GM Pavel Eljanov
Der Bundesliga-Krimi war heuer an Dramatik nicht zu überbieten. Nachdem wir in der Zentralrunde in Berlin alle drei Wettkämpfe gegen unsere Konkurrenz verloren hatten, machte sich Zugzwang wenig Hoffnung, noch in der Spitzenliga zu verbleiben.
Allerdings hatten wir gehört, dass der Verein Wolfhagen (übrigens eine reine Ukrainermannschaft) zurückziehen würde, aber das reichte noch nicht, denn wir waren ja Vorletzter.
Dann passierte ein paar Tage nichts. Dann hörte ich dass ein Team, das ich hier nicht nennen will, den Rücktritt vom Rücktritt erklärt hatte, offensichtlich hatten die Verantwortlichen die benötigten Mittel für eine weitere Saison aufgetrieben.
Doch es gab noch das Gerücht, dass ein drittes Team in der Bundesliga Rückzugsambitionen hegte. Und die machten es besonders spannend. Meldefrist war am 1. Mai, und an diesem Tag kurz vor Mitternacht wurde die Spielleitung informiert, dass der Verein seine Mannschaft auflöst und aus der 1. Liga zurückzieht. Es geht um die Schachfreunde Deizisau, die 8 Jahre in der Bundesliga gespielt hatten, und manchmal sogar Dritter wurden. Dort spielt(e) auch unser WM-Kandidat Blübaum am ersten Brett.
Des einen Leid ist des anderen Freud, so lautet ein deutsches Sprichwort, und genau so verhält es sich hier. Spielleiter Jürgen Kohlstädt hat uns heute folgendes mitgeteilt:
„Die SF Deizisau haben Ihre 1.Mannschaft aus dem Spielbetrieb der 1. Schachbundesliga verbindlich zurück gezogen und verzichten auch auf eine Teilnahme am Spielbetrieb der 2.Bundesliga. Damit verbleibt MSA Zugzwang in der 1.Schachbundesliga und TSV Schönaich in der 2.Bundesliga.“
Auch in der Bundesliga-Tabelle sind die Abstiege bereits rot markiert:
Sieger Viernheim hat die unglaubliche Leistung erbracht, alle Kämpfe zu gewinnen, und das gegen stärkste Konkurrenz! Eine wahrlich beeindruckende Leistung. Wir haben aber auch eine Rekordleistung erbracht, und zwar haben wir 7 Matches mit dem knappen Ergebnis 3,5 zu 4,5 verloren. Ein Rekord, auf den wir gern verzichtet hätten.
Zu unseren Einzelergebnissen wird auf folgenden Link verwiesen: https://ergebnisdienst.schachbund.de/bedm.php?liga=bl&nummer=14
Mit Abstand erfolgreichster Spieler war Pavel Eljanow, der eine Performance von fast 2800 erspielte! Der Käptn spielte an den hinteren Brettern überraschend stark, und das mit über 60, man kann schlecht erklären, wie das möglich war.

Die zweite Münchner Mannschaft, der FC Bayern, hat sich nicht nur gehalten, sondern weit vorne platziert, allerdings spielen dort kaum noch Deutsche, es ist im Grunde eine reine Legionärsmannschaft geworden.
Ich danke allen, die sich in der vergangenen Saison für die erste Mannschaft engagiert haben und dieses Ergebnis möglich machten: den Spielern, dem Vorstand und natürlich unserem langjährigen Sponsor Roman Krulich, der uns weiterhin unterstützt. Und allen Fans, die online bei den Kämpfen mitgefiebert haben.
Noch ein paar Gedanken zum diesjährigen Bundesliga-Krimi:
1. Zwei Rückzüge in einer Saison, das ist viel. Zu viel. Wobei ein großer Unterschied zwischen Wolfhagen und Deizisau besteht. Deizisau spielte 8 Jahre in der Bundesliga, und setzt stark auf den Einsatz deutscher Nationalspieler. Eine wahre Bereicherung für die Liga. Dagegen war Wolfhagen ein reiner Legionärsverein, und erst seit kurzem in der Bundesliga. Denen weine ich keine Träne nach.
2. Die Meldefrist war heuer sehr kurz: letzte Runde in Berlin am 26. April, und bis 1. Mai musste jeder Verein entscheiden, ob er wieder für die Liga meldet. Auf der anderen Seite hat man so auch schnell Planungssicherheit für die kommende Saison.
3. Dass man mit einem Mannschaftsschnitt von Elo 2500 und 8 Großmeistern, die man ans Brett bringen kann, abstiegsgefährdet ist, erschließt sich mir nicht. Aber es liegt eben daran, dass fast alle Vereine auf starke Legionäre setzen, und wir vorrangig auf deutsche Spieler. Selbst unser Pawel Eljanow ist seit seiner Flucht aus der Ukraine quasi Münchner.
4. Die erste Liga ist einfach die Krönung des Schachs. Man ist bereits, Opfer zu bringen, um dort zu spielen. Ja, die 2. Liga ist auch sehr stark, aber als Großmeister sollte man anstreben, in der 1. Liga zu spielen, selbst wenn man schon (fast) Rentner ist.
5. Es erstaunt mich immer wieder, dass es in Deutschland 16 Vereine gibt, die das Abenteuer Bundesliga auf sich nehmen. Sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in logistischer Hinsicht. Oft kommen ja die Spieler von überall her, um sich zum Bundesliga-Wochenende zu treffen.
6. Sehr angenehm für die Spieler sind die Zentralrunden. Dort sieht man dann alle Mannschaften auf einmal. Zum Glück gab es in den letzten Jahren immer eine Zentralrunde, und in der kommenden Saison wird wohl Heimbach-Weis der Ausrichter sein.
7. Noch ein Wort zur Spielleitung: Jürgen Kohlstädt. Der Mann ist seit über 30 Jahren dabei. Das muss man erst mal schaffen, den deutschen Spielbetrieb auf höchster Ebene (1. und 2. Liga) so lange zu steuern. Selbst als der Bundesliga e.V. gegründet wurde, hat man ihn als Spielleiter übernommen!
Es mag sein, dass die MSA Zugzwang vorrangig auf lokale Spieler setzt (wozu auch ortsansässige Ausländer und Spieler aus nahegelegenen Ausland zählen), die Aussage „Aber es liegt eben daran, dass fast alle Vereine auf starke Legionäre setzen, und wir vorrangig auf deutsche Spieler“ erscheint mir allerdings unangebracht angesichts der Tatsache, dass nicht einmal die Hälfte der Partien (53 von 120) von deutschen Spielern bestritten wurden. Zum Vergleich: Beim Hamburger SK kamen deutsche Spieler zu insgesamt 79 Einsätzen, und auch Dresden (64), Berlin (63) und Deizisau (57) haben häufiger deutsche Spieler eingesetzt als MSA Zugzwang.
Ich antworte mal für Gerald: Dazu ist allerdings anzumerken, dass Pawel Eljanov nun (wie von Gerald erwähnt) in München wohnt, Stefan Kindermann „Österreicher und Münchner ist“ und der Isländer Gudmundur Kjartansson mit seiner deutschen Frau im Münchner Umfeld wohnt – sie würden wohl kaum „ausgerechnet ihn immer einfliegen“. Und schon sind es 81 von 120 Partien, die übrigen wohl von „österreichischen Österreichern“.
Auch ich war in den Niederlanden auf Amateurebene 20 Jahre lang „ortsansässiger Ausländer“ was kaum mal kritisiert oder hinterfragt wurde. Im Verein hatten wir zeitweise auch einen irakischen Flüchtling, der dann die niederländische Staatsbürgerschaft bekam.
Eher hinterfrage ich „Dass man mit einem Mannschaftsschnitt von Elo 2500 und 8 Großmeistern, die man ans Brett bringen kann, abstiegsgefährdet ist, erschließt sich mir nicht.“ Das wäre ja nur dann nicht der Fall, wenn es mindestens drei deutlich schlechtere Mannschaften geben würde (Schnitt 2450 oder 2400?). Das wäre eine andere Liga, zumal es weitere Konsequenzen haben könnte: Vereine, die als Saisonziel nur Klassenerhalt haben, denken dann „Niveau von Zugzwang reicht“. Da man statt GMs mit Elo ca. 2500 oder weniger auch gleichwertige IMs einsetzen kann, würde das wohl GM-Normen an den hinteren Brettern erschweren.
Und es wäre noch mehr eine Zwei- oder Dreiklassenliga als derzeit: Vereine, die deutscher Meister werden wollen, treten weiterhin so stark an wie es geht (oder wie es der Geldbeutel erlaubt) und die Lücke dahinter wird eher größer.
Lieber Thomas, ich gratuliere euch dazu, dass ihr demnächst in der Hessenliga ein Team mit einem Schnitt von Elo 2500 antreten lasst! Ich hoffe, es wird reichen, dass ihr euch in der Liga haltet. Ich finde es völlig normal, dass in eurer Liga Teams mit so einem Elo-Schnitt antreten. Oder wir denken an die demnächst ausgetragene galaktische Schachmeisterschaft – dort treten sogar nur Teams mit einem Schnitt von Elo 2800 an! Ja ich weiß, Eloschnitte sind relativ!
Was verbreitest Du denn für Gerüchte? Planungen für nächste Saison laufen noch, Verstärkungen sind wohl willkommen wobei das der Mannschaftsführer der ersten Mannschaft entscheidet. Der DWZ-Schnitt des Teams darf wohl etwas besser werden als aktuell 2063.
Aber Geld haben wir nicht, „Wolfhagen wird keinesfalls nach Fulda verlegt“. Realistisches Saisonziel wird wohl Klassenerhalt und das wird schwer genug, sicher nicht noch dreimal aufsteigen (und dann mit diesem Team Abstiegskampf in der Bundesliga).
Hallo Holger, ja das war vielleicht etwas ungenau formuliert, es hätte heißen sollen „deutsche und ortsansässige oder einheimische Spieler“. Hier ist es bei Zugzwang so, dass über die Hälfte der Mannschaft aus München und Umgebung kommt. Es ist richtig, dass auch weitere Vereine in der Bundesliga auf das Prinzp „heimisch“ setzen, das wollte ich gar nicht in Abrede stellen (und habe es auch nicht getan). Allerdings gibt es eben mehr Vereine, die sich von dieser Idee völlig losgesagt haben, und genau das kritisiere ich.
Eigene andere Bemerkungen: Schönaich profitierte wie Zugzwang doppelt, wobei sie zwingend einen „freiwilligen Abstieg“ (Göggingen in der Zweiten Bundesliga) und einen „Rückzug“ brauchten (Deizisau verzichtet auch auf Zweite Bundesliga). Zugzwang hätte auch zweimal freiwilliger Abstieg gereicht. Schönaich hatte ja Tobias Kölle und Marius Deuer, die dann womöglich vom Münchner SC abgeworben wurden, und diese Saison eine optisch „improvisierte“ Mannschaft (wen haben wir noch, wen bekommen wir dazu?).
Das was nun passiert ist immerhin besser als was es auch schon gab: Rückzug vor Saisonbeginn aber nach Meldeschluss, oder Rückzug während einer laufenden Saison – jeweils bedeutete das (von Anfang an oder ab einem gewissen Zeitpunkt) Bundesliga mit 15 Mannschaften.
Der Rückzug nun von Deizisau ist am ehesten vergleichbar mit dem von Hockenheim nach der Saison 2019/21: ebenfalls viele Jahre Bundesliga und oben mitspielen, auch mit vielen deutschen Spielern – neben Dennis Wagner bereits als IM auch die inzwischen etwas „abgetauchten“ Arik Braun, Rainer Buhmann und David Baramidze. Wobei es bei Deizisau nun meines Wissens „aus heiterem Himmel“ kommt, während es sich bei Hockenheim bereits abgezeichnet hatte – ab Runde 9 („nach der langen Pandemie-Pause“) sind sie auch deutlich schwächer angetreten als zuvor.