Dieser Beitrag als Reaktion auf Diskussionen zu Normturnieren im Rahmen von Diskussionen zum „verflixten Kandidatenturnier“. Wie „wichtig“ sind Normturniere aus deutscher Sicht eigentlich, und welche Rolle spielt dabei „Ungarn“? Normturniere definiere ich hier mal als „genau 7 Normjäger und 3 potentielle Normenlieferanten“ – d.h. Spieler, die den von anderen angestrebten Schachtitel bereits haben. So ein Teilnehmerfeld entsteht wohl nicht „zufällig“. Eine leichte Ausnahme gibt es in meinem Datensatz: 12 Teilnehmer, darunter ein GM, drei IMs und acht IM-Normenjäger. Derlei Turniere sind im Text später fett gedruckt. Wie man IM- und GM-Normen auch erzielen kann: wer es nicht weiß wird es nun herausfinden.
Ich ging die aktuelle deutsche top100 herunter (und dann noch einer) und berücksichtige nun nur Spieler, die im laufenden Jahrzehnt IM und/oder GM wurden – vielleicht habe ich da jemand übersehen. Ganz oben bleibt Vincent Keymer außen vor: formal wurde er 2020 GM, da der 90th FIDE Congress 2019 erst Ende Februar 2020 stattfand. Aber seine drei GM-Normen erzielte er im letzten Jahrzehnt: drei starke Turniere im Schweizer System (Grenke, Xtracon und FIDE Grand Swiss).
Noch zwei Vorbemerkungen: Ursprünglich war dieser Artikel „in anderer Form“ geplant – „Wie wurden sie jung GM?“ als Reaktion auf den GM-Titel für Faustino Oro und zu Spielern aus aller Herren Länder. Aber das wurde nie fertig und wäre nun nicht mehr „aktuell“. Und es gibt noch einen „Nachtisch“, zunächst als Quizfrage formuliert: Wann spielte Gerald Hertneck sein erstes Turnier als potentieller Normenlieferant, bei dem er aber dann zum „Spielverderber“ wurde? Ich erinnere mich aufgrund meiner Vergangenheit in den Niederlanden, Gerald selbst weiß vermutlich auch was gemeint ist, wer sonst? Aber jetzt hinein ins Geschehen, viel „Fleißarbeit“ und dann der Versuch einer Synthese.
Frederik Svane
Mittlerweile „voll etabliert“, aber er ist etwa ebenso jung wie Vincent Keymer und wurde erst im (für heutige Verhältnisse) relativ fortgeschrittenen Schachalter IM und dann GM:
GM 2022 – GM-Turnier 111 Jahre Turm & Doppelbauer Kiel, Bundesliga, Hamburg Chess Club GM Invitational
IM 2021 – GM Chess House (Aarhus), Deutsche Meisterschaft, Smuk Skuk Tournament (Skanderborg)
Für Normturniere dachte er vielleicht „warum in die Ferne schweifen …“, bei IM-Normen erinnerte er sich auch an seine dänischen Wurzeln (bzw. bekam deshalb diese Einladungen).
Leonardo Costa
GM 2025 – österreichische Liga, Grenke Open, Deutsche Meisterschaft (zuvor wurde ja eine GM-Norm im Fußball-Jargon „nach Eingreifen des Video-Schiedsrichters“ aberkannt, umstrittene Entscheidung und er selbst war total unschuldig)
IM 2024 – Deutsche Meisterschaft, 2 ungarische Normturniere
IM und später GM wäre er wohl ohnehin geworden, wenn man kommerzielle Normturniere verurteilt kann man es bei ihm nun als „Jugendsünde“ bezeichnen?
Ruben Gideon Köllner
IM 2021 – Claus Dieter Meyer Gedenkturnier, Sportland NRW Cup Dortmund, Aarhus Summer Chess IM
Die erste und dritte Norm im Schweizer System wobei in Dänemark der Turniername andeutete „Normjäger willkommen, gute Normchancen“. Derzeit hat er eine GM-Norm (Münchner Pfingstopen 2023).
Christian Glöckler
IM 2025 – Wachtebeke Winter Round Robin IM, Jubiläumsturnier 125 Jahre Werder Bremen, Prague Chess Festival
Im belgischen Wachtebeke haben er und Hussain Besou dieses Jahr auch eine GM-Norm angepeilt. Es hat nicht geklappt, bei Besou war es knapp.
Christopher Noe
„So kann man auch GM werden“, es dauerte etwas:
GM 2025 – Czech Open 2017, Grenke Open 2018, European Chess Club Cup 2022, polnische Liga 2025.
Vier Normen mussten es sein (bzw. die dritte brauchte er dann nicht unbedingt), da European Chess Club Cup über nur sieben Partien. IM 2016 ist nicht Thema dieses Artikels.
Roven Vogel
GM 2024 – Bundesliga, UKA-Einladungsturnier zu Ehren Wolfgang Uhlmanns, OIBM am Tegernsee
IM 2015 bleibt auch außen vor
Tobias Kölle
IM 2023 – Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft, österreichische Liga
Aktuell offenbar eine GM-Norm aus der letzten Saison der Zweiten Bundesliga Süd
Marius Deuer
GM 2026 – OIBM, Mitropa Cup, Ellobregat Open
IM 2023 – FE4Mix Grandmaster A, Spilimbergo Open, Vezerkepzo Winter Carnival GM
Wenn in einem Turnier GM-Normen möglich sind, dann natürlich auch (wenn man sie noch braucht) IM-Normen
Julian Kramer
GM 2025 – EM, BPB Limburg Open Tienkamp, Bundesliga
IM 2021 – Dortmund Open, Zweite Bundesliga, Chess Festival Innsbruck
Vadym Petrovskiy
Er wurde noch als Ukrainer IM, aber die zweite und dritte Norm in Deutschland als Teil der deutschen Schachszene (die erste schon in seinem Reisegepäck als Flüchtling)
IM 2023 – Vashylyshyn Memorial (Lviv, Ukraine), IM-Einladungsturnier des Hessischen Schachbunds, Staufer-Open
Staufer-Open 2023 war auch eine GM-Norm, kann offenbar – wenn es soweit ist – erneut eingereicht werden.
Bennet Hagner
IM 2025 – Ellobregat Open, Berlin U25 Open, Staufer-Open
Danach eine GM-Norm aus der Bundesliga-Saison 2024/25
Lev Yankelevich
GM 2022 – Accentus Young Masters (Schweiz), Open de Putrichju, Teplice Open
IM 2016 bleibt wieder außen vor
FM Marian Can Nothnagel
Bisher hat er neben aktuell Elo 2451 zwei IM-Normen (Grenke Opens 2025 und 2026). Kandidat für eine Einladung, wenn z.B. der hessische Schachverband wieder ein Normturnier ausrichtet? Andere Bundesländer oder im Ausland würde er vielleicht auch akzeptieren.
Marius Fromm
IM 2023 – Deutsche Meisterschaft, WM U18, Europameisterschaft
Auch bei ihm war EM 2023 zugleich eine GM-Norm.
Collin Colbow
IM 2024 – IM-Turnier Braunschweig, Miedzyzdroje IM23, zwei spanische Opens
Hier nicht klar, warum vier Normen – die beiden letzten kurz nacheinander, vielleicht wurden „sicherheitshalber“ beide erwähnt? Miedzyzdroje war ein „ziemlich deutsches Turnier“ im polnischen Miedzyzdroje, Hintergründe kenne ich nicht.
Nikolas Wachinger
IM 2022 – Niedersächsisches DLM Triumph Turnier, Claus Dieter Meyer Gedenkturnier, Marienbad Open
Mykola Korchynskyi
IM 2026 (ganz frisch) – EM U16 (IM-Norm als Sieger), Chessfestival Groningen, Zweite Bundesliga
Gerald Hertneck
Kleiner Scherz – GM 1991 und IM 1985 nicht Thema dieses Artikels, aber er wird später noch erwähnt.
Alexander Krastev
IM 2022 – Pfalz Open, DSB Rising Stars GM-Turnier 2021, Europameisterschaft
2021 bekam er als 16-jähriger offenbar den Status „Rising Star“, aktuell ist er mit Elo 2427 (Anfang/Mitte 2024 war es mal bis 2470) „nur oder immerhin IM“.
Hussain Besou
Den nehme ich noch mit, auch wenn er aktuell in Deutschland nicht ganz top100 ist
IM 2026 – Six Days Budapest, Marienbad Open, GranHotel Bali im spanischen Benidorm
Zu Normturnieren
Man kann sie nicht alle über einen Kamm scheren. In Ungarn sind sie kommerziell, d.h. Normenjäger sind zahlende Teilnehmer die „Normenlieferanten“ mit finanzieren. Anderswo sind es wohl oft auch Einladungsturniere (oben steht es zweimal im Namen des Turniers), auch Normenjäger werden eingeladen? Das sind dann meistens Spieler aus der näheren bis etwas weiteren Umgebung des Turnierorts, auch ausländische Teilnehmer oft in Deutschland wohnend und Teil der deutschen Schachszene. Wenn man einmalig für ein Jubiläum oder regelmäßig ein Turnier ausrichtet, sind Normchancen Teil des Konzepts.
„Statistik“
Ohne Gewähr, dass ich mich nicht verzählt habe, und teils passen Turniere nicht ganz in Schubladen:
GM-Normen: 5 aus Normturnieren, 5 aus Mannschaftskämpfen, 8 aus Opens, 5 aus Meisterschaften, einmal „sonstige Rundenturniere“ (im UKA-Einladungsturnier zu Ehren Wolfgang Uhlmanns acht GMs und zwei IMs)
IM-Normen: 13 aus Normturnieren, 4 aus Mannschaftskämpfen, 18 aus Opens, 8 aus Meisterschaften
Normturniere kann man (nun nicht nach GM und IM getrennt) nochmal aufteilen in siebenmal Deutschland, viermal Ungarn, zweimal Dänemark und je einmal Belgien, Niederlande, Ukraine, Schweiz und Polen. In der Ukraine spielte der Ukrainer Vadym Petrovskiy, das polnische Turnier war wie oben erwähnt „ziemlich deutsch“.
„Der Nachtisch“
2011 brauchte das Batavia-Turnier in Amsterdam sehr kurzfristig noch einen GM, der Inder GM Barua wurde auf dem Weg zum Flughafen krank und musste absagen. Was tun? Es musste auch ein Ausländer sein, von den sieben Normjägern sechs aus den Niederlanden. Das Internet merkt sich nicht alles, aber doch recht viel – wobei die chess.com Artikel ursprünglich auf Chessvibes veröffentlicht wurden und nun etwas zerschossen sind. „Last-minute substitute“ war „unser“ Gerald Hertneck, sie haben ihn telefonisch auf der Arbeit erreicht – „Can you play?“. Nach Rücksprache mit seinem Chef war Gerald einverstanden, ging nach Hause, packte seine Koffer und setzte sich in den Zug nach Amsterdam (ob er auch mit seiner Frau Rücksprache halten musste – im Internet jedenfalls nicht erwähnt).
Und dann hat er das Turnier gewonnen – nicht unbedingt „Sinn der Sache“, dass ein GM der einzige mit TPR 2600+ ist aber es kann passieren. Ein anderes Risiko für Normenturniere: Normenjäger nehmen sich die Punkte gegenseitig weg so dass auch niemand eine Norm erzielt. Ich erwähne und verlinke mal den Zwischenbericht von chess.com, den Abschlussbericht und auch The Week in Chess. Im Abschlussbericht auch ein Foto des „jungen“ (jedenfalls jüngeren) Gerald Hertneck sowie nette Worte vom Turnierleiter Merijn van Delft über Hertneck: “He’s in a class of his own,” said IM Merijn van Delft afterwards. “He used to be in the world’s top 50.”
Bei einer anderen Gelegenheit sagte mir Merijn van Delft dabei „Normen sind schön aber nicht sooo wichtig – Hauptsache wir haben ein nettes Turnier. Ach, die werden schon irgendwann GMs.“ Geschafft haben es später die IMs auf Platz 2-4 Robin van Kampen, Benjamin Bok und der Belgier Bart Michiels (van Kampen und Michiels dabei inzwischen inaktiv). Weiterhin IMs sind, auch 15 Jahre danach, Merijn van Delft selbst, Christov Kleijn (nun auch inaktiv), Manuel Bosboom und Robert Ris. Manuel Bosboom, als Schachspieler und Mensch (ich kenne ihn persönlich) ein Original, hat immerhin zwei GM-Normen – erzielt 1997 und 2013. Elo 2500 hatte er dabei nie, aktuell ist er weit davon entfernt. Senioren-Weltmeister ist für ihn (*1963) wohl die beste Chance, doch noch GM zu werden.