gewinnstellung. Und am Ende:

Remis durch Dauerschach nach 72 Zügen
Runde 8 IM Ahmad – IM Stribuk 1/2

Mit jugendlichem Elan hatte Weiß die gegnerische Einladung, eine Figur für zwei Bauern zu opfern, akzeptiert. Und nun? 37.Dxf5 war zwar nicht falsch, aber laut Engines war 37.h4 viel besser. Das mit noch 1:21 auf der Uhr richtig einschätzen ist nicht trivial. Später entwischte Schwarz mit Remis, auch hier am Ende Dauerschach – damit behielt auch der „alte“ Artiom Stribuk (*2007) Chancen auf eine GM-Norm.
Runde 8 GM Matlakov – IM Sklokin-Bagiyan 1/2
Etwas andere Vorzeichen, alter(nder) GM (*1991), früher auch mal erweiterte Weltklasse, nun noch Elo 2596, gegen Jungspund. Matlakov hatte zuvor 4,5/7, Sklokin-Baragyan 5/7. Hier steige ich mal nach 20 Zügen ein, beide hatten noch reichlich Bedenkzeit aber die korrekte Variante war keinesfalls trivial.

Zuletzt 20.Sc5 – nach 10 Minuten, Stand auf der Uhr nun 1:00 – 0:52. Dieses Bauernopfer musste Schwarz offenbar akzeptieren aber der Bauer scheint recht vergiftet.

Das war die mögliche Stellung nach Engine-korrektem Spiel, nämlich (ab Diagramm zuvor): 20.-Sxc5 21.dxc5 Dxc5 (21.-Txc5? 22.Sa4!) 22.Sxd5! Sc4 23.b4 Txd5 24.bxc5 Txd1+ 25.Txd1 Lxg2 26.Kxg2 e5! (das musste man bereits im 20. Zug sehen) 27.Txc4 bxc4 28.Lxe5 Txc5 mit remislichem Wohlgefallen. In der Partie entstand dagegen diese Stellung:

Etwas vergleichbar mit oben Ahmad-Stribuk, wie kam das zustande? 20.-Lc6?? (nach etwa 10 Minuten, zwei strenge Fragezeichen von Engines) 21.Lxd6 Lxd6 22. Sxe6 fxe6 23.Sxd5 exd5 24.Txc6 Txc6 25.Lxd5+ Kh8 26.Txc6 Db8. Engines haben hier lieber Weiß, Menschen wohl auch. Sergey mit Hut stand später laut Engines verloren und entwischte dann in ein kompliziertes Remisendspiel. Da griff er – nun beiderseitige Zeitnot – daneben und Matlakov revanchierte sich. Remis – auch angesichts der Turniersituation war Schwarz damit wohl zufriedener als Weiß.
Wie geht es weiter?
Ich wage mal die Prognose, dass jedenfalls Ahmad und Sklokin-Bagiyan GMs werden. Auch für Ahmad ist es die zweite Norm, die erste vor kurzem in der türkischen Liga. Und er hat auch bereits Elo 2500+. Ob sie es schneller schaffen als Christian Glöckler wird die Zukunft zeigen, alles andere auch: Schaffen sie es in Armenien und Aserbaidschan in die jeweilige Nationalmannschaft? Werden sie letztendlich mehr, weniger oder etwa dasselbe erreichen wie z.B. Naiditsch oder Matlakov? Erdogmus hat schon mit 15 mehr erreicht, Faustino Oro bisher vor allem in der Kategorie „Medienliebling“.
In Kasachstan geht es wohl erst nächstes Jahr weiter, das war ja das dritte von drei Turnieren des Kazakhstan Chess Cup.