Relativ unbeachtet von der Schachöffentlichkeit hat SPORT1 Mitte Januar 2026 seinen Einstieg bei der schwedischen Schachplattform Gambit Technologies bekanntgegeben. Der Sportsender beteiligt sich im Rahmen eines Media-for-Equity-Deals an dem in Stockholm ansässigen Tech-Startup – bringt also vor allem Reichweite und Werbeleistung ein und erhält im Gegenzug Unternehmensanteile.
Im Zentrum des Gambit-Modells steht Schach um Geld. Nutzer sollen auf der Plattform gezielt mit finanziellen Einsätzen gegeneinander Schach spielen und auch Schachrätsel lösen. Gewinne und Verluste sind ausdrücklich Teil des Konzepts. SPORT1 spricht von einem „weltweit einzigartigen Ansatz“ und positioniert Gambit als Ergänzung zu bestehenden Online-Schachplattformen.
Der Einstieg erfolgt ausdrücklich aus dem Investment-Bereich von SPORT1 und ist Teil der New-Business-Strategie des Unternehmens. Anders als bei chess.com oder lichess geht es bei Gambit nicht primär um Training, Content oder Community-Wettbewerbe, sondern ums Spielen um Geld.
KI: Was damit tatsächlich gemeint ist
Der häufig verwendete Begriff „KI-gestütztes Gameplay“ ist dabei enger gefasst, als es zunächst klingt. In einer Presseanfrage der Chess Tigers stellt SPORT1 klar, dass sich der KI-Einsatz bei Gambit ausschließlich auf die Erkennung von Cheating und betrügerischem Verhalten bezieht. Die künstliche Intelligenz dient demnach nicht der Partieanalyse, Trainingsunterstützung oder spielerischen Verbesserung, sondern allein dazu, „die Integrität und Fairness des Spiels sicherzustellen – insbesondere im Kontext von Echtgeld-Partien“.
Der Online-Schachmarkt ist derzeit stark auf wenige Anbieter konzentriert. Neue Plattformen müssen sich klar positionieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum SPORT1 mit Gambit einen anderen Zugang wählt: Schach um Geld als bewusste Abgrenzung vom etablierten Angebot.
Ein Blick in die Vergangenheit
Genau dieser Echtgeld-Ansatz ist historisch betrachtet problematisch. Versuche, Online-Schach mit Einsätzen, Preisen oder direktem finanziellem Ausgang zu verbinden, gab es bereits mehrfach – und sie sind fast ausnahmslos gescheitert.
Ein frühes Beispiel ist ChessCube. Die Plattform kombinierte Online-Schach mit interner Währung und Preisen und erfreute sich zeitweise großer Beliebtheit. Rückblickend berichten viele ehemalige Nutzer jedoch von gravierenden technischen Schwächen, instabiler Zeitmessung und Exploits, die Partien manipulierbar machten. Besonders problematisch war die Abhängigkeit von Adobe Flash: Als moderne Browser diese Technologie schrittweise blockierten, hätte ChessCube technisch komplett neu aufgebaut werden müssen. Dazu kam es nicht – die Plattform verschwand Anfang 2020 leise vom Markt.
Warum Modelle mit Geld im Schach immer wieder scheitern
Neuere Ansätze wie Immortal Game zeigen, dass auch moderne Technologie keine Garantie ist. Token-Ökonomie, Blockchain und Ownership-Modelle verändern zwar die Oberfläche, nicht aber die strukturellen Probleme. Neben der Cheating-Frage bleibt vor allem eines schwierig: der Aufbau und Erhalt einer aktiven Community. Schachplattformen leben von Netzwerkeffekten – Spieler bleiben dort, wo andere Spieler sind. Neue Anbieter müssen gleichzeitig genügend Nutzer, Vertrauen, Stabilität und Spieltiefe bieten. Gelingt das nicht schnell genug, bricht die Dynamik ab.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Punkt. Der Kreis der Spieler, die gezielt um Geld Schach spielen möchten, dürfte vergleichsweise begrenzt sein. Anders als etwa beim Poker liegt der Reiz des Spiels für viele nicht im finanziellen Gewinn, sondern in der Selbstbestätigung durch Leistungsvergleich. Ratingzahlen, Titel, Turniererfolge und der eigene Status innerhalb der Community sind oft der stärkere Antrieb als ein monetärer Einsatz. Im Schach geht es traditionell um Elo – und um Ego.
Damit wird der Differenzierungsfaktor von Gambit zugleich zur Einschränkung: Er spricht eine spezielle Zielgruppe an, schließt aber große Teile der bestehenden Schach-Community faktisch aus.
SPORT1 ist sich dieser Risiken bewusst. In der Presseanfrage der Chess Tigers verweist das Unternehmen darauf, dass „Rückschläge im Startup-Umfeld grundsätzlich zur Risikobewertung gehören“. Entscheidend seien Vertrauen in das Team, die Produktidee und das langfristige Marktpotenzial.
Türkei, Wachstumsmärkte – und die Rolle von Erdogmus
SPORT1 bestätigt, dass jedes Investment „in enger Abstimmung mit den Gesellschaftern, einschließlich Acunmedya“ erfolgt. Ob sich aus der Partnerschaft mit Gambit internationale Perspektiven ergeben – etwa im türkischen Markt –, sei derzeit noch offen und „Gegenstand zukünftiger Gespräche“.
Gerade dieser Aspekt ist bemerkenswert. Mit Yagiz Kaan Erdogmus verfügt die Türkei über eines der größten Nachwuchstalente der aktuellen Schachgeneration. Erdogmus und sein Landsmann Ediz Gürel stehen sinnbildlich für die wachsende Bedeutung des Schachs in der Türkei. Eine inhaltliche oder redaktionelle Einbindung dieses Umfelds hätte dem Engagement zusätzliche Tiefe verleihen können – bleibt bislang jedoch aus.

Yagiz Kaan Erdogmus, Foto: grenkeChess
Investment ja – Schachberichterstattung nein
Ebenfalls aus der Presseanfrage der Chess Tigers geht hervor, dass der Einstieg bei Gambit kein redaktionelles Projekt ist. SPORT1 stellt klar, dass das Investment „nicht unmittelbar mit einer redaktionellen Neuausrichtung verbunden“ sei. Eine eigene Schach-Redaktion existiere derzeit nicht; inwieweit sich aus der Partnerschaft redaktionelle Formate oder externe Expertise ergeben, werde „im weiteren Verlauf geprüft“.
Das ist sachlich korrekt – und dennoch bedauerlich. Denn gerade hier hätte eine Chance gelegen. Schach berührt längst Fragen von Bildung, Digitalisierung, Fairness, Plattformökonomie und internationaler Sportpolitik – Themen, die über ein reines Geschäftsmodell hinausgehen.
Fazit: Ein Testlauf mit offenem Ausgang
Der Einstieg von SPORT1 bei Gambit wirkt weniger wie eine große Wette als wie ein kalkulierter Testlauf – ein Fuß in der Tür eines strukturell schwierigen Marktes. Als Media-for-Equity-Investment ist der Schritt folgerichtig, sein Ausgang jedoch offen. Bedauerlich bleibt, dass der Deal bislang keine redaktionelle Auseinandersetzung mit Schach nach sich zieht – und das in einem Jahr mit Kandidatenturnier, Schacholympiade, Weltmeisterschaft, Freestyle-WM, neuen Formaten wie Total Chess und großen Open-Turnieren wie – hoffentlich – dem grenke Chess Open.
Gleichzeitig ist der Schritt von SPORT1 in Richtung Schach grundsätzlich zu begrüßen. Dass ein großes Sportmedienhaus Schach als relevantes Zukunftsthema wahrnimmt, ist ein positives Signal – auch wenn sich erst noch zeigen muss, ob aus Schach um Geld mehr entsteht als ein erster, vorsichtiger Einstieg.