Der Schachgipfel kam nach Dresden und wir waren dabei! Lily spielte das weibliche Kandidatenturnier. Ich war auch da, legte den Schwerpunkt allerdings eher auf Betreuungstätigkeiten und tauchte in die reiche Geschichte der sächsischen Metropole und der Umgebung ein. Das Kandidatenturnier war von der Spielstärke her für Lily sehr passend. 8 Spielerinnen >2000 ELO, sie knapp darunter auf Setzlistenposition 11. Ich las vor dem Turnier irgendwo die Meinung, dass das Turnier zu schwach besetzt sei. Diese teile ich nicht, ich finde den Abstand angemessen. Wenn man das Turnier mit dem Frauen-Masters vergleicht, ergibt sich eine durchschnittliche Spielstärke der Top-Ten Spielerinnen des Kandidatenturniers von 2035, im Vergleich zum Masters (2239) waren das ziemlich genau 200 Punkte Unterschied. In der offenen Klasse war der Abstand etwas, aber nicht wesentlich geringer (2538 im Masters zu 2398 im Kandidatenturnier). Hier muss man auch noch ins Kalkül ziehen, dass der Spielstärkeanstieg nicht linear verläuft, sondern nach oben hin die Luft immer dünner wird. In beiden Kandidatenturnieren zeigten die Jugendlichen was sie konnten und machten den Sieg unter sich aus. Das offene Turnier gewann John Heinrich, dem Verein nach ein Lokalmatador aus Dresden. Mein Respekt gilt aber auch den älteren Spielern, insbesondere den Großmeistern im offenen Turnier, die sich in das Haifischbecken wagten. Es wurde viel Schach mit offenem Visier gekämpft, es war wirklich eine Freude das beobachten zu dürfen. Die anderen Turniere habe ich nicht so sehr verfolgt. Auf der Schachgipfel Website kann man sehen, was so alles stattfand. Offene Angebote waren die Ausnahme, ich glaube mit Ausnahme des Schach960 Events musste man sich für alle Turniere irgendwie qualifizieren.
Für Lily war es im Grunde ein gutes Turnier. Den 4. Platz und ELO-Performance von 2108 ist objektiv ein sehr gutes Ergebnis. Sie hat 63 ELO-Punkte gewonnen und wird in der nächsten Auswertung einen neuen persönlichen Peak erreichen. Zufrieden ist sie trotzdem nicht, es war deutlich mehr drin. Gewonnen hat Paula Czäczine. Sie darf im nächsten Jahr im Masters spielen. Mit ihr im Team hatte Lily vor ziemlich genau 3 Jahren Bronze bei der Team-Europameisterschaft U12w gewonnen. Glückwunsch von unserer Seite, auch an ihre Schwester Laura, die ebenfalls ein sehr gutes Turnier spielte. Zweite wurde Triona Eberle aus Hamburg und dritte Helena Neumann aus Gütersloh. Im Blitzturnier gab es dann noch einige persönliche Highlights für Lily zu feiern mit Siegen gegen die Masters-Spielerinnen Lara Schulze und Kateryna Dolzhykova, am Ende war es der 9. Platz für sie, gewonnen hat Josefine Safarli.
Wir hatten insgesamt eine schöne Zeit in Dresden und danken allen Organisatoren und Gastgebern für die tolle Veranstaltung. Ich finde es richtig, dass der DSB neben der DSAM ein weiteres Leuchtturmprojekt etabliert und dafür nun ja auch Sandra Schmidt eingestellt hat, die grundsätzlich bewiesen hat, dass sie weiß, wie man so etwas gut macht. Hoffentlich können sich nun die Mitarbeiter des DSB, die bisher in Ermangelung eines hauptamtlichen Projektmanagers diese Aufgaben übernommen haben, sich nun mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Ein paar Gedanken hätte ich auch noch, wie man eine schon gelungene Veranstaltung noch gelungener machen könnte.
- Bei der Kommentierung beschränkte man sich, soweit ich es mitbekommen habe, ausschließlich nur auf die Partien der Meisterklasse und der Seniorenturniere. Das war sicher so gewollt und hatte bestimmt auch gute Gründe. Der Schachgipfel bestand aber aus mehr (Meisterschaft der Menschen mit Behinderung, Kandidatenturniere, Pokalmeisterschaft, DSAM-Finale), das haben mutmaßlich Zuschauer, die nicht vor Ort waren, gar nicht richtig mitbekommen. Ich hätte auch spannend gefunden, wenn aus den anderen Turnieren Spieler in die Kommentierung einbezogen worden wären. Gerade in den Seniorenturnieren spielten viele interessanten Leute mit, die einiges erlebt und garantiert auch ein paar interessante Geschichten zu erzählen gehabt hätten. Nicht, dass ich des unerschöpflichen Anekdotenvorrats von Klaus Bischoff überdrüssig wäre, aber Abwechslung hätte auch nicht geschadet. Das hätte man natürlich mit zusätzlichem Aufwand vorbereiten müssen, der es aber meiner Meinung nach aber wert gewesen wäre.
- Für die Otto-Normal-Schachspieler, die vorrangig zum Zuschauen oder Betreuen vor Ort waren, gab es leider nur sehr wenige Angebote, wo man mal spontan ein paar Klötzchen schieben konnte und das, was es theoretisch gab (DSAM-Blitzturnier), war ausgebucht, weil etwas künstlich auf 70 Bretter beschränkt wurde. Es waren im Saal sehr viele mehr für das Hauptturnier aufgebaut, der Mehraufwand, um aufgrund der großen Nachfrage 2 Turniere parallel zu veranstalten, wäre überschaubar gewesen. Beim Prager Schachfestival machen sie es so, dass parallel zu den Hauptturnieren allerhand kleine offene Turniere veranstaltet werden (z.B. Elo-Rapid, Elo-Blitz, Tandem, Team-Blitz usw.). Das könnten man bei der nächsten Ausgabe des Schachgipfels auch mal verstärkt versuchen.
- Die Kulturangebote, wie Ausflüge zu Museen, würde ich auf Hinweise beschränken, was man auf eigene Faust so besuchen könnte. Die Interessen und Zeitpläne der Schachspieler sind einfach zu unterschiedlich, als dass man da Aufwand reinstecken sollte das zentral zu organisieren. Lieber sollte man sich darauf beschränken, was man gut kann, nämlich Schachturniere ausrichten.
- Und last but not least: Bei der Siegerehrung hätte es sicher nicht weh getan auch im Kandidatenturnier alle Preisträger auf die Bühne zu holen und ein gemeinsames Foto zu machen.
Bei der Elo-Auswertung der deutschen Blitzmeisterschaft der Frauen ist ein ungewöhnliches Phänomen zu beobachten: Mit Lilian Schirmbeck und Helena Neumann gibt es zwei Spielerinnen, die Elo-Punkte gewinnen, aber in der Gesamtauswertung für die August-Liste ohne das Turnier ein höheres Elo-Plus erreicht hätten…
(Des Rätsels Lösung ist natürlich die Reduktion des K-Faktors gemäß FIDE Rating Regulations 8.3.3 (https://handbook.fide.com/chapter/B022024).)
Hier die FIDE-Regelung zum K-Faktor. Was hat sich genau geändert?
K is the development coefficient.
K = 40 for a player new to the rating list until they have completed events with at least 30 games.
K = 20 as long as a player’s rating remains under 2400.
K = 10 once a player’s published rating has reached 2400 and remains at that level subsequently, even if the rating drops below 2400.
K = 40 for all players until the end of the year of their 18th birthday, as long as their rating remains under 2300.
If the number of games (n) for a player on any list for a rating period multiplied by K (as defined above) exceeds 700, then K shall be the largest whole number such that K x n does not exceed 700.
Es ist dabei keine „neue“ Regelung“ – diese Version des FIDE-Reglements seit März 2024, aber auch vorige Versionen hatten diese Klausel. Bei K-Faktor 40 greift sie ab 18 Partien in einem Monat/für eine monatliche Liste, dann wird der K-Faktor für n Partien 700/n. Deutlich mehr als 18 Partien in einem Monat geht am ehesten im Blitzschach.
Lilian Schirmbeck und Helena Neumann hatten zwei Blitzturniere in einem Monat mit insgesamt 36 Partien (13+23), die dann beide mit K-Faktor 19 ausgewertet wurden. In beiden Turnieren hatten sie Ergebnisse leicht über der Eloerwartung (jeweils etwa 1 Punkt mehr als „passend“ zur bisherigen Elozahl). Ab dem Kalenderjahr des 19. Geburtstags (für Neumann 2027, für Schirmbeck erst 2032) haben sie dann K-Faktor 20, bzw. wenn der Fall eintreten sollte sobald sie Elo 2300+ haben.
Danke für die Aufklärung. Man lernt nie aus, was die Feinheiten des ELO-Systems angeht.
Danke für den Bericht aus Dresden. Ich war auch da.
Hallo Rigobert,
toll, dass Du jetzt auch hier kommentierst.
Viele Grüße, Ingo Althöfer (Lage).