Natürlich gibt es überall jede Menge zum Kandidatenturnier. Am Ruhetag bei Halbzeit schaut die Schachwelt vielleicht eher nach Karlsruhe. Aber ich schreibe ein paar Zeilen „aus meiner Sicht“ zum Geschehen auf Zypern.
Der Tippfehler im Titel ist natürlich „absichtlich“ und bezieht sich auf die sechs Punkte von Javokhir Sindarov. Noch während dem Weltcup bezeichneten einige ihn als „unwürdigen“ Teilnehmer des Kandidatenturniers, das hatte sich vielleicht erst nach seinem Auftritt in Wijk aan Zee erledigt. Zuerst wandelte er auf den Spuren von Praggnanandhaa und qualifizierte sich als noch-nicht-Weltklassespieler beim Weltcup für das Kandidatenturnier. Bei Pragg wurde das übrigens nicht „hinterfragt“ oder „kritisiert“ – er hatte eben seit Jahren eine Lobby.
Warum nun auf den Spuren von Topalov? Das kommt später. Man kann ihn, wenn er in der zweiten Turnierhälfte nicht einbricht, auch mit Gukesh vergleichen. Der noch jüngere Inder gewann beim Kandidatenturnier im ersten Versuch und „trotz“ gelungener Generalprobe bei Tata Steel Chess. Was danach kam – im und nach dem WM-Match – ist auch bekannt aber nicht Thema dieses Artikels.
Die erste Runde lieferte vielleicht bereits Hinweise, wohin die Reise für einige Spieler gehen würde. Aber mein kurzer Rückblick auf sieben (7) Runden wird „Spieler für Spieler“, zunächst der aktuelle Stand: Sindarov 6/7, Caruana 4.5, Giri und Praggnanandhaa 3.5, Blübaum und Wei Yi 3, Nakamura 2.5, Esipenko 2. Für mich relativ erwartungsgemäß, bis auf Sindarov – ich glaubte nicht an Nakamura, im Gegensatz zu chess.com das ihn, warum auch immer, als klaren Favorit (40% Siegchancen) hatte. Neben der Elozahl sollte man auch berücksichtigen, wie sie zustande kam. Aber nun von oben nach unten:
Sindarov
Es scheint nun lange her, aber sein Start ins Turnier war quasi holprig: gegen Esipenko rechnete er während der Partie nach eigener Aussage mit einer Niederlage. Aber dann kippte die Partie in zunächst nur seiner Zeitnot komplett. Esipenko brauchte zwei Züge für Ausgleich auf dem Brett und auf der Uhr: 27.-Lxf3+ (8 Minuten, warum?) 28.Dxf3 Lb6 (16 Minuten). Nun hatten beide noch 6 Minuten für 12 Züge, und es gibt ja vor der Zeitkontrolle kein Inkrement. Esipenko entglitt die Stellung dann komplett, beide schafften die Zeitkontrolle gerade so und direkt danach gab Esipenko auf.
Danach ein solides Weißremis gegen den soliden Blübaum, und dann gewann er viermal nacheinander – auch die Schlüsselpartie in Runde 4 gegen Caruana. Er überraschte den Italo-Amerikaner in der Eröffnung, ein suboptimaler Zug von Schwarz und ab hier Einbahnstraße für Weiß. Sonst gewann Sindarov nur mit den schwarzen Figuren, aber dieser eine Weißsieg war turnierrelevant. Zwei seiner Schwarzsiege werden im Abschnitt zu seinen Gegnern besprochen.
Caruana
Er gewann nur mit Weiß, aber das dreimal. Den Auftakt gegen Landsmann Nakamura kann man vielleicht nicht als „holprig“ bezeichnen, auch wenn er kurz vor Schluss ohne Konsequenzen mächtig stolperte. Aber von Anfang an: Nakamura hatte Caruanas originelle Vorbereitung eigentlich neutralisiert, aber unterschätzte dann Probleme mit ungleichfarbigen Läufern plus Schwerfiguren (Dame und Turm). Es wurde viel manövriert, im 48. Zug hat Nakamura einen Bauern eingestellt oder geopfert. Caruana stand _viel_ besser, aber kann er das gewinnen? Am Ende ja, wobei er im 79. Zug die Partie zum Remis vergeben hatte. Nach 80 Zügen stand er dann wieder auf Gewinn, und nun definitiv.
Schneller ging es in Runde 3 gegen Wei Yi: dank gegnerischem Doppelfehler im 16. und 17. Zug hatte er schon nach 19 Zügen den vollen Punkt. Dann war er der einzige, der Blübaum bezwingen konnte. Das war dank eines neuen alten Konzepts gegen Russisch: Sc3 Sxc3 dxc3 nebst langer Rochade ist nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 bekannt, aber Caruana spielte 4.Sc4!?. Hier entschied dann ein „Detail“: Blübaum tauschte seinen Springer (bzw. ließ ihn tauschen) gegen den falschen gegnerischen Läufer.
Insgesamt ein gutes Turnier für Caruana, aber nach aktuellem Stand bei weitem nicht gut genug.
Giri
Er gilt zu Unrecht als Remisspieler, auch wenn er nur zweimal nicht Remis spielte – jeweils mit Schwarz und Sizilianisch. Zu Beginn hatte er Praggnanandhaas 1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.f4!? eigentlich neutralisiert, aber dann unterliefen ihm zu viele Ungenauigkeiten. Der direkteste Remisweg war ab dem 20. Zug alle vier Türme abtauschen, er tat es nicht.
Besser lief es in Runde 4 gegen Esipenko, der ihn erst im 7. Zug überraschte oder jedenfalls überraschen wollte. Dabei hatte Giri dann den Bogen etwas überspannt und auch hier entschied ein „Detail“: nach 18.Txd3 stand Weiß besser, nach 18.Dxd3 hatte Schwarz Oberwasser und behielt es bis Partieende. Esipenko agierte insgesamt unglücklich und ist deshalb aktuell Letzter.
Praggnanandhaa
Er ist für mich Remisspieler, „GM Praggmatic“ – wenn der Gegner verlieren will gewinnt er, sonst ist Remis OK. Seine zwei entschiedenen Partien waren aus meiner Sicht kennzeichnend: Gegen Giri mündeten vorbereitete Komplikationen in einer technischen Stellung, die er dank gegnerischer Ungenauigkeiten gewann. Gegen Sindarov vom Gegner angezettelte Komplikationen und er hatte das Nachsehen.
Blübaum
Solide-remislich außer gegen Caruana, ihm kann man das nicht verübeln. Siegchancen bekommt er, wenn die Gegner unbedingt gewinnen wollen und dabei den Bogen überspannen. Das gab es bereits beim Grand Swiss und auch in Wijk aan Zee, vielleicht auch in der zweiten Hälfte des Kandidatenturniers?
Wei Yi
Er agierte etwas unglücklich, natürlich vor allem gegen Caruana. Auch gegen Sindarov „musste“ er nicht verlieren. Zum Schluss dann ein Erfolgserlebnis gegen Esipenko, der noch unglücklicher agierte.
Nakamura
Die Niederlage gegen Caruana hatten wir bereits. Danach betrachtete er Runde 5 gegen Sindarov als „must-win“ und das ging nach hinten los. Schuld waren laut ihm seine Sekundanten, die 12.-0-0 nicht in der „file“ berücksichtigt hatten. Daher musste er selbst überlegen, tat es siebenundsechzig Minuten lang und geriet auf Abwege. Rochade kennen die Sekundanten vermutlich, da es oft auch etablierte Theorie ist. Kennen sie auch die en passant Regel? Das werden wir vielleicht noch herausfinden (Unterverwandlung ist eher nicht Teil von Eröffnungstheorie oder -vorbereitung).
Zwei Niederlagen wären vielleicht noch OK wenn er auch mal gewonnen hätte, aber das schaffte er nie. Eine dicke Chance bekam er aus dem Nichts heraus von Wei Yi im Turmendspiel und nutzte sie nicht. Das war also noch vor Runde 5 gegen Sindarov.
Esipenko
Drei Niederlagen, zwei hatten wir bereits – die dritte gegen Wei Yi war drastisch, Ursache ein grober Bock im 14. Zug. 14.Ld2? verlor zwar kein Material, aber mittelfristig verlor es den König. Wenn danach 15.Kd1 (auch für Engines) der beste Zug ist, dann war 14.Ld2 ziemlich falsch …. .
Durchaus denkbar, dass ausgerechnet er Sindarov zu Beginn der zweiten Hälfte ausbremst.
Topalov ….
spielt ja inzwischen fast gar nicht mehr und ist weit entfernt von Kandidatenturnieren. Bezug zu Sindarov: 2005 begann der Bulgare beim WM-Turnier mit noch besseren 6,5/7 und ließ das Turnier dann mit sieben Remisen ausklingen. Kann Sindarov das auch? Wird er das machen?
Bezug zu Nakamura: Ich schaute mir an, wie Elo-Qualifikanten in Kandidatenturnieren abschnitten. Am besten machten es 2013 alle damals drei – Carlsen, Aronian und Kramnik waren alle im Rennen um den Turniersieg (dann Tiebreak zugunsten des Norwegers). Auch 2018 war Caruana zufrieden – Turniersieger. Wesley So(lid) begann da mit -2 und machte danach das, was er gut kann: Remis spielen. Das ist eine Option für Nakamura?
Giri machte das 2016 durchgehend, wobei man ihm zu Unrecht Absicht unterstellte. Und ein gewisser Veselin Topalov hatte bei Halbzeit -2 und am Ende -5, abgeschlagen Letzter (alle anderen 50% oder mehr). Genau wie Nakamura hatte er seinen Eloplatz vor allem Norway Chess zu verdanken, war bereits „alt“ und Eröffnungsvorbereitung fehlte weitgehend.
Noch einer hatte dann 2024 meine Erwartungen erfüllt, dabei nicht seine und die seiner Fans: Firouzja hatte, nachdem er sich etwas „originell“ nach Elo qualifizierte, in diesem Turnier dann am Ende -4. Damals lag Abasov noch deutlich hinter ihm.
Á la Karjakin ist dabei auch eine Option für Nakamura: 2014 zu Halbzeit -2, am Ende +1. Aronian machte es damals umgekehrt (+2 bei Halbzeit, -1 am Ende).
Wie geht es weiter?
Ab morgen mit der Rückrunde des Kandidatenturniers …. . Ob da doch noch Spannung aufkommt wird sich zeigen. Schon in Runde 8 wäre ein Comeback von Nakamura gut für ihn, schlecht für Caruana, gut für Sindarov und schlecht für verbleibende Spannung im Turnier. Da schließlich das Duell der Landsleute – mit Weiß hat Nakamura öfters mal gegen Caruana gewonnen. Ansonsten müssen wir wohl noch bis Runde 11 mit u.a. Caruana-Sindarov warten.