Ich mag ja alliterierende Titel, wobei ich dieses Akronym schon einmal anderweitig vergeben hatte. Bezug zum Dresdner Schachgipfel vielleicht: DWZ (und auch Elo) und auch Schachtitel sind relativ, entscheidend ist was auf den Brettern passiert. Zwei IMs, die letztlich nur (oder jedenfalls in einem Fall „immerhin“) Platz zwei belegten, werden dabei wohl in absehbarer Zeit Großmeister.
Für die vorigen deutschen Meisterschaften wäre MMM – Munteres GeMurkse in München – ein zu destruktiver alliterierender Titel gewesen. Vielleicht ja nächstes Jahr SSS – Sensationelles Schach in Stuttgart. Aber da müssten besondere Dinge passieren, zumal „sensationell“ eher nicht Teil meines Vokabulars ist. Für dieses Jahr nochmal der Buchstabe D: in der letzten Runde wichtige Rollen für Donchenko, Dinara und Dolzhykova. Er war stolz darauf, sie und sie wohl eher nicht.
Vorab noch zwei Binsenweisheiten oder Plattitüden: in allen vier Turnieren wurden neun Runden gespielt, abgerechnet wird am Ende. Eine zwischenzeitliche Führung im Turnier ist die halbe aber nicht die ganze Miete. Ebenso steht das Ergebnis einer Partie erst fest, wenn Spieler sich auf Remis geeinigt haben oder wenn einer aufgibt. Varianten: Matt, Patt oder unzureichendes Material. Wie es zwischenzeitlich steht (nebst Engine-Urteil) kann später auch mal keine Rolle mehr spielen. Im Beitrag auch eine Duplizität der Ereignisse: Figuren auf kuriosen Feldern hatte, auch wenn es anfangs „nicht schlecht“ war, später unangenehme Konsequenzen für den Spieler, der womöglich „für die Galerie spielte“. Aber nun zu den vier Turnieren:
DEM-Meisterklasse
Vor dem Turnier war Bundestrainer Jan Gustafsson laut Schachbund „gespannt, wie sich Luis Engel, Leonardo Costa und Bennet Hagner gegen die etablierten Spieler schlagen.“ Mit allen drei war er dann wohl zufrieden, mit seinen Nationalspielern vielleicht nicht ganz. Das war jedenfalls der Endstand: GM Costa 6/9, IM Hagner und GM Engel 5.5, GM Donchenko, GM Kollars, GM Rasmus Svane 5, GM Huschenbeth und GM Wagner 4, IM Kügel 3, FM Dr. Braun 2. Die beiden letzten „erfüllten die Erwartungen“. Ich wage mal die Prognose, dass dies auch nächstes Jahr für den Sieger des diesjährigen Kandidatenturniers der Fall sein wird.
Etwas Lokalpatriotismus muss sein: Ich hätte mir ja einen hessischen deutschen Meister gewünscht. Dabei dachte ich an den Gießener Alexander Donchenko oder vielleicht den Kasselaner Dennis Wagner, eher nicht an den Frankfurter Bennet Hagner. Aber er war am nächsten dran am Titel. Aus 4/5 konnte 5/6 werden, aber gegen Luis Engel verpasste er mehrere Chancen auf klaren Vorteil und es wurde Remis. In Runde 8 war gegen Costa der Remishafen im Endspiel in Reichweite, dann erlitt er doch Schiffbruch. Wer hätte vorab gedacht, dass das zwei Schlüsselpartien des gesamten Turniers waren? So erzielte er den für eine GM-Norm noch nötigen halben Punkt erst in der letzten Runde gegen den anderen IM im Turnier Tobias Kügel, in einer auf ungewöhnliche Art und Weise ausgeglichenen Partie.
Die Schlussrunde
Die besten Karten auf den Turniersieg hatten am Ende der Hamburger Luis Engel und der Münchner Leonardo Costa. Luis Engel lieferte dann Teil eins meines Kuriositätenkabinetts:

Engel-Donchenko nach 28.Tf3-f5. Zuvor war die Abwicklung zu Turm und zwei Bauern gegen zwei Leichtfiguren noch einigermaßen bekannte Caro-Kann Theorie. Was macht der weiße Turm nun auf f5? Nun, er greift den schwarzen Springer an. Engines plädierten stattdessen für 28.Sxf6+ Lxf6 29.b4!? Sa6 30.c3 mit laut ihnen weißem Vorteil. Donchenko dazu hinterher auf Schachdeutschland-TV: „Wir sind beide keine Engines.“
In der Partie kam nun 28.-Le7 (Drohung pariert) 29.c3 Td8 30.Sxf6+ Lxf6 31.Te1?? Lxc3!

Was macht der Läufer auf diesem doppelt verbotenen Feld? Angriff auf b2, e1 und indirekt auch f5 – Weiß hat nichts besseres als 32.Dxc3 exf5, nun zwar 33.Te7 mit Mattdrohung aber nach 33.-Se6 war es hoffnungslos, wenig später 0-1.
Mit einem Schwarzsieg gegen Costa konnte Dmitrij Kollars nun einen Vierer-Stichkampf (diese beiden, Hagner und Engel) erzwingen. Aber die Stellung war zu remislich, am Ende konnte er einer Zugwiederholung kaum ausweichen.
DEM-Kandidatenturnier
Eingangs erwähne ich einen Spieler, der am Ende nicht ganz vorne landete. FM Benjamin Wagner (Elo 2285) hatte sich als Sieger der DSAM für dieses Turnier qualifiziert. Anfangs waren ihm höhere Elozahlen der Gegner ziemlich egal: Siege gegen unseren GM Hertneck, den etwa 100 Elopunkte besseren (besser als Wagner) FM Dahl und GM Vavulin. Auch gegen IM Besou hatte er mehrfach Oberwasser, dann wurde es Remis. Dieses Tempo konnte er dann nicht durchhalten, es folgten drei Niederlagen und zum Schluss wieder 1,5/2 – nur oder immerhin Platz 9 für den 22. der Setzliste.
Gerald darf sich selbst zu seinem Turnier äußern (oder auch nicht), aus Runde 1 nur eine Kuriosität: (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.exd5!? exd5 5.Ld3 Sc6 6.a3 Le7 7.Le3) 7.-Lg5, nun 8.Df3 Lxe3 9.fxe3 usw., gab es laut Datenbank zuvor nur einmal: Medvegy-Hertneck 1-0, österreichische Liga 2014. Auch der weitere Partieverlauf hatte für mich gewisse Ähnlichkeiten (gut, vielleicht ist das konstruiert). Wird Gerald das 2038, dann im Alter von 74 oder 75 Jahren, erneut versuchen?
Aber nun zum Geschehen vorne, später die letzte Runde, zunächst der
Endstand
FM Heinrich 7/9, IM Besou und FM Zuferi 6.5, FM Neuhoff, FM Nemitz, FM Klaska, FM Dahl 6, usw. . Nur Enis Zuferi (*1994) stammt aus dem letzten Jahrtausend, fast alle anderen sind noch Teenager. Wo bleiben die GMs? Alle (neben den bereits genannten Hertneck und Vavulin auch Hagen Poetsch) dahinter in der großen Gruppe mit 5/9. Laertes Neuhoff erzielte 3/3 gegen Hertneck, Besou und Poetsch, aber Niederlagen gegen Klaska und Zuferi.
Die Schlussrunde
Die Situation davor hatte ich ja bereits in einem Kommentar geschildert, turnierrelevant waren Besou-Heinrich und Klaska-Zuferi. Bei der zweiten Partie am bemerkenswertesten, dass der Düsseldorfer nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 sechs Minuten zögerte, bis er sich für 3.Lb5+ („Ball flach halten“) entschied. Dann zunächst wieder flotteres Tempo, etwas ungewöhnliche Stellungsbilder, durchgehend ausgeglichen (offenbar bis auf einen Moment) und ab dem 23. Zug wurden die Züge wiederholt.
Besou-Heinrich war auch Sizilianisch (hier 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) und wurde auch Remis, hier aber „auf Umwegen“. Auch zu dieser Partie zwei Diagramme:

Klar wie der weiße Springer auf a8 gelandet ist, er kam von b6. Ebenfalls klar, dass er keinen Turm geschlagen hat und die Damen wurden anderweitig abgetauscht. Potentiell war das der Anfang vom Ende für John Heinrich, er wurde ziemlich eingeschnürt. 22.Sa8!? vielleicht auch ein Hinweis an den Gegner, wie schlecht er steht?
Zu viele Züge zwischendrin, um alle zu nennen, so stand es dann nach 31.Se2?:

Das Fragezeichen deutet bereits an, dass das „suboptimal“ war, aber warum? Es kam das „Scheinopfer“ 31.-Sxf5! 32.Lxf5 Se7. Warum geht das? Genau, neben dem Lf5 hängt nun auch der Sa8! Schwarz stand nun gar nicht mehr schlechter und im weiteren Partieverlauf gar klar besser. Aber nach der Zeitkontrolle bot er Remis, was ja für den Turniersieg reichte. Hussain Besou war einverstanden, so bekam er immerhin noch vierstelliges Preisgeld.
Generell kann man das so oder so sehen: Besou hatte insgesamt die stärkeren Gegner – in Runde 8 Sieg gegen Hagen Poetsch, der am Ende unter ferner liefen und allenfalls ein bisschen Preisgeld landete (wurde der 8. Preis von 250 Euro zwischen 11 Spielern geteilt? Gerald weiß das dann). Aber er hatte in neun Runden auch sechsmal Weiß, was aber nicht seine Schuld war. Ohnehin gilt, was ein Fußballtrainer mal vor kurzem sagte: „am Ende glänzt das Ergebnis“.
Dieses Jahr qualifiziert sich nur der Sieger des Kandidatenturniers für die Meisterklasse 2027. Wer auch immer sonst nächstes Jahr mitspielt, denkt vermutlich nicht unbedingt „Heinrich, mir graut vor Dir“.
DFEM-Meisterklasse
Hier zuerst der Endstand: WGM Schneider 7, FM Schulze 6.5, IM Papp und IM Wagner 6, WGM Dolzhykova 5.5, WGM Safarli 4.5, WGM Babiy 3.5, WFM Dora Peglau 3, WFM Sickmann 1.5, WFM Charis Peglau 1.5.
Um mal hinten zu beginnen: da überrascht nur die Reihenfolge der Peglau-Schwestern. Olga Babiy, kurzfristig dazu gekommen, fand eher nicht in das Turnier. Josefine Safarli bestätigte tendenziell ihre Form in letzter Zeit.
Vorne war Dinara Wagner natürlich Titelverteidigerin und klare Favoritin. Anfangs 4,5/5 schien das zu bestätigen, dann eine Niederlage gegen Dolzhykova. Auch so führte sie vor der letzten Runde zusammen mit Jana Schneider (untereinander Remis in Runde eins) – beide 6/8, beide wurden „heruntergelost“ gegen die direkten Verfolgerinnen mit 5.5/8. Dramatik war also möglich, und so kam es dann auch:
Die Schlussrunde
Schulze-Wagner 0-1 1-0: zunächst bekam Dinara Wagner mit Schwarz etwas Oberwasser, dann war sie laut Engines klar auf der Siegerstraße – und dann ging es komplett in die andere Richtung. Das Manöver Dg5-d8-a5 gefiel Engines noch, 27.-Da1 gefiel ihnen nicht mehr. Dann übernahm Weiß das Kommando am Königsflügel, Schwarz musste sich – um noch schlimmeres zu verhindern – von einer Figur verabschieden. Das alles in beiderseitiger Zeitnot, nach der Zeitkontrolle spielte Wagner noch ein bisschen weiter aber es war hoffnungslos.
Dazu doch noch ein DD Doppel-Diagramm:

Nach 26.-Da5 sagen Engines – obwohl es materiell ausgeglichen ist – etwa -3.

Nach 35.Df3 haben sie viel lieber Weiß. Wie kann man (bzw. frau) f6 verteidigen? Offenbar mit Sekunden auf der Uhr spielte Dinara Wagner 35.-Lf4.
Schneider-Dolzhykova 1-0: das war zunächst recht glatt. Irgendwas ging schief mit Französisch von Dolzhykova, daraus entstand ein für Weiß klar vorteilhaftes Schwerfigurenendspiel (Damen und je ein Turm) mit Mehrbauer. Aber das war dann irgendwie zweimal wieder in der Remisbreite – erst in dieser Konstellation, später nochmal im reinen Turmendspiel. Bei Remis hätte Jana Schneider gegen Lara Schulze einen Stichkampf spielen müssen, dann gewann sie doch.
DFEM-Kandidatinnenturnier
Da fasse ich mich kurz, zumal mir die meisten Spielerinnen kein Begriff sind – immerhin acht hatten Elo 2000+, nicht alle von diesen landeten dann weit vorne.
Der Endstand: Paula Czaeczine 7/9, Triona Eberle, WFM Helena Neumann 6.5, WCM Lilian Schirmbeck, WIM Evelyn Wagenschuetz 6, usw. . Das sind die Spielerinnen, die vor der letzten Runde noch (gewisse) Chancen auf den Turniersieg hatten. Neumann-Schirmbeck schien sehr remislich, plötzlich wurde aus diesem Damenendspiel ein für Weiß glatt gewonnenes Bauernendspiel. Paula Czaeczine reichte nun ein Schwarzremis gegen Wagenschuetz für den Turniersieg, aber im Gegensatz zu John Heinrich spielte sie ihre klar bessere Stellung weiter. Im 76. Zug übersah sie ein taktisches Detail, und nun war es Turm und Springer gegen Turm ohne Bauern. Auch das spielte sie noch weiter, aber es wurde Remis.
Vielleicht gibt es ja hier noch einen Bericht eines (nicht ganz?) zufriedenen Spielervaters?
Was mir wirklich weh getan hat: Charis Peglau hat in dem Turnier 83 Elopunkte verloren. Das dürfte Negativrekord sein.
Ich werde morgen wohl auch noch was zum Turnier schreiben.