Das Ergebnis der deutschen Herren wurde ja hier und auch anderswo bereits gewürdigt. Aber nun doch noch ein paar Zeilen, wie es zustande kam. Etwas Glück war mitunter auch dabei – das braucht man neben Können. Vielleicht lag es auch daran, dass die „Generalproben“ vor der Olympiade bei allen fünf Spielern schlecht oder jedenfalls durchwachsen waren – das steht meines Wissens sonst nirgendwo. Es spielte auch keine Rolle bzw. war eher ein gutes Omen. Danach noch kurz zu den deutschen Damen, wobei ich meine Sichtweise bereits in einem Kommentar angedeutet hatte.
Fotos habe ich aus den Berichten der offiziellen Seite, hoffentlich „erlaubt“ (Fotografen Michal Walusza und Rafal Oleksiewicz). Das Ende mal gleich im Titelbild: in der letzten Runde ging es für die deutschen Herren ausgerechnet gegen die Niederlande (Erläuterung des Reporters später) noch um viel. Dass der spätere Matchwinner Blübaum gerade irgendwo aber nicht am Brett ist – kein Vorwurf an den Fotografen. Für die Damen ging es nur noch um „Schadensbegrenzung“, das wurde – da nicht „turnierrelevant“ – ohnehin nicht fotografisch dokumentiert. Für die Herren zunächst Runde für Runde und dann Spieler für Spieler, etwas Wiederholung da unvermeidlich. Bei mir gilt immer auch: vielleicht sind nicht alle Bemerkungen bierernst gemeint.
Runde 1 und 2
Die „Pflichtsiege“ zu Beginn – 4-0 gegen die Färöer-Inseln und 3,5-1,5 gegen Usbekistan 3 lasse ich mal unkommentiert. Dabei wackelten einige Konkurrenten bereits in Runde 2: USA-Mongolei, Indonesien-Indien und Nordmazedonien-Niederlande jeweils nur 2,5-1,5 für die Favoriten. Indien hatte da wohl das meiste Glück, da Nihal Sarin gegen einen gewissen IM Arif Abdul Hafiz nur auf Umwegen gewann. Zunächst stand er mit Weiß in einem wilden Sizilianer viel schlechter. Bei USA und Niederlande jeweils ein Unfall an Brett 4: misslungener Benoni von Awonder Liang sowie Niederlage aus Gewinnstellung für Casper Schoppen, auch das gegen IMs. Im Rest des Berichts verzichte ich auf Kommentare zu anderen Matches, das wäre nicht machbar.
Runde 3 Usbekistan 2 – Deutschland 1,5-2,5
Zu diesem Zeitpunkt konnte man vielleicht meckern „etwas wenig gegen den 30. der Setzliste“, aber Usbekistan 2 spielte im weiteren Turnierverlauf weit über ihren nominellen Möglichkeiten. Zwischenzeitlich schienen sogar zwei Medaillen für den Gastgeber denkbar, bis die zweite Mannschaft am Ende gegen weitere Spitzenteams (Indien und China) doch das Nachsehen hatte. Deutschland rettete quasi die Ehre Europas – gegen Spanien, Frankreich, England und die Niederlande 7-1 Mannschaftspunkte für Usbekistan 2! Vergleichbar und damals bis zum Schluss gab es das zuletzt 2022 in Chennai, da landete Indien 2 (Bronze) sogar vor Indien 1 (Platz 4).
Wieder schweifte ich ab … . Sieg für Deutschland war, wenn das Team denn einen Chef hatte, Chefsache: Vakhidov-Keymer 0-1. Es begann holprig: Bogo-Indisch von Schwarz war vielleicht Inspiration oder Improvisation am Brett, nach neun Zügen hatten beide für eine theoretisch bekannte Stellung bereits viel Bedenkzeit investiert. Hatte Keymer sich etwa, statt auf den 1.d4 Spieler Jakhongir Vakhidov, auf den 1.e4 Spieler Shamshiddin Vokhidov vorbereitet? Der spielte an Brett 4 für Usbekistan 1 und war da quasi einziger Schwachpunkt im Team. In einem Mannschaftskampf in den Niederlanden hatte ich meinen Gegner mal mit 1.e4 überrascht – hinterher: „Du hast doch bisher immer 1.d4 gespielt??“. Er hatte sich auf den falschen Thomas Richter vorbereitet.
Wichtiger als all das: mit 19.a4?? griff der Usbeke in sich bereits anbahnender Zeitnot kräftig daneben, ab hier hatte Schwarz Oberwasser (zuvor nur gut 200 Punkte Elovorteil). Das als Glück für Deutschland zu bezeichnen wäre etwas übertrieben, wobei Vakhidov später auch Weltklassespielern Paroli bieten konnte (u.a. Sieg gegen Giri).
Runde 4 Deutschland-Polen 2.5-1.5
Das war eher auch Glückssache,. 2-2 deutete sich an, und dann gewann Donchenko ein remisliches Endspiel. Ursache auch hier a4 von Weiß (GM Kosakowski), kleine Unterschiede: es war im Endspiel, es war a2-a4 (Vakhidov spielte a3-a4), und es war der 41. Zug nach überstandener beiderseitiger Zeitnot. Das kostete direkt einen Bauern und letztendlich die Partie.
Runde 5 Deutschland – USA 2,5-1,5
Der erste nominell bessere Gegner, egal. Frederik Svane erwischte Hans Moke Niemann in der Eröffnung (spanischer Anti-Marshall) auf dem falschen Fuß und stand dann immer besser. Das war matchentscheidend. Die spätere brüderliche Arbeitsteilung Frederik Svane gewinnt mit Weiß, Rasmus Svane gewinnt mit Schwarz ging ohnehin nicht – an Brett 4 gegen Aronian Donchenko.
Runde 6 China-Deutschland 3-1
Entscheidend war Donchenko – Xu Xiangyu 0-1. Gegen Russisch war (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6) 4.Sc4 nebst später langer Rochade ohnehin nicht der Bringer. Nach 16.a3? ging es rapide bergab, auch wenn es später noch einmal engine-ausgeglichen war. Unter dem Strich ein schwacher Vortrag von Donchenko gegen einen relativ unbekannten und dabei Elo-gleichwertigen Gegner. Später verlor Keymer noch ein schlechteres aber eigentlich remisliches Endspiel (Türme, ungleichfarbige Läufer und Minusbauer) gegen Ding Liren. Ab hier insgesamt dreimal die doppelte Svane-Show:
Runde 7 Deutschland-Türkei 3-1
Offiziell ist es in allen Sprachen „Turkiye“, das mache ich nicht. Wichtiger als das: vorne haben die Türken mit Erdogmus und Gurel zwei Jungtalente, hinten waren sie eher verwundbar. Es wurde 2-0 für Svane – Frederik gegen Isik Can, Rasmus nicht etwa gegen Emre Can (der pausierte) sondern gegen Vahap Sanal. Jeweils war die Stellung objektiv ausgeglichen und dann plötzlich nicht mehr. Ob Can und Can auch Brüder sind und/oder ob es familäre Verbindungen zu einem Fußballer gibt, dazu habe ich nicht recherchiert.
Runde 8 Deutschland-Usbekistan 2,5-1,5!
Zuvor dominierte Usbekistan, danach auch wieder aber Deutschland sorgte für vorübergehende Spannung im Turnier betrifft auch Gold. Das ist ein Foto wert:

Hinten zweimal Svane, dahinter noch der kiebitzende Keymer. Blübaums Niederlage gegen Sindarov (kann passieren, der Usbeke erwischte ihn bereits in der Eröffnung auf dem falschen Fuß) war am Ende irrelevant. Deutschland hat ja Svane, und Deutschland hat Svane (diese Wiederholung ist ein Stilmittel). Frederik erwischte den ansonsten auch stark aufspielenden zweiten Nodirbek (Yakubboev) in einem wilden Handgemenge. Das war übrigens auch die Vorentscheidung um den Brettpreis an Brett 3. Rasmus profitierte von einem ungewöhnlichen Qualitätseinsteller von Shamsiddin Vokhidov – später war es noch „optisch spannend“ aber Deutschland behielt durchgehend Oberwasser.
Runde 9 Indien-Deutschland 2,5-1,5
Dieser Dämpfer war vermeidbar. Donchenko durfte wieder ran und schien gegen immerhin Gukesh (der Weltmeister an Brett 4, da Landsleute aktuell elobesser sind) auf der Siegerstraße. Aber Gukesh fischte erfolgreich im Trüben und die Partie kippte noch komplett.
Auch international hieß es: warum das Svane-Brüderpaar voneinander trennen und Rasmus eine Pause geben? Das ist Captain Hindsight zum Quadrat!? Tags darauf pausierte Donchenko wieder, in der letzten Runde auch. Diese letzten Runden sind bei der Olympiade ja immer wichtig, und Deutschland löste seine Aufgaben gegen europäische Teams:
Runde 10 Deutschland-Frankreich 3-1
Während der Liveübertragung dachte ich dabei: wer steht verlorener, Lagarde gegen Frederik Svane oder Rasmus Svane gegen Maurizzi? Ich war mir nicht einmal sicher, ob Frederik so viel besser steht wie Engines behaupteten, aber ich bin ja kein Großmeister. Das war dann eine Einbahnstraße Richtung Sieg für Team Deutschland. Rasmus gewann dagegen „auf Umwegen“ und war hinterher selbst überrascht über seinen dritten Schwarzsieg nacheinander.
Runde 11 Niederlande-Deutschland 1,5-2,5
Wie eingangs angedeutet hatte ich bei dieser Paarung, zumal ausgerechnet in der letzten Runde, gemischte Gefühle. Ich lebte ja 20 Jahr in NL und kenne vier der fünf niederländischen Spieler persönlich. Ende 2018 verschlug es mich dann nach München und später nach Fulda, die Niederlande immer noch weitgehend in derselben Aufstellung (nur Casper Schoppen „nach meiner Zeit“).
Das Match war dann etwas verkehrte Welt: eigentlich waren bei den Niederlanden die hinteren Bretter die Schwachpunkte. Giri ist dagegen etwa ebenso Weltklasse wie Keymer, und Jorden van Foreest hatte zuvor sehr fleißig gepunktet. Die Svane-Brüder spielten aber hinten mit den falschen Farben: Frederik mit Schwarz, Rasmus mit Weiß. Beide Partien waren dann auch weitgehend remislich – Frederik gegen Altmeister van Wely, Rasmus gegen den jungen Casper Schoppen (Erwin l’Ami pausierte). Dagegen bekam Keymer mit Schwarz gegen Giri klar Oberwasser, und Blübaum profitierte von einem taktischen Lapsus von Jorden van Foreest. Keymer kam der Vorteil dann wieder abhanden, Blübaum verwandelte seine Mehrqualität langsam aber sicher. Hinterher meinte er dann „endlich gewinne ich mal, und es war wichtig“ – sein zweiter Sieg im Turnier nach Runde 1 gegen die Färöer-Inseln (ansonsten eine von der Niederlage gegen Sindarov unterbrochene Remisserie).
Einen Schreckmoment gab es: Frederik Svane machte in Zeitnot zwei suboptimale Züge, Nummer 39 und 40, und plötzlich ein stark zugunsten von Weiß ausschlagender Enginebalken. KingLoek investierte nach der Zeitkontrolle 10 Minuten und fand nicht den Weg zu jedenfalls klarem Vorteil, wenig später (nach 48 Zügen) einigten sie sich dann auf Remis.
Nun nochmal „Spieler für Spieler“ aus deutscher Sicht:
„Einzelkritik“
wobei es wenig zu kritisieren gibt, aber jeweils die Rubrik Olympiade und die Rubrik Generalproben. Letztere begannen für zwei Spieler vielleicht im Juli mit der deutschen Meisterschaft, wobei Keymer, Blübaum und Frederik Svane da fehlten. Donchenko und Rasmus Svane landeten da hinter den (noch?) Nicht-Nationalspielern Leonardo Costa, Luis Engel und Bennet Hagner. Jeder auf seine Art und Weise: Rasmus Svane mit zu vielen Remisen (so kennt man ihn eigentlich), Donchenko mit einer wilden Achterbahnfahrt (drei Siege aber Niederlagen gegen Bennet Hagner und sogar Georg Braun). Zur Olympiade von oben nach unten:
Keymer
5,5/10. TPR 2734 – anfangs 2/2 gegen nominell unterlegene Gegner, dann 3,5/8 gegen durchgehend 2700+. Das war, auch wenn es 3 Elopunkte kostete, jedenfalls „nicht schlecht“. Bis zu viermal war dabei ein halber Punkte mehr möglich: bereits erwähnt das Mittelspiel gegen Giri und das Endspiel gegen Ding Liren. Außerdem stand er gegen Abdusattorov und auch kurz mal gegen Vachier-Lagrave in Endspielen auf Gewinn. Nie beeinflusste es Mannschaftspunkte. „Das Maximum“ wäre dabei 2 Brettpunkte mehr, Konsequenzen: 1) mit Elo 2781 wieder weiter oben in der top10 (knapp hinter Caruana und Sindarov, dann vor Abdusattorov der dann ja auch 5 Elopunkte weniger hätte). 2) vermutlich der Brettpreis am Spitzenbrett (so bekam ihn Abdusattorov vor Erdogmus), 3) wahrscheinlich auch Silber für Deutschland, dann nach Tiebreak vor Indien. Aber das wäre das Maximum.
Vor der Olympiade verzichtete er zugunsten von Saint Louis auf die deutsche Meisterschaft. Da beim Sinquefield Cup instabil auf hohem Niveau (drei Siege aber auch zwei Niederlagen), das will man bei Mannschaftskämpfen lieber nicht? Beim anschließenden Finale lag Platz 4, dadurch auch keine direkte Quali für die nächste Grand Chess Tour, vor allem an schlechten Ergebnissen im Schnell- und Blitzschach. Generalprobe insgesamt nicht schlecht aber „durchwachsen“?
Blübaum
Ebenfalls nach Sieg in der ersten Runde gegen die Färöer-Inseln viele Remisen und eine Niederlage gegen Sindarov, zum Schluss dann noch ein wichtiger Sieg. Insgesamt auch 5,5/10, für ihn leicht über der Eloerwartung (+4).
Vor der Olympiade spielte er zuletzt zwei Opens, Dortmund und Kanisza (Ungarn). Da kamen ihm insgesamt 27 Elopunkte abhanden, vor allem durch zwei Niederlagen gegen einen FM und einen IM. Wenn so etwas passiert passiert es, in Samarkand passierte es nicht (dabei hatte er nach dem Färöer-FM auch nur großmeisterliche Gegner und immerhin fünfmal 2700+).
Frederik Svane
Bei der Olympiade hatte er einen Lauf, 8,5/11, TPR 2796, Elo +21 Goldmedaille an Brett 3. Das war zuvor auch mitunter der Fall, wenn er immer so spielen würde hätte er längst selbst 2700+.
Warum für die Oktober-Liste nur Elo +7? Zuvor lief es in der Primera Division (zweite spanische Liga) gar nicht, 1,5/6 gegen 2600er. Davor für die Juli-Liste Elo -17 aus der französischen sowie Elo +15 aus der polnischen Liga – ausländische Vereine wissen nie, welchen Frederik Svane sie einkaufen!?
Donchenko
Matchwinner gegen Polen, danach gegen China schlecht und gegen Indien erst hui and dann leider pfui. 3,5/6 war insgesamt ziemlich genau die Eloerwartung. Zuvor hatte er bei einem Open in der Slowakei Ende August (wird auch für die Oktober-Liste gewertet) 14 Elopunkte eingebüsst, davor Anfang August in Spilimbergo (Italien) deren 8.
Rasmus Svane
Ich nannte ihn zuvor einen Remisspieler, diesen Ruf hat er bei der Olympiade nicht bestätigt – drei Schwarzsiege nacheinander auch für ihn selbst überraschend: 5,5/7, TPR 2707, Elo +11. An Brett 4 dabei, da er gegen USA und Indien pausierte, keine 2700er.
Zuvor war er in Dresden (deutsche Meisterschaft) und Dortmund (Sparkssen-Open) ein Remisspieler, das kostete zusammen 14 Elopunkte.
Die Mannschaft
Ich wiederhole mich: etwas Glück war durchaus dabei. Damit will ich vor allem sagen, dass man bei der nächsten Olympiade nicht unbedingt Bronze (oder mehr) „einfordern“ sollte. Keinesfalls sollten sie das tun, was die US-Truppe offenbar machte: nach Platz 4 die Abschlussfeier beleidigt-enttäuscht „schwänzen“ oder „boykottieren“. Die USA haben dabei aus meiner Sicht eine „Truppe“ und im Gegensatz zu Deutschland vielleicht kein „Team“.
War da noch was?
Ich wollte noch was zu den deutschen Damen sagen. Da es bereits fortgeschrittener Abend ist nur das: lange war es im Rahmen der Erwartungen, am Ende dann nicht mehr. Im Gegensatz zu den Herren konnten sie ihre Form nicht durchgehend abrufen. Zu den Generalproben davor mal nur ganz kurz: Wagner durchwachsen, Pähtz gar keine, Klek sehr schlecht, Schneider zuvor im Aufwärtstrend der sich eben nicht fortsetzte, Schulze bei der deutschen Meisterschaft überzeugend aber nicht danach beim Menchik-Memorial.
„Wie geht es weiter?“
Mal keine Prognose für die Europa-Mannschaftsmeisterschaft 2027, außer das: Herren wohl weitgehend in derselben Aufstellung (vielleicht wieder mit Kollars und dann ein anderes „Brett 6“ als Eröffnungstrainer/Sekundant), Damen vielleicht wieder andere Aufstellung. Bei den Herren eventuell zur Olympiade 2028 ein bisschen „Generationswechsel“ (Leonardo Costa? Christian Glöckler?) wobei das nach aktuellem Stand nicht unbedingt „sein müsste“. Bei den Damen sehe ich es wie Gerald Hertneck: „unklar“ wer von derzeit jungen Spielerinnen vielleicht Nationalmannschafts-Niveau erreicht. Und bei der aktuellen Nationalmannschaft bzw. denen, die vielleicht wieder für Deutschland spielen, kann man eben weder bestimmte Elozahlen noch mehr Stabilität „einfordern“.