23.10.2026

9 Gedanken zu „Schach – der langweiligste Sport der Welt?“

  1. Interessante Herangehensweise an ein heutzutage bei Liveübertragungen tatsächlich existierendes Problem. Als es noch keine allwissenden Engines und ausuferndes Eröffnungswissen gab, mochte man den Protagonisten ein „verschwenderisches“ Nutzen der Bedenkzeit in der ersten Spielphase noch zugestehen. Heute kaum noch vermittelbar, vor allem dann nicht, wenn es nur um dem Laien oder gemeinen Schachspieler kaum vermittelbare Nuancen geht.

    In Zeiten der digitalen Uhren ist eine leicht einzuprogrammierende Maximalbedenkzeit pro Zug nicht nur machbar, sie würde auch eine neue Dynamik in das Spiel bringen, vielleicht ein wenig vergleichbar mit den 24 Sekunden beim Basketball oder der Shot Clock beim Pokern.

    Scheint aber als Thema im hier lesenden Schachvolk leider nicht so viel Interesse hervorzurufen, wie die Frage nach Aufstellungsregularien in Mannschaftswettkämpfen. Schade!

    1. Ja mein Vorschlag war tatsächlich ernst gemeint. Die Spieler, die um den Weltmeistertitel spielen, dürfen nicht vergessen, dass sie auch der Schachöffentlichkeit verpflichtet sind, und dass Hunderttausende weltweit den Partien live folgen. Neulich habe ich gelesen, dass Aljechin im Wettkampf gegen Euwe für einen Zug über eine Stunde lang nachdachte. Damals auch schon fraglich, weil Zuschauer vor Ort waren, die auf den nächsten Zug warteten, aber in unserer schnelllebigen Zeit im Grunde völlig undenkbar. Aljechin brachte übrigens noch so einige Dinge, die heute gar nicht mehr gehen: er war Kettenraucher und rauchte bis zu drei Schachteln pro Partie, wobei er die Zigaretten wieder ausdrückte, bevor sie vollständig geraucht waren. Und er ließ seine siamesische Katze mit ans Brett (im Einverständnis von Euwe). Um auf den Punkt der Bedenkzeit zurückzukommen: ich fordere eine Maximalbedenkzeit pro Zug, sagen wir mal irgendwas zwischen 10 und 15 Minuten.

  2. Eine Maximalbedenkzeit hätte etwas für sich und wäre wohl ein probates Heilmittel gegen Zeitnot. Regelmäßig sehen wir bei vielen Spielern – und anscheinend besonders bei vielen Spielerinnen – endloses brüten in Stellungen, wo es eigentlich nicht viel zu denken gibt (nix los, mehrere mögliche Züge, die max. +/- 0,2 Punkte auseinanderliegen) und daadurch am Ende Hektik und Fehler, die alles verderben. Anti-Zeitnot-Training sollte ein wichtiger Bestandteil der schachlichen Ausbildung sein, ist es aber offensichtlich nicht.
    Zurück zum Show Business: Kein Wunder, dass Rapid immer beliebter wird! Sowohl für die Spieler wie für die Zuschauer ist es angenehmer, wenn „was los“ ist statt dem Lack beim Trocknen zuzusehen.

    1. Genau meine Meinung. An dieser Stelle müssten sich jetzt aber die Puristen melden, und beklagen, dass es doch in erster Linie auf die Korrektheit der Partie ankommt, und nicht darauf, den Zuschauern eine Show zu bieten. Dieses Argument hört man immer wieder, und es wurde bereits gegen die Abschaffung der Hängepartien und gegen die Verkürzung der Bedenkzeit angeführt. Trotzdem hat sich beides im lauf der Zeit durchgesetzt! Insofern ist die Hoffnung noch nicht verloren.

      1. „dass es doch in erster Linie auf die Korrektheit der Partie ankommt“

        Und das wiederum hat meines Erachtens aufgrund der nahezu unfehlbaren Engines, die fast immer in Sekunden den korrekten Weg aufzeigen, seinen Reiz verloren. Es sei denn, man macht es wie beim Backgammon, dort allerdings aus anderen Gründen:

        In einer bestimmten Turnierform beim Backgammon zählt nicht nur der Matchsieg, sondern auch die sogenannte „Error Rate“, vergleichbar mit der „Genauigkeit“, die nach einer Analyse einer Schachpartie angezeigt wird. Dort soll der Glücksfaktor durch die Würfel etwas abgemildert werden, Backgammon Engines sind dem Menschen ebenfalls seit Jahrzehnten überlegen.

        Beim Schach wird das allerdings nicht funktionieren, da die Zahl der Zugmöglichkeiten und Stellungen + Cubeaktionen(!) bei unterschiedlichen Match Scores im Backgammon deutlich höher sind. Und Eröffnungen beim Schach teils bis zum 30./40. Zug ausanalysiert sind. Im Backgammon kennen gute Spieler die Gewinnerwartungen bzw. besten Züge bis zum 3. Halbzug , in Ausnahmefällen bis zum 4.

        Eine Maximalbedenkzeit/Zug beim Schach würde die Spannung meines Erachtens deutlich erhöhen. Nur für uns Raucher wird es härter ;-).

        1. Ês gibt sogar einen weiteren Grund für den Vorschlag: die letzten beiden Weltmeister waren eher Zufallsweltmeister – trotz klassischer Bedenkzeit!

  3. Ja, u.a. ist der indische Erfolgstrainer Ramesh einer der Gegner und argumentiert mit dem Verlust der Tiefe des Spiels. In der guten alten Zeit dachten die Meister vielleicht tiefer, viele nagten aber dafür am Hungertuch. Wenn heute die Topspieler 6-stellige Einnahmen p.a. erhalten, müssen sie auch bereit sein, sich den Bedürfnissen des Publikums anzupassen.
    Ein anderer Punkt: Korrektes Spiel ist oft langweilig, wird im Idealfall im Remis enden. Gerade Schwächen und Fehler sind die Würze für die Amateur-Zuschauer (Das gilt auch für die Bundesliga, die früher schwächer, aber für diese interessanter war). Die haben beim letzten WM-Kampf trotz dessen zahlreichen Schwächen wohl mehr Vergnügen gehabt als an einer Serie von Remispartien. Gerade die fraglichen Situationen laden ja zum aktiven Mitdenken / MItfiebern ein. Schach muss menschlich und nahbar bleiben!

  4. Natürlich muss ich hier niemanden über Schachregeln belehren, aber einige der oben angeführten Vergleiche hinken mächtig. Beim Elfmeter gibt es keine Mauer. Das unerlaubte Verlassen des Spielfeldes beim Fußball wird nach Regelwerk sanktioniert. Die Pausen und Auszeiten beim Tennis sind streng reglementiert.

    Es gibt aber eine Sportart bei der so etwas wie Spielverzögerung erlaubt ist, beim Snooker.
    Dort kann es passieren, dass einer Spieler 10 mal um den Tisch läuft, überlegt und überlegt um dann doch einen für den Laien selbstverständlichen Stoß auszuführen.

    Beim Schach kann der Spieler mit seiner Zeit machen was er will, essen, rumlaufen, schlafen.
    Schachspieler spielen nicht für die Zuschauer oder die Galerie. Sie spielen um den Sieg, um ELO-Punkte und Preisgelder.

    Falls sie für die Zuschauer spielen sollten, müssten diese auch wie beim Fußball für jede Partie Eintrittsgelder bezahlen um das Recht zu haben, was geboten zu kriegen.
    Dann könnte man auch Fanclubs gründen, Cheer-Leader auftreten lassen und mit Sprechchören seine Favoriten anfeuern.

    1. Danke für die Anmerkungen, aber es ist doch nur eine Satire. OK ich gebe zu, statt Elfmeter hätte ich Freistoß schreiben sollen. Ich bin kein Fußballfan und war auch noch nie einer. Und selbst beim Billard bzw. Snooker darf man nicht „endlos“ überlegen, im Schach aber schon.

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