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Mit gewisser Neugier wartete der ehemalige Referent für Leistungssport, GM Gerald Hertneck darauf, dass der DSB unter dem neuen Referenten Carlos Hauser und dem bewährten Sportdirektor Kevin Högy, sowie den Aktivensprechern GM Matthias Blübaum und WGM Josefine Safarli, sowie den Bundestrainern GM Gustafsson und GM Efimenko und den weiteren Beteiligten die Kader für das Jahr 2026 aufstellt.
Zusätzlich musste noch die völlig veraltete Konzeption Leistungssport aktualisiert werden, und die neue Kaderstruktur des DOSB umgesetzt werden. Es war quasi ein Dreisprung – Konzeption plus Kaderstruktur plus Kadernominierung. Und sie gelang in einer fünfstündigen Sitzung, also die Nominierung der Spieler*innen, wie der Homepage des DSB zu entnehmen ist.
Wie sehen also nun die Kadereinteilungen ab Jauar 2026 aus? Betrachten wir zunächst die Männer. Im Weltklassekader (ehemaliger A-Kader) finden sich drei Spieler, darunter GM Vincent Keymer, die Nummer 4 der Welt, und damit quasi vorqualifiziert. Dass GM Matthias Blübaum als amtierender Europameister UND WM-Kandidat aufgenommen werden würde, war sicherlich keine Überraschung, sondern hochverdient, aber GM Frederik Svane ist doch eine kleine Überraschung, denn er reicht in der Leistung nicht ganz an seine beiden Kameraden heran, aber er ist immerhin unter den besten 100 Spielern der Welt, und Thomas Richter hat zu Recht darauf hingewiesen, dass er bei der Einzel-EM die Silbermedaille holte. In jedem Fall ist es erfreulich, dass er nominiert wurde, und auch gerechtfertigt.
Der Perspektivkader (der ehemalige B-Kader) bietet nur eine Überraschung, denn erstmals ist das Supertalent IM Christian Glöckler dort vertreten. Alle anderen Spieler waren bereits zuvor im B-Kader. Erfreulich ist, dass auch die stärksten Nachwuchsspieler, also Leonardo Costa und Marius Deuer nominiert wurden.
Wichtig ist noch zu wissen, dass nach den neuen Vorgaben die Summe aus WK und PK pro Kategorie (offener Wettbewerb / Frauen) auf maximal zehn Akteure begrenzt. Dies bedeutet für den Fall, dass mehr als zehn Spielerinnen oder Spieler die Vorgaben erfüllen, die Kommission Leistungssport abwägen muss, wer den Kaderplatz erhält.

Die Frauennationalmannschaft konnte nach ihrem großen Erfolg auf der Europameisterschaft in den Weltklassekader aufgenommen werden, denn Medaillen zählen bei der Nominierung! IM Dinara Wagner ist sicherlich unbestritten, und WGM Hanna Marie Klek auch, denn sie war die Garantin der hohen Platzierung. Persönlich meinen wir, dass die beiden Spielerinnen unter Elo 2300, also WGM Safarli und WGM Dolzhykova nicht unbedingt zur Spitzengruppe gehören (trotz Medaille), denn die Elozahl sollte auch eine wichtige Rolle bei der Nominierung spielen. Beiden wäre zu empfehlen, dass sie einen Schluck Zaubertrank nehmen, damit sie nicht mehr unter 2300 fallen!
Die negative Sensation ist natürlich die Nominierung unser langjährigen deutschen Spitzenspielerin GM Elisabeth Pähtz in den Perspektivkader (zuvor im A-Kader). Logisch nachvollziehbar, weil sie nicht an der Medaille beteiligt war, und eine Schachpause eingelegt hat. Man kann es hin- und herwenden wie man will, aber letztlich muss sie aktiv bleiben, wenn sie im Spitzenkader nominiert werden möchte, auch wenn sie nach Elo immer noch Nummer eins in Deutschland ist. Wichtig ist hier noch der Hinweis: Eine Altersbeschränkung gibt es weder für den Weltklasse-Kader noch für den Perspektiv-Kader, wie auf der Homepage des DSB zu lesen ist. Läge nämlich die Altersgrenze wie früher mal bei 40 Jahren, dann wäre Eisabeth ganz aus dem Kader gefallen…
Bei den Nachwuchsspielernnen ist erfreulich, dass WFM Lisa Sickmann es geschafft hat, obwohl die Elozahl es eigentlich nicht unterstützt hat. Aber sie hatte schon mal 200 Punkte mehr, und nahm heuer als Nachwuchsspielerin am Masters der Frauen teil.Und sie ist mit großem Abstand die Jüngste im Kader. Deshalb ein klares Ja zu ihrer Nominierung! Das selbe gilt für WFM Charis Peglau, die Zweitjüngste. Die beide sollten 2026 hoffentlich noch mal einen Sprung nach vorne machen.

Dahinter kommen noch die Nachwuchskader, auf die wir in diesem Bericht aus Aufwandsgründen nicht eingehen möchten. In jedem Fall hat es der DSB bzw. die Kommission Leistungssport geschafft, die Kaderstruktur in die neue Welt zu überführen, und schlagkräftige Kader aufzustellen.
Ich habe mir die Rahmenbedingungen mal angeschaut – „Konzeption Leistungssport“, auf https://www.schachbund.de/news/neuer-leistungssport-kader-der-dosb-gibt-dem-dsb-klar-die-richtung-vor.html verlinkt (der Link sagt bereits, dass der DSB an Vorgaben gebunden war).
Was ist der konkrete Unterschied zwischen WK (Weltklasse-Kader) und PK (Perspektivkader)? Offenbar das: „Athlet:innen, die dem Weltklassekader angehören, sind in der Regel vorrangig für Einsätze in der Nationalmannschaft zu nominieren. Der zuständige Bundestrainer, ersatzweise die Kommission Leistungssport, kann nach sportfachlicher Abwägung alternativ zu Athlet:innen des
Weltklassekaders Athlet:innen des Perspektivkaders für Einsätze in der Nationalmannschaft nominieren.“
Das bedeutet auch, dass eine Rückkehr von Elisabeth Pähtz in die Nationalmannschaft formal nur ausnahmsweise möglich ist. Es bedeutet wohl auf jeden Fall: wer nun nicht im Perspektivkader ist kann gar nicht für die Olympiade nominiert werden, also bereits jetzt gar keine Chance für Niclas Huschenbeth oder Luis Engel.
Voraussetzung für Weltklassekader sind internationale Erfolge, diesmal ging nur Einzel- oder Mannschafts-EM. Bei der Mannschafts-EM reicht dabei auch Platz vier, was die Herren am Ende noch schafften. Frederik Svane ist im WK durch Silber bei der Einzel-EM, Keymer nur aufgrund Platz vier der Mannschaft. Wenn sie das nicht doch noch geschafft hätten, wären nach dieser Definition Blübaum und Frederik Svane (im Einzel Gold und Silber) Weltklasse, Keymer dagegen nicht …. . Diese DOSB-Kriterien passen nicht wirklich zum Schachsport: generell individuell, und Einzel-EM nicht das einzige wichtige Turnier des ganzen Jahres. Am überraschendsten für mich der PK-Status für Sarah Papp.
In ungefähr einem Jahr kann man dann so im Weltklasse-Kader 2027 landen:
– bis zu fünf Männer und/oder Frauen durch jeweils top8 Platzierung bei der Olympiade
– sonst nur durch eine Medaille bei der Einzel-EM, bzw.
– Sonderfall Blübaum: top7 im Kandidatenturnier, also nur nicht Letzter werden.
Für 2028 zählt dann wieder nur Einzel- und Mannschafts-EM.
Diese Fokussierung des DOSB auf Medaillen halte ich für schädlich. Denn es kann nicht jedes Jahr so gut laufen wie derzeit im deutschen Schach. Und ein Vincent Keymer ist ja völlig unabhängig von seiner Medaille immer Weltklasse als Top Ten Spieler. Ich möchte nur nicht den Zustand erleben, dass der WK-Kader eines Tages ganz unbesetzt bleibt, egal ob bei den Männern oder den Frauen. Was wäre zum Beispiel passiert, wenn die Frauen auf der EM nicht so gut abgeschnitten hätten? Übrigens gilt das nicht nur für Schach, sondern für alle Sportarten! Man weiß doch, wer die jeweils Besten im Sport sind. Und Medaillen können im Einzel nur drei Spieler*innen holen, und im Team 5 Spieler*innen.
Und umgekehrt gilt: auch wenn man als Mannschaft eine Medaille erzielt hat, dann heißt das nicht automatisch, dass jeder Spieler und jede Spielerin zur Spitze gehört. Beispiel Josefine Safarli: National ist sie aktuell etwa auf Rang 500, in Europa auf 3.500 (aktive Spieler) und weltweit auf 5.000 (aktive Spieler). Jedenfalls wenn man die FIDE Rating List als Basis nimmt. Zählt man nur die Frauen, dann steht sie auf Platz 12 der deutschen Rangliste und Kateryna auf Platz 11. Mit anderen Worten: beide sind nicht einmal unter den Top 10. Unter diesen Umständen sind sie für mich im WK fehl am Platze, sorry, das kann ich nicht anders sehen. Anders bei Lara Schulze. Sie hat Elo 2330, und steht auf Platz 4 der Frauenrangliste, hier ist die Nominierung in den WK gerechtfertigt.
Thomas weist hier auf eine wichtige Bestimmung in der Konzeption Leistungssport hin, ich zitiere:
„Athlet:innen, die dem Weltklassekader angehören, sind in der Regel vorrangig für Einsätze in der Nationalmannschaft zu nominieren. Der zuständige Bundestrainer, ersatzweise die Kommission Leistungssport, kann nach sportfachlicher Abwägung alternativ zu Athlet:innen des Weltklassekaders Athlet:innen des Perspektivkaders für Einsätze in der Nationalmannschaft nominieren.“
Da fünf Frauen in den WK nominiert wurden, und in der Nationalmannschaft 5 Frauen aufgestellt werden, kann dies tatsächlich bei der nächsten Olympiade zu der Situation führen, dass es einen Konflikt mit der Aufstellung gibt – wenn Elisabeth bereit ist zu spielen. Denn auf dem Papier haben die Spielerinnen im WK Vorrang, wie von Thomas angemerkt. Nun ist jedem klar, dass dies nicht mit den Elozahlen harmoniert, denn Elisabeth hat ja über 2400 Elo. Aus logischer Sicht für die Nationalmannschaft Elisabeth, Dinara und Hanna Marie gesetzt. Und auch Lara wenn sie ihre Zahl bis dahin hält. Naja mal sehen, wie dieser Nominierungskonflikt gelöst wird.
Ein weiterer spannender Punkt ist folgende Formulierung in der Konzeption Leistungssport, Nr. 2.1.4.2:
„Zur besonderen Förderung der Frauen kann eine Nominierung der Frauen in die Wettkämpfe
in den offenen Klassen erfolgen.“
Das wäre doch tatsächlich mal interessant, wenn Elisabeth oder Dinara im Masters der Männer, also der offenen Klasse spielen. Oder sogar in einer Nationalmannschaft? In der Praxis jedoch kaum vorstellbar! Denn dann hätten sie 200 weniger Punkte als die anderen Spieler. Es bleibt leider das große Problem des konstanten Leistungsunterschieds zwischen Männern und Frauen!
Wieso ist eigentlich Mykola Korchynskyi nicht im Kader? Der hat immerhin Gold bei der Jugend EM gewonnen und an der ELO Zahl kann es auch nicht gescheitert sein.
Er wurde aufgestellt im Nachwuchskader 1, siehe Homepage DSB. Dieser Bericht bezog sich nur auf die beiden Spitzenkader.
Die Anzahl der Kaderspieler ist interessant, 52 sind es dieses Jahr insgesamt. 31 waren es letztes Jahr. Dann würde ich erwarten, dass das Budget für den Leistungssportbereich in 2026 in ähnlichem Maße ansteigen muss. Es müssen schließlich mehr Seminare und Turnierreisen finanziert werden. Der Deutsche Schachbund hat anscheinend wieder das Geld übrig, um sich einen großen Kader zu leisten.
Ich sehe in der Vergrößerung des Kaders eine Reaktion auf die Leistungsexplosion in der Riege der besten Spieler und Spielerinnen des Deutschen Schachbundes. Schachdeutschland kann mit viel Zuversicht in die Zukunft schauen.
Eine Leistungsexplosion hauptsächlich bei den Männern und weniger bei den Frauen, sollte man noch ergänzen!
Dann kann das nicht der Grund dafür sein, dass sich die Anzahl der weiblichen Kaderspielerinnen mehr als verdoppelt hat. Wieso dann?
Wieso denn verdoppelt? Siehe den Kommentar von Thomas Richter, zum Zahlenvergleich. Ein leichter Anstieg ist zu beobachten.
Woher stammen diese Zahlen? „Offizielle“ gibt es via Links zu den einzelnen Listen auf https://www.schachbund.de/kaderlisten.html (jährlich zurück bis 2002, davor auch 1999). Ich habe mir das nur mal ab 2023 angeschaut. Bisher war es A/B/C/DC, nun WK/PK/NK1/NK2. Anderer Unterschied: WK nur bei (nach DOSB-Definition) Erfolgen im Vorjahr, WK+PK nun per Definition maximal 10. Ansonsten:
2026 Männer 3*WK, 7*PK, 10*NK1, 20*NK2 (insgesamt 40)
2026 Frauen 5*WK, 5*PK, 8*NK1, 12*NK2 (30)
2025 Männer 2*A, 8*B, 8*C, 19*DC (37)
2025 Frauen 1*A, 9*B, 4*C, 12*DC (26)
2024 Männer 5*A, 4*B, 10*C, 20*DC (39)
2024 Frauen 2*A, 7*B, 4*C, 10*DC (23)
2023 Männer 4*A, 6*B, 10*C, 15*DC (35)
2023 Frauen 2*A, 9*B, 3*C, 9*DC (23)
Man kann das alles so, so oder so interpretieren. Mein Eindruck: bei den Männern eher normale Schwankungen, bei den Frauen dagegen zuletzt zunehmende Förderung – vielleicht auch unabhängig von vermutetem Potenzial etwas „nach dem Gießkannenprinzip“?
Vielleicht schaffe ich es zwischen den Jahren, mir das näher und auch noch weiter zurück anzuschauen und daraus einen Artikel zu machen.
Mir tut es insbesondere leid für GM Luis Engel. Soweit mir bekannt, wollte er nach seinem gerade erfolgreich abgeschlossenen Jura-Studium ein Schachjahr einlegen, um sich evt. für die Olympiade qualifizieren zu können. Dieser Traum ist nun jäh geplatzt.
Immer steht er gegenwärtig in der DWZ-Liste auf Platz 5 der deutschen Aktiven!
Dazu muss man wohl sagen, dass er wegen „Inaktivität“ auch die vergangenen Jahre nicht in den Kader nominiert wurde. Man muss schon eine Mindestanzahl von Partien spielen, um in den Kader aufgenommen zu werden. An die genaue Anzahl erinnere ich mich jetzt nicht mehr, aber ich denke, es sollten schon 30 Partien pro Jahr sein.
In diesem Jahr hat Luis immerhin 57 gewertete Partien gespielt.
2024 waren es aber nur 25, 2023 sogar nur 10!
Studium ist eben noch wichtiger als Schach!
Im Hinblick auf die Kadereinteilung wäre Herrn Engel zu raten gewesen, das Jurastudium so „intensiv“ zu betreiben wie ein späterer Bundestrainer.
Bei den jeweiligen Kaderlisten sind auch die dazu gehörenden Artikel beim Schachbund verlinkt. Demnach war Luis Engel bereits für 2020 „Wackelkandidat“, aus https://www.schachbund.de/team-news/das-ist-der-dsb-kader-fuer-2020.html (Leistungssport-Referent damals Andreas Jagodzinsky):
„Hinweisen möchte ich darauf, dass nach Vincent Keymer im letzten Jahr nun auch Luis Engel in den B-Kader aufgenommen wurde. Trotz Absicht, im Anschluss an das Abitur ein Studium aufnehmen zu wollen, halten wir seine sportliche Entwicklung für noch nicht abgeschlossen und möchten ihn hierbei unterstützen.“
Für 2021, 2022 (jeweils waren pandemiebedingt alle eher inaktiv) und 2023 wurde er noch für den B-Kader nominiert – jeweils als nach Elo Letzter oder nur vor klar aufstrebenden jüngeren Spielern (Keymer und dann Frederik Svane).
Für 2024 dann https://www.schachbund.de/team-news/nationalkader-fuer-2024-nominiert.html :
„Luis Engel, Melanie Lubbe, Annmarie Mütsch und Antonia Ziegenfuß scheiden aus den jeweiligen B-Kadern aus.“
Melanie Lubbe war für die 1/2024 Liste (zum Zeitpunkt der Kadernominierung absehbar) auf 2227 abgestürzt und auch „nicht mehr jung“. Antonia Ziegenfuß konzentrierte sich auf ihr Studium, bei Annmarie Mütsch war der Verbandswechsel kurz darauf nach Belgien vielleicht schon absehbar.
Wenn man neue Spieler aufnehmen will muss man eben auch Spieler „aussortieren“ – erst recht nun mit der klaren Vorgabe „WK+PK maximal 10“. Auch Niclas Huschenbeth wurde „aussortiert“. Marius Deuer wurde gerade GM und muss dabei wohl im nun nach dem Abitur geplanten Schachjahr weitere Fortschritte machen, um dauerhaft im Kader zu bleiben. Bei Bennet Hagner (zuletzt generell im Aufwind) fehlt nicht allzu viel, Hussain Besou wurde gerade IM und liegt recht knapp hinter Christian Glöckler. Ende 2026 wird erneut evaluiert, und es könnte wieder Verschiebungen geben.
Derlei Dinge gehören dazu, aus eigener Erfahrung als Jugendleiter kenne ich es auf bayerischer Landesebene.