Im Jahr 1967 fiel während der deutschen Mannschaftsmeisterschaften in Buschhütten eine Entscheidung, die die Geschichte des Schachs im Siegerland verändern sollte: Siegen wurde Gastgeber der Schacholympiade 1970.
Ein glücklicher Zufall in Buschhütten
Der Weg der Olympiade nach Siegen begann mit einem Zufall. Während der deutschen Mannschaftsmeisterschaften 1967 in Buschhütten waren hochrangige Gäste des Schachsports anwesend, darunter der Präsident des Weltschachbundes FIDE, Folke Rogard, sowie Vertreter der Spitze des Deutschen Schachbundes.
Mitten während des gemeinsamen Essens wurde Konsul Emil Dähne, der damalige Präsident des Deutschen Schachbundes, ans Telefon gerufen. Am anderen Ende kam eine Nachricht, die alles verändern sollte: Ungarn hatte die Option zur Durchführung der Schacholympiade 1970 überraschend zurückgegeben.
Dähne kehrte fassungslos an den Tisch zurück und fragte in die Runde, wie man nun auf die Schnelle einen neuen Austragungsort in Deutschland finden solle. Der Weltschachbund stand plötzlich ohne Gastgeber da.

Emil Dähne, Foto: DSB
Ein mutiger Vorschlag
In diesem Moment bewies der lokale Schachfunktionär Norbert Schulte Mut und Geistesgegenwart. Spontan sagte er: „Das machen wir im Siegerland!“
Was zunächst wie eine kühne Idee wirkte, meinte Schulte vollkommen ernst. Er hatte bereits zuvor nationale Meisterschaften erfolgreich ins Siegerland geholt und wusste, dass die Region organisatorisch in der Lage war, ein solches Großereignis auszurichten.
Die Voraussetzungen waren günstig: Die Siegerlandhalle war erst kurz zuvor fertiggestellt worden und galt als moderne Veranstaltungshalle. Auch der damalige Landrat Hermann Schmidt erkannte schnell die Chance, die Region international bekannt zu machen. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister besichtigte man die Halle und kam zu dem Schluss: Siegen könnte Gastgeber einer Schacholympiade werden.
Der Kampf um die Finanzierung
Ganz ohne Widerstände verlief der Weg jedoch nicht. Die Kosten wurden auf rund 750.000 D-Mark geschätzt – für damalige Verhältnisse eine enorme Summe.
Dank guter Kontakte nach Bonn und Düsseldorf sagten der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen jeweils 250.000 D-Mark Unterstützung zu. Schwieriger war die Situation im Siegener Stadtrat. Dort gab es erhebliche Zweifel, ob ein solches Projekt finanziell vertretbar sei.
Die Organisatoren reagierten mit einer ungewöhnlichen Aktion: Jeder Stadtrat erhielt einen ausführlichen Brief, in dem die wirtschaftlichen Vorteile, die steuerlichen Rückflüsse und die internationale Aufmerksamkeit für die Stadt detailliert dargestellt wurden. Die Argumente überzeugten schließlich – der Stadtrat stimmte zu.
60 Nationen in der Siegerlandhalle
Im September 1970 war es schließlich soweit: 60 Nationen kamen nach Siegen zur Schacholympiade. Ursprünglich hatten sich sogar 65 Länder angemeldet, einige Delegationen nahmen jedoch letztlich nicht teil.
Gespielt wurde in Mannschaften. Jedes Team bestand aus sechs offiziell gemeldeten Spielern, von denen jeweils vier pro Runde eingesetzt wurden. Gewertet wurden die erzielten Brettpunkte.
Frauen-Schacholympiaden wurden damals noch separat ausgetragen; erst ab 1976 fanden Männer- und Frauenwettbewerbe regelmäßig gemeinsam am selben Austragungsort statt.
Sportlich dominierte erneut die Sowjetunion. Die USA belegten Platz zwei, Jugoslawien wurde Dritter.

Technik, Organisation und „dicke Luft“
Die Durchführung der Olympiade war eine logistische Meisterleistung. Internet oder digitale Übertragungen gab es natürlich noch nicht. Damit Zuschauer und Presse die Partien verfolgen konnten, wurden wichtige Begegnungen per Projektor in einen Nebenraum übertragen.
Zudem saßen zahlreiche Helfer als sogenannte Beobachter an den Brettern und notierten jeden einzelnen Zug per Hand. Die Partien wurden anschließend bis spät in die Nacht kontrolliert, aufbereitet und gedruckt. Bereits am nächsten Morgen konnten Besucher ein Heft mit allen Partien des Vortages erwerben.
Ein Detail, das heute kaum noch vorstellbar ist: In der Halle durfte geraucht werden. Zeitzeugen erinnern sich an eine regelrecht „dicke Luft“ aus Zigarettenrauch, die über dem Turniersaal hing.
Fischer, Spasski und politische Spannungen
Zu den Höhepunkten der Olympiade gehörte das Aufeinandertreffen zwischen Weltmeister Boris Spasski und dem amerikanischen Superstar Bobby Fischer. Das Interesse war so groß, dass Zuschauer zeitweise nur noch gestaffelt eingelassen wurden.
Spasski gewann die Partie in Siegen. Zwei Jahre später sollte Fischer ihn jedoch im legendären „Match des Jahrhunderts“ entthronen und Weltmeister werden.
Auch die Weltpolitik spiegelte sich im Turnier wider. Albanien verweigerte aus politischen Gründen die Begegnungen gegen Südafrika und Israel. Beide Kämpfe wurden mit 4:0 gegen Albanien gewertet, was schließlich zum Ausschluss der Delegation führte.
Für eine kuriose Episode sorgte außerdem Viktor Kortschnoi. Der sowjetische Weltklassespieler verschlief eine Partie gegen Spanien und erschien nicht rechtzeitig am Brett, was innerhalb der sowjetischen Delegation erheblichen Ärger auslöste.
Ein Ereignis mit Folgen
Redaktioneller Hinweis:
Grundlage dieses Artikels ist das Zeitzeugen-Video „Schacholympiade 1970 – Die Welt zu Gast in Siegen“ des YouTube-Kanals „Unser Siegen“. Die Erinnerungen stammen von Heinz Feuring, ehemaliger Spielleiter des Schachbezirks Siegerland und Funktionär bei Königsspringer Siegen, sowie Reinhard Radtke, langjähriges Mitglied der Schachfreunde Siegen und damaliger Helfer bei der Aufarbeitung der Partien.
Weitere Hintergründe: