Die 12 Apostel beim Schach spielen. Bild: Gemini KI.
Liebe Schachfreunde, die Bundesliga-Auslosungen sind heute veröffentlicht worden.
Allgemein ist auffällig, dass sich die Topteams teilweise nochmals verstärkt haben, wenn auch fast nur mit Ausländern, wie nicht anders zu erwarten. Leider ist das Ausländerthema auch heuer wieder in der Deutschen Bundesliga ein leidiges.
Wir haben 16 Mannschaften mit je 16 Plätzen im Kader (plus ggf. zwei Jugendbretter), da kommt man auf etwa 256 Spieler, die gemeldet wurden.
Nun ratet mal, wie viele Deutsche insgesamt auf den ersten acht Brettern, also der eigentlichen Stamm-Mannschaft aufgestellt sind. Dreißig? Zwanzig? Zehn?
Nein es sind genau zwölf, also zwölf Apostel! Im Namen des Herrn, geheiligt sei sein Name. Und führe uns nicht in Versuchung…
Wir rechnen 16 mal 8 = 128. Also jeder zehnte Stammplatz ist noch von einem Deutschen belegt.
Und wer sind diese Apostel? Die Antwort ist einleuchtend: überwiegend die deutschen Spitzenspieler.
Besonders glänzt hier der HSK, also der Hamburger Schachclub, ohne den die Bilanz noch viel trüber wäre. Er stellt nämlich gleich 5 deutsche Spieler auf den Stammbrettern, was in der Bundesliga völlig einmalig ist!
Also hier die komplette Liste:
Baden-Baden
3 Vincent Keymer GER 2767 GM 2749
7 Matthias Blübaum GER 2694 GM 2692
HSK von 1830
1 Frederik Svane GER 2655 GM 2668
2 Rasmus Svane GER 2624 GM 2625
5 Luis Engel GER 2588 GM 2615
6 Niclas Huschenbeth GER 2586 GM 2595
7 Jonas Lampert GER 2536 GM 2535
Heimbach Weis – Neuwied
7 Martin Krämer GER 2560 GM 2549
MSA Zugzwang
3 Leonardo Costa GER 2540 GM 2553
5 Vitaly Kunin GER 2519 GM 2520
SF Berlin
6 Maxim Vavulin GER 2537 GM 2538
8 Marius Fromm GER 2450 IM 2486
Erfreulich ist allerdings dass in der zweiten Kaderhälfte bei vielen Vereinen etliche Deutsche aufgestellt sind. Hier kommen wir auf 87 (Gesamtzahl in der BL) minus 12 (bereits erfasste), also 75 Deutsche. Die Quote liegt hier also bei etwa 30 Prozent. Dies zur Einordnung.
Die deutsche Bundesliga ist eben leider schon lang nicht mehr eine deutsche Liga und eine deutsche Meisterschaft, sondern eine Internationale Deutsche Meisterschaft. Der Deutsche Schachbund täte gut daran, dies bei der Benennung in der Turnierordnung entsprechend zu berücksichtigen. Vielleicht könnte man bei der Gelegenheit den Deutschen Schachbund (DSB) auch gleich in den Internationalen Deutschen Schachbund (IDSB) umbenennen.
Genau genommen sind es 13 Apostel, denn Gerald hat FM Mykola Korchynskyi vom SV Erkenschwick übersehen, der am dortigen Brett 6 gemeldet ist.
Mykola ist letztes Jahr Jugend-Europameister U 16 geworden und steht bereits seit einigen Monaten auf der Vorschlagsliste der FIDE für die Verleihung des IM-Titels.
Ich dachte, ich bin der 13. Apostel nachdem ich bei Zugzwang nur noch auf Brett 9 gemeldet bin 🙂
Aber Korchinsky als Deutschen zu bezeichnen, ist schon extrem irreführend. Der Junge ist Ukrainer, und ist sicher nur für Deutschland gemeldet, weil er dann die Kosten für Jugend-WM und Jugend-EM ersetzt bekommt, wenn er in seiner Altersklasse erster wird. Aber formal gesehen ist der Einwand natürlich richtig.
Den Status des „Reserve-Apostels“ müsste Gerald dann teilen mit den ebenfalls an Brett 9 gemeldeten Ruben Gideon Köllner (Solingen, zuvor Deizisau), Egor Krivoborodov (Deggendorf, da einziger Deutscher der wohl regelmäßig spielen wird, letzte Saison ebenfalls an 9 gemeldet 13 Partien) und Isaac Garner (Erkenschwick, Neuzugang vom Hamburger SK).
Bei Krivoborodov (hat 2024 mit Mitte 30 den Verband gewechselt) kann man natürlich auch fragen „ist der denn wirklich Deutscher?“. Wenn ich mir anschaue, wo er zuvor Turniere und Mannschaftskämpfe spielte, hat er seinen Lebensmittelpunkt wohl seit Jahren in Deutschland (vermutlich Bayern da auch viel in Österreich). Der späte Verbandswechsel war vielleicht eine politische Entscheidung/Statement, ansonsten ist er „etwa so deutsch wie Vitaly Kunin“?
Bei Maxim Vavulin kann man eher ein Fragezeichen setzen – Verbandswechsel mit Mitte 20 ebenfalls Anfang 2024, zuvor schachlich kaum in Deutschland aktiv. „Wenn er Deutscher ist, dann auch Korchynskyi“? Korchynskyi kam offenbar 2022 direkt nach Kriegsausbruch als (knapp?) 12-jähriger mit Elo 1543 nach Deutschland, „der Rest war danach“, der Verbandswechsel im Juli 2025. Diverse Ukraine-Flüchtlinge, jung oder nicht mehr ganz jung, haben den Verband gewechselt (nicht nur nach Deutschland), andere (noch?) nicht. Jeder kann selbst entscheiden, ob, wann und dann warum man sich dafür entscheidet. Es gibt ja auch Ukrainer (und Spieler aus anderen Ländern), die in Deutschland wohnen und nach wie vor ihr Heimatland repräsentieren – jedenfalls Pavel Eljanov (Zugzwang) und Zahar Efimenko (Werder Bremen).
Es ist mir schon klar, dass die Nationalität nicht mehr so klar abgegrenzt ist wie früher. Krivoborodov kenne ich, er lebte schon länger in München, bevor er den Wechsel vollzog. Das Problem lautet auch, dass die FIDE meines Erachtens den Wechsel zu leicht macht (es fällt nur eine Bearbeitungsgebühr für die Umschreibung) und ggf. eine Zahlung an die abgebende Nation an. In der Regel stimmt der Deutsche Schachbund dann dem Wechsel zu. Wobei dem Lebensmittelpunkt die entscheidende Bedeutung zukommt. Wenn jemand jahrelang in Deutschland lebt, wird man den Wechsel kaum verweigern.
Was Thomas nicht herausgefunden hat: Wieso war ich letztes Jahr an 10 gesetzt, und dieses Jahr an 9, obwohl wir uns an Brett 2 verstärkt haben?
Ich habe keine Probleme damit, wenn offizielle schachliche Einbürgerung (de fakto d.h. fester Teil der deutschen Turnierszene schon zuvor der Fall) einfacher ist als politische Einbürgerung (deutscher Pass, auch das geht irgendwann). In München gibt es ja auch z.B. IM Michael Fedorovsky, ursprünglich Ukrainer.
Geralds Frage ist nach kurzer Recherche einfach zu beantworten: Stefan Bromberger ist nach Garching abgewandert (da nun in der Zweiten Bundesliga Brett 3 hinter zwei Tschechen), und er hat mit Kjartansson die Bretter getauscht (besseres Ergebnis letzte Saison spielte vielleicht eine Rolle).
Lieber Thomas, das Ergebnis der Recherche ist richtig. Zum Thema Ausländer noch ein kleiner Nachtrag: ich finde es einfach schade, wenn die Deutsche Spitzenliga immer mehr den Charakter einer nationalen Meisterschaft verliert. Auf der anderen Seite habe ich natürlich Verständnis dafür, und freue mich auch darüber, wenn Weltklassespieler in der Bundesliga eingesetzt werden. Selbst der Kader Zugzwang von Zugzwang besteht inzwischen zur Hälfte aus Legionären, einfach weil wir mit der Konkurrenz mithalten müssen. Wobei ich sie nicht als Legionäre, sondern eher als Freunde bezeichnen würde.
Analysieren wir mal die Lage bei Zugzwang näher, wo ich seit Jahren Käptn bin. OK wir haben 5 Österreicher an Bord, von denen einer aber ein waschechter Münchner ist, nämlich Stefan K. Die anderen habe ich verpflichtet, als ich vor Jahren gesehen habe, dass es ohne sie nicht mehr geht. Dann haben wir einen Ukrainer, unseren geschätzten Pavel, der seit ein paar Jahren in München wohnt, den nahm ich natürlich mit Kusshand. Dann haben wir einen Isländer, der in der Nähe von München wohnte, er ist jetzt aber umgezogen (und wird wohl seltener zum Einsatz kommen). Und dazu kommt unser Neuzugang GM Robert Hovhannisyan aus Eriwan, den ich verpflichtet habe, weil der Abstand zwischen dem zweiten und dem ersten Brett zu groß war. Nein, die Meldung stammt nicht von Radio Eriwan.
In Summe spielt in der neuen Saison 8x GER für uns und 7x NON-GER, wobei ich wie gesagt Stefan direkt als Deutschen rechnen könnte. Aber man muss natürlich auch sehen, dass die oberen Bretter deutlich öfter zum Einsatz kommen werden als die Deutschen in der hinteren Kaderhälfte, auch das ist unvermeidlich, weil es sonst sehr schnell kritisch werden würde.
Natürlich verursachen ausländische Spieler auch mehr Reisekosten, wobei es durch die günstigen Flugpreise nicht ganz so schlimm ist. So ist die Lage.
Mykola Korchynskiy Jahrgang (2010) lebt seit 2022 in Essen und geht dort zur Schule. Er hat zuerst für SF Katernberg gespielt und ist 2025 zum SV Erkenschwick gewechselt.
Es folgt ein Beitrag, wie ich ihn so lang noch nie in
Schachforen geschrieben habe.
„Kunst“ ist das Gegenteil von „gut gemeint“. Das ist auch mir vor zwei Jahren passiert.
Damals war allen klar, dass der Ausländer-Anteil in der Schachbundesliga groß ist
und eher noch größer werden wird. Ich wollte auch niemandem etwas verbieten,
sondern symbolisch durch einen Saisonpreis die belohnen, die verstärkt auf ein-
heimische Spieler setzten. Es sollte einen Preis für die erfolgreichste Mannschaft
geben, die es mit höchstens 50 % eingesetzten ausländischen Spielern durch die
Saison 2024/25 schafft.
Dabei war mir auch klar, dass es keine klare 0/1-Trennung zwischen einheimischen
und ausheimischen Spielern gibt. Ich wollte nicht (und hätte es auch gar nicht gekonnt)
bei Spielern anfragen und ihren Pass kontrollieren. Ich wollte auch nicht die Vereine aus-
horchen, wer von ihren Spielern im Umkreis des Vereins seinen Lebensmittelpunkt
hat. Als typischer Mathematiker suchte ich nach einer einfachen klaren Lösung.
Die glaubte ich („gut gemeint“) gefunden zu haben:
In den Meldelisten im DSB-Ergebnisdienst steht hinter jedem Spieler die
aktuelle FIDE-Nationalität. Die muss aber natürlich nicht mit der Staats-
bürgerschaft übereinstimmen. Beispielsweise steht bei GM Georg Meier
„Uruguay“, obwohl er Pfälzer Urgestein ist.
Das Ganze ging während der laufenden Saison 24/25 reibungslos von statten.
Am Ende waren es vier Mannschaften, die im Prinzip für den Preis infrage
kamen. Alle vier hatten auch signalisiert, den Preis gegebenenfalls annehmen
zu wollen: Deizisau, HSK, Dresden, Mülheim. Am Ende verpasste Deizisau die
50%-Marke um einen Punkt.
Von den drei anderen hatte der HSK die mit Abstand beste Platzierung erreicht.
So schickte ich an Dresden und Mülheim Trostpreise. Nach Hamburg fuhr ich
zum großen Saisonabschluss (Anfang Juli im eigenen Vereinsheim) hin, um den
Preis persönlich zu überreichen.
Schon während der Preisübergabe gab es fragende Blicke und auch etwas Gemurre.
Das steigerte sich, nachdem ich wieder aus Hamburg raus war. Mir wurde völkisches
Denken vorgeworfen, und dem Vorstand, dass er sich verantwortungslos verhalten
hätte, sich auf solch einen Preis einzulassen. Es soll sogar wegen der Sache zu Vereins-
austritten gekommen sein. Jedenfalls teilte mir der gute Rainer Ahrens mit, dass sie
solch einen Preis nicht wieder annehmen würden, auch wenn er Helmut-Nöttger-
Preis hieße.
Ich konnte nachvollziehen, dass dem Vorstand der Frieden im Verein wichtiger war
als ein Preis, der missverstanden werden konnte. So zog ich eine Notbremse und
sagte den auch für die Saison 25/26 angedachten Preis einen Tag vor dem ersten
Spieltag ab.
Wer mich kennt, weiß, dass mir völkisches Denken fremd ist. Gemacht habe ich
halt den Fehler, naiv zu glauben, dass man mit FIDE-Nationalität als Kriterium
Konflikte vermeiden könnte. Die Sache war gestern. Ich bin niemandem böse
und habe wieder mal begriffen, dass die Regel „Kunst ist das Gegenteil von gut
gemeint“ auch für mich gilt.
Das ich mich über reine Legionärsteams aufregen kann, habe ich nie verheimlicht.
Trotzden gelten die Regeln. Im Sommer 2023 war ich sehr enttäuscht gewesen,
dass es je nach Nationalität verschiedene Maßstäbe gab: Rüdersdorf (mit einem
Kader, in dem 15 von 16 Spielern aus Polen stammten) wurde der Zutritt zur
Bundesliga verwehrt, während ähnlich hemdsärmeliges Vorgehen bei anderen
Klubs nicht passierte.
Gens una sumus, Ingo Althöfer.
Vielen Dank für den Kommentar Ingo, der mich wirklich erschüttert hat. Jetzt wird man schon angefeindet, wenn man Gutes tun will!
Das ist natürlich ziemlich heftiger „Gegenwind“. In einer als „linksliberal“ geltenden Millionenstadt aber eher nicht überraschend. Ich kann mich allerdings daran erinnern, dass es ähnlich kritische Stimmen bereits bei der Vorstellung des Preises 2024 gegeben hat, die der Donator doch als Warnung hätte auffassen sollen.
In den Top-Ligen stört es mich mittlerweile gar nicht mehr so sehr. Ist ja in anderen Disziplinen auch nicht anders und irgendwo ist es sogar ein Gütesiegel, wenn so viele gute ausländische Spieler in die Bundesliga wollen.
Was mich eher stört ist, dass sogar und insbesondere in der Jugend die Grenze immer weiter verschwimmt. Über die Hälfte der 2026er „Deutschen“ Jugendmeister haben einen auf den ersten Blick erkennbar nicht deutschen Background. Haben sie Schach in Deutschland erlernt? Mit Sicherheit nicht! Haben deutsche Vereine und deutsche Ausbildungsstrukturen einen Anteil daran, dass sie dort gelandet sind, wo sie jetzt sind? Wenn dann nur einen marginalen, denn in den Ländern, aus denen sie kommen, hat Schach einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.
Auch was es dem deutschen Schach bringen soll, wenn die Auswahlen mit Spielern befüllt werden, die ihre Klasse woanders erlangt haben, erschließt sich mir nicht. „Wir sind Europameister“, hieß es kürzlich auf der DSB-Homepage. „Das sind die besten die WIR (!!!) haben!“ Und im Satz darauf: „Ist extra aus Peking eingeflogen.“ Joa…!
Nichts gegen die Kids! Die haben jeden Erfolg verdient, den sie sich erarbeitet haben. Aber dass sich der DSB das an die eigenen Fahnen heftet statt seine Auswahlen mit Spielern aus dem eigenen Ökosystem zu befüllen (auch wenn’s dann vielleicht nicht für den Europameister-Titel langen würde), das finde ich zumindest hinterfragenswert.
Hallo Roland, ich möchte nur noch kurz ergänzen, dass es auch ein großes Problem ist, dass jeder gemeldete Ausländer in der Bundesliga einen Deutschen ersetzt. Der Effekt ist vielleicht nicht ganz so stark, weil 16 Spieler gemeldet werden können, und da bringt man im Kader immer genügend Deutsche unter. Das Problem ist nur, ob sie dann auch eingesetzt werden, denn es gibt ja Stärkere in der Mannschaft. Und jetzt leite ich auf mich über. Ich spiele in der Bundesliga (1. und 2. Liga) seit 1985, bis heute mit großer Begeisterung. Soll ich mich jetzt damit abfinden, aus der Liga zu fliegen, weil ich nicht mehr aufgestellt werde oder nicht mehr zum Einsatz komme? Nein, auf keinen Fall! Und jetzt rate mal, wieso ich Kapitän einer Bundesligamannschaft bin. Und rate mal, wen ich gerne aufstelle 🙂 Und besonders freue ich mich natürlich, wenn ich auch noch Punkte mache, so wie in der letzten Saison. Klar, in dem Moment wo ich keine Bundesligastärke mehr habe, werde ich mich auch nicht mehr aufstellen.
Das zu deutschen Jugendmeistern mit „nicht deutschem Background“ ist jedenfalls zum Teil Polemik, offenbar ohne den tatsächlichen „Background“ der Spieler(innen) zu kennen. Es gibt eben Kinder mit Migrationshintergrund (der Eltern), die seit langem Teil der deutschen Schachszene sind und auch hier ausgebildet wurden. Zu Yuefan Chen: sie ist in Deutschland geboren und hat einen deutschen Pass, dann ging sie mit ihren Eltern „zurück“ nach Peking – https://www.schachbund.de/news/geheimnisvoll-wie-ein-glueckskeks-yuefan-chen-fliegt-zu-silber-fuer-deutschland.html – und fühlt sich weiterhin Deutschland verbunden. Wie lange noch wird sich zeigen. Bei allen anderen mit chinesischen Namen weiß ich es nicht, aber z.B. Tingrui Shen (TV Tegernsee, *2013) spielte auch von Anfang an in Deutschland.
Die U12-Meisterin Yuefan Chen hatten wir bereits. Der U12-Meister Harshill Pradeep hat einen indischen Namen, aber ist schachlich „100% Hesse“. Der U14-Meister Yehor Marynychenko ist wohl Ukraine-Flüchtling – nach Kriegsausbruch war er offenbar zunächst in Tschechien, seit Ende 2023 ist er in Sachsen. Seither hat er sich von Elo 1778 auf 2200+ verbessert. Eine schachliche Grundausbildung hat er wohl mitgebracht, aber Deutschland (bzw. sein Verein USV TU Dresden) hat einen mehr als „marginalen“ Anteil an seinem weiteren Aufstieg. Hussain Besou kommt wahrlich nicht aus einem Land, in dem „Schach einen ganz anderen Stellenwert als bei uns“ hat, und wurde als syrischer Flüchtling hier entdeckt und ausgebildet (diesbezüglich nicht anders als der etwa gleichaltrige Christian Glöckler).
Deutschland importiert jedenfalls nicht gezielt Jungtalente. Beim 11-jährigen IM Yagiz Kaan Erdogmus hatte offenbar mal ein Onkel, unzufrieden mit der damaligen Förderung in der Türkei, vorgefühlt ob er denn für Deutschland spielen könnte, der Schachbund hat abgelehnt – https://perlenvombodensee.de/2022/11/15/falschmeldung-aus-der-tuerkei-der-dsb-kauft-keine-talente/. Nun ist er 15-jähriger GM, erweiterte Weltklasse und stolzer Türke.
Hier noch ein letzter Satz zum Thema: wer hat schon mal auf der Homepage des Deutschen Schachbunds über dieses Thema gelesen? Wurde es dort diskutiert? Ich denke, niemand! Denn es wird einfach totgeschwiegen. Dabei nähern wir uns gerade dem Zustand, dass nur noch zehn Prozent Deutsche an den vorderen Brettern der Bundesliga spielen. Das ist also schon Alarmstufe rot, und trotzdem bewegt sich nichts.
Die Schachbundesliga wird durch die Schachbundesliga e.V. in Zusammenarbeit mit dem DSB organisiert. Das Leitbild und die Zielsetzungen sind auf der Homepage zu finden.
„Die Schachbundesliga ist eine Plattform für den wettkampforientierten Spitzensport im Schach. Sie hat den Anspruch, die „stärkste Schachliga der Welt“ zu sein“ (Zitat Leitbild). Das ist mit nur deutschen Spielern nicht zu erreichen. In der FIDE-Liste stehen für Germany genau 30 aktive Spieler mit ELO >2500. Das sind gerade mal etwas mehr als 10% der mindestens 256 Listenplätze der 16 Mannschaften. Mit ELO > 2400 sind es 126 aktive Spieler, würde auch nur etwa die Hälfte der Listenplätze abdecken. Es spielen zudem nicht alle der aktiven deutschen Spieler in der Bundesliga, sondern auch in tiefer gelegenen Ligen. Von „stärkste Liga der Welt“ bleibt nicht mehr viel, wenn man irgendwelche „Deutsche-Quoten“ einführt.
„Die Schachbundesliga fördert den Einsatz einheimisch ausgebildeter Spieler und damit die Ausbildung von Spitzenspielern in Deutschland.“ (Zitat Leitbild). Die besten deutschen Spieler sind alle in Bundesligamannschaften aktiv und keineswegs limitiert durch die ausländischen Spieler. Blübaum, 2 x Svane, Kollars, Donchenko, Dennis Wagner haben alle letzte Saison zwischen 13 bis 15 der maximal 15 Spiele gespielt. Vincent Keymer kam nur auf 4 Einsätze, das dürfte aber mit anderen Verpflichtungen zusammenhängen. Einer unserer jungen Talente, Bennet Hagner, kam am Jugendbrett 17 gemeldet zu 11 Einsätzen in der letzten Saison. Auch ohne festes Regelwerk über Quoten oder Einsatzzeiten kommen die Vereine dem Leitbild nach.
Die heutigen jungen Schach-Profis sind auch in den anderen europäischen Ligen aktiv. Welche Werte sollen denn den zukünftigen Schachtalenten vermittelt werden? „Wir schützen Euch in Deutschland vor starker ausländischer Konkurrenz, aber ihr dürft natürlich im Ausland in den Ligen Euer Geld verdienen“
Schach ist vermutlich internationaler als die meisten anderen Sportarten. Ich kann rund um die Uhr innerhalb weniger Sekunden mit irgendjemand in der Welt eine Partie spielen. Ich kann mir auch, wenn ich möchte, nach Belieben Trainingsmöglichkeiten weltweit suchen. Online spielen ist praktisch, ich schätze jedoch das reale Spiel am Brett mehr. Ich habe mich daher vor ein paar Jahren sehr gefreut einmal Nakamura in Viernheim real spielen zu sehen. Magnus Carlsen wird auch diese Saison Zuschauer anziehen, wenn er für St. Pauli antritt. Das soll also dann zukünftig reduziert werden?
Mir gefällt das Leitbild der Schachbundesliga außerordentlich gut, insbesondere sehe ich es als wichtigen Baustein einer zukunftsfähigen Entwicklung des Schachs in Deutschland. Der kritische Aspekt ist seit Jahren der Finanzbedarf für die teilnehmenden Vereine, was immer wieder zum Verlassen von Mannschaften führt. Wir werden sehen, ob das Konzept in dieser Saison, 5 Wochenenden mit 3 Runden Freitag bis Sonntag, hilfreich ist. Das Problem ist jedoch nicht mit mehr Deutsche, weniger ausländische Spitzenspieler, zu lösen.
Die Diskussion über die Nationalität der Spieler ist nicht zielführend. In der Schachbundesliga treten Vereine an – keine Nationalmannschaften. Spielberechtigt ist, wer eine DSB-Spielberechtigung besitzt und für einen Verein gemeldet ist, der mit einer Mannschaft am Spielbetrieb der Bundesliga teilnimmt. Die Staatsangehörigkeit der Spieler spielt dabei keine Rolle.
Man leistet sich den Luxus einer Weltliga und die Erfolge im Nachwuchs sind im Vergleich zu den Topnationen eher überschaubar: Das Gegenteil von Nachhaltigkeit!
Nun ja es ist schon so, dass fast alle talentierten Nachwuchsspieler, die ein gewissen Elo-Niveau erreicht haben, entweder in der 1. oder 2. Bundesliga aufgestellt sind. Das Problem dabei ist eben nur, wie oft sie auch zum Einsatz kommen.
Ich habe es bei Besuchen an Schachbundesliga-Wochenenden öfters erlebt: Zuschauer wurden geduldet, aber mehr auch nicht. Zum Beispiel in Wolfhagen, Remagen, Kirchweyhe (dort hat der Maestro immerhin erlaubt, dass Externe eigene Ideen mitbrachten und in einem Nebenraum zelebrierten („Freestyle Chess“ im Februar 2025)).
Besser war es bei St. Pauli (unterm Millerntor im März 2025) und bei Mülheim (Schnellturnier für Zuschauer während der Samstag-Runde; das begann um 14:30 und war kurz vor 18:00 beendet). Man konnte also zuerst den Beginn der Runde verfolgen, dann schnellschachen, und dann wieder die spannende Zeitnotphase der BuLi beschauen. In meinen Augen vorbildlich.